Tschugger (Staffel 2) – Die spektakuläre Rettung des Wallis durch den furchtlosen Polizisten Bax

Läuft bei: Sky (2 Staffeln, 10 Episoden à 30 Min.; ab 18.12.2022 bei Play Suisse)

=> Staffel 1: Tschugger (Staffel 1)

In letzter Sekunde rettet Bax (David Constantin) den armen Polizeipraktikanten Smetterling (Cedric Schild), dem ein Killer den Stecker für die Beatmungsmaschine gezogen hat. Bax und Kollege Pirmin (Dragan Vujic) verfolgen den Killer zu einer Statue hoch oben auf einem Berg.

Der geheimnisvolle Schlüssel

Dort treffen sich eigentümlich verkleidete Figuren zu einem Ritual. Der Killer wird gekillt, weil er etwas nicht geliefert hat: einen Schlüssel.

Den Schlüssel sucht auch Gerda (Clelia Fux), die Ex von Bax, auch Polizistin, hat aber offensichtlich die Seiten gewechselt. In ihrem Auftrag entführen zwei Skilehrer Valmira (Annalena Miano). Deren Freund Juni (Arséne Junior Page) hat nämlich den ominösen Schlüssel gefunden und soll ihn jetzt abliefern.

Kultisten bedrohen das Wallis. © Sky/SRF
Das Wallis droht unterzugehen

Auch die Bundespolizistin Anette Brotz (Anna Rossinelli) ist immer noch im Wallis. Sie sucht Bax, der inzwischen untertauchen musste, weil Gerda ihn bei seinem Chef anschwärzte.

Als Bax, Pirmin und Anette endlich herausfinden, was es mit diesem Schlüssel auf sich hat, müssen sie in einer wagemutigen Aktion verhindern, dass das ganze Wallis zerstört wird.

Apero vom Bundesrat

Dumm nur, dass die Rettungsaktion zur nationalen Geheimsache erklärt wird. Niemand wird je von der Heldentat erfahren. Immerhin spendiert der Bundesrat einen Apero als kleinen Trost.

Einschätzung

Die zweite Staffel knüpfe nahtlos an die erste an, habe ich schon ein paar Mal gelesen. Ja, hoffentlich! Das nervte mich ja bei der ersten Staffel so masslos, mitten in der Geschichte aufzuhören und irgendwas von einer «zweiten Staffel» zu schwafeln.

Nach dem grossen Ärger die erfreuliche Nachricht

Dabei geht es ja nur darum, dass SRF nicht so viel Geld hat für Eigenproduktionen und deshalb die Ausstrahlung der zehn Episoden auf zwei Jahre strecken musste. Besser wäre es gewesen, alles aufs Mal zu zeigen und dafür halt ein Jahr Pause einzulegen.

Aber lassen wir das. Kommen wir zum Erfreulichen. Ich war eher mässig begeistert vom Humor und der Handlung der ersten Staffel. Da zuckten bei mir die Mundwinkel nur ab und zu. Teil zwei gefiel mir jetzt viel besser.

Bax ist untergetaucht und holt Smetterling völlig unauffällig verkleidet aus dem Spital. © Sky/SRF
Der Knirps und das Koks

Tatsächlich musste ich ein paar Mal wirklich lachen. Etwa, wenn der kleine Rabauke in einer Villa Koks aufm Tisch findet und danach mit weissem Schnauz herumstolziert. Tatsächlich hat er aber nur einen Berliner gefunden und gegessen.

Auch die Action legt noch zu. Gerda fuchtelt nicht nur mit ihrer Pistole rum, sondern landet einen gezielten Kopfschuss. Und das Finale mit Bax, der am Seil hängt und per Helikopter auf die Staumauer geflogen wird, ist ziemlich zum Schreien.

Der Besuch im Hotelzimmer von Bundespolizistin Brotz beginnt vielversprechend für Bax, nimmt aber einen anderen Verlauf, als er erwartet. © Sky/SRF
Gerne mehr «Tschugger» – aber alles am Stück!

Ich bin nicht nur versöhnt mit den Walliser «Tschugger». Ich hätte gerne eine weitere Staffel. Aber bitte, bitte alles am Stück! Ich warte dafür gerne auch zwei Jahre.

Apropos warten: Ja, ist halt so, dass «Tschugger» zuerst bei Sky läuft und erst im Dezember bei SRF und auf Play Suisse. Auch das eine Geldfrage und eine Frage der Prioritäten in der Verwertungskette.

Es hätte übrigens auf Play Suisse, falls ihr’s noch nicht kennt, durchaus einige Serien und Filme, mit der man sich –gratis! – die Wartezeit vertreiben kann.

Wie viele Sterne gibst du «Tschugger» Staffel 2?

Besetzung: Dragan Vujic | David Constantin | Anna Rossinelli | Arsène Junior Page | Annalena Miano | Cedric Schild | Gabriel Oldham | Olivier Imboden
Serie entwickelt von: David Constantin | Mats Frey
Genre: Komödie | Krimi | Action
CH, 2022

Only Murders in the Building (Staffel 2) – Bestes Comfy-Food für den Serienabend

Läuft bei: Disney+ (2 Staffeln, 20 Episoden à 30 Min.)

Ein neuer Mordfall beschäftigt die drei Podcaster Charles (Steve Martin), Oliver (Martin Short) und Mabel (Selena Gomez). Nur diesmal stecken sie mitten drin. Mabel findet die Leiche von Bunny Folger in ihrer Wohnung.

Alle drei stecken in der Klemme

Für die Polizei ist sie die Verdächtige Nr. 1. Allerdings reichen die Beweise für eine Festnahme nicht aus. Für die drei ist klar: Sie müssen herausfinden, wer Bunny ermordet hat, um Mabel zu entlasten.

Mabel, Oliver und Charles entdecken Geheimgänge im «Arconia». © Hulu

Aber nicht nur Mabel steckt in der Klemme. Plötzlich taucht in der Wohnung von Charles ein Gemälde auf, das Bunny gehörte. Und Oliver findet die Mordwaffe in seiner Küche.

