Totenfrau (Staffel 1) – Eine Racheengel in den Alpen

Serienposter mit Schriftzug. Eine Frau von hinten mit Lederjacke und Motorradhelm. Sie steht vor einer Berglandschaft.
4 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 6 Episoden à 50 Min.)

Seit der Schweizer Krimiserie «Wilder» wissen wir, dass es in den Alpen keineswegs nur friedlich und harmonisch zu und hergeht. Die «Totenfrau» hievt das Ausmass an Gewalt und Mord vor der Kulisse der Tiroler Bergwelt aber auf ein neues Level.

Leichen pflastern die Alpen

«In drei Wochen hatten wir jetzt mehr Tote als in den letzten 20 Jahren», stellt ein Polizist im scheinbar friedlichen Dorf Bad Annenhof konsterniert fest. Und dabei weiss er nicht mal von allen, denn einige Leichen hat die Polizei noch gar nicht gefunden – und wird sie wohl auch nie.

Der erste Tote ist aber ein klarer Fall und liegt schon nach wenigen Minuten der ersten Episode auf der Strasse. Der Polizist Mark Thaler (Maximilian Kraus) verabschiedet sich noch liebevoll von seiner Frau (Anna Maria Mühe), steigt aufs Motorrad und kollidiert Sekunden später mit einem schwarze Range-Rover.

Ein Mann und eine Frau kurz bevor sie sich küssen. Sie hält sein Kinn in ihrer Hand.
Ein Abschied für immer: Blum (Anna Maria Mühe) und ihr Mann Mark (Maximilian Kraus). © Netflix

Ein schrecklicher Unfall mit Fahrerflucht, so sieht zuerst aus. Doch allmählich verdichten sich die Anzeichen, dass es ein Mord war. Marks Frau Blum, die sich nur mit ihrem Nachnamen ansprechen lässt, weil sie ihren Vornamen Brünhilde hasst, entdeckt auf dem Handy ihres Mannes Mitteilungen, die sie zu einer jungen Frau führen.

Die Handwerkskunst der Bestatterin zahlt sich aus

Dunja (Romina Küper) hat Schreckliches erlebt. Sie wurde mit zwei weiteren Frauen von vier Männern brutal gequält und misshandelt. Die anderen beiden sind tot, sie konnte fliehen. Mark hatte Dunja versteckt, da die Täter offenbar ziemlich mächtig sind und viel Einfluss haben.

Weil diese Männer wohl auch für Marks Tod verantwortlich sind, begibt sich Blum auf einen Rachefeldzug. Den ersten findet sie schnell. Edwin Schönborn (Shenja Lacher), Spross der einflussreichsten Familie des Orts.

Blum kidnappt ihn, um die Namen der anderen aus ihm herauszupressen. Dummerweise stirbt Edwin dabei. Da kommt Blum ihr Beruf sehr gelegen. Sie ist Bestatterin und hat deshalb keine Schwierigkeiten, die Leiche verschwinden zu lassen. Es wird nicht die letzte sein.

Eine Frau mit Gesichtsschutz und einem Werkzeug in der Hand blickt auf den Kopf einer Leiche.
Im Normalfall benutzt Blum die Knochensäge nicht bei ihrer Arbeit. Aber sie kommt sehr gelegen, um Leichen zu zerkleinern. © Netflix
Die Mühe lohnt sich

Mit dem Setting in den Bergen und dem Beruf der Protagonistin könnte man meinen, da habe sich jemand bei den beiden Schweizer Krimis «Wilder» und «Der Bestatter» bedient. Aber der Roman von Bernhard Aichner, auf dem die Serie beruht, ist schon vor den beiden Serien erschienen.

Es gibt auch sonst wenig Gemeinsamkeiten. Aichners «Totenfrau» ist schwerere Kost. Die Verbrechen sind grausamer, aber zum Glück nur andeutungsweise zu sehen. Die menschlichen Abgründe, die zu Tage treten, einiges tiefer. Das geht unter die Haut, vor allem dank der hervorragenden Anna Maria Mühe.

Ihr kauft man alles ab. Ihre Wut über den Tod ihres Mannes, ihr Hartnäckigkeit, mit der sie den Mördern nachstellt, ihre Kaltblütigkeit, wie sie die Leichen zerstückelt.

Ein bisschen konstruiert, aber dennoch sehr gelungen

Das macht ein wenig vergessen, dass anderes konstruiert wirkt und wenig originell. Die Famile der Schönborns etwa, die ihre Macht als Freipass verstehen, sich nur an ihre eigenen Regeln halten zu müssen. Oder der kauzige Bauer, der den Schönborns Paroli bot und dafür einen hohen Preis bezahlte.

Ein Polizist und eine Frau stehen sich gegenüber. Im Hintergrund eine rote Sofagruppe mit Pflanzen.
Mit der Zeit schöpft der Polizeichef (Robert Palfrader) Verdacht und nimmt Blum ins Visier. ©

Über allem ragen irgendwie die Berggipfel, zu denen sich eine Passstrasse hoch schlängelt, die man immer wieder sieht. Das soll vielleicht die verschlungenen Wege der menschlichen Seele symbolisieren, bleibt aber letztlich nur eine, wenn auch schöne, Kulisse.

Zu viel zu mäkeln, wäre aber ungerecht. Die «Totenfrau» ist ein gelungener Krimi mit einigen unerwarteten Wendungen. Spannend ist jetzt die Frage, ob die angedeutete Fortsetzung realisiert wird. In Buchform liegt sie schon vor: «Totenhaus» ist der zweite Teil von Aichners Trilogie über die Bestatterin Blum.

Wie viele Sterne gibst du «Totenfrau» (Staffel 1)?
2 Stimmen

Besetzung: Anna Maria Mühe | Felix Klare | Yousef Sweid | Shenja Lacher | Robert Palfrader | Simon Schwarz | Gregor Bloéb | Michou Friesz | Gerhard Liebmann | Romina Küper
Serie entwickelt von: Barbara Stepansky | Wolfgang Mueller | Benito Mueller
Genre: Krimi
D / OE, 2023

Wednesday (Staffel 1) – Ein Händchen für komischen Grusel

Serienposter mit Schriftzug. Eine junge Frau steht im Regen. Sie hält einen geöffneten Regenschirm in der Hand. Im Hintergrund Türme und schwarzgrauer Himmel.

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min.)

Eigentlich hatte ich nicht vor, mir «Wednesday» anzuschauen. Zu viel kommt da zusammen, was mich wenig interessiert. Ich bin bei allem Respekt kein grosser Fan von Tim Burton, der in vier Folgen Regie führte und quasi der geistige Vater der Serie ist. Seine Ästhetik ist mir zu gekünstelt und zugleich wenig originell.

Abstruse Dating-Rituale? Nein, danke

Mit der Addams Family konnte ich auch noch nie viel anfangen. Die bleichen Gesichter und das eiskalte Händchen sind zwar ganz amüsant. Aber wenn schon Grusel, dann lieber richtig Gänsehaut.

