All the Light We Cannot See (Mini-Serie) – Ein Kriegsdrama, das kaum Emotionen weckt

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Serienposter mit Schriftzug. Eine junge Frau mit zerschundenen Beinen sitzt am Boden angelehnt an eine Steinmauer. Sie hat Kopfhörer aufgesetzt, die sie mit beiden Händen hält.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 4 Episoden à 60 Min.)

Wenn er als grosser Fan der Buchvorlage glücklich sei, verkündete Regisseur Shawn Levy («Stranger Things», «Free Guy»), dann würden auch alle anderen glücklich sein, die das Buch gelesen haben. Da täuschte er sich gewaltig. Gerade aus dieser Ecke hagelt es Kritik an der Umsetzung in der vierteiligen Mini-Serie auf Netflix.

Weder enttäuschend noch überzeugend

Deshalb hat man als Nicht-Leser:in der Vorlage von Anthony Doerr, die 2015 den Pulitzer-Preis für Fiktion gewann, die besseren Voraussetzungen, nicht enttäuscht zu werden. Dachte ich.

Jetzt ist dieses Zweit-Weltkriegs-Drama allein für sich betrachtet nicht gerade eine Enttäuschung. Aber die Mini-Serie lässt einen seltsam unberührt trotz der verschiedenen Erzählstränge, die eigentlich emotional mitreissen sollten.

Die blinde Vorleserin

Im Mittelpunkt steht Marie-Laure (Aria Mia Loberti), eine junge, blinde Frau, die 1944 in Saint-Malo streng verbotene Radioübertragungen macht. Sie liest Auszüge aus Jules Vernes «20’000 Meilen unter dem Meer». Was sie daraus vorliest, gibt ihr ihr Onkel Etienne (Hugh Laurie) vor. Denn die Übertragungen dienen als codierte Botschaften der Résistance an die Alliierten Streitkräfte.

Eine junge schwarzhaarige Frau steht in einer blaugrünlichen Holztür. In der rechten Hand einen Blindenstock.
Aria Mia Loberti brach ihr Doktorat in antiker Rhetorik ab, um in die Schauspielerei zu wechseln. Als Marie-Laure wurde sie bei ihrem Debüt gleich in einer Hauptrolle besetzt. © Netflix

Marie-Laure sendet aber immer auch persönliche Botschaften an ihren Vater. Der ist seit Monaten verschwunden. Das hat mit einem Diamanten namens Sea of Flames zu tun. Dieses Juwel schmuggelte Daniel (Mark Ruffalo) beim Einmarsch der Nazis aus Paris heraus, als er mit seiner Tochter nach Saint-Malo floh.

Der böse Nazi und der gute Soldat

Damit kommen die Deutschen ins Spiel. Der SS-Offizier Reinhold von Rumpel (Lars Eidinger) ist hinter dem Diamanten her. Er ist ein Einmann-Kommando, das für den Führer alle Juwelen in den besetzten Gebieten finden und nach Deutschland schaffen soll.

In Saint-Malo ist der Funker Werner Pfennig (Louis Hofmann) stationiert. Er lauscht fasziniert der Stimme von Marie-Laure. Eigentlich wäre es seine Aufgabe, Marie-Laure aufzuspüren, was ihren sicheren Tod bedeuten würde.

Ein Mann in Uniform kommt eine Treppe herunter mit gezückter Pistole.
Lars Eidinger spielt wie gewohnt mit viel Energie: Er ist der SS-Mann Reinhold von Rumpel, der sich von einem Diamanten ein Wunder erhofft. © Netflix

Werner verheimlicht aber, dass er eine feindliche Radiofunkerin entdeckt hat. Denn die beiden verbindet eine Erfahrung aus ihrer Kindheit. Damals hörten sie auf derselben Frequenz, auf der jetzt Marie-Laure sendet, die Stimme eines Mannes, der sich der Professor nannte.

Dessen Sendungen richteten sich explizit an Kinder. Er sprach über Geschichte, Wissenschaft, Kunst und Kultur. Sowohl für Werner wie für Marie-Laure waren die Worte des Professors prägend für ihre Weltsicht.

Schuld und Sühne

Werner ist sicher die interessanteste Figur. Für einmal nicht der typische Nazi-Soldat, sondern der gute Junge, der zum Bösen gezwungen wird. Er lädt deshalb aber nicht weniger Schuld auf sich, denn auch er trägt Verantwortung dafür, dass durch seine Taten Menschen getötet werden.

Ein junger Mann in Uniform sitzt an einem Tisch vor einem Funkempfänger.
Auch wenn er nur Funkquellen ortet: Werner Pfennig (Louis Hofmann) weiss, dass es das Todesurteil bedeutet, für die Menschen, die am Ausgangspunkt des Signals sitzen. © Netflix

Diese Frage von Schuld und Sühne sollte wohl ein tragendes Element der Geschichte sein. Werner tut alles dafür, um Marie-Laure zu retten. Er tötet sogar Kameraden, um sie zu beschützen. Damit stellt er sich auf die richtige Seite im Krieg.

Aber reicht das, um seine Schuld zu sühnen? Die Serie liefert hier eine optimistischere Antwort als die Buchvorlage, in dem sie am Schluss einiges offen lässt.

Grosse Fragen für den Kopf, wenig Futter fürs Herz

Das passt zum Grundton von «All the Light We Cannot See», der postuliert, wie es der Titel antönt, dass Licht selbst in der grössten Dunkelheit existiert. Also auch in schlimmsten Zeiten wie dem Krieg Hoffnung besteht.

Ein Mann in Mantel und Hut kniet vor einem Mädchen mit Blindenstock in der Hand und lächelt es an.
Die Serie erzählt ihre Geschichte mit oft wechselnden Zeitebenen: Marie-Laure als Kind mit ihrem Vater Daniel (Mark Ruffalo). © Netflix

Diese grossen Fragen lassen sich zwar herauslesen, sie beschäftigen einen aber höchstens im Kopf ein bisschen. Es gelingt der Serie nicht, einem die Figuren, die tragische Verluste erleiden und grosse Opfer bringen, so nahezubringen, dass man wirklich mit ihnen mitfühlt.

Überzeugende Newcomerin

Was bleibt am Schluss sind die Bilder von einer wunderschönen Stadt, die in Schutt und Asche gelegt wird. Ein paar gelungene Szenen, die nachdenklich stimmen, und eine Besetzung, der man gerne zuschaut.

Eine junge Frau sitzt bei einem jungen Mann auf dem Bettrand in einem Schlafsaal.
Die Schweizerin Luna Wedler spielt Werners Schwester Jutta, die mit ihm zusammen im Waisenhaus aufwächst. © Netflix

Mark Ruffalo und vor allem Hugh Laurie kommen zwar wenig zur Geltung. Dafür überzeugt Aria Mia Loberti umso mehr in ihrer ersten Rolle überhaupt. Lars Eidinger spielt wie schon in «Babylon Berlin» den irren Besessenen mit voller Energie.

Das Wiedersehen mit Louis Hofmann, den man als Jonas aus «Dark» in guter Erinnerung hat, ist ebenso erfreulich wie die Auftritte der Schweizer Schauspielerin Luna Wedler («Ich bin Sophie Scholl», «Blue My Mind»), die leider nur in einer Nebenrolle zu sehen ist.

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Besetzung: Aria Mia Loberti | Louis Hofmann | Lars Eidinger | Hugh Laurie | Mark Ruffalo | Marion Bailey | Luna Wedler | Jakob Diehl | James Dryden
Serie entwickelt von: Steven Knight
Genre: Drama | Historie
USA, 2023

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