The Boys (Staffel 2) – Die Rückkehr der korrupten Superhelden

Läuft bei: Amazon (2 Staffeln, 16 Episoden à 50 Min.)

«The Boys» müssen sich zu Beginn der zweiten Staffel im Untergrund verstecken. Ihr Anführer Butcher ist verschwunden. Ihr Kampf gegen die bösen Superhelden scheint verloren.

Der zutiefst narzisstisch gestörte Homelander und seine Truppe von mehrheitlich korrupten Superhelden sind wieder im Aufwind. Auch die Firma Vought, die diese «Supes» geschaffen hat, ist zurück im Geschäft.

Mit Stormfront stösst eine neue Superheldin dazu. Sie macht Homelander seine Führungsrolle streitig. Zudem hat sie auch klare Vorstellungen, welche Rolle die Supes in Zukunft in der Gesellschaft einnehmen soll – so etwas in Richtung «white supremacy».

Ich finde

Ich habe die zweite Staffel jetzt abgeschlossen, kurz bevor Anfang Juni die dritte kommt. Was schon andeutet, dass mich «The Boys» nie wirklich reingezogen hat.

Die Ausgangslage dieser Serie ist zwar wirklich originell. Die Superhelden sind zwar super, aber keineswegs Helden. Ganz im Gegenteil. Sie setzen ihre Kräfte öfters nach ihrem Gutdünken ein. Sie bringen auch mal ein paar Menschen um, weil sie einfach gerade schlechte Laune haben.

Superheldenethos auf den Kopf gestellte

Und sie sind eigentlich nur die Aushängeschilder eines Unternehmens, das Geld verdienen will – um jeden Preis. Das ganze Superheldenethos wird also einfach auf den Kopf gestellt.

Ihre Gegenspieler sind eine Truppe von bunt zusammengewürfelten Typen, die auch nicht gerade ein Ausbund an Freundlichkeit sind. Mit Ausnahme von Hughie, der das absolute Gegenteil eines Kämpfers ist und völlig Fehl am Platz in der Runde.

Das alles war in der ersten Staffel neu und amüsant.

Widerlich hoch zwei

Die zweite Staffel führt die Geschichte und Figuren konsequent weiter. Mit Stormfront stösst eine Figur dazu, die die Widerwärtigkeit der Supes nochmal einen Gang höher schaltet.

Aber das war’s dann auch. «The Boys» ist eine Serie für Freund:innen des Superhelden-Genres, vor allem aber für Zeiten, in denen man gerade nichts Besseres findet. Trotzdem gut möglich, dass ich auch mal einen Blick in die dritte Staffel werfe – zwischendurch, auf dem Crosstrainer.

Wie viele Sterne gibst du «The Boys» Staffel 2?

Besetzung: Karl Urban, Jack Quaid, Antony Starr, Erin Moriarty, Aya Cash, Laila Robins
Created by: Eric Kripke
Genre: Superhelden | Action
USA, 2021

Clark (Mini-Serie) – Frauenschwarm und Polizistenschreck

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 6 Episoden à 60 Min.)

Stockholm 1973: In der «Kreditbanken» hat ein Räuber vier Geiseln genommen. Er verlangt, dass Clark Olofsson (Bill Skarsgård) in die Bank kommt. Was auch geschieht. Es ist der Höhepunkt der Karriere von Olofsson.

Clark Olofsson ist allerdings nicht etwa der Verhandlungsführer der Polizei. Er ist selber ein Krimineller, der wegen Bankraubes und schwerer Körperverletzung mal wieder einsitzt.

Schwedens Promi-Gangster Nr. 1

Clark Olofsson ist eine reale Figur, über den es mehrere Bücher und Filme gibt. Er gilt als der erste Promi-Gangster Schwedens und erlangte schon vor der Geiselnahme in Stockholm nationale Berühmtheit.

Mit dem «Norrmalmstorgsdramat» ging er aber auch international in die Geschichte ein, denn auf diese Geiselnahme geht der Begriff «Stockholm Syndrom» zurück.

