1899 (Staffel 1) – So mysteriös wie «Dark», aber (noch) nicht so packend

Serienpost mit Schriftzug. In der Mitte eine fallende Frau. Auf den Seiten Meer und zwei Schiffe.

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 55 Min.)

«1899» kann einem fast etwas leidtun. Die Serie tritt in so grosse Fussstapfen, diese Erwartungen kann sie fast unmöglich erfüllen. Falls es jemand noch nicht weiss: «1899» ist Nachfolgeprojekt der beiden Macher:innen von «Dark».

Mysterien auf hoher See

Mit «Dark» haben Baran bo Odar und Jantje Friese Massstäbe gesetzt und das nicht nur für den deutschsprachigen Raum. Der deutsche Mystery-Thriller in drei Staffeln war eine der faszinierendsten Streamingserien, die es bis dahin zu sehen gab.

Jetzt also der nächste Streich des Serienproduzent:innen-Paares. «1899» spielt auf hoher See. Der Passagierdampfer «Kerberos» ist unterwegs nach Amerika. An Bord über 1400 Passagier:innen. Eine paar Reisende aus der ersten Klasse lernen wir näher kennen, auch eine Gruppe von Drittklasspassagier:innen, die unter Deck weggesperrt sind.

Ein Mann mit dem Rücken zur Kamera steht vor einer Ansammlung von Menschen.
Bei den Passagier:innen kommt keine Freude auf, dass ihre Reise nach Amerika durch die Suche nach einem verschwundenen Schiff verzögert wird. © Netflix
Das Geisterschiff

Die Reise ändert ihren Verlauf, als die «Kerberos» mysteriöse Signal empfängt. Sie stammen vermutlich vom Schwesterschiff «Prometheus», das vor vier Monaten spurlos verschwunden ist. Kapitän Eyk Larsen (Andreas Pietschmann) befiehlt sehr zum Missfallen der Passagier:innen, Kurs auf die «Prometheus» zu nehmen.

Nur Maura Franklin (Emily Beecham) stört sich nicht an dem Abstecher. Ihr Bruder war auf der «Prometheus». Deshalb erklärt sie sich bereit, mit auf das Schiff zu gehen, als es gesichtet wird.

Der Junge mit der Pyramide

Doch die «Prometheus» ist menschenleer. Keine Spur von den Passagier:innen. Der Kapitän und seine Begleiter:in finden dann aber doch noch jemanden: einen Buben, der in einen Schrank eingesperrt war und kein Wort spricht.

Ein Junge mit schwarzen Haaren. Er hält den Zeigefinger vor den Mund.
Er wüsste wohl, was mit der «Prometheus» passiert ist. Aber er macht den Mund nicht auf. © Netflix

Damit beginnt jetzt also das Rätselraten: Was geschah auf der «Prometheus»? Wer ist der Junge? Was hat es mit der Pyramide auf sich, die er bei sich trägt? Und was will der Mann, der offenbar auch auf der «Prometheus» war und sich an Bord der «Kerberos» schlich?

Alle fliehen vor der Vergangenheit

Es dauert seine Zeit, bis es auf diese Fragen die ersten und wie nicht anders zu erwarten irritierende Lösungshinweise gibt. Vorab erfahren wir noch mehr über die Passagiere. Denen ist eines gemeinsam: Sie flüchten vor ihrer Vergangenheit.

Das alles dauert etwas lange. Die Geschichte verliert sich in den vielen Mysterien, die nach und nach enthüllt werden. Am Ende der ersten Staffel ergibt einiges davon Sinn.

Eine Frau und ein Mann blicken sich an.
Maura Franklin (Emily Beecham) und Kapitän Larsen (Andreas Pietschmann) werden mit Ereignissen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. © Netflix
Ein (zu) langer Weg zum grossen Geheimnis

Aber zu viele Storys, die über die Passagier:innen erzählt werden, sind dann doch nicht so zwingend für das ganz grosse Mysterium, das in den letzten Szenen enthüllt wird. Ohne jetzt «Dark» nochmal geschaut zu haben: Dort habe ich das nicht so in Erinnerung.

Die Rätsel, die «1899» den Zuschauer:innen aufgibt, halten einen aber dennoch bei der Stange. Dass alles sowieso ganz anders kommt, als man es sich im Verlauf der Episoden zusammenreimt, überrascht am Schluss kaum. Sonst wäre es keine bo Odar-Friese-Serie. Das Verwirrspiel von Schein und Sein beherrschen die beiden perfekt.

Wie viele Sterne gibst du «1899» Staffel 1?
1 Stimme

Besetzung: Emily Beecham | Andreas Pietschmann | Aneurin Barnard | Miguel Bernardeau | José Pimentão | Yann Gael | Maciej Musial | Lucas Lynggaard Tønnesen
Serie entwickelt von: Baran bo Odar | Jantje Friese
Genre: Mystery | Drama | Historie
D, 2022

The Crown (Staffel 5) – Der voyeuristische Blick auf den royalen Scheidungsstreit

Serienposter mit Schriftzug. Im Vordergrund unscharf das Gesicht einer Frau und eines Mannes. Im Hintergrund scharf eine Frau mit grauen Haaren und einem Diadem.
Schriftzug in Gold: Serien-Tipp Nr. 100
4 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (5 Staffeln, 60 Episoden à 45 Min.)

Hat «The Crown» ihren Glanz verloren? Die britische Presse geht teilweise hart ins Gericht mit der fünften Staffel. Es sei Zeit, die Serie endgültig abzusetzen, fordert der Guardian. Die BBC beschreibt sie als durchaus spannende, aber schlecht erzählte Seifenoper.

Die erfundenen Szenen sind die stärksten

Als Grundtenor ist rauszuhören: Es sei schon alles gesagt über die Windsors, deshalb verliere sich die Serie in langweiligen Nebengeschichten oder unnötigen Wiederholungen.

Eine Frau im grünen Kleid und mit Hut umgeben von festlich gekleideten Männern.
Elizabeth (Imelda Staunton) bei ihrer Rede zum 40-jährigen Thronjubiläum, in der sie das Jahr 1992 als «annus horribilis» für ihre Familie bezeichnet. Es wird noch schlimmer kommen. © Netflix

Ich komme nicht zu diesem Schluss. Der voyeuristische Blick hinter die Fassade des Königshauses, der die Serie ausmacht, funktioniert weiter bestens. Auch oder gerade weil vieles davon reine Fiktion ist, die um historische Ereignisse und Personen drapiert ist. Diese erfundenen Szenen, ob mit Haupt- oder Nebenfiguren, sind oft die stärksten Momente in «The Crown».

Der Traum endet in der Tragödie

Ein Erzählstrang hat mich aber zuerst auch irritiert. «The Crown» widmet eine ganze Episode Mohamed Al-Fayed. Ein bisschen viel Aufmerksamkeit für eine Figur, die nur als Vater von Dianas späterem Geliebten Dodi erwähnenswert scheint.

Eine lächelnde junge Frau sitzt neben einem älteren Mann.
Eine schicksalhafte Begegnung: Beim Pferderennen treffen sich Mohamed Al-Fayed (Salim Daw) und Diana (Elizabeth Debicki) zum ersten Mal. © Netflix

Es liegt aber auf der Hand, was die Serie beabsichtigt. Mohamed Al-Fayed ist seit seiner Jugend ein Bewunderer der britischen Monarchie. Als er es vom Strassenverkäufer zum reichen Mann geschafft hat, versucht Al-Fayed, sich Zugang zum britischen Adel und zum Königshaus zu erkaufen.

