House of the Dragon (Staffel 1) – Noch tanzen die Drachen nicht so richtig

Serienposter mit Schriftzug. Eine Frau in langem roten Gewand. Dahinter ein Drachenkopf.

Läuft bei: Sky Show und bei Play RTS (Engl./franz. UT) (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

Jetzt sind sie also zurück. Die Targaryens. Mit mehr und grösseren Drachen. Andere vertraute Namen aus «Game of Thrones» erklingen ebenfalls: Lannister, Stark oder Baratheon. Aber sie spielen nur Nebenrollen.

Intrigen um die Thronfolge

172 Jahre vor der Geburt von Daenerys Targaryen tauchen wir wieder ein in George R.R. Martins Fantasiewelt der sieben Königreiche. In King’s Landing sitzt Viserys I (Paddy Considine) auf dem Iron Throne, der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Grossvater von Daenerys.

Obwohl Viserys fast die ganze erste Staffel von «House of the Dragon» herrscht, geht es weniger um ihn. Die grosse Frage lautet, wer nach ihm den Iron Throne besteigen wird. Wie nicht anders zu erwarten, wird dieser Machtkampf ausgefochten durch Intrigen, Verrat und Mord.

Ein Mann mit langen weissen Haaren sitzt an einem Tisch.
Viserys der Friedvolle (Paddy Considine) hat eine relativ ruhige Regentschaft. Seine grösste Herausforderung ist es, die Frage der Thronfolge zu regeln. © HBO / Sky
Königstochter gegen Königssohn

Zwei Anwärter:innen stehen bereit, die Krone zu tragen. Rhaenyra Targaryen (Milly Alcock, Emma D’Arcy), die Tochter des Königs. Nach dem Tod seiner ersten Frau hat Viserys sie offiziell zu seiner Nachfolgerin ausgerufen. Er bricht damit mit der Tradition, dass nur männliche Nachkommen als Thronfolger in Frage kommen.

Viserys hält an seinem Entschluss fest, selbst nachdem er mit seiner zweiten Frau Alicent Hightower (Emily Carey, Olivia Cooke), die beste Freundin von Rhaenyra, zwei Söhne zeugt. Doch es gibt Kräfte am Hof, die sich für den erstgeborenen Sohn Aegon (Tom Glynn-Carney) als Thronfolger starkmachen.

Der Machtkampf beginnt – ein bisschen

Allen voran die rechte Hand des Königs. Otto Hightower (Rhys Ifans) ist zugleich Alicents Vater. Er wittert die Chance, die Macht seines Hauses mit einem Sprössling auf dem Thron zu verankern.

Zwei junge Männer mit weissen Haaren. Einer trägt eine schwarze Augenklappe.
So grimmig und finster wie sie dreinschauen, sind sie auch. Die Söhne Aegon (Tom Glynn-Carney) und Aemond (Ewan Mitchell) von König Viserys und Alicent Hightower. © HBO / Sky

Damit sind die Pflöcke eingeschlagen, wer sich im Kampf um den Iron Throne gegenüber steht. Der Machtkampf kann beginnen. Tut er auch ein wenig. Aber erst gegen Ende der Staffel zeichnet sich ab, dass nicht nur böse Blicke ausgetauscht werden, sondern auch Blut fliessen wird.

Von der Freundin zur Feindin

Wer George R.R. Martins Bücher kennt, weiss, dass am Horizont der «Dance of the Dragons» dräut. Den Bürgerkrieg im Reich der Targaryans werden wir aber erst in der zweiten Staffel erleben. Von daher ist diese erste Staffel so etwas wie ein langes Vorspiel, dem die Dramatik aber durchaus nicht abgeht.

Da ist die Freundschaft der jungen Rhaenyra mit Alicent, die sich über die Jahre wandelt. Beiden wird bewusst, dass ihnen und ihren Kindern die Auslöschung droht, sollte der andere Zweig den Thron besteigen. Die Freundinnen werden etwas widerwillig zu Feindinnen.

Zwei junge Frauen in langen, wallenden Gewändern. Eine Frau hält ein grosses Buch in der Hand.
Ein Bild aus unbeschwerten Tagen, als Alicent (Emily Carey) und Rhaenyra (Milly Alcock) noch beste Freundinnen waren. © HBO / Sky

Verantwortlich für die Eskalation sind vor allem die Männer im Hintergrund. Alicents Vater und auf der Seite von Rhaenyra ihr Onkel Daemon (Matt Smith) schüren den Kampf um die Macht.

Das bekannte Rezept von «Game of Thrones»

«House of the Dragon» muss sich logischerweise dem Vergleich mit «Game of Thrones» (GoT) stellen. Dem hält die Serie locker stand, wenn man sich an die letzten zwei Staffeln erinnert, die ziemlich schlampig und gehetzt das grosse Epos beendeten.

Aber auch in der Gesamtschau fällt das Prequel zu GoT keineswegs ab. Die bekannten Zutaten von Machtgelüsten, hinterhältigen Plänen und skrupellosen Morden funktionieren auch hier bestens. Die Figuren sind gewohnt ambivalent, nur gute Seelen gibt es keine.

Ein Zyniker wird vermisst

Manche Charaktere wie Daemon Targaryan widern einen zuerst an, dann versöhnt man sich ein wenig. Am Schluss stellt man konsterniert fest, dass wohl doch die hässliche Seite überwiegt. Ein Wechselbad der Gefühle.

Ein Mann mit weissem Haar steht in einem Gebäude mit hohen Säulen. Seine Hände stützt er auf den Schwertknauf.
Eitel und machthungrig zu Beginn, als Daemon Targaryen (Matt Smith) seiner Nichte Rhaenyra noch den Thron streitig machen wollte. © HBO / Sky

Was im Panoptikum aber leider fehlt, ist der zynische Blick eines Tyrion Lannister. Seine spitzen Bemerkungen waren erfrischend und liessen die absurde Seite dieser Welt der Mächtigen aufblitzen.

Lasst die Drachen los

Zu grinsen gibt es deshalb bei «House of the Dragon» nichts. Aber genug Spannung, dass man immer wieder die Fingernägel in die Armlehne krallt. Man lasse also die Drachen gerne richtig tanzen in der zweiten Staffel.

Wie viele Sterne gibst du «House of the Dragon» Staffel 1?
39 Stimmen

Besetzung: Emma D’Arcy | Milly Alcock | Matt Smith | Paddy Considine | Rhys Ifans | Olivia Cooke | Emily Carey | Eve Best | Sonoya Mizuno | Steve Toussaint | Fabien Frankel | Harry Collett | Tom Glynn-Carney | Graham McTavish
Serie entwickelt von: Ryan J. Condal | George R.R. Martin
Genre: Fantasy | Abenteuer | Drama
USA, 2022

The Resort (Staffel 1) – Mystisches Abenteuer als Paartherapie

Serienposter. Frau und Mann auf einem Weg im Urwalt. Schriftzug The Resort
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Sky Show(1 Staffel, 8 Episoden à 35 Min.)

Emma (Cristin Milioti) und Noah (William Jackson Harper) gönnen sich zu ihrem zehnten Hochzeitstag Ferien in einem All-Inclusive-Resort in Mexiko. Zum Feiern scheint es den beiden aber wenig zumute zu sein.

Spurlos verschwunden

Die Ferien dienen offensichtlich dazu, herauszufinden, ob ihre Ehe noch zu retten ist. Da kommt ihnen ein Abenteuer sehr gelegen, das sie vielleicht wieder zusammenbringt.

Emma entdeckt bei einem Ausflug mitten im Urwald ein altes Mobiltelefon. Es gehörte Sam (Skyler Gisondo), der vor 15 Jahren zusammen mit seiner Ferienbekanntschaft Violet (Nina Bloomgarden) spurlos verschwunden ist.

