Trigger Point (Staffel 1) – Aufregende Polizeiarbeit mit viel unnötigem Drama

Serienposter mit Schriftzug. Eine Frau mit Helm und Schutzbrille. Daneben ein Mann im Schutzanzug mit Helm und Brille. Darüber rote Zahlen.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: ZDFmediathek (VPN)/ ITV (VPN) / Canal+ (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Wenn auf der Verpackung steht «Von den Machern von ‹Line of Duty› und ‹Bodyguard›» und zudem Vicky McClure aus «Line of Duty» mitspielt, dann ist die Erwartung an eine Serie ziemlich hoch. Wohl zu hoch, denn «Trigger Point» kommt nicht an diese anderen Serien heran.

Das liegt weniger an der Krimihandlung, wo es um terroristische Bombenanschläge in London geht, als mehr am Drumherum. Figuren, die mit Beziehungsproblemen und persönlichen Traumata überladen werden. Und ein paar Plottwists, die wenig originell und leicht vorhersehbar sind.

Schweisstreibende Polizeiarbeit

Spannend ist dafür die Arbeit der EXPOs, der Explosives Officers. Wenn man denen bei der Arbeit zuschaut, gerät man tatsächlich selber leicht ins Schwitzen.

Ein Mann hilft einer Frau, die Schutzmontur für einen Einsatz anzuziehen.
Danny (Eric Shango) hilft Lana (Vicky McClure) vor dem Einsatz in den schweren Schutzanzug. © ZDF / Matt Frost

Lana Washington (Vicky McClure) arbeitet als EXPO bei der Metropolitan Police. Sie und Joel Nutkins (Adrian Lester) werden zu einer Wohnsiedlung beordert, wo die Polizei einen Bombenbastler vermutet. Die beiden entdecken und entschärfen eine Bombe, die sich aber als harmlos herausstellt: eine bessere Feuerwerksrakete.

Damit ist der Einsatz aber noch nicht vorbei. Im Kofferraum eines Autos finden sie einen Mann, der unfreiwillig einen Sprenggürtel trägt. Diese Bombe ist tatsächlich gefährlich und knifflig konstruiert. Lana kann sie erst in letzter Sekunde entschärfen.

Ein heimtückischer Bombenleger

Der Einsatz scheint vorüber, die Evakuation der Wohnsiedlung wird beendet. Da entdeckt Joel einen verdächtigen Lieferwagen – zu spät. Die Explosion tötet ihn und knapp zwei Dutzend Anwohner:innen.

Es bleibt nicht bei dieser einen Bombe. Die Täter, die sich als rechtsextreme Gruppierung namens «The Crusaders» zu erkennen geben, haben bewiesen, dass sie gewieft und heimtückisch vorgehen. Schnell wird klar, dass hier jemand dahintersteckt mit militärischer Erfahrung.

Eine Frau und ein Mann in Schutzkleidung.
Die erfahrenen Bombenentschärfer Lana (Vicky McClure) und Joel (Adrian Lester) finden zwei Bomben. Doch es gibt noch einen dritten Sprengsatz. © ZDF / Matt Frost
Kriegsveteranen als Seelenverwandte

Die haben natürlich auch die EXPOs. Fast alle sind Kriegsveteran:innen, die wie Lana in Afghanistan im Einsatz waren. Auch wenn sie im Gegensatz zu den üblichen US-Veteran:innen nicht gerade unter PTSD leiden, hat der Krieg Spuren hinterlassen.

Lana hat zwar eine Beziehung mit einem Polizeikollegen, doch ihre Seelenverwandten findet sie unter Kriegskameraden. Bei der Trauerfeier für Joel lernt sie Karl (Warren Brown) kennen, der mit Joel in Afghanistan war. Es dauert nicht lange, bis sich Lana mit ihm einlässt.

Ein Polizist hält einen Mann davon ab, sich der Gefahrenzone zu nähern.
DI Youngblood (Mark Stanley, r.), Lanas Freund, ist auch beim zweiten Anschlag der Crusaders mit dabei, als eine Bombe in einer Moschee entdeckt wird. © ZDF / Matt Frost

Doch die Crusaders lassen ihr kaum Zeit für ihr Beziehungsleben. Joel bleibt nicht das einzige Opfer, das Lana nahesteht. Genau hier liegt die Schwäche der Serie. Den Crusaders auf die Spur zu kommen, wird für Lana zum persönlichen Kreuzzug. Das hätte es absolut nicht gebraucht.

Lanas langweiliges Leiden

Sowohl ihre Motivation als professionelle Bombenentschärferin als auch die politischen Beweggründe der Crusaders hätten vollkommen ausgereicht, um die Story voranzutreiben und zu einem spannenden Showdown zu führen. Das hätte uns all die Szenen erspart, in denen Lana ihr Leiden ausbreitet, was meist etwas langweilig, manchmal auch ein bisschen peinlich wirkt.

«Trigger Point» kann in einer allfälligen zweiten Staffel nur dann in die Fussstapfen von «Line of Duty» treten, wenn sich die Serie mehr auf die Arbeit der EXPOs fokussiert und das persönliche Drama runterschraubt.

Wie viele Sterne gibst du «Trigger Point» (Staffel 1)?
0 Stimmen

Besetzung: Vicky McClure | Mark Stanley | Eric Shango | Manjinder Virk | Nadine Marshall | Warren Brown | Kerry Godliman | Ewan Mitchell | Adrian Lester
Serie entwickelt von: Daniel Brierley
Genre: Krimi | Drama | Action
GB, 2022

Rough Diamonds (Staffel 1) – Diamanten, Drogen und Familiendramen

Serienposter mit Schriftzug. Hauptdarsteller:innen im Porträt. Skizziert ein Diamant.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 45 Min.)

Orthodoxe Religionsgemeinschaften wirken manchmal faszinierend, oft seltsam, meist aber schlicht befremdend in einer mehrheitlich säkularisierten Welt. Die Netflix-Serie «Unorthodox», die die Flucht einer jungen Frau aus einer chassidischen Gemeinschaft erzählt, kontrastierte vor allem das streng gläubige gegen das freie säkularisierte Leben.

Orthodoxer Alltag

Ganz anders schildert die belgische Serie «Rough Diamonds» das Leben der orthodoxen Familie Wolfson, die in Antwerpen seit Generationen Diamantenhandel betreibt. Der jüdische Glaube, die alltäglichen Rituale und die Festtage sind Alltag.

Ein Mann im schwarzen Anzug und Krawatte umgeben von Männern mit Bärten und Hüten und Schläfenlocken.
Noah Wolfson (Kevin Janssens) hat seiner Familie vor Jahren den Rücken gekehrt und gehört nicht mehr zur Gemeinschaft. © Netflix

Nicht, dass das ganz ohne Reibungen ginge. Noah Wolfson (Kevin Janssens) hat die Familie und damit die jüdische Gemeinschaft vor Jahren verlassen und zog nach London. Noahs Vater Ezra (Dudu Fisher) hat ihm das nie verziehen.

Die Familienfirma vor dem Konkurs

Deshalb würdigt Ezra seinen Sohn auch keines Blickes, als dieser zur Beerdigung seines Bruders wieder auftaucht. Yanki hat sich das Leben genommen, weil er dubiose Geschäfte mit der albanischen Drogenmafia betrieb, um seine Spielsucht zu finanzieren. Als Folge davon ist jetzt die Existenz der Familienfirma bedroht.

Noahs Schwester Adina (Ini Massez) und sein anderer Bruder Eli (Robbie Cleiren) sind deshalb auf seine Hilfe angewiesen, um die Probleme mit den Albanern in den Griff zu bekommen. Noah bringt dafür gute Voraussetzungen mit. In London arbeitet er für die Mutter seiner verstorbenen Frau, die auch mit Drogen dealt.

Ein Mann in brauner Lederjacke, eine Frau in blauem Mantel stehen auf einer belebten Strasse.
Adina (Ini Massez) ist im Gegensatz zum Rest der Familie froh, dass Noah zurückgekommen ist und ihr hilft bei den Problemen mit der Firma. ©Netflix
Ein Krimi für zwischendurch

Aber die Probleme lassen sich nicht so einfach lösen und die Wolfsons geraten zudem ins Visier der Staatsanwältin Jo Smets (Els Dottermans).

