Love & Anarchy (Staffel 2) – Komisch, aber mit mehr Tiefgang

Läuft bei: Netflix (2 Staffeln, 16 Episoden à 30 Min.)

Sofie (Ida Engvoll) hat ihren Mann verlassen und geniesst die Affäre mit Max (Björn Mosten), dem jungen IT-Techniker des Verlags Lung & Lagerstedt, wo sie vorher gearbeitet hat (Staffel 1). Sie ist auf Jobsuche und findet den durch eine glückliche Fügung wieder im alten Verlag, diesmal aber als Geschäftsführerin.

Sofies Schicksalsschlag

Privat erleidet sie einen Schicksalsschlag, als sich ihr Vater das Leben nimmt. Das wirft sie aus der Bahn. Sie beendet die Beziehung mit Max. Auch ihre Tätigkeit als Verlagsleiterin vernachlässigt sie. Gerade im Verlag wäre sie aber sehr gefragt.

Sofies erste Entscheidung, unrentable Autor:innen schlechter zu stellen, führt zu Protestkundgebungen vor dem Verlag. Der Verlag bekommt auch schlechte Presse wegen eines Kinderbuchs, das klimaschädliches Verhalten fördern soll. Ein Sensibilitätsberater soll retten, was zu retten ist.

Turbulenzen im Verlag

Selbstverständlich sorgen die Kolleg:innen im Verlag für weitere Turbulenzen. Friedrich, der Literaturpurist, sollte eigentlich entlassen werden, bekommt stattdessen ein eigenes Label, das wenig erfolgreich startet.

Denise hat eine Affäre mit einer berühmten Autorin, die aus ihr eine nicht besonders vorteilhaft Figur in einer Novelle macht. Und Ronny, der ehemalige Chef, ist jetzt literarischer Leiter, obwohl er kaum Bücher liest, was zu peinlichen Situationen führt.

Einschätzung

War die erste Staffel von «Love & Anarchy» eine fast klassische romantische Komödie, schlägt die zweite Staffel dunklere Töne an. Sofie kann den Selbstmord ihres Vaters nicht bewältigen. Er taucht immer wieder auf, sie spricht mit ihm, streitet, schreit ihn verzweifelt an.

Eine Komödie mit mehr Tiefgang

Da wirkt es fast ein wenig irritierend, wenn Sofie und Max ihre Zettelspielchen fortführen, wo sie sich gegenseitig ziemlich unmögliche Aufgaben stellen. Denn ihre Affäre ist definitiv nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Dennoch gibt es genügend Momente in der zweiten Staffel, die für einen Lacher gut sind. Die tiefsinnigere Geschichte von Sofies Trauerarbeit ist zwar manchmal auch leicht absurd-komisch, aber vor allem berührend und schadet der Serie überhaupt nicht – im Gegenteil.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Love & Anarchy» Staffel 2?

Besetzung: Ida Engvoll | Björn Mosten | Carla Sehn | Reine Brynolfsson | Gizem Erdogan | Björn Kjellmann | Lars Väringer
Serie entwickelt von: Lisa Langseth
Genre: Komödie | Drama
SWE, 2022

Tehran (Staffel 2) – Mossad-Agentin auf Rachefeldzug

Tehran key art. Niv Sultan und Glenn Close.

Läuft bei: Apple TV+ (2 Staffeln, 16 Episoden à 45 Min.)

Die Mossad-Agentin Tamar (Niv Sultan) und ihr Freund Milad (Shervin Alenabi) sitzen in Teheran fest. Sie planen die Flucht aus Iran. Allerdings will Tamar ohne Milads Wissen noch ein letztes Mal mit dem Mossad zusammenarbeiten.

Spektakuläre Befreiung

Sie will mithelfen, den israelischen Piloten zu befreien, der bei ihrer misslungenen letzten Mission (Staffel 1) gefangenen genommen wurde. Die spektakuläre Aktion gelingt. Tamar entkommt aber nur knapp der Verhaftung dank der Hilfe von Marjan (Glen Close), die ebenfalls für den Mossad arbeitet.

