Gaslit (Mini-Serie) – Die Frau, die Nixon stürzen wollte

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 8 Episoden à 50 Min.)

Am 27. Januar 1972 präsentiert der ehemalige FBI-Agent G. Gordon Liddy (Shea Whigham) dem «Committee for the Re-Election of the President» (CRP) die Operation «Gemstone». Er unterbreitet eine Reihe von Vorschlägen, wie der Wahlkampf der gegnerischen Demokraten sabotiert werden könnte: Entführungen, Sex-Skandale mit Prostituierten, Abhöraktionen.

Den Anwesenden, darunter Justizminister John Mitchell (Sean Penn) und Präsidentenberater John Dean (Dan Stevens), sind diese Pläne dann doch etwas zu radikal, vor allem auch zu teuer. Mitchell bewilligt später, dannzumal als CRP-Chef, lediglich die Abhöraktionen.

Die Geschichte der Nebenfiguren

Der Rest ist Geschichte. Der zweite Einbruch im Juni 1972 ins Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel fliegt auf. Das FBI beginnt zu ermitteln.

«Gaslit» erzählt die Aufdeckung des Watergate-Skandals aus der Perspektive von Figuren, die historisch eher am Rand erwähnt werden. Nicht Nixon steht im Zentrum, sondern allen voran das Ehepaar Mitchell.

«The mouth of the south»

Martha Mitchell (Julia Roberts) ist alles andere als die still lächelnde Gattin an der Seite ihres Mannes. Sie weiss, was politisch läuft, weil sie ihren Mann belauscht. Sie ist beliebter Gast in Talkshows, weil sie mit ihrer Meinung nicht zurückhält, und bestens vernetzt mit Journalist:innen. So hat sie sich ihren Spitznamen verdient: «The mouth of the south».

Als der Watergate-Skandal auffliegt, will Martha mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit, um Nixon zu Fall zu bringen. Das führt zu massiven Problemen mit ihrem Mann. John greift zu haarsträubenden Massnahmen, um zu verhindern, dass seine Frau die Presse kontaktiert.

Die weiteren Erzählstränge widmen sich John Dean, Gordon Liddy, aber auch dem Wachmann Frank Willis, der den Einbruch entdeckt hat.

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Einschätzung

«Gaslit» liefert üppiges Drama, fesselnde bis aberwitzige Figuren. Der Erzählton wechselt nahtlos von Tragik ins Komische bis hin zum Absurden. Zum Glück gibt’s noch Figuren, die beinahe so etwas wie Normalität leben in dieser wahnwitzigen Geschichte.

Auf dem Weg zum Abgrund

Das Hauptmotiv sind die Szenen einer Ehe inmitten eines Politskandals. Was Martha und John Mitchell überhaupt zusammenbrachte, erschliesst sich zwar nie ganz. Vielleicht war es ihre Unbändigkeit, die John faszinierte, und sein Machtwille, der ihr imponierte.

Wir begegnen den beiden, als Marthas öffentliche Auftritte für John zum Problem werden. Alles, was weiter passiert, führt Schritt für Schritt zum Zusammenbruch der Ehe. Was am Ende übrig bleibt, ist vielleicht nicht blanker Hass, aber eine tiefe Abneigung.

Please nail him

Nachdem John zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, meinte er lakonisch: «It could have been worse. They could have sentenced me to spend the rest of my life with Martha Mitchell.» Martha wollte nach der Trennung von John den beiden Watergate-Enthüllern Woodward und Bernstein Unterlagen ihres Mannes zur Verfügung stellen und bat die beiden: «Please nail him. I hope you get that bastard.»

Auch wenn Martha massiv misshandelt wird von ihrem Mann und er ihren Ruf zerstört – sie ist nicht nur das Opfer. Sicher hatte sie recht mit ihren Anschuldigungen gegen Nixon. Ihr Motiv, das öffentlich zu machen, basiert zumindest in der Serie nicht nur auf dem Wunsch nach Gerechtigkeit.

Martha würde heute bei Fox News auftreten

Da ist ebenso ihr Wille, den Ruf und ihr gesellschaftliches Ansehen zu bewahren. Und es ist ihre Lust, im Scheinwerferlicht zu stehen. «Gaslit»-Macher Robbie Pickering beschreibt Martha Mitchell als «conservative cheerleader», wie man sie heute von Fox News kenne.

Julia Roberts und Sean Penn spielen ihre Figuren eindringlich. Es verursacht schon fast physische Schmerzen, zusehen zu müssen, wie sich dieses Paar gegenseitig zerfleischt.