Emma und Noah im Gespräch. Hinter ihnen Urwald. Sie sind verschwitzt.
Im Urwald suchen Emma (Cristin Milioti) und Noah (William Jackson Harper) nach zwei Vermissten, aber eigentlich noch mehr nach dem Sinn ihrer Ehe. © Peacock / Sky
Reise zur magischen Höhle

Emma und Noah finden auf dem Mobiltelefon Textnachrichten und Bilder. Sie folgen den Spuren und finden ein verfallenes Hotel, in dem Sam Ferien machte. Ihre Ermittlungen führen die beiden Hobbydetektive weiter zu einer einflussreichen Familie, einem Schriftsteller und einer magischen Höhle.

Einschätzung

«The Resort» beginnt ziemlich schwerfällig. Die beiden ersten Episoden ziehen sich in die Länge, ohne dass die Handlung entscheidend vorangetrieben wird.

Danach wird es unterhaltsamer. In Rückblenden erfahren wir, wie Sam und Violet zueinandergefunden haben. Zwei neue Figuren tauchen auf.

Das schwarze Schaf und der Exzentriker

Da ist einerseits Baltasar (Luis Gerardo Méndez), der zu der einflussreichen Familie Frias gehört, aber seinen eigenen Weg gegangen ist. Baltasar arbeitete in dem Hotel, in dem Sam und Violet wohnten, bevor sie verschwanden.

Baltasar im braunen Anzug mit Krawattel. Er steht vor Palmen.
Baltasar (Luis Gerardo Méndez) hat seine eigene unbewältigte Vergangenheit, die ihn mit den beiden Verschwundenen verbindet. © Peacock / Sky

Das Hotel gehörte dem exzentrischen Alex (Ben Sinclair). Er leidet an einer eigentümlichen Krankheit namens «Tempus Exhaurire». Als Folge verliert er seine Erinnerungen.

Die mystische Reise zu sich selbst

Beide haben ihre eigene Geschichte, die sie mit Sam und Violet verbindet, und gleichzeitig um das Thema kreisen, das sich langsam als Grundzug der Serie herauskristallisiert: Die Vergangenheit, die Erinnerung, unser Umgang damit, und wie das unser Leben formt.

In den letzten Episoden wird die Suche nach den Verschwundenen für Emma, Noah und auch Baltasar immer mehr zu einer mystisch angehauchten Reise zu sich selbst. Am Schluss finden sie Antworten auf Fragen, die sich ihnen stellten.

Violet und Sam in Freizeitkleidung, Hinter ihnen Urwaldbäume.
Mit dem Buch über Zeitreisen von Violet (Nina Bloomgarden) und dem Telefon von Sam (Skyler Gisondo) beginnt alles. © Peacock / Sky
Interessant, aber nicht ganz überzeugend

Doch eine Frage bleibt offen: Was genau haben wir da gerade gesehen? Eine Geschichte, die zu Beginn an «The White Lotus» erinnert, sich am Ende aber etwas anfühlt wie eine Fantasiewelt à la Narnia.

Immerhin: «The Resort» findet ein Ende, das diesen Namen verdient. Der Weg dahin ist leidlich interessant. Wirklich originell und überzeugend ist die Geschichte aber nicht.

Ebenso etwas enttäuschend: «The Resort» wird auch als Komödie angepriesen. Das finde ich nicht zutreffend. Schade vor allem, weil William Jackson Harper sein komödiantisches Talent als Chidi Anagonye in «The Good Place» bewiesen hat.

Wie viele Sterne gibst du «The Resort» Staffel 1?
4 Stimmen

Besetzung: Cristin Milioti | William Jackson Harper | Luis Gerardo Méndez | Skyler Gisondo | Nina Bloomgarden | Gabriela Cartol | Nick Offerman | Dylan Baker
Serie entwickelt von: Andy Siara
Genre: Mystery | Thriller | Abenteuer
USA, 2022

The Watcher (Mini-Serie) – Gruselig sind nur die Ungereimtheiten im Drehbuch

Serienposter. Ein Haus in der Dämmerung mit beleuchteten Fenstern. Im Vordergrund die Silhouette eines Menschen. Schriftzug der Serie.

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 7 Episoden à 50 Min.)

Diese Besprechung enthält Spoiler

Es ist der Traum von vielen: Ein schönes Eigenheim, gemütlich eingerichtet. Viel Platz für die Kinder. Eine schöne Umgebung und eine nette Nachbarschaft. Nora (Naomi Watts) und Dean Brannock (Bobby Cannavale) mit ihren beiden Kindern finden ihr Traumhaus in Westfield, ein paar Kilometer von New York entfernt.

Unerfreuliche Nachbarschaft

Es dauert nicht lange und der Traum wird zum Albtraum. Es beginnt mit den Nachbarn. Mo (Jennifer Coolidge) und Mitch (Richard Kind) liegen gerne im Garten und beobachten mit dem Feldstecher, was die Neuankömmlinge so treiben.

Ältere Frau mit Brille und Zöpfen, glatzköpfiger Mann in Latzhose.
Die beiden Nachbarn Pearl (Mia Farrow) und Jasper (Terry Kinney) ähneln wohl nicht zufällig dem Paar im Gemälde «American Gothic». © Netflix

Pearl (Mia Farrow) gibt den Brannocks den Tarif durch, was an Veränderungen am und im Haus geht und was nicht. Ihr seltsamer Bruder (Terry Kinney) ist noch aufdringlicher. Er schleicht sich ins Haus, weil er gerne im Speiseaufzug fährt.

«Junges Blut» fürs alte Haus

Dann kommen die Briefe. Eine geheimnisvolle Figur, die sich «The Watcher» nennt, begrüsst die Familie im neuen Haus. Sie gibt zu erkennen, was sie alles über die Familie weiss.

Dass sie beispielsweise «junges Blut» mitgebracht habe, was gut für das Haus sei, aber ungut tönt für die beiden Kinder. Und «The Watcher» verspricht, ziemlich passiv-aggressiv, weiterhin ein scharfes Auge auf die Brannocks zu werfen.

Mann im Morgenmantel vor einer Steintreppe im Garten. Im Hintergrund ein Haus.
Dean (Bobby Cannavale) stürmt zu den Nachbarn, die er als Urheber der bedrohlichen Briefe verdächtigt. © Netflix
Trautes Heim – Unglück allein

Die Brannocks schalten die Polizei ein, engagieren eine Privatdetektivin, ermitteln auf eigene Faust. Sie beschuldigen reihum Nachbarn, Freunde, am Ende misstrauen sie sich sogar gegenseitig.

Das traute Heim bringt den Brannocks kein Glück, sondern stürzt sie in einen tiefen Abgrund, der ihr Familienleben zu zerstören droht.

Einschätzung

«The Watcher» hat ein grosses Problem. Man kann zwar nachvollziehen, was die Brannocks komplett aus der Bahn wirft. Irgendein:e Unbekannte:r, der:die zu verstehen gibt, dass er:sie einen überwacht und Spuren im Haus hinterlässt, das ist furchterregend.

Das Problem ist aber, wie in jeder Episode wirre Fäden gesponnen werden, die zu neuen, manchmal auch wieder zu alten Verdächtigen führen, ohne dass man der Lösung des Geheimnisses einen Schritt näher kommt. Alles dreht sich immer nur im Kreis.

Haarsträubende Ungereimtheiten

Dazu kommen Ungereimtheiten in der Geschichte, die einem mehr die Haare zu Berge stehen lassen als die wenigen Schreckensmomente. Ein Beispiel ist die Kamera im Schlafzimmer. Sie filmt, wie sich eine junge Frau zum schlafenden Dean ins Bett legt. Das führt zur Ehekrise. Es wird aber offensichtlich, dass die junge Frau vom Watcher engagiert worden sein muss.

Eine Frau mit einer Tasse in der Hand steht an einem Fenster und blickt hinaus.
Nora (Naomi Watts) schmeisst ihren Mann aus dem Haus, nachdem sie das Video gesehen hat von ihm mit einer jungen Frau im Bett. © Netflix

Nur: Der einzige, der von der Kamera wusste, ist der junge Typ der Sicherheitsfirma. Er hat sie heimlich installiert. Er wird aber vom Verdacht befreit, der Watcher zu sein.