«Rough Diamonds» nutzt das Umfeld des jüdischen Diamantenhandels in Antwerpen geschickt, um persönliche Dramen und einen Wirtschaftskrimi zu erzählen. Allerdings gelingt es der Serie nicht, die Spannung konstant hochzuhalten. Sie hat gewisse Längen und dreht sich zwischendurch etwas im Kreis. Aber als Krimi zwischendurch eignet sich die Show durchaus.

=> Trailer Orig. mit dt. UT

Wie viele Sterne gibst du «Rough Diamonds» (Staffel 1)?
0 Stimmen

Besetzung: Kevin Janssens | Ini Massez | Robbie Cleiren | Yona Elian | Marie Vinck | Els Dottermans | Jeroen Van der Ven | Tine Joustra
Serie entwickelt von: Rotem Shamir | Yuval Yefet
Genre: Thriller | Drama
BEL, 2023

Extrapolations (Staffel 1) – Starparade gegen den Klimawandel

Serienposter mit Schriftzug. In mehreren schwarzen Rechtecken sind Gesichter und Landschaften zu sehen.
2 von 5 Sternen

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min.)

Eines kann man «Extrapolations» nicht vorwerfen: dass die Serie keine ehrenwerte Absicht hegt. Es ist verdienstvoll, wenn die Show mehr als ein gutes Dutzend grosse Namen vor der Kamera versammelt, um aufzuzeigen, wie eine Welt aussehen könnte, sollten wir die Erderwärmung nicht in den Griff bekommen.

Aber damit ist schon das meiste gesagt, was man an der Serie loben kann. Zu inkonsistent sind die acht lose zusammenhängenden Episoden, um dem Anliegen Dringlichkeit zu verleihen. Zu sehr verliert sich die Serie in netten Geschichten, bei denen die Welt am Abgrund nur noch Kulisse ist für menschliche Dramen.

Waldbrände und Wasserknappheit

Dabei ist der Auftakt durchaus vielversprechend. 2037 sind wir bei der mittlerweile 42. Klimakonferenz angekommen, ohne dass die Welt erkennbare Fortschritte gemacht hätte im Kampf gegen den Klimawandel.

Eine schwangere Frau mit verrusstem Gesicht lehnt sich an einen Baum.
Die schwangere Wissenschaftlerin Becca (Sienna Miller) wird beim Sammeln von Genmaterial von Vögeln von einem Waldbrand überrascht. © Apple TV+

Im Gegenteil: Überall wüten gewaltige Waldbrände, die den Himmel bedrohlich rot färben. Wasser ist in vielen Ländern knapp. Und Tausende von Tierarten stehen kurz davor, endgültig zu verschwinden.

Vor diesem Hintergrund wird an der COP42 in Tel Aviv immer noch verhandelt, wie stark die Erderwärmung steigen darf. Aktivist:innen skandieren wütende Parolen auf der Strasse. Konferenzteilnehmer:innen taktieren am Verhandlungstisch. Aber sie alle haben eigentlich nichts zu sagen.

Big Business verdient an den Katastrophen

Das Schicksal der Welt liegt in den Händen von Big Business, verkörpert durch den CEO Nick Bolton (Kit Harington), dessen Konzern Alpha (ein Konglomerat von Alphabet, Amazon und Apple) das Monopol in so ziemlich allen Technologien zu besitzen scheint. Bolton könnte die Wasserknappheit beseitigen, in dem er die Patente für seine Entsalzungsanlagen freigibt. Die Frage ist, was will er als Gegenleistung? Die Antwort: 2,3 Grad.

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer Terrasse vor einer Steinmauer mit Champagnergläsern in der Hand.
Nick Bolton (Kit Harington) verdient am Klimadesaster und stösst darauf mit seiner Topmanagerin Martha Russell (Diane Lane) an. © Apple TV+

Dieser Richtwert für die Erderwärmung wird zwar absehbar die Welt unbewohnbar machen, aber Bolton bis dahin Milliardengewinne bringen. Oder wie es ein anderer gieriger Geldscheffler (Matthew Rhys) sagt: «Nicht mehr mein Problem, dann liege ich in meinem goldenen Sarg.»

Auf der anderen Seite, der Seite der Guten, steht Becca (Siena Miller), eine Wissenschaftlerin, die versucht, das Genmaterial bedrohter Tierarten zu sammeln. Sie ist schwanger, muss vor den Waldbränden fliehen. Sie bringt einen Sohn zur Welt, der unter einem genetischen Defekt leiden wird, den der Klimawandel verursacht hat.

Kaum kämpferisch, dafür rührselig und leicht abstrus

In Tel Aviv lebt auch Marshall (Daveed Diggs), ein angehender Rabbi, dessen Vater aber gar nicht begeistert ist, dass sein Sohn in Israel praktizieren will. Aber Marshall besteht darauf, dass er hier gebraucht werde, weil die Menschen unter dem Klimawandel leiden. Nicht in Florida, wo sein Vater ihm eine Stelle verschafft hat.

Ein Mann in Gummistiefeln kniet neben einem Saugroboter. Der Boden ist nass.
Rabbi Marshall Zucker (Daveed Diggs) sieht sich mit der Frage konfrontiert, weshalb Gott nichts gegen die Klimakatastrophe tut. © Apple TV+

Gut und Böse wäre also etabliert. Aber es entwickelt sich kein Kampf um die Rettung der Welt. Das scheint von Beginn an aussichtslos.

Stattdessen verliert sich die Serie in einer nächsten Episode mit Becca als Hauptfigur in einer rührseligen Geschichte über den letzten Buckelwal. Dass die Wissenschaft inzwischen den Walgesang entschlüsselt hat, und sich Becca mit dem letzten Buckelwal pseudotiefsinnig unterhalten kann, geht ja noch. Dass der Wal mit der Stimme von Meryl Streep spricht, die auch als Grossmutter Beccas Sohn Märchen erzählt, ist ziemlich unerträglich.

Klimakrise als Kulisse für Liebeskummer und Ehekrach

Es ist nicht die einzige Episode, die wenig überzeugt. Beccas Sohn taucht später nochmal auf. Seine genetische Krankheit führt dazu, dass er seine Erinnerung verliert. Er kämpft dagegen an, in dem er seine Erinnerungen in einen kostenpflichtigen Cloudspeicher lädt, aber zu wenig Geld dafür hat. Diese Geschichte wäre eine gute «Black Mirror»-Episode. Mit Klimawandel hat sie nur noch am Rande zu tun.

Wie auch die Folgeepisode mit Marion Cotillard und Forest Whitaker, die an einem Silvesterabend spielt. Er verkündet seiner Frau, dass er sein Bewusstsein digitalisieren will und sie somit verlassen wird. Was folgt, sind Szenen einer Ehe, die halt zufällig in einer Zeit spielen, in der man Sauerstoff im Rucksack mitträgt, wenn man nach draussen geht.

Zwei Paare sitzen um ein Tischchen mit Apérohäppchen.
Die Silvesterfeier wird zur grossen Ehekrise (v.l.n.r. Forest Whitaker, Eiza Gonzàlez, Tobey Maguire, Marion Cotillard).

Andere Episoden sind stärker. Ein Kleinkrimineller, der unter widrigsten klimatischen Bedingungen Samen transportiert, die aus dem «Svalbard Global Seed Vault» gestohlen wurden. Eine Wissenschaftlerin (Indira Varma), die ein gefährliches Klimaengineering-Projekt durchführen will, was ihr Ex-Mann (Edward Norton) zu verhindern sucht.

Kein nennenswerter Beitrag zur Klimadiskussion

Der Gesamteindruck von «Extrapolations» bleibt aber unbefriedigend. Am Ende ist es Technologie, die die Welt – wahrscheinlich – rettet. Die Menschen sind offensichtlich nicht fähig, dem Klimawandel mit Verhaltensänderungen Einhalt zu gebieten.

Darauf weist auch der böse Bolton hin, dem am Ende immerhin der Prozess gemacht wird. Er verteidigt sich damit, dass er den Menschen nur gegeben habe, wonach sie verlangt hätten. Dass sie sich dabei nie um den Preis ihrer Konsumgier gekümmert hätten, sei nicht sein Problem.