Reichlich Drama am Königshaus

Sein grosser Traum wird in Erfüllung gehen. Dank einem Treffen, das er arrangiert, werden Diana und sein Sohn Dodi in der nächsten Staffel ein Paar. Doch Mohameds Traum wird am 31. August 1997 in einer Tragödie enden. Diese Vorgeschichte zum Desaster, das kommen wird, passt zu den royalen Dramen, die «The Crown» erzählt.

Auch in der aktuellen Staffel gibt es reichlich Dramen. Prinz Philip befreundet sich mit einer jüngeren Frau. Die Beziehungen der Königskinder brechen auseinander, allen voran die Ehe von Charles und Diana. Die Trennung und spätere Scheidung des Thronfolgerpaars geschieht nicht still und vornehm, wie sich das die Königin wünschen würde, sondern laut und hässlich.

Eine Frau sitzt vor einem grossen Gemälde auf einem Sofa. Ihr gegenüber eine Frau und ein Mann auf Sesseln.
Diana und Charles (Dominic West) bei der Audienz mit der Königin, in der Elizabeth resigniert der Scheidung zustimmt. © Netflix
Charles und Diana fast versöhnt am Küchentisch

Die Klatschpresse druckt intime Telefonate zwischen Charles und Camilla Parker-Bowles ab. Diana gibt Martin Bashir ihr berühmtes BBC-Interview, in dem sie mit Charles und den Windsors abrechnet.

Der «War of the Waleses» gipfelt in «The Crown» aber nicht im Scheidungsstreit, sondern in Charles‘ Besuch bei Diana im Kensington Palace nach der Scheidung. Die beiden sitzen am Küchentisch und beklagen ihre gescheiterte Beziehung. Was versöhnlich und berührend beginnt, endet trotzdem im Zwist. Eine der stärksten Szenen von «The Crown».

Die Rehaugen als PR-Waffe

Fast etwas überraschend ist, wie ausbalanciert «The Crown» die Sympathien verteilt. Es ist nicht einfach böse Windsors gegen arme Diana – oder umgekehrt. Bei allem Mitgefühl für Diana wird klar, dass sie ihren berühmten Augenaufschlag sehr berechnend einsetzt. Und Charles und Camilla wird so etwas wie Verständnis und Empathie für ihre Situation zuteil.

Eine blonde Frau mit halb gesenktem Kopf und dem Blick nach oben.
Dianas treuherziger Blick beim Enthüllungsinterview mit der BBC. © Netflix

Die Queen und ihr Prinzgemahl machen inmitten der Skandale nicht die beste Figur. Ihr verstaubter viktorianischer Monarchiebegriff ist wenig hilfreich in der Krise, in der sich das Königshaus befindet. Es könnte sie dasselbe Schicksal ereilen wie die königliche Jacht Britannia. Ein Relikt aus glorreichen Tagen, das in die Jahre gekommen ist – und am Ende ausser Dienst gesetzt wird.

Die Queen wird nicht stillgelegt

Natürlich wird die Queen nicht stillgelegt wie ihre geliebte Jacht. Auch wenn Charles mehrmals die Idee propagiert, dass er frühzeitig übernehmen und die Monarchie erneuern könnte. 30 Jahre später sind wir an diesem Punkt angelangt. Mal schauen, was Charles III. verändern wird.

In «The Crown» werden wir nie so weit kommen. Die sechste Staffel wird die letzte sein. Und wir wissen schon, welcher Schicksalsschlag die Windsors ereilen wird. Was sich wohl nach dem Tod von Diana alles im Buckingham Palace ereignet hat? Wir dürfen gespannt sein, was sich «The Crown» dazu einfallen lässt.

Wie viele Sterne gibst du «The Crown» Staffel 5?
2 Stimmen

Besetzung: Imelda Staunton | Jonathan Pryce | Dominic West | Elizabeth Debicki | Claudia Harrison | Lesley Manville | Jonny Lee Miller | Olivia Williams | Claire Foy | Natascha McElhone
Serie entwickelt von: Peter Morgan
Genre: Historie | Drama
GB, 2022

Babylon Berlin (Staffel 4) – Morgenröte des Faschismus

Serienposter mit Schriftzug. Ein Mann und eine Frau je mit halber Gesichtshälfte erkennbar. Im Hintergrund eine Tanzhalle. In der Mitte ein roter Streigen mit SA-Leuten.
Fünf goldene Sternen

Läuft bei: Sky Show (4 Staffeln, 40 Episoden à 45 Min.) / ARD ab 2023

Es ist verstörend, wie wir Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) in der Silvesternacht 1930 wieder begegnen. Rath trägt eine SA-Uniform. Zusammen mit ein paar Dutzend Gesinnungsgenossen marodiert er durch die Strassen Berlins. Sie verprügeln jüdische Passanten und zertrümmern die Schaufenster jüdischer Geschäfte.

Der Faschismus unterwandert das System

Auch Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ist entsetzt, als sie Rath in Uniform sieht. Sie wird erst viel später erfahren, was es mit Raths Mitgliedschaft in der SA auf sich hat. Bis dahin will sie nichts mehr von ihm wissen.

Die vierte Staffel «Babylon Berlin» rückt den aufkommenden Nationalsozialismus ins Rampenlicht. Die Nazis sind politisch zwar immer noch eine Randerscheinung. Es gibt auch einen parteiinternen Putschversuch gegen Hitler, den die Serie thematisiert. Aber der Faschismus gewinnt an Boden und unterwandert langsam das System.

Drei Männer in braunen Uniformen. Einer sitzt am Tisch und raucht.
SA-Mann Walther Stennes (Hanno Koffler, Mitte) plant einen Coup gegen die Münchner Parteizentrale der NSDAP. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Das jüdische Berlin als Kontrast

In Kontrast dazu steht die Geschichte um Abraham Goldstein (Mark Ivanir). Mit ihm tauchen wir ein in das jüdische Leben in Berlin in dieser Zeit. Eine Welt, die «ein substanzieller Bestandteil der Stadt war und das Leben prägte und befruchtete», wie Regisseur Tom Tykwer betont.

Abe Gold, wie er sich jetzt nennt, ist allerdings nicht zum Vergnügen aus den USA nach Berlin gereist. Ein Schmuckstück ist aufgetaucht, das seiner Familie gestohlen wurde. Der Diamant ist im Besitz einer wohlbekannten Figur: Alfred Nyssen (Lars Eidinger).

Zwei Männer in Mänteln und mit Hüten stehen vor einem Backsteineingang.
Jakob Grün (Moisej Bazijan, rechts) hat den «Blauen Rothschild» wiederentdeckt, ein Diamant, der der Familie von Abraham Goldstein (Mark Ivanir) gehörte. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Nyssens Anfälle – ein Genuss

Er kennt den Hintergrund nicht, wie der Diamant in den Safe seiner Familie kam. Das kümmert Goldstein wenig. Er erpresst Nyssen, entführt seine Frau und seine Mutter, um den Stein wiederzubekommen.

Nyssen bekommt darauf einen seiner theatralischen Anfälle, färbt sich die Haare weissblond und spielt sich seine Verzweiflung an der Orgel vom Leib. Lars Eidinger zuzuschauen, wie er den exaltierten Firmenerben spielt, ist ein Genuss.

Aber zurück auf die Strassen von Berlin. Dort liefern sich die Ringvereine einen blutigen Bandenkrieg. Gereon Rath will den mit einer sehr ungewöhnlichen Idee beenden. Charlottes Schwester Toni (Irene Böhm) wird von korrupten Polizisten gejagt. Dahinter versteckt sich ein grösserer Skandal, dem Charlotte langsam auf die Spur kommt.