Wie also soll das gehen? Die Diskreditierung des Ehemanns funktioniert nur, wenn der Watcher wusste, dass seine aufwendige Inszenierung auf Video festgehalten wird.

Der Mord, der keiner war

Andere Twists sind zwar weniger unlogisch, aber nicht minder abstrus. Die beiden Nachbarn Mo und Mitch werden ermordet. Die Leichen werden abtransportiert. Sie fallen also weg als Watcher. Denkste, he he.

Zwei Episoden später stehen sie wieder da. Sie waren nur im Urlaub, was aber niemand wusste, ausser ihr Sohn. Der hat zwei Obdachlose ins Haus bestellt und sie umgebracht, um ans Geld der Eltern zu kommen. Bitte, was?

Ein Mann und eine Frau auf Liegestühlen im Garten. Er hält einen Feldstecher in der Hand.
Die angeblichen Mordopfer Mitch (Richard Kind) und Mo (Margo Martindale) bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Die Nachbarn ausspionieren. © Netflix
Die Kamera lügt

Zu guter Letzt outet sich eine der Figuren als Watcher. In Rückblenden wird gezeigt, wie sie vorgegangen ist. Ein paar Einstellungen später stellt sich heraus: Nee, nee, sie war es nicht. Die Rückblenden sind gelogen – ein Stilmittel, für das schon Hitchcock bei «Stage Fright» Haue bezogen hat.

Ob der horrenden Unzulänglichkeiten des Drehbuchs geht eigentlich verloren, was «The Watcher» wohl zeigen wollte: Wie zerstörerisch die Kraft einer unheimlichen Bedrohung sein kann. Selbst wenn sie in der harmlos scheinenden Form von Briefen daherkommt.

Die wahre Geschichte wäre die bessere

Das macht es aus, was an der wahren Begebenheit faszinierte, auf der «The Watcher» beruht. Diese Geschichte ist aber viel weniger dramatisch und vor allem: Der Fall wurde nie gelöst. Deshalb erfanden die Autoren wohl noch Unmengen an Twists dazu. Sehr zum Schaden der Serie.

Wie viele Sterne gibst du «The Watcher»?

Besetzung: Naomi Watts | Bobby Cannavale | Jennifer Coolidge | Margo Martindale | Mia Farrow | Noma Dumezweni | Luke David Blumm | Isabel Gravitt
Serie entwickelt von: Ian Brennan | Ryan Murphy
Genre: Drama | Horror | Mystery
USA, 2022

She-Hulk: Attorney at Law (Staffel 1) – Mehr als nur eine weitere Marvel-Serie in Grün

Serienposter. Eine Frau sitzt auf einer Parkbank. Die Banklehne ist ein Werbeplakat für She-Hulk. Schriftzug der Serie.

Läuft bei: Disney+ (1 Staffeln, 9 Episoden à 30 Min.)

«She-Hulk» bezieht kräftig Prügel. Nicht die Superheldin, das wäre bei ihrer übermenschlichen Stärke ein Witz. Nein, die Serie. Auf «Rotten Tomatoes» finden sich zuhauf vernichtende Kommentare wie «Worst Marvel series ever» oder «What a waste of time».

Marvel mal etwas anders

Könnte sein, dass es sich dabei vor allem um eingefleischte Marvel-Fans handelt. Wie jener User, der der Serie einen halben Stern gibt, weil seine Frau nichts mit Marvel am Hut hat, aber «She-Hulk» mochte: «My wife liked it and never watched or liked any of the other Marvel movies.»

Eine Frau im blauen Kleid mit weissen Punkten, lange schwarze Haare und grünliche Haut steht auf einem Weg umrahmt von kleinen Bäumen.
She-Hulk (Tatiana Maslany) scheint unter den eingefleischten Marvel-Fans wenig Freude zu verbreiten. © Marvel

Wer von der jüngsten Marvel-Heldin erwartet, dass sie ähnlich daherkommt wie «Hawkeye» oder «Loki», wird wohl tatsächlich enttäuscht. «She-Hulk» ist anders, aber sicher nicht schlechter.

Selbstbestimmt trotz Chauvi-Umfeld

«She-Hulk» ist eine Komödie, eine Anwaltsserie und die Geschichte einer Frau, die sowohl in ihrer normalen Gestalt als auch als Superheldin selbstbestimmt ihren Weg gehen will. Das in einem Umfeld, in dem Chauvis den Ton angeben und sogar ein paar Typen gegen sie konspirieren.

Jennifer Walters (Tatiana Maslany) macht auch ihrem Cousin Bruce Banner (Mark Ruffalo) klar, dass sie keine Lust auf Mansplaining hat. Nachdem sie bei einem Unfall mit dem Blut ihres Cousins in Kontakt gekommen ist, erhält sie ebenfalls Hulk-Fähigkeiten.

Frauen – Expertinnen in Wutkontrolle

Banner / Smart Hulk will sie danach in Wutkontrolle unterweisen. Worauf Jen ihn unterweist, dass sie wie alle Frauen unendlich erfahrener darin sei als er, ihre Wut zu kontrollieren: «When I’m catcalled in the street. When incompetent men explain my own area of expertise to me.» Denn sonst werde sie als emotional oder schwierig abgekanzelt oder vielleicht auch umgebracht.

Muskulöser Mann und Frau mit grünlicher Haut. Sie wirft einen riesigen Felsblock.
Mit seinem Kurs über Wutkontrolle gerät Smart Hulk (Mark Ruffalo) bei She-Hulk an die Falsche. © Marvel

Jen / She-Hulk ist definitiv nicht die herkömmliche Marvel-Superheldin. Diese Rolle lehnt sie unmissverständlich ab. Sie will zurück in ihr normales Leben als Staatsanwältin. Das klappt natürlich nicht wie gewünscht.

Besucher aus der Marvel-Welt

Sie muss sich in She-Hulk verwandeln, als eine Influencerin mit Superkräften in den Gerichtssaal stürmt. Das katapultiert sie umgehend ins Scheinwerferlicht, was ihr Chef gar nicht toll findet und sie feuert.

Schon bald erhält Jen aber ein neues Jobangebot. Selbstverständlich nicht, weil sie eine gute Anwältin ist. Eine Kanzlei will She-Hulk als Leiterin der Abteilung für Supermenschen. Das bedeutet, dass Jen als Hulk im Büro erscheinen muss.

Ab jetzt schlägt sie sich bei der Arbeit mit Figuren rum, die wir zum Teil aus der Marvel-Welt kennen. Emil Blonsky aka Abomination (Tim Roth), Wong (Benedict Wong) oder gegen Ende – zu meiner grossen Freude – Matt Murdock aka Daredevil (Charlie Cox) tauchen auf. Das seien jetzt aber nicht nur die üblichen Marvel-Helden-Pop-Ups, verspricht Jen direkt in die Kamera. Es sei ja ihre Show.

Ein Mann in einen roten Kostüm. Kleine Teufelhörner auf dem Kopf. Die Maske bedeckt Augen und Nase. Neben ihm eine Frau in leichter Unschärfe.
Endlich wieder da: Matt Murdock als Daredevil (Charlie Cox). Er kämpft zuerst gegen und dann mit Jen Walters. © Marvel
Kevin Feiges beinahe Cameo

Das unterstreicht sie, als sie in der letzten Episode völlig unzufrieden ist mit dem Staffelende. Wütend stürmt sie in die Marvel Studios und verlangt ein Gespräch mit Kevin. Wer jetzt auf einen Auftritt von Kevin Feige, dem Herrscher über das Marvel-Universum hofft, wird enttäuscht. Dafür gibt’s eine selbstironische Auseinandersetzung mit den Mechanismen von Marvel-Geschichten.