Zu guter Letzt halte ich US-amerikanische Teenie- und Highschoolserien für absolute Zeitverschwendung. Weniger oder zumindest nicht nur, weil ich zu alt dafür bin. Diese abstrusen Rituale, die da in der Schule und beim Daten zelebriert werden, entspringen einer Geisteshaltung, die ich höchst irritierend finde (wie erfrischend anders ist da «Sex Education»).

Zwei Frauen in einem Kaffee. Eine Frau hält ihre Kaffeetasse in der Hand und spricht mit der anderen, die ihr Gesicht von der Kamera weggewendet hat.
Eine hübsche Referenz an die «Addams Family»-Filme aus den 90ern: Christina Ricci (rechts) spielte dort Wednesday Addams. In der Serie ist sie eine Lehrerin an der Nevermore Academy, die von Larissa Weems (Gwendoline Christie, links) geleitet wird. © Netflix
Ein Schulstreich, bei dem Blut fliesst. Glorios!

Viel sprach also gegen «Wednesday». Aber immer wieder waren begeisterte Wortmeldungen zu lesen, so dass ich mich fast genötigt sah, mindestens mal den Trailer anzuschauen. Und da ist’s passiert.

Wednesday Addams (Jenna Ortega) spaziert ins Schulschwimmbad und setzt Piranhas im Becken aus, in dem die Wasserballer trainieren, die ihren Bruder piesackten. Was für eine gloriose Perfidie. Das Sahnehäubchen dann ihr Kommentar, dass gewisse Menschen – konkret einer dieser All-American-Boys – sich besser nicht fortpflanzten. Diesen Humor mag ich 😜.

Es gibt zwar nicht mehr allzu viele Szenen, bei denen man mit so einem breiten Grinsen vor dem Schirm sitzt. Aber die misanthropische Wednesday lässt einen immer wieder Schmunzeln mit ihrem triefenden Sarkasmus.

Eine junge Frau hält zwei grosse Plastiksäcke in den Händen, in denen Fische sind.
Wednesday (Jenna Ortega) nimmt blutige Rache für ihren Bruder. Denn: «Niemand quält meinen Bruder – ausser mir.» © Netflix
Sonderschule der Extraklasse

Nach dem Piranha-Vorfall fliegt sie logischerweise von der Schule. Ihre Eltern (Catherine Zeta-Jones und Luis Guzmán) schicken sie deshalb auf die Nevermore Academy, die schon ihre Mutter besuchte. Auch Edgar Allen Poe firmiert unter den prominenten Absolvent:innen, wie die Website stolz verkündet.

Nevermore ist spezialisiert auf Schüler:innen mit aussergewöhnlichen Eigenschaften. Werwölfe, Sirenen und Vampire sind die neuen Klassenkamerad:innen von Wednesday. Obwohl sie jetzt mehr unter Ihresgleichen ist, legt sie ihre asoziale Grundhaltung nicht ab. Sie gibt allen zu verstehen, dass sie besser ohne zwischenmonstrigen Kontakt zurechtkommt.

Wednesdays Eltern schicken «Thing» – bei uns besser bekannt als das eiskalte Händchen – als Aufpasser mit in die neue Schule. © Netlix
Ein Monster namens Hyde

Wednesday gedenkt auch nicht zu bleiben. Sie will gleich wieder abhauen. Das stellt sie aber erst mal hinten an, als ein Monster auftaucht, das einen ihrer Mitschüler tötet. Auf der Spur dieses Monsters, das sich als Hyde entpuppt, taucht Wednesday tief ein in ihre eigene Familiengeschichte.

Die sarkastische, tief pessimistische Grundhaltung der Hauptfigur macht Highschool-Elemente wie Prom oder Sportanlässe nicht nur erträglich, sondern sogar amüsant. Wenn Blut auf die Tanzfläche regnet oder Fairness beim Wettbewerb per Reglement ausgeschlossen ist, konterkariert das die gewohnten Schulgeschichten vorzüglich.

Eine junge Frau spielt Cello. Im Hintergrund lodern gewaltige Flammen um eine Statue.
Wednesday versäumt keine Gelegenheit, einen Schulanlass zur Katastrophe ausarten zu lassen. © Netflix
Wednesday beweist: Highschool kann lustig sein

Selbst die BFF-Geschichte mit ihrer Zimmergenossin, die auch nicht fehlen darf, ist unterhaltsam und passend inszeniert. Die beiden trennen ihr Zimmer strikt in einen knallbunten und einen grauschwarzen, düsteren Teil.

«Wednesday» widerlegt meine Skepsis gegenüber Burton und den Addams als unbegründet. Die Serie beweist sogar, dass man den Highschool-Topos intelligent oder zumindest unterhaltsam gestalten kann.

Wie viele Sterne gibst du «Wednesday» Staffel 1?
15 Stimmen

Besetzung: Jenna Ortega | Gwendoline Christie | Christina Ricci | Riki Lindhome | Jamie McShane | Hunter Doohan | Percy Hynes White | Emma Myers | Joy Sunday | Catherine Zeta-Jones | Luis Guzmán
Serie entwickelt von: Alfred Gough | Miles Millar
Genre: Komödie | Krimi | Horror
USA, 2022

The Devil’s Hour (Staffel 1) – Alpträume aus der Zukunft

Serienposter mit Schriftzug. Ein Mann und eine Frau sitzen sich gegenüber an einem Tisch. Er trägt Handfesseln. Ihre Umrisse sind mehrfach im Spiegel im Hintergrund zu sehen.

Läuft bei: Amazon (1 Staffel, 6 Episoden à 60 Min.)

«The Devil’s Hour» macht so ziemlich alles richtig, um Spannung, Verwirrung, Schaudern und Gänsehaut zu erzeugen. Da ist zuerst die Besetzung: Jessica Raine (u.a. «Call the Midwife») und Peter Capaldi (u.a. der zwölfte Dr. Who) sind hervorragend. Sie, die rastlos nach Antworten sucht. Er, der diese Antworten kennt und das finstere Geheimnis, mit dem sie verbunden sind.

Alpträume zur Teufelsstunde

Dann der Aufbau: Mit der ersten Szene werden wir auf das Mysteriöse eingestimmt. Lucy Chambers (Jessica Raine) sitzt einem Mann gegenüber. Sein Gesicht sehen wir nie. Eindringlich redet er auf sie ein. Er scheint das Innerste seines Gegenübers bestens zu kennen. Ihre Sorgen, ihre Fragen, ihre Ängste, vor allem ihre Alpträume.

Jede Nacht um 3.33 Uhr – zur Teufelsstunde – wacht Lucy Chambers auf. Nicht 3.32 Uhr, nicht 3.34 Uhr – exakt um 3.33 Uhr schreckt Lucy aus einem ihrem Schlaf auf. Hat sie auch die Begegnung mit diesem Mann nur geträumt?