Eine junge rothaarige Frau in einem schäbigen Mantel und in Handschellen wird von einem Polizisten abgeführt. Im Hintergrund eine Landkarte.
Weil sie zu viel weiss, trachten Toni Ritter (Irene Böhm) ein paar korrupte Polizisten nach dem Leben. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Beeindruckendes Zeitgemälde

Das ist bei weitem nicht alles, was zu sehen ist. Es wird spioniert. Im Boxring kämpft Johann «Rukeli» Trollmann, fiktiv der Halbbruder von Charlotte, tatsächlich eine historische Figur. Und im Moka Efti wird bei einem Marathon getanzt bis zum Umfallen.

«Babylon Berlin» überzeugt auch in der vierten Staffel als beeindruckendes Zeitgemälde. Starke Figuren inmitten von Dramen, Verbrechen und ein paar wenigen Momenten des Glücks und der Freude in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Diese Serie darf gerne noch lange weitergehen, wenn sie diese Qualitäten beibehält.

Max Raabe schrieb den Song zur vierten Staffel «Ein Tag wie Gold». Video unbedingt ansehen! Bietet einen fantastischen Blick auf die Stimmung der Serie.

Volker Bruch und die «Querdenker»

Bleibt noch die Frage: Wie stark schadet Hauptdarsteller Volker Bruch der Serie? Seine Eskapaden in die Untiefen der «Querdenker»-Szene gaben viel zu reden.

Die Regisseure zeigten sich in einem «Spiegel»-Interview zwar leicht über Bruch genervt. Mehr aber noch über die vielen Journalistenfragen dazu. Weil diese Diskussion davon ablenke, sagt Tykwer, dass die vierte Staffel «die politisch druckvollste [ist] und ein klares antifaschistisches Statement». Und dazu leistet Bruch als Gereon Rath seinen Beitrag.

Ein Mann mit Hut, Anzug und hellbraunem Mantel im Nebel.
Möglich, dass Volker Bruchs Sinne etwas vernebelt sind. Seinem Auftritt als Gereon Rath tut das keinen Abbruch. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Immun gegen Empörungsaktivismus

Tatsächlich war auch kaum was zu sehen von Shitstorm oder Boykottaufrufen gegen die Serie. Erfreulich, dass herausragende Unterhaltungskunst immun sein kann gegen Empörungsaktivismus.

Wie viele Sterne gibst du «Babylon Berlin» Staffel 4?
10 Stimmen

Besetzung: Volker Bruch | Liv Lisa Fries | Lars Eidinger | Hannah Herzsprung | Fritzi Haberlandt | Benno Fürmann | Meret Becker | Ronald Zehrfeld | Mark Ivanir
Serie entwickelt von: Henk Handloegten | Tom Tykwer | Achim von Borries
Genre: Drama | Krimi | Historie
D, 2022

The Good Fight (Staffel 6) – Die ultimative Serie der Trump-Ära sagt Goodbye

Serienposter mit Schriftzug. Zwei Frauen. Eine Frau im roten Mantel und Sonnenbrille hält eine Sonnenblume in der Hand.

Läuft bei: Paramount+ / Disney+ (Staffel 1-5, 50 Episoden à 45 Min.) / Amazon (Staffel 1-3)

Diese Besprechung enthält Spoiler

So wie sie begann, endet die Serie: mit Donald Trump. In der ersten Episode von «The Good Fight» verfolgte Diane Lockhart (Christine Baranski) ungläubig, wie der Popanz mit orangen Haaren als US-Präsident vereidigt wird.

Die Serie, die den Niedergang der USA begleitete

Fünf Jahre später blicken Diane und Liz Reddick (Audra McDonald) entsetzt auf einen Fernsehschirm. Trump steht am Rednerpult. Er verkündet seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 2024 und feiert das mit lächerlichen Tanzbewegungen. Im Abspann fliegt der Fernsehbildschirm, der das Ereignis zeigt, in die Luft.

Zwei Frauen mit entsetzem Blick und offenem Mund.
«The End of Everything» heisst die letzte Episode, in der Trump zum Entsetzen von Diane (Christine Baranski) und Liz (Audra McDonald) verkündet, dass er wieder Präsident werden will. © Paramount+

Kein Happy End. Optimismus ist in den USA fehl am Platz. Das Land hat einen Niedergang erlebt, den das Showrunner-Paar Michelle und Robert King kontinuierlich in ihre Serie eingewoben hat.

Chaos und Gewalt auf den Strassen

Polizeigewalt gegen Schwarze, Putins Einflussnahme auf die Wahlen, Fake News, das Versagen in der Covid-Krise, der Sturm aufs Kapitol – all diese Themen und viele mehr tauchten in der Serie auf. «The Good Fight» ist eine der wenigen, wenn nicht die einzige Serie, die festhielt, wie die USA unter Trump zerfielen.

Die letzten beiden Staffel spielten zwar in der Ära Biden. Das war für die Serie aber kein Anlass, die Tonalität zu wechseln. Im Gegenteil. In der sechsten und finalen Staffel herrscht Gewalt auf der Strasse. «White Supremacy»-Aktivist:innen marschieren auf und skandieren «You will not replace us».

Eine Frau kniet am Boden. Im Hintergrund aufgebrachte Protestierende und Polizisten.
Der neue Alltag: Auf dem Weg ins Büro muss sich Diane durch den Protestzug von Rassisten durchkämpfen. © Paramount+
Selbstjustiz, weil das System versagt

Die Protagonist:innen der Serie nehmen das seltsam gelassen zur Kenntnis. Es scheint, als gehöre dieses Bild für sie schon zum Alltag in den USA. Erst als die Anwaltskanzlei durch Scharfschützen beschossen wird, wird ihnen langsam mulmig.

Die Gewalt der Rassisten sorgt auch auf der Gegenseite für eine härtere Gangart. Jay (Nyambi Nyambi), der Ermittler der Anwaltskanzlei, kommt in Kontakt mit einer Gruppierung von Schwarzen, die sich «The Collective» nennt.

Ein Mann und eine Frau sitzen auf zwei Stühlen und unterhalten sich.
Jay (Nyambi Nyambi) will für Renetta (Phylicia Rashad) arbeiten, die «The Collective» anführt. © Paramount+

Die Untergrundtruppe verfolgt Rassisten, sperrt sie ein und deportiert sie in die Antarktis – ohne rechtskräftige Urteile. Als Legitimation für diese Selbstjustiz führen sie das Versagen des Rechtsstaates an. Jay wird sich ihnen anschliessen. Er wolle etwas verändern, sagt er. Die Arbeit der Anwaltskanzlei bewirke nichts.

Ein Fünkchen Hoffnung

Auch Diane zweifelt an ihrem Job. Sie fühle sich wie in einem Hamsterrad, sagt sie. Alles, was in den letzten 50 Jahren an Fortschritt erreicht wurde, müsse man wieder neu erkämpfen. Als Beispiel führt sie den Entscheid des Obersten Gerichts zur Abtreibungsfrage an.

So ganz defätistisch mag die Serie dann doch nicht enden. Ein bisschen Hoffnung lässt sie aufkeimen. Marissa (Sarah Steele) heiratet. Carmen Moyo (Charmaine Bingwa) will Jay nicht in den Untergrund folgen, sondern legal weiterkämpfen.

Zwei junge Frauen sitzen auf einer Treppe in einem Büro.
Carmen (Charmaine Bingwa) und Marissa (Sarah Steele) werden getrennte Wege gehen. © Paramount+
Eine Anwaltsserie als Zeitdokument

Auch Diane schmeisst vielleicht nicht alles hin. Es tut sich ein Türchen auf für einen neuen Job in Washington. Sie könnte die Führung einer reinen Frauenanwaltsfirma übernehmen. Ob sie die Kraft findet, weiterzumachen, bleibt allerdings offen.