Diese Metaebene, noch häufiger im regelmässigen Bruch der vierten Wand eingesetzt, macht einen Teil des Humors von «She-Hulk» aus. Vor allem aber lebt die Serie von amüsanten Situationen, in denen sich die Superheldin wiederfindet.

Tatiana Maslany hat offensichtlich Spass an der Rolle

Sei das beim Dating, wo sie den muskulösen Mann auf den Arm nimmt und aufs Bett wirft. Oder bei der Arbeit, wo ein abstruser Möchtegern-Superheld namens Leap-Frog den Hersteller seines Superheldenkostüms verklagt. Oder wenn ihre Gegenspielerin Titania (Jameela Jamil) ihr das Markenrecht am Namen She-Hulk wegschnappt.

Im Innern eines Holzgebäudes. Fünf Personen sitzen im Kreis. Eine trägt eine Art Stachelschweinkostüm.
Auch eine Gruppentherapie mit ausgefallenen Teilnehmern steht für She-Hulk auf dem Programm. © Marvel

Nicht zuletzt verdankt «She-Hulk» einen grossen Teil seines Unterhaltungswertes Tatiana Maslany, die ihr Können schon in «Orphan Black» unter Beweis stellte, wo sie 17 verschiedene Figuren spielte. Ihr scheint die Rolle unbändigen Spass zu bereiten und das schwappt auf die Zuschauer:innen über.

Perfekt? Nein. Aber besser als andere Marvel-Serien

«She-Hulk» haut einen nicht komplett vom Hocker. Die CGI könnte noch einiges besser sein und nicht jeder Dialogwitz sitzt. Aber hundertmal lieber dieser emanzipatorisch eingefärbte, selbstironische Genremix als die x-te Auflage einer Weltretter:innen-Figur aus irgendeiner Mythologie (wie etwa «Moon Knight»).

Wie viele Sterne gibst du «She-Hulk: Attorney at Law» Staffel 1?
56 Stimmen

Besetzung: Tatiana Maslany | Ginger Gonzaga | Malia Arrayah | Steve Coulter | Jameela Jamil | Tim Roth | Mark Ruffalo | Benedict Wong | Renée Elise Goldsberry | Charlie Cox
Serie entwickelt von: Jessica Gao
Genre: Superhelden | Komödie
USA, 2022

Pistol (Mini-Serie) – Als die Wut zu Musik wurde

Serienposter. Vier junge Männer, gezeichnet. Zwei tragen eine Sonnebrille. Einer macht das Victoryzeichen mit seiner Hand. Schriftzüge der Serie.

Läuft bei: Disney+ (Mini-Serie, 6 Episoden à 50 Min.)

England Mitte der 1970er-Jahre: stockkonservativ und verkalkt. So präsentiert Regisseur Danny Boyle das Land in Originalaufnahmen gleich zu Beginn. Und so erleben es die vier, respektive fünf Jungs, die als «Sex Pistols» die Anarchie im United Kingdom ausrufen werden.

«I hate Pink Floyd»? Sicher nicht

Der Teenager aus der Schweiz, der um die Zeit die Insel zum ersten Mal besuchte, erlebte London allerdings mehr als die grosse Erleuchtung. Da gab es Rockopern im Theater, riesige Läden, die nur Platten verkauften, und junge Leute, die alle viel cooler angezogen waren als er und seine Altergenoss:innen zu Hause.

Über die Jahre lernte ich das Land zwar besser kennen und kann die Frustration der Punks nachvollziehen. Aber mit ihrer Musik konnte ich nie viel anfangen. Was ist schon von einem Sänger zu halten, der ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift «I Hate Pink Floyd» (was zwar angeblich gar nicht stimmt)?

Weisses T-Shirt mit Aufschrift "I HATE PINK FLOYD" und den Köpfen der vier Bandmitglieder von Pink Floyd.
Das «I Hate Pink Floyd»-T-Shirt von Johnny Rotten erhielt sogar einen Platz in der Ausstellung «Pink Floyd: Their Mortal Remains». Ich hab’s immerhin fotografiert 😜. CC BY-NC-SA 4.0 Patrick Bürgler
An der Seele des Punks vorbei erzählt?

Vielleicht sind das aber die besseren Voraussetzungen, um «Pistol» zu schauen, als wenn man ein Punk- oder «Sex Pistol»-Fan ist. Mir fehlt das Detailwissen über die Band und die Bewegung.

In einigen kritischen Besprechungen wird «Pistol» das vorgehalten. Die Serie gehe nicht in die Tiefe, erzähle nicht die wahre Geschichte, treffe nicht die Seele der Pistols und des Punks.

Als Kronzeuge dieser Anklage tritt John Lydon (aka Johnny Rotten) auf. Er klagte vor Gericht gegen die «Pistol»-Produktion, weil er mit der Darstellung seiner Person unzufrieden war. Er verlor.

Rohe Kraft und Wut

Lydons Missmut hat viel damit zu tun, dass die Serie auf den Memoiren von Steve Jones basieren. «Lonely Boy: Tales from a Sex Pistol» erzählt die Geschichte vor allem aus der Perspektive des Gründers und Gitarristen der Band. Da dreht sich eben nicht alles um den charismatischen, aber auch egomanischen Frontmann. Johnny Rotten taucht erst in der zweiten Episode auf.

Aus meiner Sicht ein starker Auftritt (im ominösen «Pink Floyd»-T-Shirt). Rotten (Anson Boon) macht nach anfänglichem Zögern deutlich, welch rohe Kraft und Wut er auf die Bühne bringt. Steve Jones (Toby Wallace), der gerne selber Sänger der Band gewesen wäre, muss die Segel streichen.

Vier junge Männer mit zwei Koffern für Musikinstrumente und einem Verstärker.
Die «Sex Pistols» vor einem ihrer ersten Auftritte – als Vorband. © FX / Disney+
Spuckduell mit dem Publikum

Die Auftritte der «Sex Pistols», die danach zu sehen sind, strotzen vor Wildheit und Verstärkern, die zu explodieren drohen. Ob sich die Band ein widerliches Spuckduell mit dem Publikum liefert, in einem Gefängnis die Insassen von den Stühlen reisst oder auf einer Nordengland-Tour die gut frisierten Teenies aus dem Ballsaal rausdröhnt – diese Momente sind stark.

Neben den Pistols bereichern noch weitere eindrucksvolle Charaktere die Serie, die die den rebellischen Zeitgeist verkörpern und vorantreiben. Malcolm McLaren (Thomas Brodie-Sangster), der Manager der Pistols, der (meist) geschickt das Image der Band steuert.

Glorios: Jordan, Queen of Punk

Etwas zu wenig zur Geltung kommt Vivienne Westwood (Talula Riley). Sie war McLarens Partnerin, aber vor allem die Designerin, die dem Punk ein Aussehen gab.

Glorios auch der Auftritt von Jordan (Maisie Williams), die Queen of Punk. Sie fährt zur Arbeit in Westwoods Boutique. Sie trägt einen Rock und einen durchsichtigen Mantel, darunter nichts. Entsetzte und lustvolle Blicke begleiten sie.

Eine Frau mit hochgestylten weissen Haaren und stark schwarz geschminkter Augenpartie.
Jordan (Maisie Williams) wird zur Stil-Ikone des Punks. © FX / Disney+

Im Zug bietet ihr der Schaffner einen Platz in der weniger vollen ersten Klasse an – inklusive gratis Tee und Toast. Das nimmt Jordan dankend an: «Provocateuring does make one quite hungry.»

Chrissie Hynde, die wohl einzige wahre Musikerin in der Runde

Dann ist da noch Chrissie Hynde (Sydney Chandler). Dass sich die Wege der späteren «Pretenders»-Frontfrau tatsächlich mit den Pistols gekreuzt haben, wusste ich nicht. Beweist aber nur wieder meine mangelnden Kenntnisse der Musikgeschichte.