Eine Frau liegt wach im Bett. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigt 3.33 Uhr an.
Wie jede Nacht: Lucy Chambers (Jessica Raine) schreckt um 3.33 Uhr aus ihren Träumen auf. © Amazon Studios
Der Junge ohne Gefühle

Lucy ist jetzt wach. Sie geht in die Küche. Tee machen oder doch lieber ein Schluck Whisky? Die Frage erübrigt sich. Die Tasse zerschellt am Boden. Ihr Sohn Isaac (Benjamin Chivers) steht plötzlich in der Tür und jagt ihr den nächsten Schrecken ein.

Isaac ist ähnlich unheimlich wie Lucys Alpträume. Der Junge redet kaum ein Wort, zeigt keinerlei Emotionen und redet mit Menschen, die nur er sieht. Natürlich würde Lucy ihren Sohn nie als unheimlich bezeichnen. Aber den Zuschauenden jagt er Schaudern über den Rücken.

Ein Junge starrt ins Leere. Im Hintergrund eine Frau, die ihn anschaut.
Alle Therapien nützen nichts: Isaac (Benjamin Chivers) bleibt verstockt und unheimlich. Er weiss weshalb. © Amazon Studios
Lucy erinnert sich an die Zukunft

Klar, dass der Mann am Anfang, die Alpträume und Isaac irgendwie zusammenhängen. «The Devil’s Hour» ist schliesslich ein Mystery-Krimi. Diese Zusammenhänge enthüllt die Serie geschickt Schritt für Schritt und gibt noch ein paar Mordfälle plus die zwei ermittelnden Polizisten in den Mix.

Schon bald zeigt sich: Ein Teil von Lucys Alpträumen sind Ereignisse aus der Zukunft. Oder um die Sache zu komplizieren: aus einer Zukunft. So kommt sie dem Mörder auf die Spur, hinter dem DI Dhillon (Nikesh Patel) und DS Holness (Alex Ferns) her sind.

Ein Mann sitzt im Büro vor einem Computer. Ein zweiter Mann steht neben ihm und schaut auf den Bildschirm.
DS Holness (Alex Ferns) und DI Dhillon (Nikesh Patel) stossen im Verlauf ihrer Ermittlungen auf den Namen Lucy Chambers. © Amazon Studios
Wer ist Lucy wirklich?

Am Schluss führt das zum Anfang zurück. Die Szene – so stellt sich heraus – im Verhörraum. Ob und wer Morde begangen hat, ist dabei aber fast nur Nebensache. Es geht darum: Wer ist Lucy Chambers? Ist sie wirklich die Sozialarbeiterin mit einem gestörten Sohn?

So eindringlich das Gespräch zwischen Gideon (Peter Capaldi) und Lucy ist, die Erklärung, mit welchem Mysterium sie und er konfrontiert sind, strapaziert die Nachvollziehbarkeit ziemlich. Wie immer, wenn es um Phänomene geht, die grob gesagt etwas mit dem Zeitkontinuum zu tun haben.

Eine Frau sitzt an einem Holztisch. Ihr gegenüber sitzt ein Mann von dem nur die seitlichen Umrisse erkennbar sind. Vor ihm steht ein Glas Wasser.
Erst ganz am Schluss wird Lucy Chambers (Jessica Raine) Gideon (Peter Capaldi) gegenüber sitzen. Aber schon zu Beginn werden wir auf dieses entscheidende Treffen eingestimmt. © Amazon Studios
Fortsetzungen folgen

Dem Gesamteindruck von der Serie schadet das aber wenig. «The Devil’s Hour» ist ein sehr gut gemachter Mystery-Krimi und bereitet den Boden gut vor für weitere Staffeln.

Mindestens zwei werden es sein, denn die hat Amazon schon bestellt. In den letzten Einstellungen der Serie zeichnet sich ab, wie es weitergehen wird. Dieser Auftritt von Lucy Chambers in einer ganz anderen Rolle sieht vielversprechend aus.

Wie viele Sterne gibst du «The Devil's Hour» Staffel 1?
6 Stimmen

Besetzung: Jessica Raine | Peter Capaldi | Nikesh Patel | Benjamin Chivers | Alex Ferns | Meera Syal | Phil Dunster | Talia Walker Bassols | Rhiannon Harper-Rafferty | Thomas Dominique
Serie entwickelt von: Tom Moran
Genre: Mystery | Krimi
GB, 2022

Babylon Berlin (Staffel 4) – Morgenröte des Faschismus

Serienposter mit Schriftzug. Ein Mann und eine Frau je mit halber Gesichtshälfte erkennbar. Im Hintergrund eine Tanzhalle. In der Mitte ein roter Streigen mit SA-Leuten.
Fünf goldene Sternen

Läuft bei: Sky Show (4 Staffeln, 40 Episoden à 45 Min.) / ARD ab 2023

Es ist verstörend, wie wir Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) in der Silvesternacht 1930 wieder begegnen. Rath trägt eine SA-Uniform. Zusammen mit ein paar Dutzend Gesinnungsgenossen marodiert er durch die Strassen Berlins. Sie verprügeln jüdische Passanten und zertrümmern die Schaufenster jüdischer Geschäfte.

Der Faschismus unterwandert das System

Auch Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ist entsetzt, als sie Rath in Uniform sieht. Sie wird erst viel später erfahren, was es mit Raths Mitgliedschaft in der SA auf sich hat. Bis dahin will sie nichts mehr von ihm wissen.

Die vierte Staffel «Babylon Berlin» rückt den aufkommenden Nationalsozialismus ins Rampenlicht. Die Nazis sind politisch zwar immer noch eine Randerscheinung. Es gibt auch einen parteiinternen Putschversuch gegen Hitler, den die Serie thematisiert. Aber der Faschismus gewinnt an Boden und unterwandert langsam das System.

Drei Männer in braunen Uniformen. Einer sitzt am Tisch und raucht.
SA-Mann Walther Stennes (Hanno Koffler, Mitte) plant einen Coup gegen die Münchner Parteizentrale der NSDAP. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Das jüdische Berlin als Kontrast

In Kontrast dazu steht die Geschichte um Abraham Goldstein (Mark Ivanir). Mit ihm tauchen wir ein in das jüdische Leben in Berlin in dieser Zeit. Eine Welt, die «ein substanzieller Bestandteil der Stadt war und das Leben prägte und befruchtete», wie Regisseur Tom Tykwer betont.

Abe Gold, wie er sich jetzt nennt, ist allerdings nicht zum Vergnügen aus den USA nach Berlin gereist. Ein Schmuckstück ist aufgetaucht, das seiner Familie gestohlen wurde. Der Diamant ist im Besitz einer wohlbekannten Figur: Alfred Nyssen (Lars Eidinger).

Zwei Männer in Mänteln und mit Hüten stehen vor einem Backsteineingang.
Jakob Grün (Moisej Bazijan, rechts) hat den «Blauen Rothschild» wiederentdeckt, ein Diamant, der der Familie von Abraham Goldstein (Mark Ivanir) gehörte. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Nyssens Anfälle – ein Genuss

Er kennt den Hintergrund nicht, wie der Diamant in den Safe seiner Familie kam. Das kümmert Goldstein wenig. Er erpresst Nyssen, entführt seine Frau und seine Mutter, um den Stein wiederzubekommen.