Mord und Drama – nicht Neues im «Arconia»

Neben ihrer Morduntersuchung beschäftigen die drei zudem private Angelegenheiten. Mabel freundet sich mit einer Galeristin (Cara Delevingne) an, die sie als Künstlerin fördern will. Charles findet heraus, was sein Vater im Haus gegenüber getrieben hat. Oliver deckt ein Familiengeheimnis auf, das ihn gar nicht freut.

Das Leben im «Arconia» nimmt also seinen gewohnten Lauf bis zum grossen Finale, wo nach einigen Irrungen und Wirrungen enthüllt wird, wer Bunny Folger umgebracht hat.

Einschätzung

Die zweite Staffel von «Only Murders in the Building» knüpft nahtlos an die erste an. Das war anzunehmen, wenn am Schluss eine Leiche in Mabels Wohnung liegt. Dass sie aber auf gleich hohem Niveau höchst unterhaltsam weiterfährt, ist nicht selbstverständlich.

Langeweile abgewendet

Die Figuren und das «Arconia» als Location sind etabliert. Die Marotten und Spleens der drei Hauptfiguren sind bekannt. Den Mordplot haben wir einmal durchgespielt. Die Gefahr, dass die Serie zu langweilen beginnt, war durchaus gegeben.

Doch das passiert nicht. Tatsächlich tritt die Suche nach dem:der Täter:in etwas in den Hintergrund. Dafür erhalten die Figuren mehr Raum. Vor allem Charles, Oliver und Mabel natürlich, aber nicht nur.

In Gastrollen mit dabei: Amy Schumer und Shirley MacLaine (mitte). © Hulu
Kuschelige Krimikomödie

Howard schafft es, den neuen Nachbarn zu einem Date einzuladen. Nina erlebt, dass es nicht so einfach ist, in Bunnys Fussstapfen zu treten und Mutter zu werden. Teddy und Theo tragen ihren Vater-Sohn-Zwist aus. Zusätzlich bereichern zwei neue Promis den Cast: Amy Schumer als sie selber und Shirley MacLaine, die sich als Bunnys Mutter ausgibt.

Die ganze Handlung gleitet trotz ihrer Probleme, mit denen die Figuren hadern, leichtfüssig und humorvoll voran. Selten war eine Krimikomödie so gemütlich, ja schon fast kuschelig.

Wieder eine Leiche zum Schluss

«Only Murders in the Building» ist auch in dieser zweiten Auflage bestes Comfy-Food für den Serienabend. Teil 3 wird wohl folgen, denn wieder liegt da am Schluss eine Leiche.

Wie viele Sterne gibst du «Only Murders in the Building» Staffel 2?

Besetzung: Steve Martin | Martin Short | Selena Gomez | Amy Ryan | Jayne Houdyshell | Michael Cyril Freighton | Jackie Hoffman | Cara Delevingne | Tina Fey | Adina Verson | Shirley MacLaine | Amy Schumer | Paul Rudd
Serie entwickelt von: John Hoffman | Steve Martin
Genre: Komödie | Krimi | Drama
USA, 2022

Kleo (Staffel 1) – «Killing Eve» auf Ostdeutsch

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min.)

Ost-Berlin 1987. Im blauen Trainer, Typ Nabholz, macht sich Kleo Straub (Jella Haase) auf zur Arbeit. Hinter der Tür, hinter der sie verschwindet, ist aber kein Trainingslokal, sondern ein Tunnel unter der Mauer durch.

«Zielperson vernichtet»

Unterwegs zieht sich Kleo um, weil sie eine Disco in West-Berlin besuchen will. Dort soll sie einen Mann finden, jedoch nicht zum Vergnügen. Denn Kleo ist eine Killerin im Auftrag der DDR-Staatssicherheit.

Ihren Auftrag führt sie schnell und sauber aus und kann ihrem Führungsoffizier stolz zurückmelden: «Zielperson physisch vernichtet.» Allerdings ist Kleo in der Disco einem Polizeibeamten aufgefallen. Sven Petzold (Dimitrij Schaad) kann seinen Kollegen die mutmassliche Täterin gut beschreiben.

Kleo auf dem Weg zur Arbeit nach West-Berlin. © Netflix
Von der Stasi verraten

Das Phantombild, das angefertigt wird, landet auf dem Schreibtisch eines Stasi-Obersten. Der meldet nach oben: «Wir haben ein Problem.» Die Lösung ist aber einfach. Kleo wird Spionage angehängt und sie verschwindet hinter Gittern.

Nach dem Mauerfall kommt Kleo wie viele andere politische Gefangene wieder frei. Sie kennt jetzt nur ein Ziel: Herauszufinden, wer sie damals reingelegt hat und weshalb. Ihr Rachefeldzug beginnt.

Einschätzung

Ziemlich irre, was uns die drei Autoren Hackfort, Konrad und Kropf, bekannt vor allem für «4 Blocks», hier auftischen. Irre ist vor allem Kleo, zumindest am Anfang. Die Killermaschine, die aber auch mal ein Tänzchen aufführt oder ein Liedchen singt, bevor sie ihr Opfer am Kleiderhaken aufhängt.

Der Wessi aus dem Weltall

Nicht ganz zu Unrecht fühlt man sich an die Braut (Uma Thurman) aus «Kill Bill» oder an Villanelle aus «Killing Eve» erinnert. Kleo erreicht aber nicht die höchsten Sphären der dissozialen Persönlichkeitsstörung wie Villanelle.

Sie schläft nicht gern allein und braucht deshalb Menschen um sich herum. Wie Thilo (Julius Feldmeier), den Wessi, der ihre alte Wohnung gekapert hat und den Techno in den Osten bringen will, ja muss. Mit diesem Auftrag sei er von seinem Heimatstern Sirius B hierher geschickt worden, sagt Thilo sogar, wenn er nicht völlig zugedröhnt ist.

Thriller und Komödie in einem

Überdreht im Figurenarsenal geht’s weiter mit einem Stasi-Agenten, der massiv am Tourette-Syndrom leidet, oder historischen Figuren wie Margot Honecker, die ihrem Spitznamen «der lila Drache» alle Ehre macht. Das macht «Kleo» neben dem Thriller auch zur Komödie.

