5. Kino der Emotionen

Ich will, dass die Leute weinen, wenn ich will, dass sie weinen. Und sie sollen lachen, wenn ich will, dass sie lachen.

Steven Spielberg

Steven Spielbergs Kino der Emotionen

Das Zitat, das dieses abschliessende Kapitel einleitet, darf ohne weiteres als programmatisch für Spielbergs Auffassung von Kino verstanden werden. Das «Geheimnis» der Filme Spielbergs liegt in der perfekten Steuerung der Zuschaueremotionen. Alle filmischen und kinematographischen Mittel dienen einzig dem Zweck, den Zuschauer zu erschrecken, ihn zu verunsichern oder zu rühren.

Um aber sicherzugehen, dass wirklich alle Zuschauer lachen oder weinen, wenn Spielberg es will, muss die Information redundant vermittelt werden. Der Gag, die Gefahr oder die Rührseligkeit einer Situation dürfen nicht nur dem geschulten Auge auffallen, sie müssen auch für den ungeübten Kinogänger sofort erfassbar sein.

Daraus folgt die Notwendigkeit einer extrem offensichtlichen filmischen Erzählweise,(1) die die Basis des gesamten Hollywoodfilms bildet. Dass dabei jegliche Subtilität verloren gehen muss, ist eine logische Konsequenz dieses Primats der Verständlichkeit. Man verlässt sich selten auf die Bildaussage allein, Dialog, Ton, Musik, Beleuchtung, Bildausschnitt und die Kamerabewegung, kurz alle zur Verfügung stehenden Kanäle und Techniken werden genutzt, um die Stimmung oder das Ereignis für den Zuschauer «lesbar» zu machen.

In grossem Masse verlässt sich Spielberg dabei auf die Konditionierung des Publikums auf die klassische Narration à la Hollywood.(2) Die Filme bilden eine Fundgrube für idiomatisierte Ausdrücke des Kinos. Ob dunkle Gänge Gefahr bedeuten, süssliche Geigenklänge für Liebe stehen oder schnelle Einstellungswechsel die Dynamik einer Szene unterstreichen – es sind die altbekannten, traditionellen, eben klassischen Mittel der Traumfabrik, deren sich Spielberg bedient.(3) Sich auf Hollywoods Regelwerk abzustützen, erlaubt aber nicht nur dem Regisseur, alle Fäden der Handlung (und ihre emotionale Bedeutung) in den Händen zu halten, auch der Zuschauer kann sich darauf verlassen, dass seine in Kino- und Fernseherfahrung begründete Erwartungshaltung nicht enttäuscht wird. Spielbergs Filme garantieren, dass man nicht unversehens mit realen Problemen konfrontiert wird, die nicht so einfach zu lösen sind wie Indys Aufgaben. Die Eintrittskarte ist praktisch schon der Garantieschein für das Happy End.

Dass in diesen Filmen kein Platz für Experimente, Ungewöhnliches oder gar der Norm Entgegenlaufendes ist, sei nur noch der Deutlichkeit halber erwähnt.

Spielbergs Filme verweisen unzweideutig auf die alten Muster, nach denen sie gestrickt sind. Dennoch kann die traditionelle Erzählweise nur zur Hälfte das «Phänomen Spielberg» erklären. Sonst stellt sich die Frage, weshalb nicht alle Hollywoodfilme ebenso erfolgreich sind, stützen sie sich doch auf dieselben Konventionen.

Die Unterschiede liegen wohl in erster Linie in der Handhabung der zur Verfügung stehenden Mittel. Ein spannender Film wird nicht dadurch spannend, dass man ihn in möglichst kurzen Einstellungen dreht. Spannung bedingt auch Phasen der Erholung, da sonst eine Reizüberflutung eintritt, in der man die Spannung nicht mehr wahrnimmt, weil sie zur (langweiligen) Grundstimmung verkommen ist.(4) Jeder Einsatz kinematographischer oder filmischer Techniken muss folglich gezielt und mit einer klar erkennbaren Absicht geschehen. Hinzukommt ein exakt geplantes Timing der gesamten Handlungsstruktur, der Sequenzen, der Szenen, ja sogar auf der untersten Ebene der Einstellungen sind die Schnitte alles andere als zufällig, sondern erfüllen eine wohlüberlegte Funktion im Hinblick auf die Gesamthandlung.