Aber eben: All das ist überschattet von Trumps Ankündigung, dass er wieder Präsident werden will. Als Mahnung steht im Abspann «This all happened». Was unterstreicht, dass die Serie sich selber bei aller Fiktion auch als Zeitdokument versteht. Das kann man gelten lassen.

Wie viele Sterne gibst du «The Good Fight» Staffel 6?
1 Stimme

Besetzung: Christine Baranski | Audra McDonald | Sarah Steele | Nyambi Nyambi | Michael Boatman | Charmaine Bingwa | Andre Braugher | John Slattery | Alan Cumming | Gary Cole
Serie entwickelt von: Robert King | Michelle King | Phil Alden Robinson
Genre: Krimi | Drama
USA, 2022

Bad Sisters (Mini-Serie) – Halleluja, der Scheisskerl ist tot

Serienposter. Fünf Frauen vor einer Bestattungslimousine. Schriftzug "Bad Sisters - Family. It's a killer".

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

John Paul (Claes Bang) ist tot. Und das ist gut so.

Zu Beginn wissen wir zwar noch nicht, welch gute Nachricht das ist. Je mehr wir aber über «JP» erfahren, umso erleichterter sind wir, dass er unwiderruflich das Zeitliche gesegnet hat.

Freude bei der Trauerfeier

Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Wir haben gesehen, wie er im Sarg liegt. Im Pyjama, was etwas eigentümlich anmutet. Und mit einer Erektion, was seine Witwe Grace (Anne-Marie Duff) notdürftig zu kaschieren versucht, bevor die Trauergäste eintreffen.

Trauer scheint aber nicht vorherrschende Stimmung zu sein bei den Gästen. Erleichterung, Genugtuung, ja Freude beschreibt die Gefühle besser. Vor allem die vier Schwestern von Grace scheinen innerlich zu frohlocken: Halleluja, der Scheisskerl ist tot!

Vier Frauen, drei davon in Trauerkleidung, stehen mit gesenkten Köpfen vor einem Grab.
Für ihre Schwester geben sie sich trauernd am Grab von JP. Innerlich frohlocken die vier Garvey-Schwestern Eva (Sharon Horgan), Becka (Eve Hewson), Ursula (Eva Birthistle) und Bibi (Sarah Greene). © Apple TV+
Der erste Versuch läuft schief

Und ein Scheisskerl erster Güte war John Paul. Ein hinterhältiger Drecksack, ein fieses Schwein, ein intrigantes A…. Jede der vier Schwestern hatte mit ihrem Schwager eine Rechnung offen. Deshalb und weil er Grace dauernd herabwürdigte, taten sie sich zusammen, um ihn ins Jenseits zu befördern.

«Bad Sisters» wäre aber keine schwarze Komödie, wenn schon der erste Mordversuch gelingen würde. Eva (Sharon Horgan) und Bibi (Sarah Greene) zünden die Waldhütte an, in der JP alleine nächtigt. Allerdings irrt er gerade draussen herum auf der Suche nach Handyempfang, weil er seiner Frau von einem Wehwehchen berichten muss. Ja, eine Memme war er auch noch.

Ein Mann in weissem Hemd hält eine kleine Schüssel vor sich und einen Löffel.
Mit jeder Episode lernen wir, John Paul (genial gespielt von Claes Bang) mehr zu hassen. © Apple TV+
Vom Fiesling zum Verbrecher

Als er endlich unter der Erde liegt, ist der Ärger für die Schwestern aber noch nicht vorbei. Da gibt es eine hohe Lebensversicherung, die der Inhaber der Versicherungsfirma (Brian Gleeson) nicht ausbezahlen will. Einerseits, weil er deshalb pleite ginge. Andererseits, weil er nicht glaubt, dass JP durch einen Unfall starb.

Es ist ein wenig ein zweischneidiges Vergnügen, den Schwestern dabei zuzusehen, wie sie immer entschlossener JPs Abgang planen. Mit jedem neuen Anlauf wird eine weitere Geschichte erzählt, die den miesen Charakter JPs unterstreicht.

Zwei Männer in Anzügen sitzen auf einer Couch.
Die beiden Halbbrüder Matthew (Daryl McCormack) und Thomas Claffin (Brian Gleeson) wollen den Schwestern den Mord an JP nachweisen. © Apple TV+
Ein Scheisskerl weniger

Die Komik liegt darin, wie die in Verbrechen unerfahrenen Frauen ihre Pläne schmieden und umsetzen. Dramatisch ist aber, wie sich die Untaten von JP steigern und in einem grässlichen Verbrechen gipfeln, das er einer der Schwestern angetan hat. Letztlich hat JP allen, denen er je begegnet ist, das Leben zur Hölle gemacht.

Deshalb freuen wir uns mit den Garvey-Schwestern, dass ein Scheisskerl weniger die Welt bevölkert. Und wir fiebern mit, ob ihnen der Versicherungstyp auf die Schliche kommt. Ein Vergnügen, das über die ganzen zehn Episoden anhält.

Wie viele Sterne gibst du «Bad Sisters» Staffel 1?
7 Stimmen

Besetzung: Sharon Horgan | Eve Hewson | Sarah Greene | Anne-Marie Duff | Eva Birthistle | Claes Bang | Brian Gleeson | Daryl McCormack | Saise Quinn
Serie entwickelt von: Brett Baer | Dave Finkel | Sharon Horgan
Genre: Komödie | Krimi | Drama
IRL/BEL/GB/USA, 2022

House of the Dragon (Staffel 1) – Noch tanzen die Drachen nicht so richtig

Serienposter mit Schriftzug. Eine Frau in langem roten Gewand. Dahinter ein Drachenkopf.

Läuft bei: Sky Show und bei Play RTS (Engl./franz. UT) (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

Jetzt sind sie also zurück. Die Targaryens. Mit mehr und grösseren Drachen. Andere vertraute Namen aus «Game of Thrones» erklingen ebenfalls: Lannister, Stark oder Baratheon. Aber sie spielen nur Nebenrollen.

Intrigen um die Thronfolge

172 Jahre vor der Geburt von Daenerys Targaryen tauchen wir wieder ein in George R.R. Martins Fantasiewelt der sieben Königreiche. In King’s Landing sitzt Viserys I (Paddy Considine) auf dem Iron Throne, der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Grossvater von Daenerys.

Obwohl Viserys fast die ganze erste Staffel von «House of the Dragon» herrscht, geht es weniger um ihn. Die grosse Frage lautet, wer nach ihm den Iron Throne besteigen wird. Wie nicht anders zu erwarten, wird dieser Machtkampf ausgefochten durch Intrigen, Verrat und Mord.

Ein Mann mit langen weissen Haaren sitzt an einem Tisch.
Viserys der Friedvolle (Paddy Considine) hat eine relativ ruhige Regentschaft. Seine grösste Herausforderung ist es, die Frage der Thronfolge zu regeln. © HBO / Sky
Königstochter gegen Königssohn

Zwei Anwärter:innen stehen bereit, die Krone zu tragen. Rhaenyra Targaryen (Milly Alcock, Emma D’Arcy), die Tochter des Königs. Nach dem Tod seiner ersten Frau hat Viserys sie offiziell zu seiner Nachfolgerin ausgerufen. Er bricht damit mit der Tradition, dass nur männliche Nachkommen als Thronfolger in Frage kommen.

Viserys hält an seinem Entschluss fest, selbst nachdem er mit seiner zweiten Frau Alicent Hightower (Emily Carey, Olivia Cooke), die beste Freundin von Rhaenyra, zwei Söhne zeugt. Doch es gibt Kräfte am Hof, die sich für den erstgeborenen Sohn Aegon (Tom Glynn-Carney) als Thronfolger starkmachen.