Ihre Beziehung mit Steve Jones erhält viel Raum. Das übertüncht fast etwas zu sehr den grossen Frust, mit dem Hynde zu kämpfen hat. Obwohl sie im Umfeld von McLaren wohl die beste Musikerin ist, bekommt sie von ihm keine Chance.

Zwei Frauen. Eine dunkelhaarig mit grünem Pullover. Die andere blond in einem roten Kleid.
Chrissie Hynde (Sydney Chandler) lernt die «Sex Pistols» über ihren Job bei Vivienne Westwood (Talulah Riley) kennen. © FX / Disney+
Kraftvoll, laut und intensiv

Ihr vermisst Sid Vicious? Er taucht ebenso auf, wie Nancy. Weil die tragische Geschichte dieses Paars aber schon anderweitig oft erzählt wurde (bspw. in «Sid and Nancy», 1986) fokussiert die Serie weniger, aber nicht weniger berührend darauf.

«Pistol» lässt – nochmal: aus der Sicht des Musikinteressierten, aber nicht -Kenners – die Geburtsstunde des Punks und der «Sex Pistols» in einem kraftvollen, lauten und intensiven Zeitgemälde aufleben.

Wie das Fans und Kenner:innen sehen? Lasst es mich wissen.

Wie viele Sterne gibst du «Pistol»?

Besetzung: Toby Wallace | Anson Boon | Sydney Chandler | Jacob Slater | Talulah Riley | Maisie Williams | Thomas Brodie-Sangster | Louis Partridge
Serie entwickelt von: Craig Pearce
Genre: Biografie | Historie | Musik
GB/USA, 2022

The Imperfects (Staffel 1) – Ein billiger Abklatsch von «Stranger Things» und Co.

Läuft bei: Netflix (1 Staffeln, 10 Episoden à 45 Min.)

Drei Jugendliche werden von einem verantwortungslosen Wissenschaftler mit einer experimentellen Gentherapie behandelt. Die Therapie hat monströse Nebenwirkungen.

Schreien, verführen, aussaugen

Tilda (Morgan Taylor Campbell) wird zu einer Banshee, deren Schreie Menschen durch die Luft wirbeln lässt. Abbi (Rhianna Jagpal) verströmt als Succubus Pheromone, so dass alle um sie herum ihr verfallen. Juan (Iñaki Godoy) verwandelt sich in einen Chupacabra. Auf Deutsch etwa «Ziegensauger», wobei Juan in seiner Monsterform auch Menschenfleisch nicht verachtet.

Geplagt von unerwünschten Nebenwirkungen: Abbi, Tilda und Juan, blutverschmiert, weil er gerade als Chupacabra unterwegs war. © Netflix

Die drei wenden sich an Dr. Alex Sarkov (Rhys Nicholson), der sie behandelt hat, mit der Bitte um Hilfe. Doch der hat anderes im Sinn mit seinen Versuchskaninchen und verschwindet. Das Trio macht sich auf die Suche nach ihm. Hilfe erhalten sie dabei von Sarkovs ehemaliger Mitarbeiterin, Dr. Sydney Burke (Italia Ricci).

Regierungsbehörde – dubios

Ebenfalls interessiert an Sarkov ist da noch eine dubiose Regierungsbehörde namens «Flux», die gefährliche Wissenschaftler wie Sarkov unschädlich machen soll.

Schon bald merken die drei, dass sie nicht die einzigen waren, denen Sarkov seine zweifelhafte Therapie angedeihen liess.

Einschätzung

Ich habe mich durch alle zehn Episoden durchgekämpft, in der leisen Hoffnung, es könnte vielleicht doch noch besser werden. War aber nix.

Eindimensionale Figuren

«The Imperfects» ist von der ersten bis zur letzten Minute einfach nur schlecht. Ein billiger Abklatsch, der versucht, auf der Erfolgswelle von Serien wie «Stranger Things» zu reiten.

Die Figuren sind völlig eindimensional. In jeder Szene spielen sie den einzigen Charakterzug aus, den ihnen die Story zugesteht.

Was die Jungen halt auch noch so beschäftigt

Tilda ist die skrupellose Rebellin, Abbi die bedächtige Gescheite und Juan der noch Pubertierende. Besonders nervig aber ist der Bösewicht Sarkov, der als hyperaktives Genie in jedem Satz unter Beweis stellen muss, wie ihm Menschlichkeit am A… vorbeigeht.

Die Story mäandert von einem Problem zum nächsten, das sich dem Trio auf dem Weg zur Heilung in den Weg stellt. Ein Spannungsbogen ist dabei nicht erkennbar, alles bleibt gleichförmig.

Eingestreut sind die üblichen Probleme der jungen Jahre: Verlieben, Freundschaft, Familie. Auch die krebskranke Mutter fehlt nicht, verschwindet allerdings schlagartig wieder.

Das Monsterding ist nicht Juans einziges Problem. Er hat auch eine schwierige Beziehung zu seinem Bruder. © Netflix
Traue keinem über 30

Die CGI ist schlecht. Der Chupacabra taucht jeweils nur für Sekunden auf. Von einer anderen Figur, die die Gestalt wechselt, hören wir einzig das Knochenknacken, die Verwandlung findet ausserhalb des Kamerablicks statt.

Natürlich gehöre ich nicht zur Zielgruppe dieser Serie. Das zeigt sich schon daran, dass alle Guten knapp 20 sind, der böse und die gute Wissenschaftler:in etwa 5 Jahre älter und sonst gilt: Traue keinem über 30.

Trotzdem. Auch eine Coming-of-Age-Story (in der Presseankündigung übrigens als Coming-of-Rage verkauft, haha) verdient ein besseres Script. Beispiele dafür gibt es genügend. Auch bessere Darsteller:innen könnte man wählen. Solche, die mehr als zwei Gesichtsausdrücke beherrschen.

Wie viele Sterne gibst du «The Imperfects» Staffel 1?

Besetzung: Italia Ricci | Morgan Taylor Campbell | Rhianna Jagpal | Iñaki Godoy | Kyra Zagorsky | Rhys Nicholson
Serie entwickelt von: Shelley Eriksen | Dennis Heaton
Genre: Science-Fiction | Action | Abenteuer
USA/CAN, 2022

The Old Man (Staffel 1) – Das Duell der betagten Spione

4 von 5 Sternen

Läuft bei: Disney+ (1 Staffel, 7 Episoden à 55 Min.)

Dan Chase (Jeff Bridges) lebt zurückgezogen in einem Haus. Nur zwei Rottweiler leisten ihm Gesellschaft. Dan sorgt sich um seinen Geisteszustand. Er befürchtet, dement zu werden, wie seine Frau, die vor ein paar Jahren starb.

Der kaltblütige Rentner

Zudem scheint er auch paranoid zu sein. Seiner Tochter Emily (Alia Shawkat) erzählt er am Telefon, dass irgendwas nicht stimme. Dan bastelt aus Büchsen eine Art Alarmanlage und installiert sie im Haus.

Tatsächlich scheppert es eines Nachts. Dan entdeckt einen Einbrecher. Er hetzt die Hunde auf ihn. Als der Eindringling am Boden liegt, fragt Dan nach seinem Namen. Er erhält keine Antwort und erschiesst ihn kaltblütig.

Dan hält sich zwei Rottweiler. Weniger aus Tierliebe. Sie sind seine brandgefährlichen Leibwächter. © FX/Disney+
Eingeholt von der Vergangenheit

Es war kein gewöhnlicher Einbrecher. Darauf deutet der Schalldämpfer, den er auf seiner Waffe aufgesetzt hatte. Und Dan ist kein gewöhnlicher alter Mann, sondern ein ehemaliger CIA-Agent, der seit über drei Jahrzehnten untergetaucht ist.

Doch jetzt holt in seine Vergangenheit ein. Eine Spezialeinheit der CIA hat ihn aufgespürt. In die Operation involviert ist auch der stellvertretende FBI-Direktor Harald Harper (John Lithgow).