Als Vergeltung lässt der neu ernannte Führer der Revolutionsgarde, Qasem Mohammadi (Vassilis Koukalani), vier Personen hinrichten, die wegen Verbindungen zum Mossad verurteilt worden waren. Darunter befinden sich Tamars Tante und Onkel, die sie unterstützt hatten und deshalb in der Todeszelle landeten.

Tamar schwört Rache

Tamar bricht deshalb die geplante Ausreise aus Iran ab. Sie will Rache nehmen an Mohammadi. Über Milads Verbindungen im Drogenhandel wollen sie in die Partyszene der jungen High-Society gelangen, in der sich Mohammadis Sohn bewegt. Das soll den Weg ebnen für einen Mordanschlag auf den Vater.

Das Vorhaben erweist sich als komplizierter als erhofft. Zudem ist ihnen wieder der iranische Geheimdienstler Faraz (Shaun Toub) auf den Fersen.

Einschätzung

«Tehran» verliert in der zweiten Staffel leider etwas von dem besonderen Flair, das die erste Staffel auszeichnete.

Iran jenseits des Mullah-Staates

Tamar war da nicht einfach eine israelische Agentin auf Sabotagemission. Ihre Familie stammt aus Iran. Es ist ein Stück Heimat, wo sie dafür kämpfen will, dass die Menschen ein besseres Leben führen können. Zudem lernte Tamar die Szene der jungen Regimegegner:innen kennen, als sie untertauchen musste.

So zeichnete die erste Staffel ein Bild von Iran jenseits des Mullah-Staates, wie wir es in Europa üblicherweise vorgesetzt bekommen.

Der Prunk der Regime-Kinder

Diesmal spielt sich die Mission in der High-Society der jungen Schönen ab, deren Väter hohe Tiere im Regime sind. Protzige Autos, luxuriöse Häuser, Parties mit Koks. Auch das zwar ein Bild des Irans, das uns nicht vertraut ist. Aber wir kennen es zur Genüge aus der Welt der westlichen Superreichen.

Was bleibt, ist der Attentatsplot, der für einige Herzschlagmomente sorgt. Wobei die zweite Staffel auch hier das Niveau der ersten nicht erreicht.

So arbeiten Mossad-Agent:innen?

Zu oft leisten sich Tamar, Miladi oder Marjan Fehler, die sie eigentlich den Kopf kosten müssten. Da fragt man sich manchmal, ob das wirklich Agent:innen dieses hochgelobten Mossads sind.

Tamar, so viel darf verraten sein, sitzt am Schluss wieder in Teheran fest. Vielleicht schafft es eine allfällige dritte Staffel diesen anderen Blick auf Iran wieder in den Vordergrund zu rücken, der die Serie zu Beginn interessant machte.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Tehran» Staffel 2?

Besetzung: Niv Sultan | Shaun Toub | Shervin Alenabi | Glenn Close | Shila Ommi
Serie entwickelt von: Dana Eden | Maor Kohn | Omri Shenhar
Genre: Thriller
ISR, 2022

Gaslit (Mini-Serie) – Die Frau, die Nixon stürzen wollte

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 8 Episoden à 50 Min.)

Am 27. Januar 1972 präsentiert der ehemalige FBI-Agent G. Gordon Liddy (Shea Whigham) dem «Committee for the Re-Election of the President» (CRP) die Operation «Gemstone». Er unterbreitet eine Reihe von Vorschlägen, wie der Wahlkampf der gegnerischen Demokraten sabotiert werden könnte: Entführungen, Sex-Skandale mit Prostituierten, Abhöraktionen.

Den Anwesenden, darunter Justizminister John Mitchell (Sean Penn) und Präsidentenberater John Dean (Dan Stevens), sind diese Pläne dann doch etwas zu radikal, vor allem auch zu teuer. Mitchell bewilligt später, dannzumal als CRP-Chef, lediglich die Abhöraktionen.

Die Geschichte der Nebenfiguren

Der Rest ist Geschichte. Der zweite Einbruch im Juni 1972 ins Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel fliegt auf. Das FBI beginnt zu ermitteln.