Nyssen bekommt darauf einen seiner theatralischen Anfälle, färbt sich die Haare weissblond und spielt sich seine Verzweiflung an der Orgel vom Leib. Lars Eidinger zuzuschauen, wie er den exaltierten Firmenerben spielt, ist ein Genuss.

Aber zurück auf die Strassen von Berlin. Dort liefern sich die Ringvereine einen blutigen Bandenkrieg. Gereon Rath will den mit einer sehr ungewöhnlichen Idee beenden. Charlottes Schwester Toni (Irene Böhm) wird von korrupten Polizisten gejagt. Dahinter versteckt sich ein grösserer Skandal, dem Charlotte langsam auf die Spur kommt.

Eine junge rothaarige Frau in einem schäbigen Mantel und in Handschellen wird von einem Polizisten abgeführt. Im Hintergrund eine Landkarte.
Weil sie zu viel weiss, trachten Toni Ritter (Irene Böhm) ein paar korrupte Polizisten nach dem Leben. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Beeindruckendes Zeitgemälde

Das ist bei weitem nicht alles, was zu sehen ist. Es wird spioniert. Im Boxring kämpft Johann «Rukeli» Trollmann, fiktiv der Halbbruder von Charlotte, tatsächlich eine historische Figur. Und im Moka Efti wird bei einem Marathon getanzt bis zum Umfallen.

«Babylon Berlin» überzeugt auch in der vierten Staffel als beeindruckendes Zeitgemälde. Starke Figuren inmitten von Dramen, Verbrechen und ein paar wenigen Momenten des Glücks und der Freude in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Diese Serie darf gerne noch lange weitergehen, wenn sie diese Qualitäten beibehält.

Max Raabe schrieb den Song zur vierten Staffel «Ein Tag wie Gold». Video unbedingt ansehen! Bietet einen fantastischen Blick auf die Stimmung der Serie.

Volker Bruch und die «Querdenker»

Bleibt noch die Frage: Wie stark schadet Hauptdarsteller Volker Bruch der Serie? Seine Eskapaden in die Untiefen der «Querdenker»-Szene gaben viel zu reden.

Die Regisseure zeigten sich in einem «Spiegel»-Interview zwar leicht über Bruch genervt. Mehr aber noch über die vielen Journalistenfragen dazu. Weil diese Diskussion davon ablenke, sagt Tykwer, dass die vierte Staffel «die politisch druckvollste [ist] und ein klares antifaschistisches Statement». Und dazu leistet Bruch als Gereon Rath seinen Beitrag.

Ein Mann mit Hut, Anzug und hellbraunem Mantel im Nebel.
Möglich, dass Volker Bruchs Sinne etwas vernebelt sind. Seinem Auftritt als Gereon Rath tut das keinen Abbruch. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Immun gegen Empörungsaktivismus

Tatsächlich war auch kaum was zu sehen von Shitstorm oder Boykottaufrufen gegen die Serie. Erfreulich, dass herausragende Unterhaltungskunst immun sein kann gegen Empörungsaktivismus.

Wie viele Sterne gibst du «Babylon Berlin» Staffel 4?
31 Stimmen

Besetzung: Volker Bruch | Liv Lisa Fries | Lars Eidinger | Hannah Herzsprung | Fritzi Haberlandt | Benno Fürmann | Meret Becker | Ronald Zehrfeld | Mark Ivanir
Serie entwickelt von: Henk Handloegten | Tom Tykwer | Achim von Borries
Genre: Drama | Krimi | Historie
D, 2022

The Good Fight (Staffel 6) – Die ultimative Serie der Trump-Ära sagt Goodbye

Serienposter mit Schriftzug. Zwei Frauen. Eine Frau im roten Mantel und Sonnenbrille hält eine Sonnenblume in der Hand.

Läuft bei: Paramount+ / Disney+ (Staffel 1-5, 50 Episoden à 45 Min.) / Amazon (Staffel 1-3)

Diese Besprechung enthält Spoiler

So wie sie begann, endet die Serie: mit Donald Trump. In der ersten Episode von «The Good Fight» verfolgte Diane Lockhart (Christine Baranski) ungläubig, wie der Popanz mit orangen Haaren als US-Präsident vereidigt wird.

Die Serie, die den Niedergang der USA begleitete

Fünf Jahre später blicken Diane und Liz Reddick (Audra McDonald) entsetzt auf einen Fernsehschirm. Trump steht am Rednerpult. Er verkündet seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 2024 und feiert das mit lächerlichen Tanzbewegungen. Im Abspann fliegt der Fernsehbildschirm, der das Ereignis zeigt, in die Luft.

Zwei Frauen mit entsetzem Blick und offenem Mund.
«The End of Everything» heisst die letzte Episode, in der Trump zum Entsetzen von Diane (Christine Baranski) und Liz (Audra McDonald) verkündet, dass er wieder Präsident werden will. © Paramount+

Kein Happy End. Optimismus ist in den USA fehl am Platz. Das Land hat einen Niedergang erlebt, den das Showrunner-Paar Michelle und Robert King kontinuierlich in ihre Serie eingewoben hat.

Chaos und Gewalt auf den Strassen

Polizeigewalt gegen Schwarze, Putins Einflussnahme auf die Wahlen, Fake News, das Versagen in der Covid-Krise, der Sturm aufs Kapitol – all diese Themen und viele mehr tauchten in der Serie auf. «The Good Fight» ist eine der wenigen, wenn nicht die einzige Serie, die festhielt, wie die USA unter Trump zerfielen.

Die letzten beiden Staffel spielten zwar in der Ära Biden. Das war für die Serie aber kein Anlass, die Tonalität zu wechseln. Im Gegenteil. In der sechsten und finalen Staffel herrscht Gewalt auf der Strasse. «White Supremacy»-Aktivist:innen marschieren auf und skandieren «You will not replace us».

Eine Frau kniet am Boden. Im Hintergrund aufgebrachte Protestierende und Polizisten.
Der neue Alltag: Auf dem Weg ins Büro muss sich Diane durch den Protestzug von Rassisten durchkämpfen. © Paramount+
Selbstjustiz, weil das System versagt

Die Protagonist:innen der Serie nehmen das seltsam gelassen zur Kenntnis. Es scheint, als gehöre dieses Bild für sie schon zum Alltag in den USA. Erst als die Anwaltskanzlei durch Scharfschützen beschossen wird, wird ihnen langsam mulmig.

Die Gewalt der Rassisten sorgt auch auf der Gegenseite für eine härtere Gangart. Jay (Nyambi Nyambi), der Ermittler der Anwaltskanzlei, kommt in Kontakt mit einer Gruppierung von Schwarzen, die sich «The Collective» nennt.