Zwei alte Freunde werden zu Todfeinden

Harper und Chase haben eine gemeinsame Vergangenheit. Sie waren beide in Afghanistan, als die CIA in verdeckten Operationen afghanische Warlords im Krieg gegen die Sowjetunion unterstützte. Diese alte Geschichte bringt sie erneut zusammen. Allerdings auf unterschiedlichen Seiten.

Während Chase auf der Flucht ist und Harper die Jagd organisiert, enthüllt sich langsam, was damals in Afghanistan passiert ist und weshalb das für beide 30 Jahre später lebensgefährlich wird.

Im Afghanistan-Krieg beschaffte Dan (Bill Heck) Waffen für einen Warlord im Kampf gegen die Sowjetunion. © FX/Disney+

Einschätzung

Gleich am Anfang gibt es diese eine Szene. Chase kämpft gegen einen CIA-Agenten. Minutenlang versetzen sich die beiden Fausthiebe, würgen sich gegenseitig, wälzen sich am Boden. Ein schier endloser Kampf, den Chase verliert. Aber am Schluss eben doch nicht. Seine Hunde zerfleischen den Widersacher.

Action ist eher untypisch für die Serie

Dieser Kampf zeigt: Chase hat zwar noch einiges drauf, ist aber schlicht zu alt für solche Zweikämpfe. Aber er erledigt auf seine Weise gnadenlos, wer sich ihm in den Weg stellt. Chase will dabei nicht nur sich selber schützen, sondern vor allem seine Tochter.

Harold Harper (John Lithgow) hat zu einer seinen Agentinnen eine familiäre Beziehung entwickelt, die sich überraschend verändern wird. © FX/Disney+

Andererseits ist diese Actionszene untypisch für «The Old Man». Viel öfter grübeln die Figuren der Frage nach, was war, was ist und weshalb es nach 30 Jahren wohl unvermeidlich so weit kommen musste.

Viele alte Männer, aber nicht nur zum Glück

Das wäre wahrscheinlich langweilig, wenn das einerseits nur die alten Männer täten, von denen es noch mehr als nur Chase und Harper gibt. Und andererseits nicht so hervorragende Schauspieler wie Bridges und Lithgow die Mono- und Dialoge führten.

Da sind zum Glück aber ein paar andere Figuren, die auch etwas zu sagen haben. Emily, die Tochter von Chase, hören wir lange nur am Telefon. Als sie dann auftaucht, sind die Umstände ziemlich überraschend. Emily rückt immer mehr ins Zentrum des Geschehens.

Zoes überraschende Wandlung

Eher unfreiwillig wird Zoe (Amy Brennaman) in die Geschichte verwickelt. Chase mietet sich auf der Flucht bei ihr ein. Als er erneut aufgespürt wird, nimmt er sie mit, weil seine Verfolger mit ihr wohl kurzen Prozess machen würden.

Zoe ist aber alles andere als dankbar dafür und sie lässt sich nicht einfach rumkommandieren. Chase muss zur Kenntnis nehmen, dass er sie ziemlich falsch eingeschätzt hat.

Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch in einem Restaurant und reden miteinander.
Zoe (Amy Brennaman) entpuppt sich als clevere Frau, die aus der unmöglichen Situation, in die sie Chase bringt, einiges für sich rausholt. © FX/Disney+
Unüblich behäbig, aber überzeugend

Für einen Thriller ist «The Old Man» beinahe etwas zu behäbig inszeniert. Lange Dialoge beim Autofahren, viele Rückblenden und eben wenig Action. Das kann man als altersgerecht ansehen angesichts der schon fast betagten Protagonisten.

Es dient aber vor allem dazu, den Figuren Raum und Zeit für ihre Geschichten zu geben. Der Thrill passiert mehr auf der psychologischen Ebene und mit der einen oder anderen überraschenden Wendung. Eher unüblich für das Genre, aber überzeugend im Resultat. Einzig wieder einmal der übliche Dämpfer: Kein befriedigendes Ende nach der ersten Staffel. Man muss wieder warten, bis die zweite kommt.

Wie viele Sterne gibst du «The Old Man» Staffel 1?

Besetzung: Jeff Bridges | John Lithgow | Alia Shawkat | Amy Brenneman | E.J. Bonilla | Bill Heck | Hiam Abbass | Gbenga Akinnagbe | Leem Lubany
Serie entwickelt von: Robert Levine | Jonathan E. Steinberg
Genre: Thriller | Drama
USA, 2022

Mr. Mayor (Staffel 1&2) – Sonniger Humor im Rathaus von L.A.

Läuft bei: Sky (2 Staffeln, 20 Episoden à 20 Min.)

Eigentlich hat sich Neil Bremer (Ted Danson) schon lange zur Ruhe gesetzt. Er ist mit Strassenreklamen reich geworden, was er bei jeder unpassenden Gelegenheit gerne erwähnt, und widmete sich nach der Scheidung der Betreuung seiner Tochter Orly (Kyla Kenedy).

Keine Ahnung von Politik

Neil bekommt das Gefühl, seine Teenager-Tochter halte nicht so viel von ihm, weil sie nie mitbekommen hat, wie erfolgreich er als Geschäftsmann war. Deshalb will er ihr und sich beweisen, dass er es immer noch drauf hat.

Er kandidiert als Bürgermeister von Los Angeles und gewinnt – zum Entsetzen seiner Wahlkampfleiterin Mikaela Shaw (Vella Lovell). Denn von Politik hat Neil keine Ahnung. Aber er glaubt, seine Erfahrung als Firmenboss mache das mehr als wett.

Neil Bremer (Ted Danson) muss sich als Bürgermeister mit den Problemen der Angelenos herumschlagen. © Sky/NBCUniversal
Das Desaster mit den Strohhalmen

Logisch, dass das nicht genügt, um sich im Polit- und Verwaltungsdschungel der Stadtregierung zu behaupten. Gleich mit seinem ersten Amtsakt erleidet er doppelten Schiffbruch.

Neil will Strohhalme in ganz L.A. verbieten. Eine Idee, mit der seine Tochter fürs Schulparlament kandidieren wollte, und jetzt sauer ist, dass er sie ihr geklaut hat.

Noch schwerwiegender ist der Widerstand, den die Stadtabgeordnete Arpi Meskimen (Holly Hunter) organisiert. Sie wirft dem Bürgermeister vor, er wolle die Behinderten diskriminieren, die auf Strohhalme zum Trinken angewiesen seien.

Die erfahrene und leicht exzentrische Stadtabgeordnete Arpi Meskimen (Holly Hunter) wird von der politischen Gegnerin zur Verbündeten. © Sky/NBCUniversal
Weitere Pleiten und Pannen folgen

Neil löst das Problem elegant. Er engagiert Arpi als Stellvertreterin. Damit holt er jemanden an Bord, der ihn und sein Team mit den Finessen der Politik in L.A. vertraut macht.

Denn die Strohhalm-Affäre war nur der Anfang der Schwierigkeiten, mit denen sich Mayor Bremer auseinandersetzen muss. Dass er dabei auch mal Mariuhana-Gummibärchen isst, hilft nicht zwingend.

Einschätzung

Mit Tina Fey und Robert Carlock stehen zwei Sitcom-Schwergewichte hinter «Mr. Mayor». Die beiden zeichneten verantwortlich für die grossartige Mediensatiresatire «30 Rock» und die schräge Komödie «Unbreakable Kimmy Schmidt».

Sonniger Humor

Dass die beiden die Handlung von New York nach L.A. verlegt haben, scheint sich auf die Machart auszuwirken. Der Humor ist sonniger und fröhlicher geworden, verglichen mit den manchmal bösartig zynischen Vorläufern. Geblieben sind die hoch getaktete Pointenkadenz und ein sehr gefälliges Figurenensemble.