Ob Tapete, Vorhänge oder Sofa: was für Muster! © Netflix

Dazu kommen ein Setdesign, das bei Tapeten, Vorhängen und Innenausstattung aus dem Vollen schöpft, die Kleider mit viel Ossi-Schick, aber auch zeitgemässer Miami Vice-Style für den Wessi Sven Petzold, allerdings mit weissen Socken.

Sven, der harmlose Jäger

Sven ist neben Kleo die zweite starke Figur. Er macht es sich zur Lebensaufgabe, die Killerin aus der Disco zur Strecke zu bringen, obwohl er eigentlich im Betrugsdezernat arbeitet.

Die Welt der Geheimdienste und Auftragsmorde überfordert ihn aber. Da muss er auch mal auf Kleos Gnade hoffen, wenn er ihr auf der Jagd zu nahe kommt.

Sven ist es nicht gewohnt, wenn Menschen aus dem Plattenbau auf Trabis geworfen werden. © Netflix
Ostalgie und Wenderomantik

Auch wenn die Macher vielleicht ein bisschen oft auf «Killing Eve» geschielt haben, ist ihnen zumindest eine sehr gute deutsche Adaption gelungen mit einem Schuss Ostalgie und Wenderomantik. «Kleo» macht von Anfang bis zum Schluss grossen Spass und am Ende auch ein kleines Fenster auf für weitere Staffeln.

Wie viele Sterne gibst du «Kleo» Staffel 1?

Besetzung: Jella Haase | Dimitrij Schaad | Julius Feldmeier | Marta Sroka | Vincent Redetzki | Vladimir Burlakov | Yun Huang | Thandi Sebe
Serie entwickelt von: Hanno Hackfort | Bob Konrad | Richard Kropf
Genre: Action | Krimi | Komödie
D, 2022

You Don’t Know Me (Mini-Serie) – Dieses Gerichtsdrama enttäuscht die Erwartungen

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 4 Episoden à 60 Min.)

Hero (Samuel Adewunmi) steht wegen Mordes vor Gericht. Er soll den Drogenhändler Jamil (Roger Jean Nsengiyumva) erschossen haben.

Erdrückende Beweislast

In ihrem Schlussplädoyer fasst die Staatsanwältin die erdrückende Beweislast zusammen: Schiesspulver an Heros Händen, die Mordwaffe in seiner Wohnung, Bilder einer Überwachungskamera zeigen Heros Auto auf dem Weg zum Tatort, seine Handydaten belegen, dass er am Tatort war.

Dann steht Hero auf. Er hat bisher kein Wort vor Gericht gesagt. Jetzt will er das Schlussplädoyer der Verteidigung selber halten und die Geschworenen von seiner Unschuld überzeugen. Er will seine Geschichte, die wahre Geschichte erzählen.

Alles beginnt mit seiner neuen Freundin

Die beginnt damit, wie er seine Freundin Kyra (Sophie Wilde) kennenlernt. Bald zieht sie bei ihm ein. Eines Tages klopft ein grimmiger Typ an die Tür und redet mit Kyra. Am nächsten Tag ist sie verschwunden.

Ein Mann mit braunem Mantel und roter Krawatte sitzt im Bus. Hinter ihm eine Frau, die ein Buch liest.
Hero trifft Kyra zum ersten Mal im Bus auf der Fahrt zur Arbeit. © Netflix

Hero sucht sie wochenlang vergeblich, bis er einen Hinweis erhält. Er findet Kyra, die als Prostituierte für eine Gang arbeitet – arbeiten muss, um ihren Bruder zu schützen.

In Gangrivalitäten verwickelt

Hero beschafft sich bei Jamil eine Waffe und befreit Kyra. Doch die Gang kommt sie suchen. Eine andere Gang in seinem Gebiet stört die Geschäfte von Jamil.

Er setzt Hero unter Druck, dass er Kyra an die Gang ausliefert. Die Situation eskaliert, bis Jamil mit einer Kugel im Kopf in einer Gasse endet.

Einschätzung

Gerichtsdramen können äusserst spannend und unterhaltsam sein. «You Don’t Know Me» ist weder das eine noch das andere. Zu langsam wird die Geschichte erzählt, zu repetitiv ist Heros Plädoyer vor Gericht, und viel zu unbefriedigend ist der Schluss.

Schöne Liebesgeschichte, aber langfädig erzählt

Natürlich ist es eine schöne Liebesgeschichte, die Hero vor den Geschworenen ausbreitet. Er trifft Kyra im Bus, blitzt ein paar Mal ab, lädt sie zu Spaghetti Carbonara ein, deren Zubereitung er x-mal übt, bis sie ihm perfekt gelingen.

Man hat es schnell begriffen, dass er sie liebt und sie ihn schliesslich auch. Schneller, als es Hero vor Gericht erzählt.

Fesselnde Milieubeschreibung? Eher nicht

«I loved her» ist eine der Aussagen, die er dauernd wiederholt. «I sold cars. I loved my job» eine andere. Und natürlich ist er ein «family man» – Mutter und Schwester über alles. Das alles soll belegen, wie normal er war, bevor das Schicksal grausam zuschlug und ihn in die Abgründe des Bandenmilieus verschlug.

Die Schilderungen dieses Milieus seien in der Buchvorlage von Imran Mahmood «fesselnd und lebendig» schreibt der Guardian. Das kann man der Serie nicht attestieren.

Der Schluss ärgert richtig

Das Problem mag die Ich-Erzählung sein. Alles wird nur aus der Sicht von Hero geschildert. Da erhält ein Charakter wie Jamil keine Tiefe, keinen Hintergrund. Wir erleben ihn immer nur von aussen.