Der Machtkampf beginnt – ein bisschen

Allen voran die rechte Hand des Königs. Otto Hightower (Rhys Ifans) ist zugleich Alicents Vater. Er wittert die Chance, die Macht seines Hauses mit einem Sprössling auf dem Thron zu verankern.

Zwei junge Männer mit weissen Haaren. Einer trägt eine schwarze Augenklappe.
So grimmig und finster wie sie dreinschauen, sind sie auch. Die Söhne Aegon (Tom Glynn-Carney) und Aemond (Ewan Mitchell) von König Viserys und Alicent Hightower. © HBO / Sky

Damit sind die Pflöcke eingeschlagen, wer sich im Kampf um den Iron Throne gegenüber steht. Der Machtkampf kann beginnen. Tut er auch ein wenig. Aber erst gegen Ende der Staffel zeichnet sich ab, dass nicht nur böse Blicke ausgetauscht werden, sondern auch Blut fliessen wird.

Von der Freundin zur Feindin

Wer George R.R. Martins Bücher kennt, weiss, dass am Horizont der «Dance of the Dragons» dräut. Den Bürgerkrieg im Reich der Targaryans werden wir aber erst in der zweiten Staffel erleben. Von daher ist diese erste Staffel so etwas wie ein langes Vorspiel, dem die Dramatik aber durchaus nicht abgeht.

Da ist die Freundschaft der jungen Rhaenyra mit Alicent, die sich über die Jahre wandelt. Beiden wird bewusst, dass ihnen und ihren Kindern die Auslöschung droht, sollte der andere Zweig den Thron besteigen. Die Freundinnen werden etwas widerwillig zu Feindinnen.

Zwei junge Frauen in langen, wallenden Gewändern. Eine Frau hält ein grosses Buch in der Hand.
Ein Bild aus unbeschwerten Tagen, als Alicent (Emily Carey) und Rhaenyra (Milly Alcock) noch beste Freundinnen waren. © HBO / Sky

Verantwortlich für die Eskalation sind vor allem die Männer im Hintergrund. Alicents Vater und auf der Seite von Rhaenyra ihr Onkel Daemon (Matt Smith) schüren den Kampf um die Macht.

Das bekannte Rezept von «Game of Thrones»

«House of the Dragon» muss sich logischerweise dem Vergleich mit «Game of Thrones» (GoT) stellen. Dem hält die Serie locker stand, wenn man sich an die letzten zwei Staffeln erinnert, die ziemlich schlampig und gehetzt das grosse Epos beendeten.

Aber auch in der Gesamtschau fällt das Prequel zu GoT keineswegs ab. Die bekannten Zutaten von Machtgelüsten, hinterhältigen Plänen und skrupellosen Morden funktionieren auch hier bestens. Die Figuren sind gewohnt ambivalent, nur gute Seelen gibt es keine.

Ein Zyniker wird vermisst

Manche Charaktere wie Daemon Targaryan widern einen zuerst an, dann versöhnt man sich ein wenig. Am Schluss stellt man konsterniert fest, dass wohl doch die hässliche Seite überwiegt. Ein Wechselbad der Gefühle.

Ein Mann mit weissem Haar steht in einem Gebäude mit hohen Säulen. Seine Hände stützt er auf den Schwertknauf.
Eitel und machthungrig zu Beginn, als Daemon Targaryen (Matt Smith) seiner Nichte Rhaenyra noch den Thron streitig machen wollte. © HBO / Sky

Was im Panoptikum aber leider fehlt, ist der zynische Blick eines Tyrion Lannister. Seine spitzen Bemerkungen waren erfrischend und liessen die absurde Seite dieser Welt der Mächtigen aufblitzen.

Lasst die Drachen los

Zu grinsen gibt es deshalb bei «House of the Dragon» nichts. Aber genug Spannung, dass man immer wieder die Fingernägel in die Armlehne krallt. Man lasse also die Drachen gerne richtig tanzen in der zweiten Staffel.

Wie viele Sterne gibst du «House of the Dragon» Staffel 1?
39 Stimmen

Besetzung: Emma D’Arcy | Milly Alcock | Matt Smith | Paddy Considine | Rhys Ifans | Olivia Cooke | Emily Carey | Eve Best | Sonoya Mizuno | Steve Toussaint | Fabien Frankel | Harry Collett | Tom Glynn-Carney | Graham McTavish
Serie entwickelt von: Ryan J. Condal | George R.R. Martin
Genre: Fantasy | Abenteuer | Drama
USA, 2022

The Watcher (Mini-Serie) – Gruselig sind nur die Ungereimtheiten im Drehbuch

Serienposter. Ein Haus in der Dämmerung mit beleuchteten Fenstern. Im Vordergrund die Silhouette eines Menschen. Schriftzug der Serie.

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 7 Episoden à 50 Min.)

Diese Besprechung enthält Spoiler

Es ist der Traum von vielen: Ein schönes Eigenheim, gemütlich eingerichtet. Viel Platz für die Kinder. Eine schöne Umgebung und eine nette Nachbarschaft. Nora (Naomi Watts) und Dean Brannock (Bobby Cannavale) mit ihren beiden Kindern finden ihr Traumhaus in Westfield, ein paar Kilometer von New York entfernt.

Unerfreuliche Nachbarschaft

Es dauert nicht lange und der Traum wird zum Albtraum. Es beginnt mit den Nachbarn. Mo (Jennifer Coolidge) und Mitch (Richard Kind) liegen gerne im Garten und beobachten mit dem Feldstecher, was die Neuankömmlinge so treiben.

Ältere Frau mit Brille und Zöpfen, glatzköpfiger Mann in Latzhose.
Die beiden Nachbarn Pearl (Mia Farrow) und Jasper (Terry Kinney) ähneln wohl nicht zufällig dem Paar im Gemälde «American Gothic». © Netflix

Pearl (Mia Farrow) gibt den Brannocks den Tarif durch, was an Veränderungen am und im Haus geht und was nicht. Ihr seltsamer Bruder (Terry Kinney) ist noch aufdringlicher. Er schleicht sich ins Haus, weil er gerne im Speiseaufzug fährt.

«Junges Blut» fürs alte Haus

Dann kommen die Briefe. Eine geheimnisvolle Figur, die sich «The Watcher» nennt, begrüsst die Familie im neuen Haus. Sie gibt zu erkennen, was sie alles über die Familie weiss.

Dass sie beispielsweise «junges Blut» mitgebracht habe, was gut für das Haus sei, aber ungut tönt für die beiden Kinder. Und «The Watcher» verspricht, ziemlich passiv-aggressiv, weiterhin ein scharfes Auge auf die Brannocks zu werfen.

Mann im Morgenmantel vor einer Steintreppe im Garten. Im Hintergrund ein Haus.
Dean (Bobby Cannavale) stürmt zu den Nachbarn, die er als Urheber der bedrohlichen Briefe verdächtigt. © Netflix
Trautes Heim – Unglück allein

Die Brannocks schalten die Polizei ein, engagieren eine Privatdetektivin, ermitteln auf eigene Faust. Sie beschuldigen reihum Nachbarn, Freunde, am Ende misstrauen sie sich sogar gegenseitig.

Das traute Heim bringt den Brannocks kein Glück, sondern stürzt sie in einen tiefen Abgrund, der ihr Familienleben zu zerstören droht.