Ein bärtiger Mann mit Krawatte steht in einem Raum mit Betonwänden. Zwei blaue Flaggen umrahmen ihn.
Der Anwalt Turner (Murray Bartlett) verteidigt Nick Bolton, der vor dem Internationalen Gerichtshof des Ökozids angeklagt ist. © Apple TV+

Es bleibt etwas hängen von diesen dystopischen Bildern, wie die Welt in 10, 30 oder 50 Jahren aussehen könnte, wenn wir so weitermachen wie heute. Aber nicht so viel, dass man das Gefühl hat, «Extrapolations» würde einen nennenswerten Beitrag zur Thematik leisten. Vielmehr nutzt die Serie die Klimadiskussion als Kulisse für ein paar gelungene und ein paar misslungene Geschichten über Menschen, die in der Zukunft leben.

Wie viele Sterne gibst du «Extrapolations» (Staffel 1)?
0 Stimmen

Besetzung: Kit Harington | Sienna Miller | Diane Lane | Edward Norton | Marion Cotillard | Meryl Streep | David Schwimmer | Keri Russell | Indira Varma | Tobey Maguire | Judd Hirsch | Forest Whitaker | Matthew Rhys | Murray Bartlett | Heather Graham | Cherry Jones | Ato Essandoh
Serie entwickelt von: Scott Z. Burns
Genre: Drama | Science-Fiction
USA, 2023

Perry Mason (Staffel 2) – Ein Anwalt im moralischen Dilemma

Serienposter mit Schriftzug. Ein Mann mit braunem Hut und Mantel auf der Treppe vor einem Gebäude mit Säulen.
4 von 5 Sternen

Läuft bei: SkyShow (2 Staffeln, 16 Episoden à 50 Min.)

«Perry Mason» ist ein Stück TV-Seriengeschichte. Neun Staffeln flimmerten von 1957 bis 1966 über die Bildschirme in den USA, in denen Raymond Burr als erfolgreicher Strafverteidiger in den 1930er-Jahren Unschuldige davor bewahrte, in der Todeszelle zu landen.

Im deutschsprachigen Raum war die Serie weniger erfolgreich. Nur ein paar wenige Episoden liefen Anfang der 60er-Jahre im Deutschen Fernsehen. Erst in den 90ern wurden alle Staffeln im Privatfernsehen gezeigt.

Mason damals und heute

Das erklärt, weshalb der ursprüngliche Perry Mason an mir vorbeigegangen ist. In den 60ern war selbst ich noch zu jung und deutsches Privatfernsehen habe ich mir nie angetan. Deshalb kann ich jetzt keinen Vergleich ziehen zwischen der Schwarzweiss-Ausgabe und der Neuauflage mit Matthew Rhys als Perry Mason, die 2020 startete und jetzt in die zweite Staffel geht.

Ein Mann in seitlichem Porträt mit schattigem Gesicht und vor dunklem Hintergrund. Er blickt ernst in die Ferne.
Kein strahlender Held im Gerichtssaal: Matthew Rhys verleiht Perry Mason eine eher düstere Note. © HBO / Sky Show

Ob das fruchtbar gewesen wäre, scheint mir eh zweifelhaft. Immerhin sind seither 60 Jahre vergangen und die Art, Serien zu produzieren, hat sich grundlegend verändert. (Aber ich habe ChatGPT gebeten, die Darstellung der Figur durch die beiden Schauspieler zu vergleichen. Die Antwort am Ende des Artikels 😉).

Es war denn auch weniger die Figur als vielmehr der Schauspieler, der mich veranlasst hat, «Perry Mason» einzuschalten. Matthew Rhys spionierte mit Keri Russell (momentan bei Netflix zu sehen in «The Diplomat») für den KGB in der sehr empfehlenswerten Thrillerserie «The Americans» (auf Disney+).

Mason will nicht mehr und kanns doch nicht lassen

Zu Beginn der zweiten Staffel hat Perry Mason mit dem Kapitel Strafverteidigung abgeschlossen. Zu sehr hat ihn der Fall Emily Dodson (Staffel 1) mitgenommen. In seiner Praxis, die er gemeinsam mit seiner Kollegin Della Street (Juliet Rylance) führt, nimmt er nur noch zivilrechtliche Fälle an. Doch es dauert nicht lange, bis ein Fall in seinem Büro landet, dem Mason dann doch nicht widerstehen kann.

Blick in den Gerichtssaal. Die beiden Angeklagten jungen Brüder stehen neben einer Frau und einem Mann, die sie verteidigen.
Obwohl sie keine Strafverfahren mehr führen wollten, stehen Della Street (Juliet Rylance) und Perry Mason bald wieder vor Gericht als Verteidiger von zwei Brüdern, die des Mordes angeklagt sind. © HBO / Sky Show

Zwei junge Brüder werden des Mordes an Brooks McCutcheon (Tommy Dewey) angeklagt. Mateo und Rafael (Peter Mendoza und Fabrizio Guido) sind schon vor dem Prozess so gut wie verurteilt. Sie sind als Angehörige der hispanischen Minderheit, die im Armenviertel leben, die perfekten Sündenböcke für den Staatsanwalt.

Kein unschuldiges Opfer

Um ihre Unschuld zu beweisen, nehmen Mason und Street mit der Unterstützung des ehemaligen Cops Paul Drake (Chris Chalk) das Mordopfer genauer unter die Lupe. McCutcheon war der Sohn eines einflussreichen Ölbarons in L.A., der selber aber dubiose und meist erfolglose Geschäfte betrieb. Zudem pflegte er ausgefallene Sexpraktiken, die dazu führten, dass die Schwester eines Stadtabgeordneten zum Pflegefall wurde.

McCutcheon hatte sich genug Feinde gemacht, die ebenfalls als Täter für den Mord in Frage kämen. Der Fall nimmt allerdings eine dramatische Wende, als Drake die Tatwaffe findet. Mason steht vor einem moralischen Dilemma.

Ein Mann sitzt in einem Sessel in einem Garten. Ein älterer Mann steht hinter ihm, die Hand auf seine Schulter gelegt.
Das Mordopfer Brooks McCutcheon (Tommy Dewey) hatte viele Feinde und eine komplizierte Beziehung zu seinem Vater (Paul Raci). © HBO / Sky Show
Anwaltsserie mit wenig Gerichtsszenen

Obwohl «Perry Mason» als Anwaltsserie daherkommt, spielt sie extrem wenig im Gerichtssaal. Die Serie lebt von ihren Figuren. Allen voran Perry Mason. Er wird nicht als brillanter Strafverteidiger geschildert, der die Geschworenen mit überwältigenden Plädoyers mitreisst.

Mason ist ein Idealist, innerlich zerrissen und traumatisiert vom Krieg (dem 1. Weltkrieg). Daran scheiterte unter anderem auch seine Ehe. Kein strahlender Held, sondern ein introvertierter, düsterer Charakter, der sich schwertut im Leben.

Deshalb ist Mason auch auf Della Street angewiesen. Wenn er wieder mal in ein tiefes Loch fällt, holt sie ihn nicht nur raus, sondern sorgt auch dafür, dass in der Zwischenzeit der Laden weiterläuft. Dabei hat Della ihre eigenen Probleme: Sie muss ihre Homosexualität geheim halten und steht unter Dauerstress. Der Angst, dass das jemand herausfinden könnte.

Zwei Frauen tanzen eng aneinander. Um sie herum weitere tanzende Paare.
Della findet in Anita St. Pierre (Jen Tullock) eine neue Liebe, von der aber niemand erfahren darf.
Die 30er-Jahre in L.A. – ganz anders als heute

Das Leben der Schwulen und Lesben im Schatten ist nur ein Aspekt, mit dem die Serie die Atmosphäre der 30er-Jahre in L.A. zeichnet. Die alltägliche Diskriminierung der Schwarzen Bevölkerung erlebt Paul Drake.

Er muss den Eingang für Bedienstete nehmen oder wird von seiner Frau daran erinnert, dass er im vornehmen Viertel besser nicht aus dem Auto steigt, weil sonst jemand die Polizei ruft. Und wie schon erwähnt sind in dieser Zeit der grossen Depression die Zuwandernden aus dem Süden die perfekte Zielscheibe für den Frust der Weissen – nicht ganz unähnlich der heutigen Zeit.