Ein Mann in weisser Kleidung redet aufgeregt auf einen anderen Mann in einem beigen Mantel ein.
Wer hat Jamil (links) getötet? Hero sagt, er war es nicht. © Netflix

Richtig ärgerlich ist der Schluss. Wie lautet das Urteil der Geschworenen? Die Serie präsentiert beide Verdikte: schuldig wie auch nicht schuldig. Es lässt sich nicht entschlüsseln, welches Urteil gilt.

Die Überraschungen reimt man sich schnell zusammen

Das soll wohl die Zuschauenden in die Rolle der Geschworenen versetzen und sie ihr Urteil fällen lassen. Nur: Wir kennen ja die Wahrheit. Die wird zwar auch noch ein bisschen verdreht erzählt.

Schon in der Mitte der Serie kann man sich aber ausdenken, worauf Hero vor Gericht hinaus will, sprich: wen er als Täter:in beschuldigen wird. Anfangs der letzten Episode deutet eine Szene klar daraufhin, dass das aber gar nicht stimmt. Als enthüllt wird, wer Jamil wirklich getötet hat, ist man bestenfalls bestätigt, aber kaum überrascht.

Viel vorgenommen, zu wenig geliefert

Man merkt, was «You Don’t Know Me» sich alles vorgenommen hat. Ein Gerichtsdrama, das einem die tragischen Geschichten seiner Figuren ans Herz legen will, und am Schluss mit mehreren Plottwists überraschen soll. Aber alles ist zu durchsichtig konstruiert und zu geschwätzig erzählt, um zu funktionieren.

Wie viele Sterne gibst du «You Don't Know Me»?

Besetzung: Samuel Adewunmi | Sophie Wilde | Bukky Bakray | Roger Jean Nsengiyumva | Badria Timimi | Michael Gould
Genre: Krimi | Drama
GB, 2021

The Endgame (Staffel 1) – Clever bis zur Unglaubwürdigkeit

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

Den US-Behörden ist ein grosser Fang gelungen. Elena Federova (Morena Baccarin), internationale Waffenhändlerin und führender Kopf einer kriminellen Organisation, wurde gefasst und wird von den Chef:innen des FBI, Justizministeriums und Homeland Security an einem versteckten Ort verhört.

Gegenschlag von langer Hand vorbereitet

Sie schlagen ihr einen Deal vor, um aus der hoffnungslosen Situation herauszukommen. Doch alles ist ein bisschen anders, als sich das die Behörden vorgestellt haben.

Gleich nach Federovas Festnahme werden in New York mehrere Banken überfallen, offensichtlich von langer Hand geplant und orchestriert durch Federova. Das ruft die FBI-Agentin Val Turner (Ryan Michelle Bathe) auf den Plan.

Rache für den Bombenanschlag

Sie kennt Federova von einer früheren Begegnung in Gambia, als sie beinahe von ihr erschossen wurde. Federova gibt Turner Rätsel zur Lösung auf, die auf die Spur von Spitzenbeamt:innen und Politiker:innen, die alle Dreck am Stecken haben.

Mit der Zeit wird klar, was dahinter steckt. Federova will Rache für den Bombenanschlag auf ihre Hochzeit, bei der nur sie und ihr Mann überlebten. Und die Verantwortlichen für diesen Anschlag, auf die sie jetzt Turner ansetzt, sitzen alle in hohen Positionen in der Verwaltung und Regierung.

Immer einen Schritt zu spät

Turner löst mit Hilfe ihres Kollegen Anthony Flowers (Jordan Johnson-Hinds) ein Rätsel nach dem andern. Sie merkt dabei, dass auch ihr Mann Owen (Kamal Angelo Bolden), der im Gefängnis sitzt, mit Federova zu tun hat und Federova ihr immer einen Schritt voraus ist.

«The big picture», was das «Endgame» Federovas ist, erschliesst sich Turner erst ganz am Schluss.

Einschätzung

Es macht durchaus Spass, zuzuschauen, wie unglaublich clever Elena Federova ihre Rache geplant hat. Dutzende von Entscheidungen ihrer Gegner:innen hat sie antizipiert, so dass am Ende exakt alles so herauskommt, wie sie es geplant hat.

Spannend auch, wie Val Turner diese Rätsel oft in letzter Sekunde löst, obwohl ihr Umfeld ihr immer wieder Steine in den Weg legt. Vor allem ist da ihr ziemlich unfähiger, aber extrem ehrgeiziger Boss Doak (Noah Bean). Er will Turner eigentlich aus dem FBI rausbugsieren, weil ihr Mann ein krimineller Ex-Agent ist.

Übertrieben und etwas repetitiv

Und doch resultiert am Schluss nicht das ganz grosse Vergnügen, wie man es von Heist-Movies wie etwa «Ocean’s Eleven» oder «Inception» kennt. Dass Federova über Tage hinaus alle Aktionen und Gegenmassnahmen präzise voraussehen und planen konnte, strapaziert die Wahrscheinlichkeit doch etwas übermässig.

Nach dem zweiten oder dritten Rätsel wirkt die Handlung auch etwas repetitiv. Was in zwei Stunden Film vielleicht gut funktioniert hätte, wird hier stark überdehnt.

Keine zweite Staffel

Zudem spielt Morena Baccarin die Federova mit einer Selbstgefälligkeit, die mit der Zeit etwas nervt. Von ihrem selbstsicheren Lächeln im Verhörraum hat man ebenfalls nach dem dritten Mal genug.

Von daher ist es auch nicht so tragisch, dass «The Endgame» mit einem Cliffhanger endet, die Serie aber von NBC abgesetzt wurde. Nochmal zehn Episoden nach demselben Muster hätte ich mir eher nicht mehr angeschaut.

Wie viele Sterne gibst du «The Endgame»?

Besetzung: Morena Baccarin | Ryan Michelle Bathe | Costa Ronin | Jordan Johnson-Hinds | Mark D. Espinoza | Noah Bean | Kamal Angelo Bolden
Serie entwickelt von: Jake Coburn | Nicholas Wootton
Genre: Krimi | Thriller
USA, 2022

Tokyo Vice (Staffel 1) – Aus dem Innenleben der Yakuza

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 8 Episoden à 60 Min.)