«Gaslit» erzählt die Aufdeckung des Watergate-Skandals aus der Perspektive von Figuren, die historisch eher am Rand erwähnt werden. Nicht Nixon steht im Zentrum, sondern allen voran das Ehepaar Mitchell.

«The mouth of the south»

Martha Mitchell (Julia Roberts) ist alles andere als die still lächelnde Gattin an der Seite ihres Mannes. Sie weiss, was politisch läuft, weil sie ihren Mann belauscht. Sie ist beliebter Gast in Talkshows, weil sie mit ihrer Meinung nicht zurückhält, und bestens vernetzt mit Journalist:innen. So hat sie sich ihren Spitznamen verdient: «The mouth of the south».

Als der Watergate-Skandal auffliegt, will Martha mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit, um Nixon zu Fall zu bringen. Das führt zu massiven Problemen mit ihrem Mann. John greift zu haarsträubenden Massnahmen, um zu verhindern, dass seine Frau die Presse kontaktiert.

Die weiteren Erzählstränge widmen sich John Dean, Gordon Liddy, aber auch dem Wachmann Frank Willis, der den Einbruch entdeckt hat.

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Einschätzung

«Gaslit» liefert üppiges Drama, fesselnde bis aberwitzige Figuren. Der Erzählton wechselt nahtlos von Tragik ins Komische bis hin zum Absurden. Zum Glück gibt’s noch Figuren, die beinahe so etwas wie Normalität leben in dieser wahnwitzigen Geschichte.

Auf dem Weg zum Abgrund

Das Hauptmotiv sind die Szenen einer Ehe inmitten eines Politskandals. Was Martha und John Mitchell überhaupt zusammenbrachte, erschliesst sich zwar nie ganz. Vielleicht war es ihre Unbändigkeit, die John faszinierte, und sein Machtwille, der ihr imponierte.

Wir begegnen den beiden, als Marthas öffentliche Auftritte für John zum Problem werden. Alles, was weiter passiert, führt Schritt für Schritt zum Zusammenbruch der Ehe. Was am Ende übrig bleibt, ist vielleicht nicht blanker Hass, aber eine tiefe Abneigung.

Please nail him

Nachdem John zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, meinte er lakonisch: «It could have been worse. They could have sentenced me to spend the rest of my life with Martha Mitchell.» Martha wollte nach der Trennung von John den beiden Watergate-Enthüllern Woodward und Bernstein Unterlagen ihres Mannes zur Verfügung stellen und bat die beiden: «Please nail him. I hope you get that bastard.»

Auch wenn Martha massiv misshandelt wird von ihrem Mann und er ihren Ruf zerstört – sie ist nicht nur das Opfer. Sicher hatte sie recht mit ihren Anschuldigungen gegen Nixon. Ihr Motiv, das öffentlich zu machen, basiert zumindest in der Serie nicht nur auf dem Wunsch nach Gerechtigkeit.

Martha würde heute bei Fox News auftreten

Da ist ebenso ihr Wille, den Ruf und ihr gesellschaftliches Ansehen zu bewahren. Und es ist ihre Lust, im Scheinwerferlicht zu stehen. «Gaslit»-Macher Robbie Pickering beschreibt Martha Mitchell als «conservative cheerleader», wie man sie heute von Fox News kenne.

Julia Roberts und Sean Penn spielen ihre Figuren eindringlich. Es verursacht schon fast physische Schmerzen, zusehen zu müssen, wie sich dieses Paar gegenseitig zerfleischt.

John und Mo Dean – das Kontrast-Paar

Da braucht es schon den Kontrast mit John und Mo Dean, damit man durchhält. Er ist zwar ebenfalls tief verstrickt in den Skandal. Gemeinsam mit seiner Frau findet er aber einen anderen Umgang damit.

Das macht ihn nicht weniger schuldig, auch nicht zwingend sympathisch. Zumindest schaffen es die beiden aber, ihre Leben nicht zu zerstören.

Gordon Liddy – durchgeknallt und landesweit erfolgreich

Ein ganz anderes Kapitel schlägt die Serie mit der Figur von Gordon Liddy (Shea Whigham) auf. Er ist der völlig durchgeknallte Organisator des Watergate-Einbruchs, der sich als wehrhafter Kämpfer gegen alles Böse in dieser Welt sieht, worunter nicht nur Kommunisten oder Demokraten fallen, sondern auch Juden.