Ein Mann mit grauem Jackett und grauer Mütze steht vor einem Schild.
Paul Drake (Chris Chalk) lässt sich ein letztes Mal mit Perry Mason ein. Danach will er sich um die Anliegen der Schwarzen Gemeinschaft kümmern. © HBO / Sky Show

Vor diesem Hintergrund und dank des fantastischen Setdesigns nehmen die 30er-Jahre faszinierend Gestalt an in einem Los Angeles, das damals noch alles andere war als die blühende Metropole an der Westküste von heute. Deshalb verzeiht man der Serie auch, dass sie doch eher träge ihre Geschichte erzählt. Denn fast jede Einstellung, fast jede Szene bietet genug Stoff und Anreize fürs Auge, um dranzubleiben.

Rhys und Burr als Perry Mason im Vergleich – das sagt ChatGPT

Matthew Rhys und Raymond Burr sind beide herausragende Darsteller, die die Rolle des berühmten fiktiven Anwalts Perry Mason verkörpert haben. Obwohl sie den gleichen Charakter gespielt haben, gibt es einige Unterschiede in ihren Interpretationen und Darstellungsstilen.

Raymond Burr spielte Perry Mason von 1957 bis 1966 in der ursprünglichen Fernsehserie «Perry Mason». Burr verkörperte den Charakter als seriösen und geradlinigen Anwalt. Seine Darstellung von Mason war von ruhiger Autorität und Integrität geprägt. Burr brachte eine gewisse Würde und Präsenz in die Rolle, die ihm viele Fans einbrachte. Seine Ausstrahlung und seine starke Präsenz auf dem Bildschirm machten ihn zu einer Ikone und einem beliebten Anwalt der Fernsehwelt.


Raymond Burr als Perry Mason: ruhige Autorität und integer.

Auf der anderen Seite haben wir Matthew Rhys, der Perry Mason in der gleichnamigen HBO-Miniserie von 2020 verkörperte. Rhys‘ Interpretation von Perry Mason war eine Neuinterpretation des Charakters in einem anderen Kontext. Die Serie zeigt Perry Mason als einen jungen und unerfahrenen Privatdetektiv und späteren Anwalt.

Rhys brachte eine düstere und komplexe Nuance in die Rolle, indem er die inneren Kämpfe und persönlichen Dämonen des Charakters erforschte. Seine Darstellung war intensiv und emotional, und er brachte eine gewisse Verletzlichkeit in die Rolle, die das Publikum in seine Geschichte hineinzog.

Sowohl Burr als auch Rhys haben auf ihre eigene Art und Weise die Essenz des Charakters Perry Mason eingefangen. Burr war der klassische Perry Mason, der für Gerechtigkeit kämpfte und die Wahrheit ans Licht brachte, während Rhys eine modernere und komplexere Version des Charakters darstellte. Beide Darsteller haben ihre eigenen Stärken und haben den Charakter auf einzigartige Weise interpretiert.

Ein Mann in Anzug und Krawatte. Im Hintergrund unscharf Personen.
Matthew Rhys als Perry Mason: moderne und komplexe Figur. © HBO / Sky Show

Es ist wichtig anzumerken, dass die beiden Darsteller in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten agierten, was ihre Darstellungen natürlich beeinflusste. Raymond Burr spielte Perry Mason in den 1950er und 1960er Jahren, als Fernsehserien und die Darstellung von Charakteren noch ganz anders waren als heute. Matthew Rhys hingegen spielte Perry Mason in einer modernen Miniserie, die von den heutigen Erzähltechniken und Produktionsstandards geprägt ist.

Insgesamt kann man sagen, dass sowohl Raymond Burr als auch Matthew Rhys talentierte Darsteller sind, die Perry Mason auf ihre eigene Art und Weise zum Leben erweckt haben. Jeder von ihnen hat dem Charakter eine einzigartige Note verliehen und ihre eigene Interpretation hinterlassen, die von den Zuschauern geschätzt wurde.

Wie viele Sterne gibst du «Perry Mason» (Staffel 2)?
0 Stimmen

Besetzung: Matthew Rhys | Juliet Rylance | Chris Chalk | Shea Whigham | Eric Lange | Justin Kirk | Katherine Waterston | Paul Raci | Jen Tullock | Peter Menzdoza | Fabrizio Guido | Hope Davis
Serie entwickelt von: Ron Fitzgerald | Rolin Jones
Genre: Krimi | Drama | Historie
USA, 2023

 

Alaska Daily (Staffel 1) – Das hohe Lied auf den Lokaljournalismus

Serienposter mit Schriftzug. Das Porträt einer Frau mit dunklen Haaren über einem Panorama von schneebedeckten Bergen.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Disney+ (1 Staffel, 11 Episoden à 45 Min.)

Eigentlich erstaunlich, dass Journalist:innen immer noch als Held:innen für Filme oder wie in «Alaska Daily» für Serien taugen. Grosses Ansehen geniesst diese Berufsgattung im Zeitalter von Social Media und dem Vorwurf der «Lügenpresse» ja kaum mehr.

Aber es funktioniert wahrscheinlich deshalb, weil die Reporter:innen oft mehr als Kriminalist:innen agieren. Sie jagen einem Verbrechen hinterher und decken es gegen den Widerstand der Mächtigen auf.

Eine Frau und ein Mann mit Umhängetasche in einem Grossraumbüro. Zwei weitere Personen arbeiten an ihren Tischen.
Eileen Fitzgerald (Hilary Swank) kommt als Starjournalistin nach Alaska, wo sie sich an die etwas schäbigeren Verhältnisse im Newsroom gewöhnen muss. © Hulu / Disney+

Das war bei «All the President’s Men» (1976) so, wo Carl Bernstein und Bob Woodward den Watergate-Skandal enthüllten. Oder beim Oscar-gekrönten Film «Spotlight» (2015), in dem Journalist:innen des «Boston Globe» sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche aufdeckten.

Die wahre Geschichte hinter der Serie

Zu «Spotlight» hat «Alaska Daily» eine personelle Verbindung. Tom McCarthy, der die Serie entwickelt hat, war Regisseur und Drehbuchautor von «Spotlight». Eine weitere Analogie: Der Film wie auch die Serie beruhen auf wahren Recherchen.

Die Enthüllungen des «Boston Globe» sorgten weltweit für Schlagzeilen. Die andere Recherche, die jetzt als Grundlage für «Alaska Daily» dient, erhielt weniger Aufmerksamkeit.

«Pro Publica» und die «Alaska Daily News» veröffentlichten 2019 mehrere Artikel über die hohe Zahl von Gewaltverbrechen gegen Frauen in Alaska. Die Zahl der Delikte liegt dreimal so hoch wie im landesweiten Durchschnitt.

Eine Frau steht vor einer Wand, an der die Steckbriefe von vermissten Frauen hängen.
Die wahre Geschichte hinter «Alaska Daily»: Alaska hat die höchste Rate von Gewaltverbrechen gegen Frauen. © Hulu / Disney+
Ein Hotshot in der Tundra

In «Alaska Daily» ist diese Geschichte der Anlass für Eileen Fitzgerald (Hilary Swank) in den hohen Norden zu ziehen. Die New Yorker Topjournalistin hat gerade harte Zeiten hinter sich. Ihre letzte grosse Story zerstörte ihre Karriere, weil Zweifel an ihrer Quelle auftauchten und ihr herablassender Umgang mit Kolleg:innen publik gemacht wird.

Dennoch ist Eileen zuerst wenig begeistert, als Stanley Cornik (Jeff Perry), Chefredakteur des «Alaska Daily», bei ihr auftaucht und ihr einen Job anbietet. Lokaljournalismus bei einem serbelnden Blatt in der Tundra ist doch ein paar Nummern zu klein für sie. Aber die Story beginnt sie zu faszinieren.

Frisch angekommen in Anchorage gibt sie ihren neuen Kolleg:innen gleich den Tarif durch. Sie ist die versierte Journalistin, die weiss, wie der Hase läuft, und sie arbeitet alleine. Doch mit ihrer New Yorker Hotshot-Attitüde kommt sie nicht weit.