Ein Mann und eine Frau sitzen auf zwei Stühlen und unterhalten sich.
Jay (Nyambi Nyambi) will für Renetta (Phylicia Rashad) arbeiten, die «The Collective» anführt. © Paramount+

Die Untergrundtruppe verfolgt Rassisten, sperrt sie ein und deportiert sie in die Antarktis – ohne rechtskräftige Urteile. Als Legitimation für diese Selbstjustiz führen sie das Versagen des Rechtsstaates an. Jay wird sich ihnen anschliessen. Er wolle etwas verändern, sagt er. Die Arbeit der Anwaltskanzlei bewirke nichts.

Ein Fünkchen Hoffnung

Auch Diane zweifelt an ihrem Job. Sie fühle sich wie in einem Hamsterrad, sagt sie. Alles, was in den letzten 50 Jahren an Fortschritt erreicht wurde, müsse man wieder neu erkämpfen. Als Beispiel führt sie den Entscheid des Obersten Gerichts zur Abtreibungsfrage an.

So ganz defätistisch mag die Serie dann doch nicht enden. Ein bisschen Hoffnung lässt sie aufkeimen. Marissa (Sarah Steele) heiratet. Carmen Moyo (Charmaine Bingwa) will Jay nicht in den Untergrund folgen, sondern legal weiterkämpfen.

Zwei junge Frauen sitzen auf einer Treppe in einem Büro.
Carmen (Charmaine Bingwa) und Marissa (Sarah Steele) werden getrennte Wege gehen. © Paramount+
Eine Anwaltsserie als Zeitdokument

Auch Diane schmeisst vielleicht nicht alles hin. Es tut sich ein Türchen auf für einen neuen Job in Washington. Sie könnte die Führung einer reinen Frauenanwaltsfirma übernehmen. Ob sie die Kraft findet, weiterzumachen, bleibt allerdings offen.

Aber eben: All das ist überschattet von Trumps Ankündigung, dass er wieder Präsident werden will. Als Mahnung steht im Abspann «This all happened». Was unterstreicht, dass die Serie sich selber bei aller Fiktion auch als Zeitdokument versteht. Das kann man gelten lassen.

Wie viele Sterne gibst du «The Good Fight» Staffel 6?
2 Stimmen

Besetzung: Christine Baranski | Audra McDonald | Sarah Steele | Nyambi Nyambi | Michael Boatman | Charmaine Bingwa | Andre Braugher | John Slattery | Alan Cumming | Gary Cole
Serie entwickelt von: Robert King | Michelle King | Phil Alden Robinson
Genre: Krimi | Drama
USA, 2022

Die Beschatter (Staffel 1) – Basler Krimi kämpft mit Anlaufschwierigkeiten

Serienposter mit Schriftzug. Sechs Personen stehen in einer Halle und blicken in die Kamera.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Play Suisse (1 Staffel, 6 Episoden à 60 Min.)

Allein aus lokalpatriotischen Gründen würde ich «Die Beschatter» gerne hoch loben. Endlich ein Schweizer TV-Krimi, der in Basel spielt. In der Schweizer Stadt, die nach einheimischem Empfinden immer zu wenig Beachtung findet.

Die Figuren wachsen zu wenig ans Herz

Aber leider kann man der Serie keine Höchstnoten erteilen. Dafür hat sie zu viele Schwächen. Andererseits wird sie über die sechs Episoden immer besser und lässt in der zweiten Hälfte aufblitzen, welches Potenzial in der Geschichte und den Figuren steckt.

Die grösste Schwäche liegt in der Zeichnung der Charaktere. Die meisten Hauptfiguren sind zu schematisch entworfen und bekommen zu wenig Raum und Zeit, um ihren Hintergrund so auszuleben, dass sie uns ans Herz wachsen.

Drei Männer und eine Frau sitzen in einer Art Fabrikhalle auf Stühlen.
Vier Schüler:innen, die aus unterschiedlichen Motiven das Detektiv-Handwerk erlernen wollen: Henning (Martin Butzke), Milan (Dardan Sadik), Doro (Esther Gemsch) und Roger (Martin Rapold). © SRF/Sava Hlavacek
Wiesnekker überzeugt als schrulliger Ex-Polizist

Am wenigsten gilt das für den Chef der Truppe, Leo Brand (Roeland Wiesnekker). Das liegt einerseits an Wiesnekker, der einfach in seiner Rolle überzeugt. Andererseits bekommt seine Figur am meisten Raum für seine Geschichte.

Der Ex-Polizist Brand gründet aus finanzieller Not heraus eine Detektivschule. Schnell wird klar, dass sein letzter Fall ihn nicht nur seine Polizeikarriere, sondern auch seine Ehe und die Beziehung zur Tochter gekostet hat.

Der Serienmörder aus der Vergangenheit

Brand möchte darunter einen Schlussstrich ziehen. Doch dieser Fall eines Serienmörders mit dem Übernamen «Dornröschen-Killer» wird ihn auch in seiner neuen Rolle als Detektivausbilder verfolgen. Das verdankt er einer seiner Schülerinnen.

Eine Frau fotografiert mit ihrem Handy Notizen an einer Wand. Im Hintergrund ein Mann.
Der Mord an ihrer Mutter verbindet Agotha (Meryl Marty) mit ihrem Detektiv-Lehrer Leo Brand (Roeland Wisnekker). © SRF/Pascal Mora

Agotha Bayani (Meryl Marty) will Detektivin werden, weil sie das Schicksal ihrer Mutter aufklären will. Sie war eine Prostituierte und wurde Opfer des «Dornröschen-Killers». Damit liegt Agotha Brand dauernd in den Ohren und will seine Hilfe.

Agotha – der nervige Trotzkopf

Agotha wäre prädestiniert als zweite starke Figur in der Runde. Aber sie nervt in erster Linie. Meistens schmollt und tobt sie wie ein pubertierender Teenager, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf läuft. Dann stürzt sie sich, aber auch andere, kopflos in gefährliche Situationen.

Immerhin geht auch eine der berührendsten Szenen auf ihr Konto. Bei einem Abschiedskaraoke beweist Meryl Marty, dass sie schauspielerisch mehr Facetten drauf hat, als ihr ihre Rolle sonst zugesteht.

Schräge Fälle mit schrillen Figuren

Unter Wert eingesetzt sind auch Esther Gemsch als etwas klischierte Daig-Dame Doro Iselin und Martin Rapold als vorbestrafter Hochzeitsschwindler. Vor allem aber Dardan Sadik als Balkan-Secondo Milan Gjokaj würde man mehr Präsenz wünschen. Milan und sein Vater Prenk (Kamil Krejci) böten Potenzial für mehr Geschichten aus dem Leben in der Schweiz mit Migrationshintergrund.

Zwei Männer sitzen auf einer Couch. Sie tragen Fan-Utensilien des FC Basel.
Vater (Kamil Krejci) und Sohn Gjokaj (Dardan Sadik). Sie könnten die Story mit mehr anreichern als nur mit ihrer Begeisterung für den FC Basel. © SRF/Pascal Mora

Die Fälle, die Brand und seine Schüler:innen lösen müssen, sind schrill und schräg genug, um ansprechend zu unterhalten. Der Zolli als Tatort, Geschichten rund um den FC Basel und eine Pharmafirma geben zusätzliches Lokalkolorit, das allerdings wenig überrascht. Etwas mehr Einfallsreichtum des Writers Room hätte man sich gewünscht.