Liddy wird als Hitler-verehrender Faschist und gewalttätiger Psychopath geschildert, der auch die Ermordung eines nicht genehmen Journalisten plante. Man mag es kaum glauben, aber offenbar ist das alles belegt.

Noch unglaublicher ist nur, dass Liddy nach seiner Freilassung eine erfolgreiche Karriere verfolgte, unter anderem mit einer eigenen Radiosendung, die landesweit ausgestrahlt wurde.

Watergate ist Geschichte, oder?

«Gaslit» zeigt den Watergate-Skandal zum 50-Jahre-Jubiläum der Ereignisse aus einer ganz anderen Perspektive, als man sie bisher gekannt hat. Dabei jagen einem die verschiedenen Geschichten ab und zu einen Schauer über den Rücken.

Wohlig ist dieser Schauer nicht, auch wenn Watergate Geschichte ist. Wir haben erst gerade erlebt, wozu ein US-amerikanischer Präsident und seine willigen Gefolgsleute auch heute fähig sind. Eine Martha Mitchell war weit und breit nicht zu sehen.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Gaslit»?

Besetzung: Julia Roberts | Sean Penn | Dan Stevens | Betty Gilpin | Shea Whigham | Darby Camp | Chris Bauer
Serie entwickelt von: Robbie Pickering
Genre: Historie | Biografie
USA, 2022

We Own This City (Mini-Serie) – Baltimore’s Baddest

Läuft bei: HBO/Sky ab 29.6. (Mini-Serie, 6 Episoden à 60 Min.)

14 Jahre nach dem Ende von «The Wire» sind wir zurück auf den Strassen von Baltimore. Die Vorzeichen habe sich aber gekehrt.

War «The Wire» eine fiktionalisierte Beschreibung einer Stadt im Niedergang, basiert «We Own This City» auf wahren Ereignissen. Polizisten jagen aber nicht Drogenhändler, sondern Polizisten jagen Polizisten.

Dieselben Schauspieler, andere Rollen
Für alle Fans von «The Wire» gibt’s hier eine Übersicht über alle Schauspieler, die auch in «We Own This City» mitspielen.

«Vergiss die Regeln. Das hier ist Baltimore»

Im Zentrum steht Sgt. Wayne Jenkins (Jon Bernthal), der auf dem Höhepunkt seiner Karriere die «Gun Trace Task Force» kommandiert und als korruptester Polizist in die Geschichte Baltimores eingehen wird.

Jenkins lernt schon als Rookie, dass in Baltimore andere Regeln gelten. «Vergiss alles, was du auf der Polizeiakademie gelernt hast», rät ihm sein älterer Kollege. Im Alltag sieht das dann so aus: Beim Filzen von Personen greift man auch schnell in die Brieftasche und zieht ein paar Dollarscheine raus.

Wenn ein Cop eine Person anhält, liegt das oft nur an der Hautfarbe. Das reicht rechtlich nicht, deshalb erfindet man für den Polizeirapport eine andere Rechtfertigung.

Gefälschte Beweise, Misshandlungen, Drogenhandel

Das ist Alltag, normaler Polizeidienst in Baltimore in den 2010er-Jahren. Jenkins und die Mitglieder seiner Einheit treiben es mit der Zeit aber noch einiges bunter.

Es geht bald nicht mehr nur um ein paar Scheine. Bei Razzien lassen die Polizisten Hunderttausende Dollar in ihren Taschen verschwinden. Nur ein Teil der beschlagnahmten Drogen landet in der Asservatenkammer. Den Rest verkaufen die Cops weiter. Beweise werden gefälscht, Verdächtige bedroht undmisshandelt. Es ist das ausgeklügelte System einer organisierten Verbrecherbande.

Omertà unter Polizisten

Jenkins und seine Kumpels können jahrelang unbehelligt ihr Unwesen treiben. Es gibt sogar hohes Lob, weil er das liefert, was von der Chefetage und Politik gefordert wird: gute Zahlen für die Polizeistatistik.