John und Mo Dean – das Kontrast-Paar

Da braucht es schon den Kontrast mit John und Mo Dean, damit man durchhält. Er ist zwar ebenfalls tief verstrickt in den Skandal. Gemeinsam mit seiner Frau findet er aber einen anderen Umgang damit.

Das macht ihn nicht weniger schuldig, auch nicht zwingend sympathisch. Zumindest schaffen es die beiden aber, ihre Leben nicht zu zerstören.

Gordon Liddy – durchgeknallt und landesweit erfolgreich

Ein ganz anderes Kapitel schlägt die Serie mit der Figur von Gordon Liddy (Shea Whigham) auf. Er ist der völlig durchgeknallte Organisator des Watergate-Einbruchs, der sich als wehrhafter Kämpfer gegen alles Böse in dieser Welt sieht, worunter nicht nur Kommunisten oder Demokraten fallen, sondern auch Juden.

Liddy wird als Hitler-verehrender Faschist und gewalttätiger Psychopath geschildert, der auch die Ermordung eines nicht genehmen Journalisten plante. Man mag es kaum glauben, aber offenbar ist das alles belegt.

Noch unglaublicher ist nur, dass Liddy nach seiner Freilassung eine erfolgreiche Karriere verfolgte, unter anderem mit einer eigenen Radiosendung, die landesweit ausgestrahlt wurde.

Watergate ist Geschichte, oder?

«Gaslit» zeigt den Watergate-Skandal zum 50-Jahre-Jubiläum der Ereignisse aus einer ganz anderen Perspektive, als man sie bisher gekannt hat. Dabei jagen einem die verschiedenen Geschichten ab und zu einen Schauer über den Rücken.

Wohlig ist dieser Schauer nicht, auch wenn Watergate Geschichte ist. Wir haben erst gerade erlebt, wozu ein US-amerikanischer Präsident und seine willigen Gefolgsleute auch heute fähig sind. Eine Martha Mitchell war weit und breit nicht zu sehen.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Gaslit»?

Besetzung: Julia Roberts | Sean Penn | Dan Stevens | Betty Gilpin | Shea Whigham | Darby Camp | Chris Bauer
Serie entwickelt von: Robbie Pickering
Genre: Historie | Biografie
USA, 2022

Clark (Mini-Serie) – Frauenschwarm und Polizistenschreck

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 6 Episoden à 60 Min.)

Stockholm 1973: In der «Kreditbanken» hat ein Räuber vier Geiseln genommen. Er verlangt, dass Clark Olofsson (Bill Skarsgård) in die Bank kommt. Was auch geschieht. Es ist der Höhepunkt der Karriere von Olofsson.

Clark Olofsson ist allerdings nicht etwa der Verhandlungsführer der Polizei. Er ist selber ein Krimineller, der wegen Bankraubes und schwerer Körperverletzung mal wieder einsitzt.

Schwedens Promi-Gangster Nr. 1

Clark Olofsson ist eine reale Figur, über den es mehrere Bücher und Filme gibt. Er gilt als der erste Promi-Gangster Schwedens und erlangte schon vor der Geiselnahme in Stockholm nationale Berühmtheit.

Mit dem «Norrmalmstorgsdramat» ging er aber auch international in die Geschichte ein, denn auf diese Geiselnahme geht der Begriff «Stockholm Syndrom» zurück.

«Clark» schildert die Karriere dieses Kriminellen, die sich im ewigen Kreis von Verbrechen, Gefängnis, Ausbruch, Partys, Liebschaften dreht, immer unter grosser Anteilnahme der Öffentlichkeit.

Ich finde

Wäre die Geschichte von Clark Olofsson fiktional, man hielte sie für übertrieben. Tatsächlich stimmt vieles, was die Serie erzählt.

Beispielsweise, dass Clark nach seinem ersten Ausbruch aus der Besserungsanstalt für Jugendliche in das Landgut des schwedischen Premierministers eindrang. Allerdings traf er dort nicht auf den Premierminister selbst, wie die Serie erzählt, sondern nur auf den Gärtner.

Frauenschwarm und Polizistenschreck

Auch seine Beliebtheit in der Öffentlichkeit und vor allem bei Frauen beruht offenbar auf Tatsachen. Selbst die trotteligen Polizisten sind nicht frei erfunden, wenn auch ihre Inkompetenz Slapstick-artig überzeichnet ist.