Jake Adelstein (Ansel Elgort) ist Amerikaner und lebt in Tokio. Er hat sich ein fast unmögliches Ziel gesetzt. Er will als Reporter zur grössten Tageszeitung «Meichu Shimbun».

Tokio by night

Tatsächlich schafft er die Aufnahmeprüfung und wird als Polizeireporter angestellt. Sein Job führt ihn in Tokios Nachtleben und die Welt der Yakuza, der organisierten Verbrecherbanden Japans.

In einem Nachtclub lernt er Samantha (Rachel Keller) kennen. Die Amerikanerin arbeitet dort als Hostess. Sie träumt davon, einen eigenen Club zu eröffnen und einige ihre Kolleginnen wie Polina (Ella Rumpf) mitzunehmen.

Krieg der Klans

Auch Sato (Shô Kasamatsu) ist Stammgast im Club und hat ein Auge auf Samantha geworfen. Er gehört der Yakuza an. Zuerst quasi noch Lehrling steigt er die Karriereleiter hoch und gewinnt das Vertrauen seines Klan-Bosses.

Die Chihari-Kai werden von einem Eindringling herausgefordert. Tozawa (Ayumi Tanida) will mit seinem Klan in Tokio Fuss fassen. Dabei geht er brutal vor und hält sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze der Yakuza.

Tokio tickt anders

Weil Jake im Umfeld der Yakuza recherchiert, wird er in die Fehde hineingezogen. Unterstützung erhält er von Hiroto Katagiri (Ken Watanabe), einem erfahrenen und im Gegensatz zu einigen Kolleg:innen nicht korrumpierten Polizisten.

Jake lernt schnell, dass Journalismus, Polizeiarbeit und das organisierte Verbrechen in Japan etwas anders funktionieren, als er sich das vorgestellt hat.

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Einschätzung

Investigative Journalisten, Polizisten, unbestechliche und korrupte, organisiertes Verbrechen – ein klassischer Serienplot, der, richtig gemacht, gute Krimiunterhaltung garantiert. «Tokyo Vice» legt noch drauf.

Das Nachtleben in Tokio mit viel Neon, japanischer Alltag Ende der 90er-Jahre mit sozialen Verhaltensregeln, die uneingeweihten Europäer:innen wie mir nicht vertraut sind. Das funktioniert und fasziniert.

Eine wahre Geschichte fiktionalisiert

Die Serie basiert auf dem Buch «Tokyo Vice» des US-amerikanischen Journalisten Jake Adelstein, das 2009 erschien. Die Geschichte hat also einen wahren Hintergrund, wobei das gleich wieder einzuschränken ist.

J.T. Rogers, der die Geschichte als Serie adaptiert hat, betont in mehreren Interviews, dass «Tokyo Vice» fiktional sei und sich einige Freiheiten erlaube mit der Vorlage. Es sei ihm aber wichtig gewesen, eine authentische Schilderung der Zeit und des Orts zu bieten.

Oder doch nur gut erfunden`?

Zum anderen sind Jake Adelsteins Memoiren nicht unumstritten. «I don’t think half of that stuff in the book happened», zitiert der Hollywood Reporter einen Produzenten, der mit Adelstein für einen Dokumentarfilm zusammenarbeitete.

Für die Serie spielt es aber keine Rolle, ob Adelstein seine Arbeit in Japan überhöht hat. Wenn’s nicht wahr ist, ist es zumindest gut erfunden und spannend.

Spannend ist nicht die Hauptfigur

Obwohl das Tempo, mit dem die Geschichten der verschiedenen Figuren entwickelt werden, eher gemächlich ist. Das passt aber auch zum Setting. Jake muss lernen, dass der schnelle Scoop nicht gefragt ist, wenn die Regeln nicht eingehalten werden.

Zudem ist Jake Adelstein zwar der Dreh- und Angelpunkt der Serie, aber bei weitem nicht der spannendste Charakter. Am interessantesten ist Sato, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Leben in der Yakuza und einem Traum von einem normalen Leben. Aber letztlich hat er keine Wahl.

Kein Schluss, aber eine zweite Staffel

Auch die Yakuza-Bosse und der Polizist Katagiri sind kantiger und facettenreicher als Jake. Und über Samantha und Jakes Chefin Eimi wird die Rolle der Frauen in der japanischen Gesellschaft thematisiert.

Was einzig das Vergnügen an dieser gut inszenierten Serie trübt, ist der Schluss, der wieder mal keiner ist. Die Geschichte ist nicht zu Ende erzählt. Das wird sie aber. HBO hat die zweite Staffel gerade in Auftrag gegeben.

Wie viele Sterne gibst du «Tokyo Vice» Staffel 1?

Besetzung: Ansel Elgort | Ken Watanabe | Rachel Keller | Shô Kasamatsu | Ella Rumpf | Rinko Kikuchi | Shun Sugata | Ayumi Tanida
Serie entwickelt von: J.T. Rogers
Genre: Krimi
USA, 2022

The Blacklist (Staffel 9) – Reddington will Rache

Läuft bei: Netflix (9 Staffeln, 197 Episoden à 45 Min.)

The Blacklist für Einsteiger

Der intellektuelle Lebemann und Grosskriminelle Raymond Reddington arbeitet mit einer geheimen FBI-Taskforce zusammen. Er liefert dem FBI Hinweise auf andere Kriminelle, dafür ist ihm Immunität garantiert für seine Aktivitäten. Mit der FBI-Agentin Elizabeth Keen verbindet ihn eine besondere Beziehung, die über die Staffeln hinweg langsam enthüllt wird.

INHALTSANGABEN ZU STAFFEL 9 ENTHALTEN SPOILER ZU VORHERIGEN STAFFELN!

Zwei Jahre sind vergangen seit dem Ende der letzten Staffel. Die Taskforce wurde aufgelöst, Reddington (James Spader) ist von der Bildfläche verschwunden.

Die Taskforce lebt wieder auf

Reddingtons Bodyguard und Freund Dembe (Hisham Tawfiq) hat die Seiten gewechselt und ist jetzt FBI-Agent. Bei einem Undercover-Einsatz wird er verletzt, sein Partner getötet.