Zwei Frauen vor einer Wand voll geklebt mit Fotos und Notizzetteln. Im Vordergrund ein Mann mit grauen Haaren.
Roz und Eileen verstehen sich zu Beginn nicht besonders gut. Aber ihr Ehrgeiz, den Mord an einer jungen Frau aufzuklären, verbindet sie. © Hulu / Disney+

Die Mutter einer jungen Frau, die ermordet wurde, will nicht mit der Fremden reden. Eileen muss widerwillig die Hilfe ihrer indigenen Kollegin Roz Friendly (Grace Dove) in Anspruch nehmen. Von nun an arbeiten die beiden gemeinsam an der Geschichte, auch wenn sie sich (noch) nicht leiden mögen.

Kleine Geschichten aus dem Alltag

Sie decken auf, wie rassistische Polizist:innen, schlampige Behörden und korrupte Politiker:innen dafür verantwortlich sind, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht nur an der Tagesordnung ist, sondern meist auch nicht aufgeklärt, geschweige denn bestraft wird.

Neben dieser spannenden Story werden in «Alaska Daily» auch kleine Geschichten erzählt aus dem Alltag der Reporter:innen. Das soll die Bedeutung des Lokaljournalismus für eine funktionierende Gemeinschaft untermauern. Dieses hohe Lied singt die Serie zwar etwas aufdringlich. Aber was soll man dagegen sagen? Die Aussage stimmt.

Ein Haus in Flammen. Davor ein Löschkran der Feuerwehr.
Weshalb wurde ein beliebtes Restaurant ein Opfer der Flammen? Eine Recherche, für die es keinen Preis geben wird, aber die Leser:innen des «Daily Alaskan» sehr interessiert. © Hulu / Disney+
Die nervige Journalistin überschattet den Kern der Geschichte

Am faszinierendsten an der Serie ist der Ort. Nicht nur wegen der atemberaubenden Landschaftsaufnahmen. Alaska, so zeigt die Serie, ist eine gespaltene Gesellschaft, in der Indigene massiv diskriminiert werden. Eine Tatsache, die nicht weitherum bekannt sein dürfte.

Nervig, vor allem zu Beginn, ist dagegen die Hauptfigur. Da hilft es auch nichts, wenn Hilary Swank die Journalistin mit dem gewaltigen Ego spielt. Aber natürlich lernt sie mit der Zeit nicht nur die Gegend zu schätzen, sondern auch ihre Kolleg:innen. Das macht Eileen etwas erträglicher und lenkt weniger vom Kern der Geschichte ab.

Wäre «Alaska Daily» mit etwas weniger Schema-F-Elementen inszeniert, wäre es eine sehr gelungene Serie. So gehört sie zum guten Durchschnitt.

Wie viele Sterne gibst du «Alaska Daily» (Staffel 1)?
0 Stimmen

Besetzung: Hilary Swank | Jeff Perry | Grace Dove | Meredith Holzman | Matt Malloy | Pablo Castelblanco | Ami Park | Craig Frank | Shane McRae | Joe Tippett | Irene Bedard
Serie entwickelt von: Tom McCarthy
Genre: Krimi | Drama
USA, 2023

The Diplomat (Staffel 1) – Brillanter Mix aus «Homeland» und «The West Wing»

Serienposter mit Schriftzug. Eine Frau sitzt in einem Sessel. Neben ihr die britische und US-amerikanische Flagge.

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min.)

Allein das Wiedersehen mit Keri Russell ist es wert, sich den neuen Politthriller «The Diplomat» auf Netflix anzuschauen. Sie war in der Serie «The Americans» (alle Staffeln auf Disney+) grossartig als KGB-Spionin Elizabeth Jennings.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Philip (Matthew Rhys, momentan bei HBO / Sky Show als Perry Mason unterwegs) spionierte und mordete sie über sechs Staffeln in Washington in den frühen 80er-Jahren. Die beiden gaben sich als stinknormale Familie aus, hatten zwei Kinder und pflegten gut nachbarschaftliche Beziehungen zu einem FBI-Agenten, der nebenan wohnte.

Eine Frau und ein Mann in eleganten Kleidern in er offenen Kutsche. Sie winkt.
Keri Russell hat die Seiten gewechselt. Anstatt gegen die USA zu spionieren, repräsentiert sie das Land in England als Botschafterin Kate Wyler (neben ihr Rufus Sewell als Ehemann Hal). © Netflix
London statt Kabul, aber nicht weniger herausfordernd

Vielversprechend ist auch Debora Cahn als Autorin der Serie. Sie ist bekannt für den CIA-Thriller «Homeland» und die Politserie «The West Wing». Beide Serien waren sehr erfolgreich und wurden vielfach ausgezeichnet.

Für «The Diplomat» hat sich Cahn bei den beiden Vorgängern bedient, mischt US-Politik, internationale Diplomatie und nachrichtendienstliche Aufklärungen zu einer sehr gelungenen Serie.

Keri Russell ist die Diplomatin Kate Wyler, die kurz vor ihrer Entsendung nach Afghanistan steht. Doch dann wird ein britischer Flugzeugträger vor der iranischen Küste angegriffen. US-Präsident Rayburn (Michael McKean) und seine Stabschefin Billie Appiah (Nana Mensah) eröffnen der verdatterten Kate, dass sie den Botschaftsposten in London übernehmen wird.

Ein Mann und eine Frau blicken sich an. Im Hintergrund weitere Personen.
Die Stabschefin (Nana Mensah) und der Präsident (Michael McKean) haben Pläne mit Kate Wyler, von denen sie nichts weiss. © Netflix
Nicol statt Boris, aber ähnlich unberechenbar

Üblicherweise landen auf solchen Posten nicht erfahrene Diplomatinnen wie Kate, sondern Parteifreund:innen des Präsidenten, die sich durch Wahlkampfspenden verdient gemacht haben.

Aber der Anschlag auf den Flugzeugträger löst eine internationale Krise aus, in der der impulsive britische Premier Nicol Trowbridge (Rory Kinnear) zum gefährlichen Hasardeur wird. Dass sein Vorname ähnlich osteuropäisch klingt wie der von Boris Johnson, dürfte kein Zufall sein. Trowbridge liebäugelt mit Krieg, in den die Amerikaner hineingezogen werden könnten.

Ein Mann an einem Rednerpult. Britische Flaggen im Hintergrund.
Der britische Premier Trowbridge (Rory Kinnear) ist vor allem an seinem Image in der Öffentlichkeit interessiert und weniger an Politik. © Netflix

Kates Aufgabe ist also klar: Die Briten im Zaum zu halten. Gleichzeitig will sie wissen, wer wirklich hinter dem Anschlag steckt. Iran war es wohl nicht, wie Kates Ehemann Hal (Rufus Sewell) herausfindet.

Der Ehemann als Dame des Hauses

Hal ist auch ein verdienter Diplomat, in dessen Schatten Kate bisher stand. Jetzt sind die Rollen vertauscht. Hal ist «the wife» und sollte sich eigentlich nur um die Menukarte und die Blumengebinde für die Diners kümmern. Das fällt ihm schwer, was zu diversen Friktionen mit seiner Frau führt.

Ein Mann und eine Frau bei einem Spaziergang auf einer Wiese. Er hat ein Post-It auf der Stirn.
Während Politik gemacht wird, vergnügen sich die Damen des Hauses bei einem Spaziergang mit einem Spiel (T’Nia Miller und Rufus Sewell). © Netflix

Die Konflikte zwischen den beiden sind aber nicht neu. Die Ehe der beiden ist schon zuvor gescheitert, die Trennung geplant. Wenn da nicht eine andere Komplikation wäre. Kate wurde auch noch London geschickt, um herauszufinden, ob sie sich als Vizepräsidentin eignen würde. Davon weiss sie aber nichts. Ihr Mann dagegen und auch Stuart Heyford (Ato Essandoh), ihr engster Mitarbeiter in der Botschaft, sind in den Plan eingeweiht.

Spannung, Humor und ein bisschen Seifenoper

«The Diplomat» ist mit weniger Action inszeniert als etwa «Homeland», aber nicht weniger spannend. Kate muss eine Katastrophe nach der anderen abwenden und dabei vermeiden, in eine der zahlreichen Fallen zu treten, die ihr die politischen und persönlichen Animositäten der Akteure stellen.