Intern ist es kein Geheimnis, dass Jenkins krumme Geschäfte macht. Aber niemand bricht den Cop-Code: Kolleg:innen verpfeift man nicht. Nur durch Zufall kommt das FBI der Jenkins-Gang auf die Spur.

Neun Cops hinter Gittern

Die Ermittlungen des FBI erweisen sich als nicht sehr schwierig. Die «Gun Trace Task Force» hält sich für unantastbar und bespricht die Verbrechen offen am Telefon. Das FBI hört und schneidet mit.

2018 werden neun Polizisten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Jenkins erhält die höchste Strafe. Er wird für 25 Jahre hinter Gitter geschickt.

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Einschätzung

Schon allein weil die Crew von «The Wire» dahintersteckt, ist «We Own This City» ein Muss. «The Wire» war eine Ur-Mutter des Serienbooms und ein eindrückliches Sittengemälde der US-amerikanischen Nullerjahre.

Polizeiarbeit als reine Symptombekämpfung

Dass die Realität die fiktive Geschichte des Baltimore Police Departments so weiterschreibt, dass sie Stoff für eine neue Serie bietet, konnte man damals nicht wissen, aber vielleicht erahnen.

Schon da war die Arbeit der Polizei wirkungslos. Es fehlten Mittel, Wissen und Willen, um die Kriminalität in den Griff zu bekommen. Vor allem aber war die Polizeiarbeit nur Symptombekämpfung. Die Ursachen lagen und liegen in der Gesellschaft, in der Politik.

Das gesellschaftliche Umfeld

Jetzt kann man in «We Own This City» ungläubig staunend mitverfolgen, wie dieses Versagen von Staat und Behörden auch die Strafverfolgung unterwandert. Das wäre für sich allein spannend genug für eine Serie.

«We Own This City» thematisiert aber zudem, wenn auch weniger intensiv als in «The Wire», das Umfeld, in dem dieses Verbrechen gedeihen kann.

Der «Gun Trace Task Force»-Skandal von Baltimore
Justin Fenton: We Own This City. Das Sachbuch diente als Vorlage für die Serie.
– «Cops and Robbers». Multimediale Website der Baltimore Sun.
– Bericht der «Gun Trace Task Force Investigation». Eine unabhängige Untersuchungskommission, die die Vorfälle von 2019 bis 2022 untersuchte.
Executive Summary des GTTF-Berichts.
– Überblick über die verurteilten Polizisten.

Polizeireformen sind zu teuer für die Politik

Nicole Steele (Wunmi Mosaku) fällt diese Aufgabe zu. Sie ist im Gegensatz zu Jenkins und Co. eine fiktive Figur. Steele arbeitet für das nationale Justizdepartement und soll die Polizeiarbeit in Baltimore evaluieren.

Dazu interviewt sie Opfer und Täter und versucht gemeinsam mit Polizeichef Davis (Delaney Williams), daraus Schlüsse zu ziehen für eine bessere Polizeiarbeit. Dass die Politik nicht mitspielt, weil zu teuer, überrascht wenig.

Der Krieg gegen die Drogen ist verloren

Der ehemalige Polizist Brian Grabler (Treat Williams), benennt eine weitere Ursache, den «War on Drugs». 1972 von US-Präsident Richard Nixon ausgerufen, fokussierte dieser «Krieg» auf die Verfolgung von kleinsten Drogenvergehen mit massivsten Polizeimitteln und drakonischen Strafen.

«Wir haben diesen Krieg verloren», sagt Grabler. Nicht nur verfehlte der «War on Drugs» das Ziel, die Drogenkriminalität zu verringern. Er sei auch dafür verantwortlich, dass die Polizei immer brutaler gegen die Bevölkerung vorgehe, weil es im Krieg nur Freund oder Feind gebe.

Ein erschütterndes Bild eines gescheiterten Rechtssystems

Die Behörden sind aber immer noch nicht bereit zuzugeben, dass der «War on Drugs» gescheitert ist. Zu viele Politiker:innen schreiben sich im Wahlkampf gerne den Kampf gegen die Kriminalität und für mehr Sicherheit auf die Fahne.