Wenig Publikumsliebe für «Die Beschatter»

«Die Beschatter» endet nach sechs Episoden mit einem vielversprechenden Cliffhanger (und nicht mitten in der Geschichte wie «Tschugger» 😉). Ob es allerdings weitergeht mit der Basler Krimiserie, scheint fraglich.

Die Zuschauer:innenzahlen sind enttäuschend. Man werde das «gründlich und selbstkritisch» analysieren, heisst es bei SRF. Abgesehen von den Schwächen, die ich bereits erwähnt habe, gibt es wohl noch andere Gründe für die fehlende Begeisterung beim Publikum.

Der Ex-Polizist ist hier halt nicht so knuddelig wie Mike Müller als «Bestatter». Auch einen trotteligen Doerig sucht man vergeblich. Stattdessen bekommt man eine Prostituiertentochter, einen Secondo, einen eitlen Knacki und eine Reihe anderer skurriler Figuren vorgesetzt. Das sind kaum Sympathieträger:innen für ein Durchschnittspublikum.

Ein Mann sitzt an einer Bartheke. Dahinter steht eine lächelnde Frau.
Imbissbudenbesitzerin Inci (Lale Yavas) sorgt für etwas Halt im Leben von Leo. © SRF/Pascal Mora
Potenzial für eine bessere zweite Staffel

Ob das Setting in einer Stadt und der Dialekt auch noch eine Rolle spielen? Wer weiss. Schade wäre es auf jeden Fall, wenn «Die Beschatter» schon nach einer Staffel bestattet würden.

Wie gesagt: Trotz anfänglicher Schwäche zeigt sich im Verlauf der Serie durchaus das Potenzial für eine solide Krimikomödie. Und wenn der Writers Room seinen Charakteren noch etwas mehr Leben schenkt, könnte sie sogar richtig gut werden.

Wie viele Sterne gibst du «Die Beschatter» Staffel 1?
13 Stimmen

Besetzung: Roeland Wiesnekker | Meryl Marty | Esther Gemsch | Martin Rapold | Dardan Sadik | Martin Butzke | Martin Vischer | Lale Yavas
Serie entwickelt von: Francesco Rizzi | Simone Schmid
Genre: Komödie | Krimi
CH, 2022

Bad Sisters (Mini-Serie) – Halleluja, der Scheisskerl ist tot

Serienposter. Fünf Frauen vor einer Bestattungslimousine. Schriftzug "Bad Sisters - Family. It's a killer".

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

John Paul (Claes Bang) ist tot. Und das ist gut so.

Zu Beginn wissen wir zwar noch nicht, welch gute Nachricht das ist. Je mehr wir aber über «JP» erfahren, umso erleichterter sind wir, dass er unwiderruflich das Zeitliche gesegnet hat.

Freude bei der Trauerfeier

Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Wir haben gesehen, wie er im Sarg liegt. Im Pyjama, was etwas eigentümlich anmutet. Und mit einer Erektion, was seine Witwe Grace (Anne-Marie Duff) notdürftig zu kaschieren versucht, bevor die Trauergäste eintreffen.

Trauer scheint aber nicht vorherrschende Stimmung zu sein bei den Gästen. Erleichterung, Genugtuung, ja Freude beschreibt die Gefühle besser. Vor allem die vier Schwestern von Grace scheinen innerlich zu frohlocken: Halleluja, der Scheisskerl ist tot!

Vier Frauen, drei davon in Trauerkleidung, stehen mit gesenkten Köpfen vor einem Grab.
Für ihre Schwester geben sie sich trauernd am Grab von JP. Innerlich frohlocken die vier Garvey-Schwestern Eva (Sharon Horgan), Becka (Eve Hewson), Ursula (Eva Birthistle) und Bibi (Sarah Greene). © Apple TV+
Der erste Versuch läuft schief

Und ein Scheisskerl erster Güte war John Paul. Ein hinterhältiger Drecksack, ein fieses Schwein, ein intrigantes A…. Jede der vier Schwestern hatte mit ihrem Schwager eine Rechnung offen. Deshalb und weil er Grace dauernd herabwürdigte, taten sie sich zusammen, um ihn ins Jenseits zu befördern.

«Bad Sisters» wäre aber keine schwarze Komödie, wenn schon der erste Mordversuch gelingen würde. Eva (Sharon Horgan) und Bibi (Sarah Greene) zünden die Waldhütte an, in der JP alleine nächtigt. Allerdings irrt er gerade draussen herum auf der Suche nach Handyempfang, weil er seiner Frau von einem Wehwehchen berichten muss. Ja, eine Memme war er auch noch.

Ein Mann in weissem Hemd hält eine kleine Schüssel vor sich und einen Löffel.
Mit jeder Episode lernen wir, John Paul (genial gespielt von Claes Bang) mehr zu hassen. © Apple TV+
Vom Fiesling zum Verbrecher

Als er endlich unter der Erde liegt, ist der Ärger für die Schwestern aber noch nicht vorbei. Da gibt es eine hohe Lebensversicherung, die der Inhaber der Versicherungsfirma (Brian Gleeson) nicht ausbezahlen will. Einerseits, weil er deshalb pleite ginge. Andererseits, weil er nicht glaubt, dass JP durch einen Unfall starb.

Es ist ein wenig ein zweischneidiges Vergnügen, den Schwestern dabei zuzusehen, wie sie immer entschlossener JPs Abgang planen. Mit jedem neuen Anlauf wird eine weitere Geschichte erzählt, die den miesen Charakter JPs unterstreicht.

Zwei Männer in Anzügen sitzen auf einer Couch.
Die beiden Halbbrüder Matthew (Daryl McCormack) und Thomas Claffin (Brian Gleeson) wollen den Schwestern den Mord an JP nachweisen. © Apple TV+
Ein Scheisskerl weniger

Die Komik liegt darin, wie die in Verbrechen unerfahrenen Frauen ihre Pläne schmieden und umsetzen. Dramatisch ist aber, wie sich die Untaten von JP steigern und in einem grässlichen Verbrechen gipfeln, das er einer der Schwestern angetan hat. Letztlich hat JP allen, denen er je begegnet ist, das Leben zur Hölle gemacht.

Deshalb freuen wir uns mit den Garvey-Schwestern, dass ein Scheisskerl weniger die Welt bevölkert. Und wir fiebern mit, ob ihnen der Versicherungstyp auf die Schliche kommt. Ein Vergnügen, das über die ganzen zehn Episoden anhält.

