Medien in der Krise – früher war alles besser?

Wenn die Medien vor die Hunde gehen, bleibt uns wenigstens noch der Kaffee.

Wenn die Medien vor die Hunde gehen, bleibt uns wenigstens noch der Kaffee. Foto: ##http://www.sxc.hu/photo/1114925##Sanja Gjenero##

Kurt Imhof hat zugeschlagen. Der Zürcher Soziologe, der immer gut ist für ein provokatives Statement, legt mit einem Forscherteam diesmal gleich eine ganze Studie vor, die proviziert, indem sie den Schweizer Medien ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Kurz zusammenfasst: Mit der Qualität gehts bachab wegen den Gratisblättern und den Onlinemedien.

Ich habe die Studie erst (online) durchgeblättert, werde aber sicher weiterlesen. Dennoch, ein paar Fragen und Gedanken stellen sich schon nach einer ersten Lektüre. Beispielsweise: Wie ist das mit den Medien und der Demokratie, dem Recherchierjournalismus und den Copy-Paste-Schreiberlingen? Früher, so hör ich als Grundton der Studie, war alles besser. Wirklich?

Recherche – mythisch überhöht
Ich hatte nie das Gefühl in einem Berufsumfeld zu arbeiten, in dem die Recherche zum Alltag gehört (wenn man darunter mehr versteht, als nur herum zu telefonieren). Es fehlt auf jeder Redaktion grundsätzlich die Zeit, sich vertieft und langfristig mit Themen auseinanderzusetzen und das nicht erst seit gestern. Das heisst nicht, dass es die Recherche nicht gab oder gibt. Aber ihr Stellenwert scheint mir in der Imhof’schen Studie doch etwas mythisch überhöht.

Natürlich gab es den Niklaus Meienberg, der aber mehr durch Reportagen glänzte als durch Recherche, oder die Enttarnung des P-26-Chefs durch Urs Paul Engeler und noch einige andere Geschichten mehr, die zu politischen und gesellschaftlichen Turbulenzen führte. Aber grundsätzlich ist uns in der Schweiz der investigative Journalismus eher fremd und besitzt kaum eine historische Tradition. Wir hatten ja auch nie ein Pendant zur deutschen Form, wie sie der «Spiegel» pflegt (ich hoffe, da ruft niemand «Facts» – also bitte!).

Medien als vierte Gewalt?
Die Schweizer Zeitungen entwickelten sich von ideologischen Postillen (als es noch linke AZs gab als Gegengewicht zur rechten NZZ) über Forumszeitungen (da wollte man ideologisch breiten Raum abdecken) zur heutigen Form. Wie man diese heutige Form definiert? Ich weiss es auch nicht, Vorschläge willkommen.

Mir scheint, es geht um Betroffenheit (was die LeserInnen im Alltag betrifft), um Zielgruppen (schreiben für bestimmte soziodemografische Gruppen, aber möglichst viele), um Lebenshilfe (das, was die LeserInnen betrifft, erklären) – oder so.

Aber die Medien als vierte Gewalt, die zwischen der Gesellschaft, der Bürgerinnen und Bürgern, und dem Staat stand mit einer Wirkungsmacht – das gab es nie wirklich.

Wie Medien Abstimmungen steuern – oder nicht
Deshalb zweifle ich auch ein wenig an Imhofs Schlüsse zur Rolle der Medien bei der Minarett-Initiative. Ich zweifle nicht daran, dass die Medien es versäumten, die Initiative in den richtigen Zusammenhang zu stellen. Ich zweifle aber daran, ob das einen Einfluss auf das Resultat hatte.

Es gibt immer noch das Beispiel aus den «heileren Zeiten»: die EWR-Abstimmung 1992. Damals gab es keine nennenswerte Zeitung, die sich nicht für den EWR-Beitritt aussprach und das auch breit im Blatt mit Artikeln unterlegte – und doch: Es kam anders heraus. Also spielen hier wohl noch andere Faktoren eine Rolle. Die Rolle der Medien halte ich nicht für ausschlaggebend. Das soll aber nicht heissen, die Medien hätten keine Verantwortung im gesellschaftlichen Diskurs. Wer das glaubt, der macht es sich dann doch zu einfach.

Leser und die Objektivität
Kommt hinzu: Die Leserinnen und Leser haben die Tendenz, Artikel in den Medien als objektiv oder verfälschend zu deklarieren, je nachdem ob der Artikel ihre Meinung wiedergibt oder nicht. Das führt aber schon zu einem anderen Thema, das in der Studie auch angesprochen wird: Die Beteiligung der Leser am demokratischen Prozess im Zeitalter des Internets. Das lohnt sicher einen weiteren Blog-Beitrag.

[Disclosure, falls jemand das für erwähnenswert erachtet: Ich bin Mitarbeiter von Schweizer Radio DRS (DRS 2) und seit über zehn Jahren Onlinejournalist. Zuvor Radioredaktor und davor mehrere Jahre Redaktor bei einer Regionalzeitung.]