Ein Mann in Anzug und eine Frau gehen nebeneinander.
Der britische Aussenminister (David Gyasi) ist ein wichtiger Verbündeter für Kate Wyler – und ein bisschen mehr. © Netflix

Ähnlich wie «West Wing» dagegen bietet die Serie immer wieder witzige und amüsante Episoden. Einzig beim Liebesleben der Botschafterin gleitet die Serie etwas zu sehr in eine Seifenoper ab. Hier scheint durch, dass Autorin Debora Cahn auch mit diesem Genre vertraut ist. Sie war Autorin der endlosen Arztserie «Grey’s Anatomy».

Darüber kann man aber grosszügig hinwegsehen. Denn der Hauptplot bietet genug fesselnde Irrungen und Wirrungen und endet mit einem dramatischen Cliffhanger.

Wie viele Sterne gibst du «The Diplomat» (Staffel 1)?
1 Stimme

Besetzung: Keri Russell | Rufus Sewell | David Gyasi | Ali Ahn | Rory Kinnear | Ato Essandoh | Jess Chanliau | Pearl Mackie | Celia Imrie | T’Nia Miller | Michael McKean | Miguel Sandoval | Penny Downie
Serie entwickelt von: Debora Cahn
Genre: Thriller | Drama
USA, 2023

Beef (Staffel 1) – Wutbürger:innen und was dahinter steckt

Serienposter mit Schriftzug. Zwei Hände mit gestrecktem Mittelfinger. Der obere Teil der Mittelfinger sind zwei menschliche Figuren, die sich anschauen.
4 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 10 Episoden à 30 Min.)

Danny (Steven Yeun) hat einen schlechten Tag. Er wollte in einem Laden ein paar Geräte zurückgeben, hatte den Kassenzettel aber nicht dabei. Amy (Ali Wong) ist gefrustet, weil sie überarbeitet ist und endlich ihr Geschäft verkaufen möchte. Aber der Deal kommt einfach nicht zustande.

Ein Alltagsärgernis eskaliert

Dann begegnen sich die beiden. Danny rammt beinahe Amys SUV, als er ausparken will. Sie hupt ein bisschen mehr als nötig und zeigt ihm den Mittelfinger. Danny rastet aus. Es kommt zu einer wilden Verfolgungsjagd, bei der aber nur ein paar Blumenrabatten verwüstet werden.

Ein Mann steht in einer Schlange in einem Hobbymarkt. Er hat seinen Kopf in die Hand gestützt und schaut müde aus.
Weshalb Danny (Steven Yeun) gleich mehrere Grills zurückgeben will im Supermarkt, wird erst später erklärt. © Netflix

Nach dieser Episode des kleinen alltäglichen Wahnsinns könnten Danny und Amy wieder ihre getrennten Wege gehen. Tun sie aber nicht. Die beiden verwickeln sich in einen Kleinkrieg, der immer mehr eskaliert.

Der Frust über das eigene Leben

Das könnte zu einer zynischen Komödie über Wutbürger:innen werden, bei der man kopfschüttelnd zuschauen kann, wie sich zwei Menschen gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Doch so einfach ist «Beef» nicht gestrickt, wie sich in den Episodentiteln zeigt, in denen Kafka, Sylvia Plath und viele andere zitiert werden.

Die Serie stellt eigentlich die Frage, weshalb es so oft nicht gelingt, ein erfülltes Leben zu führen. Dass Danny und Amy so heftig aneinandergeraten, hat nur am Rand mit dem jeweils anderen zu tun. Bei beiden liegt der wahre Grund für die Aggression im Frust über das eigene Leben.

Eine Frau zielt mit einer Pistole auf ein Handy, das sie in der Hand hält.
Noch ziemlich harmlos, wenn Amy (Ali Wong) ihren Widersacher nur per Handy mit der Waffe bedroht. © Netflix
Zwei Menschen am Anschlag

Danny hat ein Ein-Mann-Baugeschäft, das eher schlecht als recht läuft. Zuhause sitzt sein jüngerer Bruder Paul (Young Mazino), der nur Videogames spielt. Dann sind da die Eltern, die nach Korea zurückgekehrt sind, weil sie ihr Motel in den USA verloren haben. Um sie alle muss sich Danny kümmern. Zudem hat er noch einen kriminellen Cousin am Hals.

Amy hat es besser, könnte man meinen. Sie hat erfolgreich ein Geschäft aufgebaut. Ihr Mann George (Joseph Lee) kümmert sich zuhause um die gemeinsame Tochter. Und es winkt viel Geld für den Verkauf des Geschäfts.

Aber auch Amy kann nicht mehr. George, der als Künstler dilettiert, hilft zwar mit der Betreuung der Tochter, ist sonst aber zu wenig zu gebrauchen. Als mentale Unterstützung schon gar nicht. Die Schwiegermutter ist eine Nervensäge. Der Verkauf des Geschäfts zieht sich endlos hin und die Käuferin ist eine anstrengende Egomanin.

Ein Mann sitzt in einer Werkstatt an einer Töpferscheibe. Im Hintergrund ein Regal mit vielen ähnlichen Skulpturen.
Im Gegensatz zu seinem Vater, der ein berühmter Designer war, ist George (Joseph Lee) künstlerisch äusserst mässig begabt. © Netflix
Grosse Fragen in dunklem Humor verpackt

Diese Hintergründe erschliessen sich über die Zeit, lassen aber kaum Mitgefühl aufkommen. Dafür treffen Danny und Amy zu oft die falschen Entscheidungen. Letztlich sind aber alle Figuren ziemlich gestört und unfähig, sich aus ihren verfahrenen Situationen herauszuholen.

Auch wenn ein:e Sympathieträger:in fehlt, packt einen die Show trotzdem, weil es ihr gelingt, Fragen von Moral, Identität und Individualität zu stellen, unterhaltsam verpackt in düsterem Humor. Sie ist eine gelungene Beschreibung der heutigen Zeit, in der es so einfach ist wie selten zuvor, den eigenen Frust an anderen auszulassen und sich selber um die Lösung von Problemen zu drücken.

Wie viele Sterne gibst du «Beef» (Staffel 1)?
1 Stimme

Besetzung: Ali Wong | Steven Yeun | Joseph Lee | Young Mazino | David Choe | Maria Bello | Ashley Park | Patti Yasutake
Serie entwickelt von: Lee Sung Jin
Genre: Komödie | Drama
USA, 2023

Transatlantic (Mini-Serie) – Nazi-Flüchtlinge und Romanzen an der sonnigen Côte d’Azur

Serienposter mit Schriftzug. Zwei Männer und eine Frau posieren für ein Gruppenfoto vor einem Haus.
2 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 7 Episoden à 45 Min.)

Seit Spielbergs Film kennen fast alle Oskar Schindler, der im Zweiten Weltkrieg hunderten von Juden und Jüdinnen das Leben rettete. Aber wer hat schon mal von Varian Fry gehört, nach dem in Berlin eine Strasse benannt ist?

Historisch verbürgte Figuren

Dabei hat auch Fry etwa 2000 Menschen zur Flucht vor den Nazis geholfen. Die Drehbuchautorin und Produzentin Anna Winger («Deutschland 83», «Unorthodox») hörte von ihrem Vater zum ersten Mal von Varian Fry. Über diesen Mann sollte man eine Fernsehsendung machen, habe er gesagt, wie sie erzählt.

Ein Mann mit grauem Mantel und Brille steht vor einer Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, neben denen Koffer am Boden stehen.
Aus dem Journalisten Varian Fry (Cory Michael Smith, vorne) wird ein Aktivist, der Verfolgten des Nazi-Regimes zur Flucht verhilft. © Anika Molnar / Netflix

Das hat sie jetzt. «Transatlantic» erzählt die Geschichte von Varian Fry (Cory Michael Smith) und dem «Emergency Rescue Committee» (ERC), das in den Jahren 1940 und 1941 in Marseille tätig war. Neben Fry helfen weitere historisch verbürgte Figuren Flüchtlingen, aus dem damals noch unbesetzten Teil Frankreichs nach Übersee auszureisen.