Harold Cooper (Harry Lennix) trommelt die Taskforce wieder zusammen, um den Hintermann zu fassen, der dafür verantwortlich ist. Dazu braucht er die Hilfe Reddingtons, den er tatsächlich wieder aufspürt.

Das grosse Geheimnis

Die Taskforce nimmt ihre Arbeit wieder auf, auch Reddington kehrt zurück in sein kriminelles Reich.

Mit der Zeit entdeckt das Team, dass sie nicht die ganze Wahrheit über den Tod von Elizabeth Keen kennen. Verschiedene Spuren führen Reddington und die Taskforce zur Person im engsten Umfeld, die tatsächlich verantwortlich ist für Liz‘ Ermordung.

Einschätzung

Die achte Staffel war eher langfädig. Sie litt auch darunter, dass Liz Keen/Megan Boone schon mit Projekten beschäftigt war für die Zeit nach ihrem Ausstieg aus «The Blacklist». Deshalb stand sie nicht für alle Episoden zur Verfügung, was einige irritierende Erzählkniffe verursachte.

Liz Keen – zum allerletzten Mal

NBC hatte sich schon vorher entschieden, die Serie auch ohne Liz weiterzuführen. Jetzt prägt sie, respektive ihre Ermordung zwar immer noch das Geschehen. Dieser episodenübergreifende Plot ist aber gut integriert als Spannungsbogen für die ganze Staffel.

Die neunte Staffel greift auf die bewährten Muster zurück. Jagd nach «Blacklistern» und daneben werden alle Hauptfiguren noch mit persönlichen Herausforderungen konfrontiert.

Allerdings gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Reddington und der Taskforce etwas kniffliger, weil sich ein Zielkonflikt manifestiert im Umgang mit der Person, die Liz‘ Tod verantwortet.

Zwei weitere Figuren verlassen die Serie

Wer Liz ermorden liess, wird tatsächlich geklärt. Ich hatte eine Zeit lang befürchtet, dass es wieder zu einem ärgerlichen Cliffhanger wie in Staffel 8 kommt.

Einen Cliffhanger gibt es trotzdem. Der deutet an, was uns in der zehnten Staffel erwarten wird. Denn die Serie ist so erfolgreich beim Publikum, dass NBC nicht aufhören will, obwohl auch diesmal zwei Figuren ihren Abschied andeuten in der letzten Episode (was mittlerweile bestätigt ist).

Zurück zur alten Qualität

«The Blacklist» hat nach der eher enttäuschenden achten Staffel wieder zurückgefunden zur alten Qualität. Es ist wieder eine solide, wenn auch nicht besonders originelle Krimiserie mit James Spader als Hauptfigur, die immer wieder mal nervt und gleichzeitig unterhaltsam ist.

Man darf man der zehnten Staffel durchaus optimistisch entgegensehen.

Wie viele Sterne gibst du «The Blacklist» Staffel 9?

Besetzung: James Spader | Diego Klattenhoff | Harry Lennix | Hisham Tawfiq | Amir Arison | Laura Sohn | Deirdre Lovejoy | Fisher Stevens
Serie entwickelt von: Jon Bokenkamp
Genre: Krimi | Thriller
USA, 2021

The Sinner (Staffel 4) – Harry Ambrose und sein letzter Fall

Läuft bei: Netflix (4 Staffeln, 32 Episoden à 45 Min.)

Nachdem ihn sein voriger Fall (Staffel 3) an den Rand des Zusammenbruchs trieb, quittiert Harry Ambrose (Bill Pullman) den Polizeidienst. Er reist mit seiner Freundin Sonya (Jessica Hecht) nach Hanover Island in Maine, um Abstand zu gewinnen zu den Ereignissen von damals.

Die traurige, weise Frau

Am Hafen trifft Harry eine junge Frau. Percy (Alice Kremelberg) gehört zu den Muldoons, einer alteingesessenen Fischerfamilie der Insel. Sie scheint eine ähnlich verlorene Seele zu sein wie Harry. Als «traurig, aber auch sehr weise» beschreibt sie Harry später.

Bei seinem Abendspaziergang sieht Harry Percy erneut. Aus der Ferne beobachtet er, wie sie über den Klippenrand stürzt.

Suizid oder Mord?

Verschiedene Umstände lassen Harry nicht an einen Suizid glauben. Gemeinsam mit der örtlichen Polizei geht er Spuren nach, die zur zugewanderten Familie Lam führen.

Als Percys Leiche gefunden wird und keine Spuren von Fremdeinwirkung aufweist, will die Polizei den Fall ad acta legen. Aber Harry hat sich in seine These verbissen. Eine weitere Leiche taucht auf, diesmal eindeutig ein Mord. Harry scheint recht zu haben.

Alle haben etwas zu verbergen

Die beiden Fälle sind tatsächlich verknüpft, aber nicht so, wie Harry glaubt. Dahinter verbergen sich düstere Geheimnisse aus der Vergangenheit und Verbrechen, in die die ganze Insel verwickelt zu sein scheint.

Ich finde

Die Verbrechen, die Harry Ambrose aufklärt, waren noch nie reine Kriminalfälle, sondern immer auch Psychodramen. In dieser vierten und letzten Staffel von «The Sinner» spielt sich ein grosser Teil des Psychodramas in Harrys Kopf ab.

Seelenverwandt mit dem Opfer

Er sucht Heilung von seinem Trauma, das er in der letzten Staffel erlebt hat. Auf der Überfahrt nach Hanover Island starrt Harry aufs Meer. Er könnte springen. Der Suizid als letzter Ausweg.

Nicht zuletzt deshalb lässt ihn Percys Tod nicht los. Harry fühlt eine gewisse Seelenverwandtschaft mit der jungen Frau. Falls sie sich wirklich das Leben genommen hat, ist das ein Omen?

Wo die Welt nicht mehr in Ordnung ist

Dieser letzte Fall für Harry Ambrose ist ein «slow burner». Nur langsam, beinahe zäh, entwickelt sich die Geschichte. Das passt zur Figur von Ambrose, die Bill Pullman mit dieser fast schmerzhaft verkniffenen Mimik spielt.