Es ist ein erschütterndes Bild, das «We Own This City» vom US-amerikanischen Rechtssystem zeichnet. Die Symptome deuten unzweifelhaft auf ein «failed system» hin. Ein System der Korruption und Gewalt gegen die Bürger:innen, in dem Polizist:innen mit grösster Selbstverständlichkeit und gutem Gewissen lügen, betrügen, ja selbst töten (in der Serie wird der Tod von Freddie Gray thematisiert).

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «We Own This City»?

Besetzung: Joe Bernthal | Wunmi Mosaku | Jamie Hector | Josh Charles | Delaney Williams | Dagmara Dominczyk | Treat Williams
Serie entwickelt von: George Pelecanos | David Simon
Genre: True-Crime
USA, 2022

The Essex Serpent (Mini-Serie) – Viktorianischer Mischmasch

Läuft bei: Apple TV+ (Mini-Serie, 6 Episoden à 50 Min.)

England 1893: Cora Seaborne (Claire Danes) hat gerade ihren Mann verloren. Cora empfindet aber kaum Trauer, weil er sie misshandelt hat, sie fühlt sich eher befreit. Die neugewonnene Freiheit nutzt sie, um ihrer Leidenschaft für Naturwissenschaften nachzugehen.

Die Schlange – lebendes Fossil oder Teufelswerk

Ein Zeitungsartikel über eine Seeschlange erregt ihre Aufmerksamkeit. Sie reist mit ihrem Sohn und ihrer Hausangestellten, die mehr ihre Freundin ist, nach Essex. Cora mutmasst, dass es sich bei dieser mythischen Gestalt um ein lebendes Fossil handeln könnte.

Auch die Bewohner:innen des kleinen Orts Aldwinter glauben an die Existenz der Schlange von Essex. Für sie ist die Schlange allerdings eine Dienerin des Teufels, die sich die sündigen Menschen holt. Gerade ist eine junge Frau verschwunden. Als ihre Leiche in den Sümpfen gefunden wird, gerät der Ort in Aufruhr.

Gefährliche Liason

Will Ransome (Tom Hiddleston), der Pfarrer des Ortes, versucht, seine Gemeinde zu beruhigen. Der Tod der Frau sei ein Unfall gewesen, sie sei ertrunken. Für ihn ist klar, dass es keine Schlange gibt. Deshalb hält er es auch für wenig hilfreich, wenn Cora deren Existenz zu beweisen sucht.

Über diese Diskussion kommen sich Cora und Will näher. Zu nahe, denn Will ist verheiratet. Doch nicht nur Wills Ehe gerät in Gefahr. Auch Luke Garrett, ein Arzt aus London, der sich Hoffnungen auf Cora macht, merkt, dass ihm Konkurrenz erwachsen ist.

Hexenjagd auf Cora

Die Stimmung in Aldwinter eskaliert, als eine zweite junge Frau verschwindet. Jetzt wenden sich die Bewohner:innen gegen Cora, die sie schon vorher misstrauisch beäugt hatten. Mit ihrer Ankunft sei auch die Seeschlange wieder aufgetaucht, also stehe sie mit dem Teufel im Bunde.

Cora muss eiligst packen und nach London reisen. Will bleibt zurück. Aber sie werden sich unter dramatischen Umständen wiedersehen.

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Ich finde

«The Essex Serpent» ist ein Historiendrama im ausklingenden viktorianischen Zeitalter. Die Naturwissenschaft verdrängt den Glauben oder vielmehr den Aberglauben und Frauen beginnen, mehr Rechte und Freiheiten einzufordern.

Liebesgeschichte? Sozialkritik?

Oder vielleicht ist die Serie doch mehr ein kompliziertes Drama über eine Vierecksbeziehung, in deren Zentrum Cora steht. Eine Frau, die alle lieben, die aber die Gefühle anderer kaum wahrnimmt und Chaos in den Seelen der Menschen um sie herum anrichtet.

Oder vielleicht ist es auch eine Geschichte über den sozialen Umbruch im ausklingenden 19. Jahrhundert. Coras Hausangestellte Martha ist Sozialistin und versucht, die miserablen Lebensumstände der Arbeiterschicht zu verbessern.