Was Spielberg zusammen mit anderen Regisseuren zum Trendsetter des Hollywoodkinos der 80er Jahre machte, war sicherlich seine perfekte Beherrschung der (althergebrachten) Stilmittel des Kinos. Die Entwicklung, die mit dem Erfolg von Star Wars und Jaws eingeleitet wurde, kann eindeutig als eine Abwendung von der kurzen experimentellen Phase in Hollywood charakterisiert werden. Die Zukunft lag in der Vergangenheit, die Altmeister des Geschichtenerzählens Howard Hawks, Billy Wilder, John Ford, Alfred Hitchcock, ja sogar Walt Disney dienten der neuen Generation von Regisseuren als Vorbilder.

Mit diesem Vergleich stellt sich auch zwangsläufig die oft diskutierte Frage, ob Spielberg und Konsorten wie ihre cineastischen Vorgänger zu den «auteurs» oder zu den Genrefilmern zu rechnen sind. Am einfachsten wäre es, sich hier mit einem nicht ganz unfundierten Sowohl-als-auch aus der Affäre zu ziehen. Spielberg steht letztlich irgendwo zwischen Ford und Hitchcock einerseits und dem Märchenkino Disneys andererseits. Hinzukommt, dass selbst Kritiker des neuen, alten Hollywood von einem «Spielberg-Touch» sprechen, wie man den Ausdruck auch für Ernst Lubitsch oder Billy Wilder verwendet.

Ist man aber gezwungen, Spielbergs Filme in eine der beiden Schubladen abzulegen, neige ich zum Etikett Genrefilmer. Im Gegensatz zum ebenfalls offensichtlichen Kino etwa Hitchcocks, findet sich bei Spielberg auch bei näherer Betrachtung keine tieferliegende Bedeutung, die die oberflächliche Aussage relativiert, umkehrt oder ironisiert.(5) Spielberg meint, was er zeigt, und man wird vergeblich nach mehr suchen.

Dass das Kind-im-Mann-Image, das Spielberg immer wieder verpasst wird, das er sich selber auch gerne und bereitwillig attestiert, doch in erster Linie auf geschickte Public Relations zurückzuführen ist, lässt sich durch die Analyse der Indiana Jones-Filme nachweisen. Seine Filme sind keinesfalls verspielt, sie bestechen durch formale Perfektion, die die Handschrift eines Pedanten trägt. Das Körnchen Wahrheit, auf dem das Image fusst, findet sich eher im Inhaltlichen. Seine Stories haben den Gehalt von Comic strips oder sind, anders gesagt, «leicht verdaulich wie Popcorn.»(6) Was aber würde besser zu der mit Popcornduft durchsetzten Atmosphäre des Kinosaals passen als Spielbergs Geschichten, die mit Knalleffekten zubereitet sind, sofort auf der Zunge zergehen und kaum einmal Magenschmerzen bereiten? Und wer kein Popcorn mag, kann ja im Studiokino Sonnenblumenkerne knabbern gehen.

=> 6. Bibliographie


  1. «An excessively obvious cinema», wie Bordwell (S. 3) den Hollywoodstil nennt.
  2. Die Vertrautheit des Publikums mit der klassischen Erzählweise erlaubt sogar erzählökonomische Kniffe, da der Zuschauer gewisse Handlungsellipsen im Nachhinein rekonstruieren kann. Über die aktive Rolle des Zuschauers bei der Gestaltung der Handlung vgl. Bordwell 1985, S. 29ff.
  3. Beinahe jedes Beispiel für typische kinematographische Techniken oder Bedeutung, das sich in der Literatur fand, lässt sich in der Trilogie nachweisen.
  4. Mit Temple hat Spielberg, wie er selber erkannte, die Grenzen des Möglichen erreicht. Noch rasantere Filme würden den Zuschauer überfordern.
  5. Selbst die Ironie in Spielbergs Filmen, die sich oft auf Genrekonventionen bezieht (vgl. etwa den Schwertkämpfer im Basar), ist so offensichtlich, dass der ganze Kinosaal in Gelächter ausbricht.
  6. Goldau/Prinzler, S. 138.

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