«Sonntag»: Wenn der Chef PR-Artikel schreibt…

PR für den Verlag im «Sonntag».

PR für den eigenen Verlag im «Sonntag».

«Der Tiefpunkt ist nun erreicht» ist eine Schlagzeile der heutigen «Sonntag»-Ausgabe. Hoffentlich, denn wenn man weiterblättert, landet man auf Seite 14 bei einem peinlichen PR-Artikel für den eigenen Verlag aus der Feder des Chefredaktors PMü.

«Familie Federer abonniert die Zeitschrift ‹wir eltern›» verkündet der «Sonntag». Federers hätten tatsächlich einen Geschenkgutschein für die Zeitschrift retourniert. Jetzt freut sich die Chefredaktorin von «wir eltern» gewaltig und plant eine Ausgabe über Zwillinge.

Dass der «Sonntag» und «wir eltern» aus dem gleichen Verlag stammen, versteht sich von selbst und wird im Artikel auch noch erwähnt, wohl als Transparenz-Feigenblättchen. Das genügt aber kaum, um zu rechtfertigen, dass ein eine Zeitung 50 Zeilen Verlags-PR im redaktionellen Teil abdruckt mit Details, wie und wo man ein Abo bestellt.

Dass der Chefredaktör Patrik Müller persönlich zeichnet für die journalistische Peinlichkeit, lässt Spielraum für Spekulationen. Möglicherweise hat sich der Rest der Redaktion schlicht geweigert, den eigenen Namen dafür herzugeben.

Beim Chef ist das was anderes, der ist halt schon nicht mehr richtig Journalist, sondern auch irgendwie Manager und muss deshalb den Kopf hinhalten. Dafür habe ich tatsächlich ein bisschen Verständnis. Aber trotzdem stellt sich mir in Zukunft automatisch bei jedem Text von Patrik Müller die Frage: Wem könnte er damit einen Gefallen erweisen wollen?

Ärgerlich finde ich halt auch, dass die Verlagschefs und -chefinnen trotz all der laufenden Diskussionen über die Zukunft des Print-Journalismus noch immer nicht begriffen haben: Glaubwürdigkeit ist eines der besten Verkaufsargumente für ein Qualitätsprodukt und die setzt man einfach nicht für eine billige Federer-Zwillingseltern-Geschichte aufs Spiel, um zwei, drei Abos mehr zu verkaufen. Man könnte 20, 30 Abos verlieren damit.

Nachtrag, 17. August:

Jetzt veröffentlicht persoenlich.com die PR-Story auch noch unter «Medien News». Ja, sag mal, bin ich denn der einzige, der das völlig schräg findet? Was sitzen denn da für Journis am Drücker?

3 Kommentare

  1. Keine Sorge, bist nicht alleine. Habe mich auch gewundert, weshalb diese Nachricht, die eigentlich gar keine ist, so gross aufgezogen worden ist. Und einige andere Medien diesen Quatsch sogar noch übernommen haben.

  2. Pingback: 6 vor 9: Blumentopf, Journalistik, Flashmob » medienlese.com

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