Dem reichen Neil Bremer, der wert darauflegt, dass er zu den 0,1 Prozent und nicht nur zu den 1 Prozent gehört, steht Arpi Meskimen gegenüber. Für US-amerikanische Verhältnisse ist sie eine Linksradikale, die die Stadt eigentlich für ein ökologisches Verbrechen hält. Nicht ohne Grund habe hier vor den Weissen niemand gesiedelt.

Die Generation Instagram übernimmt das Rathaus

Mikaela Shaw und Tommy Tomàs (Mike Cabellon) sind die Millenials im Ratshaus. Jung und als Stabschefin und Chefstratege die Bosse in der Verwaltung, ziemlich überheblich gegenüber allen, die älter sind als 35 und nicht mindestens 1000 Follower auf Instagram haben.

Tommy (Mike Cabellon) und Mikaela (Vella Lovell) sollten eigentlich den Laden schmeissen, aber sind manchmal auch leicht überfordert. © Sky/NBCUniversal

Unter denen ist auch Jayden (Bobby Moynihan), der Kommunikationschef des Rathauses, der als Altlast aus der vorherigen Administration rumdümpelt und fliessend «Dothraki» spricht. Von seinem eigentlichen Job hat er aber keine grosse Ahnung.

Von der Avocado-Krise zur Läuseplage

Und nicht zuletzt sorgt Orly als Teenager für manch amüsante Episode, wenn sie sich mal wieder mit ihrem Vater anlegt. Etwa wenn der ihr Sex nur aus Liebe empfiehlt, gleich anschliessend eine Escortdame trifft und sie das herausfindet.

Dieser Truppe zuzuschauen, wie sie eine Avocado-Krise bewältigen muss, dem Nobelquartier eine Recyclinganlage schmackhaft machen will oder mit der unvorhergesehen Läuseplage umgeht, die die kostenlos verteilten Scooterhelme verursachen, ist amüsant.

Andie MacDowell wehrt sich als Bewohnerin des Nobelviertels Brentwood gegen eine Recyclinganlage in der Nachbarschaft und verdreht dem Bürgermeister den Kopf. © Sky/NBCUniversal
Schluss nach zwei Staffeln, aber es gibt eine Alternative

«Mr. Mayor» ist bestens geeignet, um sich am Abend mit drei Episoden eine Stunde lang unbeschwert zu vergnügen. Wenn die beiden Staffeln durch sind, ist allerdings Schluss. Die Serie wurde nicht verlängert.

Es gibt aber eine andere Komödie mit Ted Danson, die sogar noch besser ist. Wer «The Good Place» nicht kennt – unbedingt schauen. Alle vier Staffeln sind auf Netflix.

Wie viele Sterne gibst du «Mr. Mayor» Staffel 1&2?

Besetzung: Ted Danson | Holly Hunter | Vella Lovell | Mike Cabellon | Kyla Kenedy | Bobby Moynihan
Serie entwickelt von: Tina Fey | Robert Carlock
Genre: Komödie
USA, 2021

Die Kaiserin (Staffel 1) – Sisi darf nicht sterben!?

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (1 Staffeln, 6 Episoden à 50 Min.)

Wer kennt sie nicht: Elisabeth Amalie Eugenie von Wittelsbach, genannt Sisi, die in jungen Jahren den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. heiratete und somit zur Kaiserin des habsburgischen Reichs wurde.

Die ungezähmte Rebellin für die Gen Z

Möglich, dass ein paar Angehörige der Gen Z bislang um die «Sissi»-Filme mit Romy Schneider herumgekommen sind. Vielleicht zielt Netflix mit der Neuadaption des Lebens der unglücklichen Kaiserin auf diese Zielgruppe. Einiges spricht dafür.

Showrunnerin Katharina Eyssen inszeniert ihre Kaiserin als «kreatives, ungezähmtes, revolutionäres Geschöpf, das in seiner Zeit keinen Platz hat.» Alles andere als eine starke, unabhängige Frauenfigur würde vermutlich beim jungen Publikum, aber wohl nicht nur dort, in einem Shitstorm untergehen.

Die Kaiserin (Devrim Lingnau) ist wild entschlossen, sich nicht den höfischen Regeln zu unterwerfen. © Netflix

Dass sich die Serie dafür ein paar Freiheiten nehmen muss, versteht sich von selbst. Die Frage ist: Stört es, wenn die Serien-Elisabeth – auf diesen Namen besteht sie – von der historischen Sisi abweicht? Nicht grundsätzlich, denn «Die Kaiserin» will ja keine Dokumentation sein.

Eher bemühend: geschichtsklitternde Sozialromantik

Dass Elisabeth lustvoll mit ihrem Franz Sex hat, während die historische Sisi dem Geschlechtsakt eher abgeneigt gewesen sein soll – was solls? Bemühend wird es allerdings, wenn dem Kaiserpaar eine starke soziale Ader angedichtet wird.

Franz war ein Leben lang überzeugter absolutistischer Herrscher und Sisi benutzte zur Schönheitspflege des Gesichts Rindfleisch, was sich die einfachen Leute nicht einmal zum Essen leisten konnten. Habsburger Monarch:innen als Wegbereiter des sozialen Umbruchs darzustellen, ist aberwitzig und überspannt den Bogen der künstlerischen Freiheit.

Franz Joseph (Philip Froissant) findet sich in der Serie in seiner Herrscherrolle schlecht zurecht. © Netflix
Sisi als Diana der Habsburger

Aber klar: Die Serie bedient hier ein anderes Bild, das sich bereits in der Popkultur verankert hat. Elisabeth als Kaiserin der Herzen. Wie Prinzessin Diana sorgt sich Elisabeth um die Armen und Kranken. Einem Mädchen, das in den giftigen Dämpfen einer Eisengiesserei arbeiten muss, schenkt Elisabeth ihre Schuhe, als sie die löchrigen Lappen sieht, die das Mädchen an den Füssen trägt.

Fun-Facts
• Philip Froissant, der Franz Joseph I. spielt, war noch auf der Schauspielschule, als er die Zusage für die Rolle des Kaisers erhielt.
• Devrim Lingnau, die Elisabeth spielt, hatte die «Sissi»-Filme vorher nie gesehen.
• Als Kulisse für Schönbrunn, den Palast der Habsburger in Wien, diente Schloss Weissenstein in Bayern.
• Der Dokumentarfilm «Sisi – Mythos einer Märchenprinzessin» von 2017 ist auch wieder im Programm des ZDF. Er wird am 6.11. um 9.45 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt. Wer nicht warten mag, hier auf YouTube.
• Das Leben von Maximilian, dem jüngeren Bruder von Franz Joseph, ist wohl weniger bekannt, aber kaum weniger tragisch als jenes von Sisi.

Vielleicht ist der ganze historisch inakkurate Ausflug in die Sozialgeschichte dem englischen Königshaus, respektive der Netflix-Serie «The Crown» geschuldet. Die Windsors sind tatsächlich auf die Akzeptanz im gemeinen Volk angewiesen. Das ist in «The Crown» immer wieder thematisiert.

Eine Revolutionärin unter den Hofdamen

Möglicherweise fühlte sich «Die Kaiserin» deshalb ebenfalls verpflichtet, diesen Faden in die Geschichte einzuspinnen. Allerdings liegen zwischen der britischen Elizabeth und der österreichischen Elisabeth etwa 100 Jahren. Im 19. Jahrhundert war den Monarchen das Volk noch ziemlich schnurz.

Natürlich dient die tatsächlich angespannte Lage im Volk in der Serie auch dazu, um etwas Spannung ins Hofleben zu bringen. Unter Elisabeths Hofdamen hat sich eine Revolutionärin eingeschlichen, die ein Attentat plant: «Für das Volk!»