Einschätzung

«The Watcher» hat ein grosses Problem. Man kann zwar nachvollziehen, was die Brannocks komplett aus der Bahn wirft. Irgendein:e Unbekannte:r, der:die zu verstehen gibt, dass er:sie einen überwacht und Spuren im Haus hinterlässt, das ist furchterregend.

Das Problem ist aber, wie in jeder Episode wirre Fäden gesponnen werden, die zu neuen, manchmal auch wieder zu alten Verdächtigen führen, ohne dass man der Lösung des Geheimnisses einen Schritt näher kommt. Alles dreht sich immer nur im Kreis.

Haarsträubende Ungereimtheiten

Dazu kommen Ungereimtheiten in der Geschichte, die einem mehr die Haare zu Berge stehen lassen als die wenigen Schreckensmomente. Ein Beispiel ist die Kamera im Schlafzimmer. Sie filmt, wie sich eine junge Frau zum schlafenden Dean ins Bett legt. Das führt zur Ehekrise. Es wird aber offensichtlich, dass die junge Frau vom Watcher engagiert worden sein muss.

Eine Frau mit einer Tasse in der Hand steht an einem Fenster und blickt hinaus.
Nora (Naomi Watts) schmeisst ihren Mann aus dem Haus, nachdem sie das Video gesehen hat von ihm mit einer jungen Frau im Bett. © Netflix

Nur: Der einzige, der von der Kamera wusste, ist der junge Typ der Sicherheitsfirma. Er hat sie heimlich installiert. Er wird aber vom Verdacht befreit, der Watcher zu sein.

Wie also soll das gehen? Die Diskreditierung des Ehemanns funktioniert nur, wenn der Watcher wusste, dass seine aufwendige Inszenierung auf Video festgehalten wird.

Der Mord, der keiner war

Andere Twists sind zwar weniger unlogisch, aber nicht minder abstrus. Die beiden Nachbarn Mo und Mitch werden ermordet. Die Leichen werden abtransportiert. Sie fallen also weg als Watcher. Denkste, he he.

Zwei Episoden später stehen sie wieder da. Sie waren nur im Urlaub, was aber niemand wusste, ausser ihr Sohn. Der hat zwei Obdachlose ins Haus bestellt und sie umgebracht, um ans Geld der Eltern zu kommen. Bitte, was?

Ein Mann und eine Frau auf Liegestühlen im Garten. Er hält einen Feldstecher in der Hand.
Die angeblichen Mordopfer Mitch (Richard Kind) und Mo (Margo Martindale) bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Die Nachbarn ausspionieren. © Netflix
Die Kamera lügt

Zu guter Letzt outet sich eine der Figuren als Watcher. In Rückblenden wird gezeigt, wie sie vorgegangen ist. Ein paar Einstellungen später stellt sich heraus: Nee, nee, sie war es nicht. Die Rückblenden sind gelogen – ein Stilmittel, für das schon Hitchcock bei «Stage Fright» Haue bezogen hat.

Ob der horrenden Unzulänglichkeiten des Drehbuchs geht eigentlich verloren, was «The Watcher» wohl zeigen wollte: Wie zerstörerisch die Kraft einer unheimlichen Bedrohung sein kann. Selbst wenn sie in der harmlos scheinenden Form von Briefen daherkommt.

Die wahre Geschichte wäre die bessere

Das macht es aus, was an der wahren Begebenheit faszinierte, auf der «The Watcher» beruht. Diese Geschichte ist aber viel weniger dramatisch und vor allem: Der Fall wurde nie gelöst. Deshalb erfanden die Autoren wohl noch Unmengen an Twists dazu. Sehr zum Schaden der Serie.

Wie viele Sterne gibst du «The Watcher»?

Besetzung: Naomi Watts | Bobby Cannavale | Jennifer Coolidge | Margo Martindale | Mia Farrow | Noma Dumezweni | Luke David Blumm | Isabel Gravitt
Serie entwickelt von: Ian Brennan | Ryan Murphy
Genre: Drama | Horror | Mystery
USA, 2022

The Old Man (Staffel 1) – Das Duell der betagten Spione

4 von 5 Sternen

Läuft bei: Disney+ (1 Staffel, 7 Episoden à 55 Min.)

Dan Chase (Jeff Bridges) lebt zurückgezogen in einem Haus. Nur zwei Rottweiler leisten ihm Gesellschaft. Dan sorgt sich um seinen Geisteszustand. Er befürchtet, dement zu werden, wie seine Frau, die vor ein paar Jahren starb.

Der kaltblütige Rentner

Zudem scheint er auch paranoid zu sein. Seiner Tochter Emily (Alia Shawkat) erzählt er am Telefon, dass irgendwas nicht stimme. Dan bastelt aus Büchsen eine Art Alarmanlage und installiert sie im Haus.

Tatsächlich scheppert es eines Nachts. Dan entdeckt einen Einbrecher. Er hetzt die Hunde auf ihn. Als der Eindringling am Boden liegt, fragt Dan nach seinem Namen. Er erhält keine Antwort und erschiesst ihn kaltblütig.

Dan hält sich zwei Rottweiler. Weniger aus Tierliebe. Sie sind seine brandgefährlichen Leibwächter. © FX/Disney+
Eingeholt von der Vergangenheit

Es war kein gewöhnlicher Einbrecher. Darauf deutet der Schalldämpfer, den er auf seiner Waffe aufgesetzt hatte. Und Dan ist kein gewöhnlicher alter Mann, sondern ein ehemaliger CIA-Agent, der seit über drei Jahrzehnten untergetaucht ist.

Doch jetzt holt in seine Vergangenheit ein. Eine Spezialeinheit der CIA hat ihn aufgespürt. In die Operation involviert ist auch der stellvertretende FBI-Direktor Harald Harper (John Lithgow).

Zwei alte Freunde werden zu Todfeinden

Harper und Chase haben eine gemeinsame Vergangenheit. Sie waren beide in Afghanistan, als die CIA in verdeckten Operationen afghanische Warlords im Krieg gegen die Sowjetunion unterstützte. Diese alte Geschichte bringt sie erneut zusammen. Allerdings auf unterschiedlichen Seiten.

Während Chase auf der Flucht ist und Harper die Jagd organisiert, enthüllt sich langsam, was damals in Afghanistan passiert ist und weshalb das für beide 30 Jahre später lebensgefährlich wird.

Im Afghanistan-Krieg beschaffte Dan (Bill Heck) Waffen für einen Warlord im Kampf gegen die Sowjetunion. © FX/Disney+

Einschätzung

Gleich am Anfang gibt es diese eine Szene. Chase kämpft gegen einen CIA-Agenten. Minutenlang versetzen sich die beiden Fausthiebe, würgen sich gegenseitig, wälzen sich am Boden. Ein schier endloser Kampf, den Chase verliert. Aber am Schluss eben doch nicht. Seine Hunde zerfleischen den Widersacher.

Action ist eher untypisch für die Serie

Dieser Kampf zeigt: Chase hat zwar noch einiges drauf, ist aber schlicht zu alt für solche Zweikämpfe. Aber er erledigt auf seine Weise gnadenlos, wer sich ihm in den Weg stellt. Chase will dabei nicht nur sich selber schützen, sondern vor allem seine Tochter.

Harold Harper (John Lithgow) hat zu einer seinen Agentinnen eine familiäre Beziehung entwickelt, die sich überraschend verändern wird. © FX/Disney+

Andererseits ist diese Actionszene untypisch für «The Old Man». Viel öfter grübeln die Figuren der Frage nach, was war, was ist und weshalb es nach 30 Jahren wohl unvermeidlich so weit kommen musste.

Viele alte Männer, aber nicht nur zum Glück

Das wäre wahrscheinlich langweilig, wenn das einerseits nur die alten Männer täten, von denen es noch mehr als nur Chase und Harper gibt. Und andererseits nicht so hervorragende Schauspieler wie Bridges und Lithgow die Mono- und Dialoge führten.