Danes und Hiddleston können was

Wenn man «The Essex Serpent» sehr wohlwollend betrachtet, dann bietet die Serie genau obiges: viktorianische Ära, Liebe, Drama, Umbruch. Atmosphärisch umgesetzt, mit gutem Cast.

Claire Danes und Tom Hiddleston beweisen, dass sie mehr spielen können als eine bipolare CIA-Agentin («Homeland») oder einen schurkischen Gott («Loki»). Aber das wussten wir eigentlich schon vorher.

Haarscharf am Kitsch vorbei

Ich bringe dieses Wohlwollen nicht auf. Für mich ist die Serie eine misslungene Mixtur aus obigen Zutaten, aus der vor allem die langfädige Liebesgeschichte heraussticht, die nur haarscharf am Kitsch vorbeischrammt.

Ohne zu viel zu verraten: Die Wiederbegegnung von Stella, Cora und Will in der letzten Episode ist ziemlich unerträglich. Und das Schicksal, das Luke ereilt, könnte sich Rosamunde Pilcher ausgedacht haben.

Dreieinhalb Stunden zu lang

Als 90-minütiger Film ginge die Geschichte vielleicht noch durch, weil man dann einiges straffen könnte. Aber knapp fünf Stunden trägt sie einfach nicht. Das retten auch die schönen Landschaftsaufnahmen und die viktorianische Atmosphäre nicht mehr.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «The Essex Serpent»?

Besetzung: Claire Danes | Tom Hiddleston | Frank Dillane | Clémence Poésy | Hayley Squires
Created by: Anna Symon
Genre: Drama
GB, 2022

Borgen – Power & Glory (Staffel 1) – Die dunkle Seite der Macht

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min. Die 3 Staffeln der ersten Serie sind ebenfalls noch online.)

Gut neun Jahre sind vergangen, seit Birgitte Nyborg den grossen Sieg errungen hat mit ihrer neuen Partei «Nye Demokrater». Jetzt ist sie Aussenministerin in einer Koalition unter der Premierministerin Signe Kragh.

Über die letzten neun Jahre erfahren wir nur so viel: Sie lebt mittlerweile alleine. Ihre beiden Kinder sind ausgezogen. Deshalb kann und will sie sich ganz der Politik widmen.

Klimapolitik gegen Machterhalt

Das Unheil beginnt, als in Grönland ein riesiges Ölvorkommen entdeckt wird. Birgitte will die Förderung des Öls verhindern, weil sie und ihre Partei sich die Klimapolitik gross auf die Fahne geschrieben haben.

Als jedoch ihre Position als Aussenministerin bedroht ist, vollzieht sie eigennützig einen radikalen Schwenk, ohne ihre Partei in die Entscheidung einzubeziehen.

Dänemark im Zwist mit den Grossmächten

Die Situation in Grönland wird immer komplexer, weil zuerst die Russen, dann die Chinesen die Ölförderung an die Hand nehmen wollen. Den USA gefällt das gar nicht und sie üben Druck auf die dänische Regierung aus.

Probleme bereitet Birgitte auch ihr Sohn Magnus. Er ist Umweltaktivist und klaut mit Gleichgesinnten einen Schweinetransport. Magnus kritisiert auch öffentlich seine Mutter, weil sie ihren Klimakurs geändert hat. Beides beschert ihr negative Schlagzeilen.

Chefin unter Druck

Katrine Fønsmark, Birgittes ehemalige Pressesprecherin, kehrt zum Sender TV1 zurück. Sie will als neue Nachrichtenchefin TV1 wieder zum besten Sender des Landes machen.

Im Alltag muss sie aber feststellen, dass in ihrem Job firmenpolitische Interessen und Mitarbeiterführung wichtiger sind als ihre publizistischen Fähigkeiten. Sie kommt von allen Seiten massiv unter Druck.

Ich finde

«Borgen» (2010-2013) gehörte vor über zehn Jahren zu den Serien, die das dänische Serienschaffen berühmt machten. Birgitte Nyborgs Karriere, die es in einem feindseligen Umfeld zur ersten Regierungschefin Dänemarks schaffte, war eine beeindruckende Geschichte, bestes Serienhandwerk und Mitbegründerin des Serienbooms.