Bill Skarsgård spielt Clark mit gnadenloser Wucht. Ein narzisstischer Psychopath, der sich äusserst charmant geben kann. Im Grunde schert er sich aber einen Dreck um andere. Im Zentrum steht immer nur einer: Clark Olofsson.

Das zeigt sich insbesondere bei seinen Liebesbeziehungen. Frauen betört er, belügt und hintergeht sie, lässt sie – mit Kind – sitzen. Erstaunlicherweise hält das manche Freundin nicht davon ab, immer wieder auf ihn hereinzufallen.

Freigeist der 68er-Ära ad absurdum geführt

Den Zuschauenden mag es ähnlich gehen. Clark fasziniert. Rückblenden in seine Kindheit mögen vielleicht sogar so etwas wie Verständnis aufkommen lassen dafür, weshalb Clark zu dem wurde, was er ist.

Aber gleichzeitig wird diese Haltung in der Serie unterhaltsam persifliert. Der Zeitgeist der 68er-Ära mit Gefängnisreformen, Täterrehabilitation, freier Liebe und freiem Individuum wird durch Clark ad absurdum geführt. Er nutzt all das zu seinem eigenen Vorteil aus.

Faszinierend und abstossend – gut inszeniert

Deshalb passt der Vergleich zu ähnlichen Gangsterkomödien wie «Catch Me If You Can» nicht ganz. Der Hochstapler Frank (Leonardo DiCaprio) bleibt bis am Schluss sympathisch, auch weil er relativ harmlos ist.

Clark dagegen ist alles andere als harmlos. Er hinterlässt eine Spur von Verwüstung auf seelischer und physischer Ebene und bleibt schlicht nicht gesellschaftsfähig.

Der Serie gelingt es aber sehr ansprechend, dieses Hin und Her zwischen Faszination und Abstossung über sechs Episoden zu inszenieren.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Clark»?

Besetzung: Bill Skarsgård | Vilhelm Blomgren | Sandra Ilar | Hanna Björn
Genre: Krimi | Komödie | Biografie
SWE, 2022

The Dropout (Mini-Series) – Mit Lug und Trug zur Milliardärin im Silicon Valley

Läuft bei: Disney+ (Mini-Series, 8 Episoden à 45 Min.)

Wer die wahre Geschichte von Elizabeth Holmes und ihrer Firma Theranos nicht kennt und sich die Spannung erhalten will, sollte jetzt nicht weiterlesen, sondern einfach die Serie schauen.

Elizabeth (Amanda Seyfried) weiss, was sie will. Kurz bevor sie in Stanford ihr Studium beginnt, verkündet sie: «Ich will Milliardärin werden.» Und das wird sie.

Nach zwei Jahren bricht sie ihr Studium ab und gründet die Firma Theranos. Ihre revolutionäre Idee: ein Gerät zu entwickeln, das mit nur einem Tropfen Blut Dutzende Diagnosen erstellt. Das Gerät soll zudem so klein sein, dass man es bei sich zuhause aufstellen kann.

Es folgt ein kometenhafter Aufstieg. Nach einigen Jahren ist Theranos mit neun Milliarden Dollar bewertet, Elizabeth als die jüngste Selfmade-Milliardärin auf den Titelblättern von Forbes und Fortune und bestens vernetzt unter Amerikas Reichen und Mächtigen.

Es gibt allerdings ein Problem. Das Gerät funktioniert nicht. Mit Tricks, Betrug und Drohungen verheimlicht Elizabeth über Jahre, dass ihre Firma auf einer Lüge basiert. Nur langsam gelingt es einem Reporter des Wall Street Journals, diesen Betrug zu enthüllen.

Ich finde

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall von Elizabeth Holmes ist unglaublich faszinierend und abstossend zugleich. Das bringt «The Dropout» auch gut rüber.

Zu Beginn könnte man Sympathien entwickeln für diese junge Frau. Sie ist intelligent, ehrgeizig und fokussiert. Sie will die Welt besser machen und damit auch Geld verdienen, was soll daran schlecht sein? Sie lässt sich nicht beirren, durch Hürden, die man ihr – speziell als Frau in einer Tech-Welt – in den Weg stellt. Sie könnte dieses Vorbild sein für junge Frauen, für das man sie jahrelang hielt.

Wenn da nicht dieses Problem wäre, dass sich ihre Idee, die sie vollmundig überall verkauft, nicht realisieren lässt. Das Gerät funktioniert nicht. Jetzt wandelt sich Elizabeth.