Wie viele Sterne gibst du «Bad Sisters» Staffel 1?
8 Stimmen

Besetzung: Sharon Horgan | Eve Hewson | Sarah Greene | Anne-Marie Duff | Eva Birthistle | Claes Bang | Brian Gleeson | Daryl McCormack | Saise Quinn
Serie entwickelt von: Brett Baer | Dave Finkel | Sharon Horgan
Genre: Komödie | Krimi | Drama
IRL/BEL/GB/USA, 2022

Tschugger (Staffel 2) – Die spektakuläre Rettung des Wallis durch den furchtlosen Polizisten Bax

Läuft bei: Sky (2 Staffeln, 10 Episoden à 30 Min.; ab 18.12.2022 bei Play Suisse)

=> Staffel 1: Tschugger (Staffel 1)

In letzter Sekunde rettet Bax (David Constantin) den armen Polizeipraktikanten Smetterling (Cedric Schild), dem ein Killer den Stecker für die Beatmungsmaschine gezogen hat. Bax und Kollege Pirmin (Dragan Vujic) verfolgen den Killer zu einer Statue hoch oben auf einem Berg.

Der geheimnisvolle Schlüssel

Dort treffen sich eigentümlich verkleidete Figuren zu einem Ritual. Der Killer wird gekillt, weil er etwas nicht geliefert hat: einen Schlüssel.

Den Schlüssel sucht auch Gerda (Clelia Fux), die Ex von Bax, auch Polizistin, hat aber offensichtlich die Seiten gewechselt. In ihrem Auftrag entführen zwei Skilehrer Valmira (Annalena Miano). Deren Freund Juni (Arséne Junior Page) hat nämlich den ominösen Schlüssel gefunden und soll ihn jetzt abliefern.

Kultisten bedrohen das Wallis. © Sky/SRF
Das Wallis droht unterzugehen

Auch die Bundespolizistin Anette Brotz (Anna Rossinelli) ist immer noch im Wallis. Sie sucht Bax, der inzwischen untertauchen musste, weil Gerda ihn bei seinem Chef anschwärzte.

Als Bax, Pirmin und Anette endlich herausfinden, was es mit diesem Schlüssel auf sich hat, müssen sie in einer wagemutigen Aktion verhindern, dass das ganze Wallis zerstört wird.

Apero vom Bundesrat

Dumm nur, dass die Rettungsaktion zur nationalen Geheimsache erklärt wird. Niemand wird je von der Heldentat erfahren. Immerhin spendiert der Bundesrat einen Apero als kleinen Trost.

Einschätzung

Die zweite Staffel knüpfe nahtlos an die erste an, habe ich schon ein paar Mal gelesen. Ja, hoffentlich! Das nervte mich ja bei der ersten Staffel so masslos, mitten in der Geschichte aufzuhören und irgendwas von einer «zweiten Staffel» zu schwafeln.

Nach dem grossen Ärger die erfreuliche Nachricht

Dabei geht es ja nur darum, dass SRF nicht so viel Geld hat für Eigenproduktionen und deshalb die Ausstrahlung der zehn Episoden auf zwei Jahre strecken musste. Besser wäre es gewesen, alles aufs Mal zu zeigen und dafür halt ein Jahr Pause einzulegen.

Aber lassen wir das. Kommen wir zum Erfreulichen. Ich war eher mässig begeistert vom Humor und der Handlung der ersten Staffel. Da zuckten bei mir die Mundwinkel nur ab und zu. Teil zwei gefiel mir jetzt viel besser.

Bax ist untergetaucht und holt Smetterling völlig unauffällig verkleidet aus dem Spital. © Sky/SRF
Der Knirps und das Koks

Tatsächlich musste ich ein paar Mal wirklich lachen. Etwa, wenn der kleine Rabauke in einer Villa Koks aufm Tisch findet und danach mit weissem Schnauz herumstolziert. Tatsächlich hat er aber nur einen Berliner gefunden und gegessen.

Auch die Action legt noch zu. Gerda fuchtelt nicht nur mit ihrer Pistole rum, sondern landet einen gezielten Kopfschuss. Und das Finale mit Bax, der am Seil hängt und per Helikopter auf die Staumauer geflogen wird, ist ziemlich zum Schreien.

Der Besuch im Hotelzimmer von Bundespolizistin Brotz beginnt vielversprechend für Bax, nimmt aber einen anderen Verlauf, als er erwartet. © Sky/SRF
Gerne mehr «Tschugger» – aber alles am Stück!

Ich bin nicht nur versöhnt mit den Walliser «Tschugger». Ich hätte gerne eine weitere Staffel. Aber bitte, bitte alles am Stück! Ich warte dafür gerne auch zwei Jahre.

Apropos warten: Ja, ist halt so, dass «Tschugger» zuerst bei Sky läuft und erst im Dezember bei SRF und auf Play Suisse. Auch das eine Geldfrage und eine Frage der Prioritäten in der Verwertungskette.

Es hätte übrigens auf Play Suisse, falls ihr’s noch nicht kennt, durchaus einige Serien und Filme, mit der man sich –gratis! – die Wartezeit vertreiben kann.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Tschugger» Staffel 2?

Besetzung: Dragan Vujic | David Constantin | Anna Rossinelli | Arsène Junior Page | Annalena Miano | Cedric Schild | Gabriel Oldham | Olivier Imboden
Serie entwickelt von: David Constantin | Mats Frey
Genre: Komödie | Krimi | Action
CH, 2022

Only Murders in the Building (Staffel 2) – Bestes Comfy-Food für den Serienabend

Läuft bei: Disney+ (2 Staffeln, 20 Episoden à 30 Min.)

Ein neuer Mordfall beschäftigt die drei Podcaster Charles (Steve Martin), Oliver (Martin Short) und Mabel (Selena Gomez). Nur diesmal stecken sie mitten drin. Mabel findet die Leiche von Bunny Folger in ihrer Wohnung.

Alle drei stecken in der Klemme

Für die Polizei ist sie die Verdächtige Nr. 1. Allerdings reichen die Beweise für eine Festnahme nicht aus. Für die drei ist klar: Sie müssen herausfinden, wer Bunny ermordet hat, um Mabel zu entlasten.

Mabel, Oliver und Charles entdecken Geheimgänge im «Arconia». © Hulu

Aber nicht nur Mabel steckt in der Klemme. Plötzlich taucht in der Wohnung von Charles ein Gemälde auf, das Bunny gehörte. Und Oliver findet die Mordwaffe in seiner Küche.

Mord und Drama – nicht Neues im «Arconia»

Neben ihrer Morduntersuchung beschäftigen die drei zudem private Angelegenheiten. Mabel freundet sich mit einer Galeristin (Cara Delevingne) an, die sie als Künstlerin fördern will. Charles findet heraus, was sein Vater im Haus gegenüber getrieben hat. Oliver deckt ein Familiengeheimnis auf, das ihn gar nicht freut.

Das Leben im «Arconia» nimmt also seinen gewohnten Lauf bis zum grossen Finale, wo nach einigen Irrungen und Wirrungen enthüllt wird, wer Bunny Folger umgebracht hat.

Einschätzung

Die zweite Staffel von «Only Murders in the Building» knüpft nahtlos an die erste an. Das war anzunehmen, wenn am Schluss eine Leiche in Mabels Wohnung liegt. Dass sie aber auf gleich hohem Niveau höchst unterhaltsam weiterfährt, ist nicht selbstverständlich.