Illustre Namen unter den Flüchtlingen

Mary Jane Gold (Gillian Jacobs) stammt aus einer reichen Chicagoer Familie. Sie unterstützt das ERC nicht nur mit Geld, sondern holt auch noch britische Kriegsgefangene aus dem Gefängnis. Albert Hirschmann (Lucas Englander) ist ein deutscher Jude, der zuletzt mit seiner Schwester aus Paris vor den Nazis geflohen ist. Während sie nach Lissabon weiterreist, bleibt er in Marseille und hilft dem ERC. Lisa Fittko (Deleila Piasko) ist eine österreichische Widerstandskämpferin. Sie schleust die Flüchtlinge über die Pyrenäen nach Spanien.

Eine Frau und Mann in eleganten Kleidern stehen mit Gläsern in der Hand auf einer Terrasse, im Hintergrund das Meer.
Mary Jane Gold (Gillian Jacobs) bearbeitet den US-amerikanischen Konsul (Corey Stoll). Er vertritt strikt die damalige Neutralitätspolitik der USA. © Anika Molnar / Netflix

Zu Beginn konzentrierte sich das ERC auf Intellektuelle und Künstler:innen, denen es zur Flucht verhalf. Einige davon tauchen in der Serie auf: Walter Benjamin, Max Ernst, Hannah Arendt, Marc Chagall oder André Breton.

Hurra, wir leben noch

Eine eindrückliche Geschichte, die die Serie zu erzählen hätte, wie man sieht. Aber genau daran mangelt es «Transatlantic» – an Eindrücklichkeit. Dass die Bedrohung durch die Nazis in Vichy-Frankreich nicht so unmittelbar ist wie in den besetzten Gebieten, kann man gelten lassen.

Deshalb wirkt auch ein ausgelassenes Geburtstagsfest für Max Ernst keineswegs deplatziert. Es sind sehr stimmige und visuell amüsante Szene. Sie habe damit zeigen wollen, wie ein solches Fest «uns in der schlimmsten Krise daran [erinnert], dass wir noch am Leben sind», sagt Anna Winger. Das ist gelungen.

Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch. Beide mit ungewöhnlichen Kopfbedeckungen.
Ein ausgelassenes Fest zu Ehren von Max Ernst (Alexander Fehling). © Anika Molnar / Netflix)
Romanzen übertünchen den Kern der Geschichte

Fehl am Platz ist allerdings die Dominanz all der Romanzen, die sich in «Transatlantic» abspielen. Die heimliche Liebschaft des verheirateten Varian mit seinem Freund Thomas (Amit Rahav). Mary Jane tändelt mit Albert und Lisa mit Paul (Ralph Amoussou).

Nichts dagegen, die Gefühlswelt der Figuren noch etwas auszuschmücken. Aber diese Liebesdramen nehmen so viel Raum ein, dass die eigentliche Geschichte der Flüchtlingsrettung zur Nebensache gerät.

Zwei Männer vor einem Brunnen in einem Garten.
Varian und sein Liebhaber Thomas (Amit Rahav). Frys Homosexualität wurde erstmals 2019 in einem Buch thematisiert und heftig diskutiert. Frys Sohn bestätigte damals, sein Vater sei homosexuell gewesen. © Anika Molnar / Netflix
Ein Polizeichef à la Louis de Funès

Eigentümlich auch die Rolle der Polizei von Marseille. Im Verlauf der Serie greift sie zwar immer härter durch, verhaftet Flüchtlinge und beginnt mit Deportationen ins besetzte Frankreich. Aber wenn der Polizeichef mit seiner Truppe auftritt, fühlt man sich unweigerlich an Louis de Funès und seine Gendarmen von St. Tropez erinnert.

«Transatlantic» setzt der Arbeit des «Emergency Rescue Committee» und den vielen Menschen, die mithalfen, kein Denkmal. Stattdessen ist die Serie ein romantisches Drama, das im Zweiten Weltkrieg vor der wunderschönen Kulisse der sonnigen Côte d’Azur angesiedelt ist. Das ist dem Thema nicht wirklich angemessen.

Wie viele Sterne gibst du «Transatlantic»?
0 Stimmen

Besetzung: Gillian Jacobs | Lucas Englander | Cory Michael Smith | Ralph Amoussou | Deleila Piasko | Amit Rahav | Grégory Montel | Corey Stoll | Moritz Bleibtreu
Serie entwickelt von: Daniel Hendler | Anna Winger
Genre: Historie | Drama
D / F, 2023

1923 (Staffel 1) – Ein amerikanisches Blut- und Bodendrama

Serienposter mit Schriftzug. Ein Mann mit Cowboyhut und eine Frau stehen an einem Holzzaun. Er hat die Hand auf ihre Schulter gelegt.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Paramount+ (1 Staffel, 8 Episoden à 60 Min.)

Mein erster Anlauf, mich mit der Rancherdynastie der Duttons auseinanderzusetzen, verlief im Sand. Die Bemühungen von Kevin Costner als Familienoberhaupt um den Erhalt der «Yellowstone»-Ranch, die seit über 100 Jahren in Familienbesitz ist, waren zu wenig interessant. Nach ein paar Episoden klinkte ich mich aus.

Warum nicht einfach «Bonanza» wiederholen?

Die Serie wirkte aus der Zeit gefallen. Weshalb braucht es heute noch eine Geschichte über Viehzüchter? Man hätte ja einfach «Bonanza» wieder ins Programm setzen können. Da gab’s alles schon mal: Rinder, Pferde, Cowhands, die damals noch Cowboys hiessen, Revolver und Gewehre.

Aber ich gehöre offenbar zu einer Minderheit. «Yellowstone» ist äusserst erfolgreich mit bislang fünf Staffeln und diversen Spin-offs wie jetzt «1923». Wohl weil es eben nicht nur um Viehzucht geht, sondern um Familiengeschichte. Die Dynastie als Topos hat auch ausserhalb des Western eine reiche Geschichte.

Ein älteres Paar steht in der Natur. Er hält einen Stock.
Noch eine Nummer grösser als die vorherigen «Yellowstone»-Darsteller:innen: Harrison Ford und Helen Mirren als Dutton-Patriarch und -Matriarchin. © Paramount+

Dass ich mich doch nochmal an die Duttons heranwagte, liegt nur an Helen Mirren und Harrison Ford. Wenn zwei Stars wie sie auftreten, kann man nicht widerstehen.

Pseudophilosophieren am Lagerfeuer

Allerdings ist es auch ihnen nicht gelungen, mich mit dem Neo-Western zu versöhnen. Mir sträuben sich einfach zu sehr die Nackenhaare, wenn der Patriarch Jacob Dutton (Harrison Ford) am Lagerfeuer pseudophilosophischen Stuss erzählt, um zu rechtfertigen, weshalb er gerade ein paar Männer gelyncht hat.

Jacob faselt von gierigen Menschen, die anderen etwas wegnehmen wollen, was sie erschaffen haben. Das sei in jeder Zivilisation so gewesen, von Rom bis nach Jerusalem und dagegen müsse man sich mit allen Mitteln wehren. Was er wohlweislich vergisst zu erwähnen: Seine Ranch steht auf dem Land, das einst Indigenen gehörte, und gierige Weisse, seine Familie, an sich gerissen haben.

Zwei Männer stehen sich auf der Strasse gegenüber und blicken sich hasserfüllt an.
Banner (Jerome Flynn) legt sich mit Jacob Dutton an und büsst das mit einem Strick um den Hals. © Paramount+

Diese Blut- und Bodenideologie geht mir einfach zu sehr gegen den Strich. Es kostet mich viel Überwindung, darüber hinwegzusehen und andere Aspekte wohlwollend zu betrachten, die die Serie durchaus auch auszeichnen.

Immerhin: Starke Frauenfiguren

Etwa starke Frauenfiguren: Da ist nicht nur Helen Mirren als Jacobs Frau Cara, die sich weder von ihrem Mann noch sonst von einem Cowboy etwas sagen lässt, sondern ihre Meinung durchsetzt. Noch interessanter ist Alexandra (Julia Schlaepfer).

Sie ist eine quirlige englische Lady, die mit einem Jäger durchbrennt, statt einen langweiligen Earl zu heiraten. Der Jäger ist Spencer Dutton, der Neffe von Jacob und Cara, der nach dem Ersten Weltkrieg nach Afrika ging. Alexandra nimmt in keiner Situation ein Blatt vor den Mund, ist witzig und macht Spencer verständnisvoll, aber bestimmt klar, dass sie keine Lust hat, sich mit seinem Kriegstrauma rumzuschlagen.

