NZZ: Titelgebung unter Askese-Doktrin

Stimmt das wirklich? „Öffnung der innerdeutschen Grenzen“ habe die NZZ vor 20 Jahren zum historischen Mauerfall getitelt. Es wäre Wasser auf meine Mühle. Genau wegen solchen Titeln habe ich die alte Tante aus Zürich jahrelang gehasst.

Diese Arroganz, Dummheit und falschverstandene distanzierte Objektivität, ging mir so was von auf den Wecker. Das Rezept: Man nehme nur Substantive (am besten unverständliche Komposita, in obigem Beispiel nicht erfüllt), man vermeide unbedingt, Akteure zu nennen, Verben sind verboten und Adjektive nur erlaubt, wenn ihnen jegliche Aussagekraft abgeht. Kurz – Titel, die gesundheitsgefährdend sind, weil sie einen akuten Anfall von Narkolepsie auslösen können.

Das Schlimmste daran war, dass man auf der Redaktion den Praktikanten beibringen wollte, was gute Titel sind und weshalb ihr Titel deshalb so definitiv nicht ins Blatt kommt. Sie rechtfertigten sich regelmässig mit: „Aber die NZZ machts doch auch so.“ Dann musste man ihnen erklären, wo es sich lohnt, der NZZ nachzueifern und wo sicher nicht. Ein paar habens zum Glück kapiert, andere nicht – von einem Fall weiss ich da, dass diese Person dem Journalismus abschwor und heute bei einem Bundesamt tätig ist.

Heute ist das ja alles ein bisschen anders, vor allem seit dem letzten Redesign der NZZ. Nur ab und zu schaffts noch so ein Askese-Titel ins Blatt. Schade? Nein, natürlich nicht, aber mein NZZ-Trauma hab ich dennoch und trotz Konfrontationstherapie ist es immer noch nicht ganz geheilt.

PS: Die Geschichte des Mauerfall-Titels lässt sich nachlesen bei welt.de, geschrieben von einem gewissen Roger Köppel.