Langeweile abgewendet

Die Figuren und das «Arconia» als Location sind etabliert. Die Marotten und Spleens der drei Hauptfiguren sind bekannt. Den Mordplot haben wir einmal durchgespielt. Die Gefahr, dass die Serie zu langweilen beginnt, war durchaus gegeben.

Doch das passiert nicht. Tatsächlich tritt die Suche nach dem:der Täter:in etwas in den Hintergrund. Dafür erhalten die Figuren mehr Raum. Vor allem Charles, Oliver und Mabel natürlich, aber nicht nur.

In Gastrollen mit dabei: Amy Schumer und Shirley MacLaine (mitte). © Hulu
Kuschelige Krimikomödie

Howard schafft es, den neuen Nachbarn zu einem Date einzuladen. Nina erlebt, dass es nicht so einfach ist, in Bunnys Fussstapfen zu treten und Mutter zu werden. Teddy und Theo tragen ihren Vater-Sohn-Zwist aus. Zusätzlich bereichern zwei neue Promis den Cast: Amy Schumer als sie selber und Shirley MacLaine, die sich als Bunnys Mutter ausgibt.

Die ganze Handlung gleitet trotz ihrer Probleme, mit denen die Figuren hadern, leichtfüssig und humorvoll voran. Selten war eine Krimikomödie so gemütlich, ja schon fast kuschelig.

Wieder eine Leiche zum Schluss

«Only Murders in the Building» ist auch in dieser zweiten Auflage bestes Comfy-Food für den Serienabend. Teil 3 wird wohl folgen, denn wieder liegt da am Schluss eine Leiche.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Only Murders in the Building» Staffel 2?

Besetzung: Steve Martin | Martin Short | Selena Gomez | Amy Ryan | Jayne Houdyshell | Michael Cyril Freighton | Jackie Hoffman | Cara Delevingne | Tina Fey | Adina Verson | Shirley MacLaine | Amy Schumer | Paul Rudd
Serie entwickelt von: John Hoffman | Steve Martin
Genre: Komödie | Krimi | Drama
USA, 2022

Kleo (Staffel 1) – «Killing Eve» auf Ostdeutsch

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min.)

Ost-Berlin 1987. Im blauen Trainer, Typ Nabholz, macht sich Kleo Straub (Jella Haase) auf zur Arbeit. Hinter der Tür, hinter der sie verschwindet, ist aber kein Trainingslokal, sondern ein Tunnel unter der Mauer durch.

«Zielperson vernichtet»

Unterwegs zieht sich Kleo um, weil sie eine Disco in West-Berlin besuchen will. Dort soll sie einen Mann finden, jedoch nicht zum Vergnügen. Denn Kleo ist eine Killerin im Auftrag der DDR-Staatssicherheit.

Ihren Auftrag führt sie schnell und sauber aus und kann ihrem Führungsoffizier stolz zurückmelden: «Zielperson physisch vernichtet.» Allerdings ist Kleo in der Disco einem Polizeibeamten aufgefallen. Sven Petzold (Dimitrij Schaad) kann seinen Kollegen die mutmassliche Täterin gut beschreiben.

Kleo auf dem Weg zur Arbeit nach West-Berlin. © Netflix
Von der Stasi verraten

Das Phantombild, das angefertigt wird, landet auf dem Schreibtisch eines Stasi-Obersten. Der meldet nach oben: «Wir haben ein Problem.» Die Lösung ist aber einfach. Kleo wird Spionage angehängt und sie verschwindet hinter Gittern.

Nach dem Mauerfall kommt Kleo wie viele andere politische Gefangene wieder frei. Sie kennt jetzt nur ein Ziel: Herauszufinden, wer sie damals reingelegt hat und weshalb. Ihr Rachefeldzug beginnt.

Einschätzung

Ziemlich irre, was uns die drei Autoren Hackfort, Konrad und Kropf, bekannt vor allem für «4 Blocks», hier auftischen. Irre ist vor allem Kleo, zumindest am Anfang. Die Killermaschine, die aber auch mal ein Tänzchen aufführt oder ein Liedchen singt, bevor sie ihr Opfer am Kleiderhaken aufhängt.

Der Wessi aus dem Weltall

Nicht ganz zu Unrecht fühlt man sich an die Braut (Uma Thurman) aus «Kill Bill» oder an Villanelle aus «Killing Eve» erinnert. Kleo erreicht aber nicht die höchsten Sphären der dissozialen Persönlichkeitsstörung wie Villanelle.

Sie schläft nicht gern allein und braucht deshalb Menschen um sich herum. Wie Thilo (Julius Feldmeier), den Wessi, der ihre alte Wohnung gekapert hat und den Techno in den Osten bringen will, ja muss. Mit diesem Auftrag sei er von seinem Heimatstern Sirius B hierher geschickt worden, sagt Thilo sogar, wenn er nicht völlig zugedröhnt ist.

Thriller und Komödie in einem

Überdreht im Figurenarsenal geht’s weiter mit einem Stasi-Agenten, der massiv am Tourette-Syndrom leidet, oder historischen Figuren wie Margot Honecker, die ihrem Spitznamen «der lila Drache» alle Ehre macht. Das macht «Kleo» neben dem Thriller auch zur Komödie.

Ob Tapete, Vorhänge oder Sofa: was für Muster! © Netflix

Dazu kommen ein Setdesign, das bei Tapeten, Vorhängen und Innenausstattung aus dem Vollen schöpft, die Kleider mit viel Ossi-Schick, aber auch zeitgemässer Miami Vice-Style für den Wessi Sven Petzold, allerdings mit weissen Socken.

Sven, der harmlose Jäger

Sven ist neben Kleo die zweite starke Figur. Er macht es sich zur Lebensaufgabe, die Killerin aus der Disco zur Strecke zu bringen, obwohl er eigentlich im Betrugsdezernat arbeitet.

Die Welt der Geheimdienste und Auftragsmorde überfordert ihn aber. Da muss er auch mal auf Kleos Gnade hoffen, wenn er ihr auf der Jagd zu nahe kommt.

Sven ist es nicht gewohnt, wenn Menschen aus dem Plattenbau auf Trabis geworfen werden. © Netflix
Ostalgie und Wenderomantik

Auch wenn die Macher vielleicht ein bisschen oft auf «Killing Eve» geschielt haben, ist ihnen zumindest eine sehr gute deutsche Adaption gelungen mit einem Schuss Ostalgie und Wenderomantik. «Kleo» macht von Anfang bis zum Schluss grossen Spass und am Ende auch ein kleines Fenster auf für weitere Staffeln.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Kleo» Staffel 1?

Besetzung: Jella Haase | Dimitrij Schaad | Julius Feldmeier | Marta Sroka | Vincent Redetzki | Vladimir Burlakov | Yun Huang | Thandi Sebe
Serie entwickelt von: Hanno Hackfort | Bob Konrad | Richard Kropf
Genre: Action | Krimi | Komödie
D, 2022

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