Ein Mann mit nacktem Oberkörper paddelt in einem Holzboot. Eine nur mit Unterwäsche bekleidete Frau sitzt darin.
Die ganz andere und eigentlich bessere Geschichte: die abenteuerliche Liebe zwischen Spencer Dutton (Brandon Sklenar) und Alexandra (Julia Schlaepfer). © Paramount+

Der ganze Erzählstrang, der sich in Afrika abspielt, bietet nicht nur eine willkommene Abwechslung zur Cowboywelt von Montana. Es ist auch die unterhaltsamere und abenteuerlichere Geschichte, in der ein paar hübsche Boshaftigkeiten sowohl gegen Brit:innen als auch gegen Amerikaner:innen platziert werden.

Die indigene Geschichte – nur ein Feigenblatt?

Was auch nicht fehlen darf in einem Neo-Western, ist der Aspekt der Indigenen. Hier ist es eine junge Frau, Teonna (Aminah Nieves), die in eine Regierungsschule zwangseingewiesen wurde. Die Schule wird von gewalttätigen, sadistischen Nonnen und Priestern geführt, die ihre Schützlinge grausam quälen.

Das macht wütend, schildert wohl historisch akkurat, was jungen indigenen Frauen damals widerfahren ist. Aber bis zum Schluss der ersten Staffel wird nicht klar, ob und wie Teonnas Geschichte zu den Duttons gehört. Deshalb wirkt sie ein wenig wie ein Feigenblatt, weil eben modernes Storytelling über diese Ära nach diversen Figuren verlangt. Abschliessend kann man das erst nach der zweiten Staffel beurteilen.

Ein indigener Mann mit Hut und eine junge Indigene stehen vor einem Hütteneingang.
Teonna (Amina Nieves) flieht aus der Schule und findet bei Hank (Michael Greyeyes) Unterschlupf. © Paramount+
Warten auf die zweite Staffel – und Jacob Duttons Abgang

Wie überhaupt kein einziger Plot der Geschichte über die Duttons in der ersten Staffel abgeschlossen wird. Das frustriert, auch wenn Taylor Sheridan, der Autor der «Yellowstone»-Reihe, schon zu Beginn angekündigt hat, dass «1923» auf 20 Episoden ausgelegt ist.

Ob ich mir die zweite Staffel zumuten werde? Wahrscheinlich schon. Was mit Teonna, Spencer und Alexandra passiert, das möchte ich noch erfahren. Jacob dagegen wird es wohl eh nicht mehr lange machen. Er hat jetzt schon oft darüber sinniert, wie alt er sei. Also kann er hoffentlich nicht mehr allzu viel ideologischen Bullshit absondern.

PS: Wer einen wirklich gelungenen Neo-Western sehen will – den gibt es auch: «The English». Inszeniert von einem Briten und von A bis Z überzeugend.

Wie viele Sterne gibst du «1923» (Staffel 1)?
12 Stimmen

Besetzung: Helen Mirren | Harrison Ford | Brandon Sklenar | Julia Schlaepfer | Jerome Flynn | Darren Mann | Isabel May | Aminah Nieves | Brian Geraghty | Michelle Randolph | Caleb Martin | Robert Patrick | Timothy Dalton
Serie entwickelt von: Taylor Sheridan
Genre: Western | Drama
USA, 2022

Hello Tomorrow! (Staffel 1) – Eine hübsche Idee versandet in einer drögen Geschichte

Serienposter mit Schriftzug. Ein Mann sitzt auf dem Fahrersitz eine Oldtimers bei geöffneter Tür. Das Auto ist aber futuristisch ohne Räder. Am Nachthimmel leuchtet der Mond.
2 von 5 Sternen

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 10 Episoden à 30 Min.)

Was für eine reizvolle Idee, die 50er-Jahre mit futuristischer Technologie im Design der Nachkriegszeit auszustatten: blecherne Roboter, die Hunde Gassi führen und an der Bar Drinks mixen, Videotelefonie mit Röhrenbildschirmen und Limousinen, die ohne Räder über die Strassen gleiten.

Ein schwebender Roboter bedient in einem Restaurant eine Kundin.
In Restaurants und Bars bedienen schwebende Roboter. © Apple TV
Reizvolles Produktionsdesign

Das Produktionsdesign von «Hello Tomorrow!» verdient auf jeden Fall sehr gute Noten und macht viel des Reizes der Serie aus. Aber dann ist da die Geschichte, die eine geringere Anziehungskraft ausübt.

Zwar spielt auch die Story mit der unzeitgemäss hochtechnologisierten 50er-Ära, aber die Ausstattung bleibt nebensächlich. Jack Billings (Billy Crudup) ist ein Handelsreisender, der von Tür zu Tür geht. Er verkauft aber keine Staubsauger, sondern Appartements auf dem Mond.

Zwei Männer und eine Frau stehen an einem Tisch im Freien. Ein Mann deutet nach oben gegen den Himmel, die anderen schauen nach oben.
Da oben werden die Träume der Menschen erfüllt. Jack (Billy Crudup, l.) erklärt seinem Sohn Joey (Nicholas Podany) und seiner Buchhalterin Shirley (Haneefah Wood), was sie ihren Kund:innen verkaufen. © Apple TV
Handelsreisender für Träume

Jack arbeitet mit einem Team von zwei Verkäufern (Hank Azaria und Dewshane Williams) und der Buchhalterin Shirley (Haneefah Wood). Die Verkaufsstrategie, die Jack seinem Team einbläut, lautet: Wir verkaufen nicht Immobilien, sondern Träume.

Das trifft die Wahrheit genauer, als sein Team ahnt. Wir merken schnell, dass Jack etwas verheimlicht. Unter falschem Vorwand lotst er sein Team nach Vistaville. Dort lebt seine Mutter (Jacki Weaver), aber auch seine Frau und sein Sohn Joey (Nicholas Podany), die er beide seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat.

Zwei Männer und eine Frau stehen in einem Raum mit einem Plakat im Hintergrund.
Herb (Dewshane Williams), Eddie (Hank Azaria) und Shirley wissen lange nicht, dass sie tatsächlich nur Träume verkaufen. © Apple TV
Langatmige Vater-Sohn-Geschichte

Jacks Frau hatte einen Unfall und liegt im Koma. Jack besucht seinen Sohn, ohne sich als Vater zu erkennen zu geben, und heuert ihn als Verkäufer an. Er führt ihn ins Geschäft ein, versucht gleichzeitig eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Aber immer mehr wird deutlich: Jacks Geschäft ist ein Fantasiegebilde, auch nur ein Traum, der mit einer unglücklichen Vaterbeziehung zu tun hat.

Irgendwie ist das ja alles ganz nett, wie die Serie mit dem Traum von einem besseren Leben spielt, der letztlich auf den «American Dream» zurückgeht und klassisch zu den 50er-Jahren passt. In der Nachkriegszeit entstand die breite Mittelschicht der US-Gesellschaft, für die sich das Versprechen von mehr Wohlstand durch harte Arbeit erfüllte.

Eine Frau und ein Mann sitzen in einem kleinen Auto mit Fronttüre.
Myrtle (Allison Pill) kommt Jack auf die Schliche und erhält von Lester (Matthew Maher) Unterstützung. © Apple TV
Die besten Szenen im Trailer

Die Serie plätschert aber meistens dröge dahin. Einige Figuren bringen zwar durchaus Witz in die Geschichte: etwa Hank Azaria als Verkäufer, der wegen seiner Wettschulden von einem Geldeintreiber gejagt wird, oder Alison Pill als enttäuschte Kundin, die Jack ruinieren will.

Alles in allem bleibt die Geschichte dürftig. Das machen auch die technologischen Gimmicks nicht vergessen, von denen man die meisten schon im Trailer sieht. Wenn eine Serie fast alle starken Momente im Trailer ausspielt, ist das immer ein schlechtes Zeichen.

Wie viele Sterne gibst du «Hello Tomorrow!» (Staffel 1)?
0 Stimmen

Besetzung: Billy Crudup | Haneefah Wood | Hank Azaria | Nicholas Podany | Dewshane Williams | Alison Pill | Matthew Maher | Jacki Weaver | Susan Heyward
Serie entwickelt von: Holden Miller
Genre: Drama | Science-Fiction
USA, 2023

1 2 3 7