Es passt auch zur Landschaft hoch oben im Nordosten der USA (also eigentlich in Kanada, wo gedreht wurde), wo die Welt auch nicht mehr in Ordnung ist, aber dennoch sehr schön.

Wer eher ruhige, psychologisierende Krimis mag, ist mit «The Sinner» gut bedient.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «The Sinner» Staffel 4?

Besetzung: Bill Pullman | Jessica Hecht | Alice Kremelberg | Frances Fisher
Created by: Derek Simonds
Genre: Krimi | Drama
USA, 2021

Bosch: Legacy (Staffel 1) – Privatdetektiv ohne Skrupel

Läuft bei: Amazon (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

Bosch is back! Der ehemalige LAPD-Cop arbeitet jetzt als Privatdetektiv. Der todkranke Milliardär Whitney Vance (William Devane) engagiert Harry Bosch (Titus Welliver), um herauszufinden, was aus seiner Jugendliebe wurde, die er schmählich sitzen liess.

Lebensbedrohliches Milliardenerbe

Bosch macht einen unehelichen Sohn ausfindig, der im Vietnamkrieg fiel. Weitere Nachforschungen ergeben, dass dieser Sohn wiederum eine Tochter hatte, die Bosch anschliessend aufspürt.

Sie wäre die legitime Erbin von Vances Vermögen und seiner Firma. Das will deren CEO aber um jeden Preis verhindern. Dabei schreckt er auch vor kriminellen Machenschaften nicht zurück. Bosch will das Leben der Erbin beschützen – auch um jeden Preis.

Rache für den Mordauftrag

Die etwas komplizierte Zusammenarbeit mit der Anwältin Honey Chandler (Mimi Rogers) setzt sich ebenfalls fort. Der Mann, der in der letzten Staffel «Bosch» einen Killer auf Chandler und Boschs Tochter Maddie (Madison Lintz) ansetzte, kommt ohne Strafe davon. Bosch und Chandler wollen das nicht hinnehmen und suchen nach neuen Beweisen, mit denen sie ihn zur Strecke bringen können.

Maddie macht ihre ersten Schritte als Cop auf Patrouille. Der Fall eines Serienvergewaltigers nimmt sie emotional besonders mit. Sie verliert die professionelle Distanz und gerät in Gefahr.

Wie gross diese Gefahr ist, wissen wir noch nicht, denn das ist der Cliffhanger zur nächsten Staffel.

Ich finde

Ich bin ein Fan von Harry Bosch. Die sieben Staffeln «Bosch» waren allesamt ohne einen einzigen Durchhänger grossartiger Krimigenuss. Dass es mit einem Spin-off weitergehen sollte, hat mich bei der Ankündigung schon gefreut. «Bosch: Legacy» knüpft jetzt nicht nur inhaltlich, sondern vor allem qualitativ nahtlos an die Originalserie an.

Die Serie «Bosch»
Hieronymus «Harry» Bosch hat bereits eine lange Serienvergangenheit. Von 2014 bis 2021 produzierte Amazon sieben Staffeln mit Bosch als LAPD-Cop in der Mordkommission der Hollywood Division.
In jeder Staffel steht ein Fall im Vordergrund. Parallel dazu werden Bruchstücke aus Boschs Leben aufgedeckt: Armeeveteran, geschiedener Vater, Sohn einer Prostituierten u.a. Seine Vergangenheit erklärt, weshalb er von gewissen Aspekten seiner Arbeit regelrecht besessen ist und sich nicht immer an die Regeln hält. Das führt am Ende der siebten Staffel dazu, dass Harry Bosch den Dienst quittiert.
Die Serie basiert auf den Harry-Bosch-Romanen von Michael Connelly, der auch als Produzent und Drehbuchautor mitwirkte. Alle Staffeln «Bosch» sind noch online bei Amazon und Krimifans sehr empfohlen.

Gut gelungen ist die Erweiterung des Figurenarsenals um Chandler und Maddie. Beide kamen zwar in den alten Boschs vor, aber waren doch nur Nebenfiguren. Hier erhalten sie ihre eigenen Geschichten, die sie aufwerten und zu weiteren Hauptfiguren neben Bosch machen. Zudem sind die Fälle der drei untereinander verknüpft. Das ist clever gemacht und bringt Schwung in die Serie.

Selbstjustiz ist kein Tabu

Bosch selber legt nochmal einen Zacken zu. Er war schon als Cop bereit, hart an die Grenze Erlaubten zu gehen, wenn es ihm richtig schien. Jetzt überschreitet er diese Grenze auch.

Das ist konsequent für seinen Charakter, der nie der gesetzestreue Polizist war, sondern immer besessen davon, was er für Gerechtigkeit hielt. Dass das nicht weit von Selbstjustiz entfernt ist, zeigt sich hier deutlich.

Bosch vs. The Lincoln Lawyer

Boschs Gerechtigkeitsbegriff ist zudem oft fragwürdig. Ihm ist es wichtiger, dass die Karriere seiner Tochter nicht gefährdet wird, als dass schiesswütige Polizisten zur Rechenschaft gezogen werden, die eine unschuldige Frau töteten.

Wahrscheinlich gefällt mir diese Serie deshalb so gut: klassische Kriminalfälle, mit viel Spannung inszeniert, aber oft verschwimmt die Grenzen zwischen Gut und Böse. Und wahrscheinlich macht dieser Zwiespalt Bosch interessanter als seinen Halbbruder Mickey Haller, der gerade bei Netflix in «The Lincoln Lawyer» zu sehen ist.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Bosch: Legacy» Staffel 1?

Besetzung: Titus Welliver | Mimi Rogers | Madison Lintz | Stephen A. Chang | Denise G. Sanchez
Created by: Tom Bernardo | Michael Connelly | Eric Ellis Overmyer
Genre: Krimi
USA, 2022

The Lincoln Lawyer (Staffel 1) – Im Luxusauto Fälle lösen

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

Mickey Haller (Manuel Garcia-Rulfo) war ein erfolgreicher Strafverteidiger in Los Angeles. Dann stürzte er ab. Nach einem Unfall wurde er tablettensüchtig (Oxycontin – die Geschichte dieser Droge erzählt «Dopesick»).