Da sind zum Glück aber ein paar andere Figuren, die auch etwas zu sagen haben. Emily, die Tochter von Chase, hören wir lange nur am Telefon. Als sie dann auftaucht, sind die Umstände ziemlich überraschend. Emily rückt immer mehr ins Zentrum des Geschehens.

Zoes überraschende Wandlung

Eher unfreiwillig wird Zoe (Amy Brennaman) in die Geschichte verwickelt. Chase mietet sich auf der Flucht bei ihr ein. Als er erneut aufgespürt wird, nimmt er sie mit, weil seine Verfolger mit ihr wohl kurzen Prozess machen würden.

Zoe ist aber alles andere als dankbar dafür und sie lässt sich nicht einfach rumkommandieren. Chase muss zur Kenntnis nehmen, dass er sie ziemlich falsch eingeschätzt hat.

Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch in einem Restaurant und reden miteinander.
Zoe (Amy Brennaman) entpuppt sich als clevere Frau, die aus der unmöglichen Situation, in die sie Chase bringt, einiges für sich rausholt. © FX/Disney+
Unüblich behäbig, aber überzeugend

Für einen Thriller ist «The Old Man» beinahe etwas zu behäbig inszeniert. Lange Dialoge beim Autofahren, viele Rückblenden und eben wenig Action. Das kann man als altersgerecht ansehen angesichts der schon fast betagten Protagonisten.

Es dient aber vor allem dazu, den Figuren Raum und Zeit für ihre Geschichten zu geben. Der Thrill passiert mehr auf der psychologischen Ebene und mit der einen oder anderen überraschenden Wendung. Eher unüblich für das Genre, aber überzeugend im Resultat. Einzig wieder einmal der übliche Dämpfer: Kein befriedigendes Ende nach der ersten Staffel. Man muss wieder warten, bis die zweite kommt.

Wie viele Sterne gibst du «The Old Man» Staffel 1?

Besetzung: Jeff Bridges | John Lithgow | Alia Shawkat | Amy Brenneman | E.J. Bonilla | Bill Heck | Hiam Abbass | Gbenga Akinnagbe | Leem Lubany
Serie entwickelt von: Robert Levine | Jonathan E. Steinberg
Genre: Thriller | Drama
USA, 2022

Die Kaiserin (Staffel 1) – Sisi darf nicht sterben!?

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (1 Staffeln, 6 Episoden à 50 Min.)

Wer kennt sie nicht: Elisabeth Amalie Eugenie von Wittelsbach, genannt Sisi, die in jungen Jahren den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. heiratete und somit zur Kaiserin des habsburgischen Reichs wurde.

Die ungezähmte Rebellin für die Gen Z

Möglich, dass ein paar Angehörige der Gen Z bislang um die «Sissi»-Filme mit Romy Schneider herumgekommen sind. Vielleicht zielt Netflix mit der Neuadaption des Lebens der unglücklichen Kaiserin auf diese Zielgruppe. Einiges spricht dafür.

Showrunnerin Katharina Eyssen inszeniert ihre Kaiserin als «kreatives, ungezähmtes, revolutionäres Geschöpf, das in seiner Zeit keinen Platz hat.» Alles andere als eine starke, unabhängige Frauenfigur würde vermutlich beim jungen Publikum, aber wohl nicht nur dort, in einem Shitstorm untergehen.

Die Kaiserin (Devrim Lingnau) ist wild entschlossen, sich nicht den höfischen Regeln zu unterwerfen. © Netflix

Dass sich die Serie dafür ein paar Freiheiten nehmen muss, versteht sich von selbst. Die Frage ist: Stört es, wenn die Serien-Elisabeth – auf diesen Namen besteht sie – von der historischen Sisi abweicht? Nicht grundsätzlich, denn «Die Kaiserin» will ja keine Dokumentation sein.

Eher bemühend: geschichtsklitternde Sozialromantik

Dass Elisabeth lustvoll mit ihrem Franz Sex hat, während die historische Sisi dem Geschlechtsakt eher abgeneigt gewesen sein soll – was solls? Bemühend wird es allerdings, wenn dem Kaiserpaar eine starke soziale Ader angedichtet wird.

Franz war ein Leben lang überzeugter absolutistischer Herrscher und Sisi benutzte zur Schönheitspflege des Gesichts Rindfleisch, was sich die einfachen Leute nicht einmal zum Essen leisten konnten. Habsburger Monarch:innen als Wegbereiter des sozialen Umbruchs darzustellen, ist aberwitzig und überspannt den Bogen der künstlerischen Freiheit.

Franz Joseph (Philip Froissant) findet sich in der Serie in seiner Herrscherrolle schlecht zurecht. © Netflix
Sisi als Diana der Habsburger

Aber klar: Die Serie bedient hier ein anderes Bild, das sich bereits in der Popkultur verankert hat. Elisabeth als Kaiserin der Herzen. Wie Prinzessin Diana sorgt sich Elisabeth um die Armen und Kranken. Einem Mädchen, das in den giftigen Dämpfen einer Eisengiesserei arbeiten muss, schenkt Elisabeth ihre Schuhe, als sie die löchrigen Lappen sieht, die das Mädchen an den Füssen trägt.

Fun-Facts
• Philip Froissant, der Franz Joseph I. spielt, war noch auf der Schauspielschule, als er die Zusage für die Rolle des Kaisers erhielt.
• Devrim Lingnau, die Elisabeth spielt, hatte die «Sissi»-Filme vorher nie gesehen.
• Als Kulisse für Schönbrunn, den Palast der Habsburger in Wien, diente Schloss Weissenstein in Bayern.
• Der Dokumentarfilm «Sisi – Mythos einer Märchenprinzessin» von 2017 ist auch wieder im Programm des ZDF. Er wird am 6.11. um 9.45 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt. Wer nicht warten mag, hier auf YouTube.
• Das Leben von Maximilian, dem jüngeren Bruder von Franz Joseph, ist wohl weniger bekannt, aber kaum weniger tragisch als jenes von Sisi.

Vielleicht ist der ganze historisch inakkurate Ausflug in die Sozialgeschichte dem englischen Königshaus, respektive der Netflix-Serie «The Crown» geschuldet. Die Windsors sind tatsächlich auf die Akzeptanz im gemeinen Volk angewiesen. Das ist in «The Crown» immer wieder thematisiert.

Eine Revolutionärin unter den Hofdamen

Möglicherweise fühlte sich «Die Kaiserin» deshalb ebenfalls verpflichtet, diesen Faden in die Geschichte einzuspinnen. Allerdings liegen zwischen der britischen Elizabeth und der österreichischen Elisabeth etwa 100 Jahren. Im 19. Jahrhundert war den Monarchen das Volk noch ziemlich schnurz.

Natürlich dient die tatsächlich angespannte Lage im Volk in der Serie auch dazu, um etwas Spannung ins Hofleben zu bringen. Unter Elisabeths Hofdamen hat sich eine Revolutionärin eingeschlichen, die ein Attentat plant: «Für das Volk!»

Prunk und wallende Gewänder kommen in «Die Kaiserin» nicht zu kurz. © Netflix

Aber auch diesen Plot hätte es nicht gebraucht. Es passieren genug Intrigen im kaiserlichen Palast. Elisabeths Schwiegermutter ist zwar nicht bösartig, wie ihr «Sissi»-Pendant, dennoch entschlossen, aus dem aufmüpfigen Mädchen eine würdige Kaiserin zu machen. Und Maximilian plant nichts Geringeres, als seinen Bruder Franz vom Thron zu stürzen.