Prunk und wallende Gewänder kommen in «Die Kaiserin» nicht zu kurz. © Netflix

Aber auch diesen Plot hätte es nicht gebraucht. Es passieren genug Intrigen im kaiserlichen Palast. Elisabeths Schwiegermutter ist zwar nicht bösartig, wie ihr «Sissi»-Pendant, dennoch entschlossen, aus dem aufmüpfigen Mädchen eine würdige Kaiserin zu machen. Und Maximilian plant nichts Geringeres, als seinen Bruder Franz vom Thron zu stürzen.

Haben wir auf eine neue Sisi gewartet? Jein

Bleibt noch die Frage: Braucht es überhaupt eine Neuauflage der alten Geschichte? Eigenlicht nein, denn «Die Kaiserin» ist einfach eine leicht aufgepeppte «Sissi»-Version.

Andererseits kann man sich einfach zurücklehnen, die eleganten Kostüme geniessen und die prunkvollen Kulissen bewundern, in der ein paar nicht unsympathische Menschen ihre Probleme wälzen. Es gibt viele weniger ansprechend gemachte Serien als «Die Kaiserin».

Wie viele Sterne gibst du «Die Kaiserin» Staffel 1?

Besetzung: Devrim Lingnau | Philip Froissant | Melika Foroutan | Johannes Nussbaum | Almila Bagriacik | Wiebke Puls | Elisa Schlott | Jördis Triebel
Serie entwickelt von: Katharina Eyssen
Genre: Romanze | Historie | Drama
D, 2022

The Undeclared War (Staffel 1) – Cyberthriller mit zu viel Zeitgeist-Beigemüse

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Saara Parvin (Hannah Khalique-Brown) hat ihren ersten Arbeitstag als Praktikantin in den «Government Communications Headquarters» (GCHQ). Die britische Regierungsbehörde ist für die Cybersicherheit des Landes zuständig.

Die Praktikantin stellt die Nerds in den Schatten

Saara hat ein gutes Timing. Es wird gleich spannend, weil eine russische Cyberattacke Teile des britischen Internets lahmlegt. Die blitzgescheite IT-Studentin beweist, was sie drauf hat. Sie findet in der russischen Malware den Code für eine zweite Angriffsstufe.

In den GCHQ klopft man sich gegenseitig auf die Schultern: well done, let’s go for a pint! Dabei war das erst der Anfang des russischen Angriffs.

Saara (Hannah Khalique-Brown) macht sich nicht nur Freunde unter den GCHQ-Codern, als sie einen zweiten Angriffscode entdeckt. © Sky/NBCUniversal
Nur die Vorstufe zum richtigen Krieg

Was die Russen im Schilde führen, erfahren wir durch Vadim (German Segal). Er war auf derselben Uni wie Saara, wurde aber nach Russland zurückbeordert. Er landet beim Geheimdienst (FSB) als Coder in der Abteilung, die den Angriff auf Grossbritannien orchestriert.

Vadim ist entsetzt, als er die Ziele des Angriffs erfährt. Der FSB nimmt einen heissen Krieg mit den Briten in Kauf. Deshalb versteckt Vadim in der Malware eine Botschaft für ein Treffen.

Die Gefahr nicht erkannt

Saara entschlüsselt die Botschaft und trifft Vadim, der sie vor einer dritten Angriffswelle warnt. Allerdings kann er keine genauen Angaben machen, wie und wo die Russen zuschlagen werden. Für Saaras Vorgesetzten Danny (Simon Pegg) ist die Warnung zu vage. Saara muss auf eigene Faust weitersuchen.

Einschätzung

In den letzten beiden Episoden wird «The Undeclared War» richtig spannend. Die Russen sabotieren die britischen Parlamentswahlen, auf der Strasse protestieren Hunderttausende, die Regierung steht unter Druck und beschliesst massive Vergeltungsschläge gegen Russland.

Was will die Serie bloss?

Um so weit zu kommen, braucht es aber Durchhaltewillen. Die Serie hat zu viele Mängel und erweckt durchgehend den Anschein, dass sie nicht so genau weiss, was sie eigentlich will.

Natürlich: Der Cyberwar ist ein zentrales Thema. Das ist sogar witzig inszeniert. Wenn Saara sich an die Tastatur setzt und auf dem Bildschirm die Codezeilen vorbeiflimmern, wechselt die Szenerie. In einer Art Virtual Reality wandert Saara bewaffnet mit einem Werkzeuggürtel durch Gebäude und versucht Schlösser zu knacken und Hinweise zu finden.

Unterwegs in der Malware: Statt langweilige Codezeilen durchforstet Saara Gebäude. © Sky/NBCUniversal
Zeitgeist ohne Ende

Aber dann ist da auch Rassismus. Saara ist Muslima, ihr Bruder entsetzt, als er erfährt, dass sie für den repressiven Staatsapparat arbeitet, unter dem ihre Gemeinschaft zu leiden hat. Familiär kommen unbewältigte Probleme mit ihrem Vater dazu.

Rechtsnationale Hooligans tauchen auch auf, aufgewiegelt durch Medien, die Fake News verbreiten. Die Schlägertruppe überfällt ein linkes Aktivistencamp, in dem Saaras Freund verkehrt. Die Polizei schaut dabei zu und grinst hämisch.

Klar, altbacken geht heute nicht mehr

Und was mit non-heteronormativ gibt es auch: Saara verliebt sich am neuen Arbeitsort. Sie geht nicht mit einem Kollegen fremd, sondern mit der NSA-Verbindungsfrau.

Es leuchtet mir völlig ein, dass der Autor Peter Kosminsky versucht, eine altbackene Inszenierung zu vermeiden, in der sich das Geschehen auf der Chefetage mit alten weissen Männern abspielen würde. Aber auch das funktioniert nur, wenn der Plot fokussiert und die alternativen Hauptfiguren überzeugend und konsistent sind.

Die Chefetage – hier eine Krisensitzung des Kabinetts – spielt nur die zweite Geige in der Story. © Sky/NBCUniversal
Zu viel gewollt und deshalb überladen

Das ist hier nicht der Fall. Die Geschichte mäandert vom Politthriller zum Familiendrama, von der Liebesgeschichte (übrigens mit Vadim alles auch in russischer Version erhältlich) bis zur Gesellschafts- und Medienkritik.

Logischerweise wirken die Hauptfiguren deshalb überladen und unbeständig. Man fragt sich dauernd, worauf es bei ihren Figuren jetzt eigentlich ankommt.

Hätte spannend sein können, wenn …

Schwierig wird es auch, wenn man Schauspieler wie Simon Pegg und allen voran Mark Rylance in die zweite Reihe stellen will. Sobald Rylance im Bild ist, verblasst alles rundum. Da hat Saara als Figur und Hannah Khalique-Brown als Schauspielerin keine Chance.

Wenn «The Undeclared War» tatsächlich nur die titelgebende Geschichte erzählen würde, wäre die Serie womöglich spannend. So irritiert sie mit durcheinander gewürfelten Erzählsträngen, die der Serie weder Tiefe noch Vielfalt verleihen.

Mark Rylance dominiert jede Szene, in der er vorkommt. Nicht nur, wenn die Kamera auf ihn fokussiert. © Sky/NBCUniversal
Einen Extra-Stern für Mark Rylance

Deshalb gibt es nur 2 Sterne, plus einen Stern für Mark Rylance, der auch in seiner winzigen Nebenrolle wieder mal glänzt. (Wahrscheinlich spielte er nur mit, weil er mit Kosminsky befreundet ist. Die beiden haben bei «Wolf Hall» zusammengearbeitet. Diese Serie, basierend auf dem Buch der kürzlich verstorbenen Hilary Mantel, war sehr gut).

Wie viele Sterne gibst du «The Undeclared War» Staffel 1?

Besetzung: Hannah Khalique-Brown | Simon Pegg | Maisie Richardson-Sellers | Edward Holcroft | Adrian Lester | Mark Rylance | German Segal | Alex Jennings | Tinatin Dalakishvili
Serie entwickelt von: Peter Kosminsky
Genre: Thriller | Science-Fiction | Drama
GB, 2022