Nach sechs Monaten Entziehungskur taucht Haller jetzt wieder auf und will sich langsam aufrappeln. Doch mit langsam ist nichts. Ein Anwaltskollege, der ermordet wurde, hinterlässt ihm seine Kanzlei mit einigen laufenden Verfahren.

Mit einem Mordfall will sich Haller wieder beweisen

Darunter ein publicityträchtiger Mordfall, der Haller wieder ins Geschäft bringen könnte. Der erfolgreiche Gameentwickler Trevor Elliott (Christopher Gorham) wird beschuldigt, seine Ehefrau und deren Liebhaber erschossen zu haben.

Haller muss neben diesem grossen Fall verschiedene weitere in Windeseile aufarbeiten und hetzt von einem Gerichtstermin zum nächsten. Bevorzugt tut er das auf dem Rücksitz eines seiner luxuriösen Lincolns, weil er so am besten arbeiten kann. (Privat fährt er einen Oldtimer dieser Marke, den 1964er Lincoln Continental Convertible.)

Das Private mit dem Beruflichen verbinden

Unterstützt wird Haller bei seiner Arbeit von seiner zweiten Ex-Frau (Becki Newton) und deren Freund und bald Ehemann (Angus Sampson), der als Ermittler arbeitet.

Auch mit seiner ersten Ex-Frau Maggie (Neve Campbell) kreuzen sich die Wege wieder. Privat, weil Haller engeren Kontakt zur gemeinsamen Tochter wünscht – und auch zu Maggie, die immer noch seine grosse Liebe ist. Beruflich, weil Maggie als Staatsanwältin arbeitet und in einem Fall Hallers Dienste in Anspruch nehmen will.

Ich finde

«The Lincoln Lawyer» ist ein solides Gerichtsdrama mit den nötigen Zutaten von Lügen, cleveren Winkelzügen im Gerichtssaal, Beweisfindungen in letzter Minute, überraschenden Wendungen und mit Irrungen und Wirrungen im Privat- und Liebesleben.

Viel mehr ist es dann aber nicht. Wenn Haller zu Beginn mit genialen Einfällen Prozesse im Stundentakt zugunsten seiner Klienten löst, beeindruckt das kurz. Bald wirkt das ein wenig repetitiv. Ihm fehlt auch etwas das Charisma einer wortwörtlich verwandten Figur, seines Halbbruders Harry Bosch (s. unten).

Unter dem Strich erfüllt die Serie aber die Erwartungen, die man an eine solche Genreproduktion stellt. Das verwundert auch nicht, wenn man ein bisschen die Hintergründe anschaut, resp. drei Namen, die damit verbunden sind.

Der Film zur Serie

Matthew McConaughey. Mickey Haller war schon einmal auf der Leinwand zu sehen. McConaughey spielte 2011 den Anwalt im Film «The Lincoln Lawyer». Obwohl gleich betitelt, erzählt der Film eine andere Geschichte als die Serie.

Was darauf hindeutet, dass es eine Reihe von Geschichten über Mickey Haller gibt. Diese stammen aus der Feder eines sehr erfolgreichen Krimiautors.

Der Bestsellerautor, der dahinter steckt

Michael Connelly ist der Autor der «Lincoln Lawyer»-Reihe. Connelly begann seine Karriere als Polizeireporter in Florida, kam sogar einmal in die Endrunde für den Pulitzer-Preis, zog nach Kalifornien und sattelte um auf Krimiautor.

1992 erschien sein erster Roman mit der Hauptfigur Hieronymus «Harry» Bosch. Fast zwei Dutzend weitere folgten bis heute. Bosch ist zuerst Cop in der Mordkommission der LAPD Hollywood Division, später quittiert er den Dienst und arbeitet als Privatdetektiv.

Die Bosch-Reihe wurde von Amazon zwischen 2014 und 2021 in eine siebenteilige Serie umgesetzt. Ich bin ein grosser Fan davon. Jetzt gerade erschien die erste Staffel des Spin-Offs «Bosch: Legacy», in der Bosch nicht mehr als Cop, sondern als PI unterwegs ist. Darüber demnächst hier mehr 😉.

Die fiktive Familienbande

Bosch und Haller verbindet eine familiäre Beziehung. Sie sind Halbbrüder. Haller ist der Sohn des Anwalts Michael Haller Senior. Bosch ist der viel ältere Sohn aus einer ausserehelichen Affäre.

In den Büchern begegnen sich die beiden in einigen Geschichten. Das wird wohl in der Serienwelt nicht passieren, weil die Figuren unterschiedlichen Studios gehören. Oder wie es Connelly formulierte: «If we got Amazon and Netflix working together, we could also solve world peace.»

Der fleissige Serienerfinder mit Jus-Studium

David E. Kelley ist der Produzent der Serie. Er ist ursprünglich selber Jurist, begann aber schon Ende der 1980er-Jahre Drehbücher zu schreiben.

Kelley entwickelte eine ganze Reihe von erfolgreichen Anwaltsserien wie etwa «Ally McBeal», «Boston Legal», oder die ziemlich genialen vier Staffeln von «Goliath». Weniger gelungen ist aus jüngerer Zeit das britische Gerichtsdrama «Anatomy of a Scandal».

Das ist nur eine kleine Auswahl aus Kelleys Produktionen. Er ist ein sehr kreativer und unglaublich produktiver Serienerfinder mit immenser Erfahrung. Fun Fact: Kelley ist mit der Schauspielerin Michelle Pfeiffer verheiratet.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «The Lincoln Lawyer» Staffel 1?

Besetzung: Manuel Garcia-Rulfo | Neve Campbell | Becki Newton | Angus Sampson | Jazz Raycole | Christopher Gorham
Created by: Ted Humphrey | David E. Kelley
Genre: Krimi
USA, 2022

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