Haben wir auf eine neue Sisi gewartet? Jein

Bleibt noch die Frage: Braucht es überhaupt eine Neuauflage der alten Geschichte? Eigenlicht nein, denn «Die Kaiserin» ist einfach eine leicht aufgepeppte «Sissi»-Version.

Andererseits kann man sich einfach zurücklehnen, die eleganten Kostüme geniessen und die prunkvollen Kulissen bewundern, in der ein paar nicht unsympathische Menschen ihre Probleme wälzen. Es gibt viele weniger ansprechend gemachte Serien als «Die Kaiserin».

Wie viele Sterne gibst du «Die Kaiserin» Staffel 1?

Besetzung: Devrim Lingnau | Philip Froissant | Melika Foroutan | Johannes Nussbaum | Almila Bagriacik | Wiebke Puls | Elisa Schlott | Jördis Triebel
Serie entwickelt von: Katharina Eyssen
Genre: Romanze | Historie | Drama
D, 2022

The Undeclared War (Staffel 1) – Cyberthriller mit zu viel Zeitgeist-Beigemüse

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Saara Parvin (Hannah Khalique-Brown) hat ihren ersten Arbeitstag als Praktikantin in den «Government Communications Headquarters» (GCHQ). Die britische Regierungsbehörde ist für die Cybersicherheit des Landes zuständig.

Die Praktikantin stellt die Nerds in den Schatten

Saara hat ein gutes Timing. Es wird gleich spannend, weil eine russische Cyberattacke Teile des britischen Internets lahmlegt. Die blitzgescheite IT-Studentin beweist, was sie drauf hat. Sie findet in der russischen Malware den Code für eine zweite Angriffsstufe.

In den GCHQ klopft man sich gegenseitig auf die Schultern: well done, let’s go for a pint! Dabei war das erst der Anfang des russischen Angriffs.

Saara (Hannah Khalique-Brown) macht sich nicht nur Freunde unter den GCHQ-Codern, als sie einen zweiten Angriffscode entdeckt. © Sky/NBCUniversal
Nur die Vorstufe zum richtigen Krieg

Was die Russen im Schilde führen, erfahren wir durch Vadim (German Segal). Er war auf derselben Uni wie Saara, wurde aber nach Russland zurückbeordert. Er landet beim Geheimdienst (FSB) als Coder in der Abteilung, die den Angriff auf Grossbritannien orchestriert.

Vadim ist entsetzt, als er die Ziele des Angriffs erfährt. Der FSB nimmt einen heissen Krieg mit den Briten in Kauf. Deshalb versteckt Vadim in der Malware eine Botschaft für ein Treffen.

Die Gefahr nicht erkannt

Saara entschlüsselt die Botschaft und trifft Vadim, der sie vor einer dritten Angriffswelle warnt. Allerdings kann er keine genauen Angaben machen, wie und wo die Russen zuschlagen werden. Für Saaras Vorgesetzten Danny (Simon Pegg) ist die Warnung zu vage. Saara muss auf eigene Faust weitersuchen.

Einschätzung

In den letzten beiden Episoden wird «The Undeclared War» richtig spannend. Die Russen sabotieren die britischen Parlamentswahlen, auf der Strasse protestieren Hunderttausende, die Regierung steht unter Druck und beschliesst massive Vergeltungsschläge gegen Russland.

Was will die Serie bloss?

Um so weit zu kommen, braucht es aber Durchhaltewillen. Die Serie hat zu viele Mängel und erweckt durchgehend den Anschein, dass sie nicht so genau weiss, was sie eigentlich will.

Natürlich: Der Cyberwar ist ein zentrales Thema. Das ist sogar witzig inszeniert. Wenn Saara sich an die Tastatur setzt und auf dem Bildschirm die Codezeilen vorbeiflimmern, wechselt die Szenerie. In einer Art Virtual Reality wandert Saara bewaffnet mit einem Werkzeuggürtel durch Gebäude und versucht Schlösser zu knacken und Hinweise zu finden.

Unterwegs in der Malware: Statt langweilige Codezeilen durchforstet Saara Gebäude. © Sky/NBCUniversal
Zeitgeist ohne Ende

Aber dann ist da auch Rassismus. Saara ist Muslima, ihr Bruder entsetzt, als er erfährt, dass sie für den repressiven Staatsapparat arbeitet, unter dem ihre Gemeinschaft zu leiden hat. Familiär kommen unbewältigte Probleme mit ihrem Vater dazu.

Rechtsnationale Hooligans tauchen auch auf, aufgewiegelt durch Medien, die Fake News verbreiten. Die Schlägertruppe überfällt ein linkes Aktivistencamp, in dem Saaras Freund verkehrt. Die Polizei schaut dabei zu und grinst hämisch.

Klar, altbacken geht heute nicht mehr

Und was mit non-heteronormativ gibt es auch: Saara verliebt sich am neuen Arbeitsort. Sie geht nicht mit einem Kollegen fremd, sondern mit der NSA-Verbindungsfrau.

Es leuchtet mir völlig ein, dass der Autor Peter Kosminsky versucht, eine altbackene Inszenierung zu vermeiden, in der sich das Geschehen auf der Chefetage mit alten weissen Männern abspielen würde. Aber auch das funktioniert nur, wenn der Plot fokussiert und die alternativen Hauptfiguren überzeugend und konsistent sind.

Die Chefetage – hier eine Krisensitzung des Kabinetts – spielt nur die zweite Geige in der Story. © Sky/NBCUniversal
Zu viel gewollt und deshalb überladen

Das ist hier nicht der Fall. Die Geschichte mäandert vom Politthriller zum Familiendrama, von der Liebesgeschichte (übrigens mit Vadim alles auch in russischer Version erhältlich) bis zur Gesellschafts- und Medienkritik.

Logischerweise wirken die Hauptfiguren deshalb überladen und unbeständig. Man fragt sich dauernd, worauf es bei ihren Figuren jetzt eigentlich ankommt.

Hätte spannend sein können, wenn …

Schwierig wird es auch, wenn man Schauspieler wie Simon Pegg und allen voran Mark Rylance in die zweite Reihe stellen will. Sobald Rylance im Bild ist, verblasst alles rundum. Da hat Saara als Figur und Hannah Khalique-Brown als Schauspielerin keine Chance.

Wenn «The Undeclared War» tatsächlich nur die titelgebende Geschichte erzählen würde, wäre die Serie womöglich spannend. So irritiert sie mit durcheinander gewürfelten Erzählsträngen, die der Serie weder Tiefe noch Vielfalt verleihen.

Mark Rylance dominiert jede Szene, in der er vorkommt. Nicht nur, wenn die Kamera auf ihn fokussiert. © Sky/NBCUniversal
Einen Extra-Stern für Mark Rylance

Deshalb gibt es nur 2 Sterne, plus einen Stern für Mark Rylance, der auch in seiner winzigen Nebenrolle wieder mal glänzt. (Wahrscheinlich spielte er nur mit, weil er mit Kosminsky befreundet ist. Die beiden haben bei «Wolf Hall» zusammengearbeitet. Diese Serie, basierend auf dem Buch der kürzlich verstorbenen Hilary Mantel, war sehr gut).

Wie viele Sterne gibst du «The Undeclared War» Staffel 1?

Besetzung: Hannah Khalique-Brown | Simon Pegg | Maisie Richardson-Sellers | Edward Holcroft | Adrian Lester | Mark Rylance | German Segal | Alex Jennings | Tinatin Dalakishvili
Serie entwickelt von: Peter Kosminsky
Genre: Thriller | Science-Fiction | Drama
GB, 2022

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