Pullover, Baritonstimme und ein gruseliges Lächeln

Amanda Seyfried spielt das hervorragend. Mit dem typischen Holmes-Outfit – schwarzer Rollkragenpullover in Anlehnung an Steve Jobs – übt sie vor dem Spiegel mantramässig einen Motivationssatz mit einer tieferen Stimme (dass die echte Elizabeth ihre Stimme auf Bariton trainierte, bestreitet ihre Familie).

Dazu dieses Lächeln mit dem leicht vorgeschobenen Unterkiefer – schon fast gruselig. Das ist der Moment, in dem Elizabeth zur skrupellosen Geschäftsfrau wird, die ihren Erfolg, das Geld und ihr Ansehen mit allen Mitteln verteidigt.

Wenn man «The Dropout» etwas ankreiden kann, dann am ehesten, dass hier die Frage im Vordergrund steht: Wer ist Elizabeth Holmes? Das ist legitim, aber interessanter ist die Frage: Wie konnte es Elizabeth Holmes so weit bringen?

Wie erklärt sich der Erfolg?

Wie konnte eine ganze Armada der Polit- und Wirtschaftsprominenz auf sie hereinfallen: Bill Clinton, Joe Biden, George Shultz, Henry Kissinger, Rupert Murdoch, Larry Ellison und noch einige andere. Einfach nur alte weisse Männer, bei denen der Verstand aussetzt, wenn sie eine junge blonde Frau sehen?

Das greift wohl etwas zu kurz. Denn – das zeigt die Serie – Elizabeth spielte nicht nur hinterhältig mit der Angst der eingesessenen Wirtschaftsbosse, den Anschluss an die Start-up-Ära zu verpassen. Sie investierte auch viel, man kann wohl sagen, kriminelle Energie, um ihre Geschäftspartner über den Tisch zu ziehen und Gegner zum Schweigen zu bringen. Und dabei, das kommt in der Serie fast etwas zu kurz, gefährdete sie mit ihrer Firma über Jahre die Gesundheit von Patient:innen mit falschen Diagnosen.

«You hurt people»

Die Serie endet 2018, als Theranos dicht machen muss. Elizabeth packt im Büro ein paar Sachen zusammen, als sie von ihrer ehemaligen Anwältin mit unangenehmen Fragen konfrontiert wird. Sie läuft davon. «You hurt people, you must know that, right?» ruft ihr die Anwältin nach. Man darf’s bezweifeln.

Im selben Jahr wurden Elizabeth Holmes und ihr Freund und Geschäftspartner Ramesh «Sunny» Balwani angeklagt wegen Betrugs an Patientinnen und Investoren. Die Deliktsumme beläuft sich auf über 700 Millionen Dollar.

Im Januar 2022 wurde sie schuldig gesprochen wegen Betrugs an Investoren. Vom Vorwurf des Betrugs an Patient:innen wurde sie freigesprochen. Das Strafmass, maximal 20 Jahre, soll im September verkündet werden. Bis jetzt sass Elizabeth Holmes noch keinen Tag im Gefängnis.

Wer sich noch mehr vertiefen will:
  • «Bad Blood: Secrets and Lies in a Silicon Valley Startup» (2018). Das Sachbuch von John Carreyrou, der darin seine Recherche beim Wall Street Journal schildert.
  • «The Inventor: Out for Blood in Silicon Valley» (2019) Dokumentarfilm von Alex Gibney (Trailer). Gibney hat auch den hervorragenden Dok «Enron: The Smartest Guys in the Room» gedreht. Darin geht es ebenfalls um einen massiven Wirtschaftsbetrug. Fun Fact: Elizabeths Vater arbeitete bei Enron und wurde bei der Firmenpleite arbeitslos.
  • Podcast «The Dropout» (2019) von ABC News. Der ursprünglich sechsteilige Podcast diente in grossen Teilen als Vorlage für die Mini-Series.
    Der Podcast wurde 2021 weitergeführt mit dem Prozess gegen Elizabeth Holmes.
  • Podcast «Bad Blood: The Final Chapter» (2021). John Carreyrou über den Prozess gegen Holmes und Hintergründe zu Theranos aus seinen Recherchen.
  • Zum Schluss – die richtige Elizabeth vs Seyfrieds Elizabeth

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «The Dropout»?

Besetzung: Amanda Seyfried | Naveen Andrews | Anne Archer | William H. Macy | Stephen Fry | Sam Waterston
Showrunner: Elizabeth Meriwether
Genre: Drama | Biografie
USA, 2022