Serienschaffen: Das Vorbild Dänemark
Neben «Borgen» gehören etwa «Der Adler» (2004-2006), «Kommissarin Lund» (2007-2012) (In den USA verfilmt als «The Killing») und die dänisch-schwedische Koproduktion «Die Brücke»(2011-2018) zu den Wegbereitern des Ruhms der dänischen TV-Serien.
TV-Macher:innen aus ganz Europa (u.a. auch SRF) pilgerten in den 2010er-Jahren nach Kopenhagen, um das Erfolgsgeheimnis der Dänen zu ergründen.
Daraus entstand dann beispielsweise die europäische Serie «The Team» (2015-2018) mit fünf Produktionsländern (BE, DK, D, Ö, CH). Federführend war hier das Autorenpaar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe.
Das Paar ist massgeblich beteiligt am Erfolg von dänischen Serien. Es zeichnete schon für «Der Adler» verantwortlich und erhielt dafür sowie für zwei weitere Serien je einen Emmy (Interview bei srf.ch zum Start von «The Team» 2015).

Da tritt Netflix also in grosse Fussstapfen, wenn die Firma das Projekt jetzt mit den alten Macher:innen neu aufgleist. Aber die Neuauflage ist gelungen und enttäuscht keineswegs.

Die Zukunft ist weiblich

Wie vor zehn Jahren greift die Serie den Zeitgeist auf. Damals war es das Motto «Frauen an die Macht». Heute sind die Frauen an der Macht und müssen in Zeiten von Klimakrise, globalen Wirtschaftskonflikten und Shitstorms damit umgehen.

Das erweist sich als nicht so einfach. Signe verkündet zwar als Premierministerin regelmässig auf Social Media #thefutureisfemale. Es stellt sich aber die Frage, was das für die Zukunft bedeutet. «Borgen» zeichnet kein einseitig optimistisches Bild.

Machtkämpfe unter Frauen

Birgitte ist bereit, ihre Prinzipien über Bord zu werfen und ihren Sohn medial zu instrumentalisieren, um ihr Amt und damit ihre Macht zu behalten. Signe achtet mehr auf die Aussenwirkung ihrer Regierungspolitik als auf die Inhalte. Und Katrine zögert nur kurz, eine Geschichte aus dem Programm zu kippen, weil sie der Chefetage nicht genehm ist.

Die Machtkämpfe spielen sich nur unter Frauen ab. Birgitte gegen Signe, bis sie sich doch noch finden. Katrine gegen eine Moderatorin, die auf Social Media einen Shitstorm gegen ihre Chefin anzettelt.

Rückbesinnung auf die alten Werte?

Frauen an der Macht unterscheiden sich in «Borgen» kaum von männlichen Gegenparts. Birgitte holt sogar den Ausbund an toxischer Männlichkeit, ihren früheren Erzfeind Laugesen, als Berater.

Für Birgitte wird das alles zum Problem. Ihre Partei und ihre Familie wenden sich von ihr ab. Erst ganz am Schluss besinnt sie sich wieder auf ihre Werte, für die sie in die Politik ging. Um gleich darauf ein grosses Fragezeichen zu setzen. Ist ihre Rückbesinnung nicht bloss ein Schachzug auf dem Weg zu mehr Macht?

Packende Ambivalenz

War Birgitte Nyborg in den ersten Staffeln eine Sympathieträgerin, wird sie jetzt ambivalent. Man verfolgt ihre Handlungen mit Stirnrunzeln bis Unverständnis. Aber packend bleibt es, wie sie geschickt und trotz allem nachvollziehbar ihren Weg geht.

Eine Folgestaffel wird im Plot schon aufgegleist. Ich wäre sofort wieder dabei.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Borgen – Power & Glory» Staffel 1?

Besetzung: Sidse Babett Knudsen | Birgitte Hjort Sørensen | Søren Malling | Peter Mygind | Jens Albinus | Lucas Lynggaard Tønnesen | Johanne Louise Schmidt
Created by: Adam Price
Genre: Drama
DK, 2022