«Clark» schildert die Karriere dieses Kriminellen, die sich im ewigen Kreis von Verbrechen, Gefängnis, Ausbruch, Partys, Liebschaften dreht, immer unter grosser Anteilnahme der Öffentlichkeit.

Ich finde

Wäre die Geschichte von Clark Olofsson fiktional, man hielte sie für übertrieben. Tatsächlich stimmt vieles, was die Serie erzählt.

Beispielsweise, dass Clark nach seinem ersten Ausbruch aus der Besserungsanstalt für Jugendliche in das Landgut des schwedischen Premierministers eindrang. Allerdings traf er dort nicht auf den Premierminister selbst, wie die Serie erzählt, sondern nur auf den Gärtner.

Frauenschwarm und Polizistenschreck

Auch seine Beliebtheit in der Öffentlichkeit und vor allem bei Frauen beruht offenbar auf Tatsachen. Selbst die trotteligen Polizisten sind nicht frei erfunden, wenn auch ihre Inkompetenz Slapstick-artig überzeichnet ist.

Bill Skarsgård spielt Clark mit gnadenloser Wucht. Ein narzisstischer Psychopath, der sich äusserst charmant geben kann. Im Grunde schert er sich aber einen Dreck um andere. Im Zentrum steht immer nur einer: Clark Olofsson.

Das zeigt sich insbesondere bei seinen Liebesbeziehungen. Frauen betört er, belügt und hintergeht sie, lässt sie – mit Kind – sitzen. Erstaunlicherweise hält das manche Freundin nicht davon ab, immer wieder auf ihn hereinzufallen.

Freigeist der 68er-Ära ad absurdum geführt

Den Zuschauenden mag es ähnlich gehen. Clark fasziniert. Rückblenden in seine Kindheit mögen vielleicht sogar so etwas wie Verständnis aufkommen lassen dafür, weshalb Clark zu dem wurde, was er ist.

Aber gleichzeitig wird diese Haltung in der Serie unterhaltsam persifliert. Der Zeitgeist der 68er-Ära mit Gefängnisreformen, Täterrehabilitation, freier Liebe und freiem Individuum wird durch Clark ad absurdum geführt. Er nutzt all das zu seinem eigenen Vorteil aus.

Faszinierend und abstossend – gut inszeniert

Deshalb passt der Vergleich zu ähnlichen Gangsterkomödien wie «Catch Me If You Can» nicht ganz. Der Hochstapler Frank (Leonardo DiCaprio) bleibt bis am Schluss sympathisch, auch weil er relativ harmlos ist.

Clark dagegen ist alles andere als harmlos. Er hinterlässt eine Spur von Verwüstung auf seelischer und physischer Ebene und bleibt schlicht nicht gesellschaftsfähig.

Der Serie gelingt es aber sehr ansprechend, dieses Hin und Her zwischen Faszination und Abstossung über sechs Episoden zu inszenieren.

Wie viele Sterne gibst du «Clark»?

Besetzung: Bill Skarsgård | Vilhelm Blomgren | Sandra Ilar | Hanna Björn
Genre: Krimi | Komödie | Biografie
SWE, 2022

Russian Doll (Staffel 2) – Zeitreise als Therapie

Läuft bei: Netflix (2 Staffeln, 15 Episoden à 30 Min.)

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) feiert demnächst wieder Geburtstag, dieses Mal den 40. (in der ersten Staffel war’s der 36.). Allerdings dauert es länger als erwartet, bis sie zu diesem Datum kommt. Nadja dreht vorher ein paar Runden auf der Zeitachse.

Sie landet zuerst in den 80er-Jahren – als ihre Mutter, die mit ihr schwanger ist. Später verschlägt es sie auch in die 40er – als ihre Grossmutter im Nazi-besetzten Budapest.

Auf der Jagd nach Goldmünzen

Nadia verfolgt bei ihren Zeitreisen eine Mission. Es geht um das Vermögen ihrer Grossmutter, Krugerrand-Münzen, das ihre Mutter später klaut und verprasst. Das will sie in ihre Gegenwart retten.

Auch Alan, ihr Leidensgenosse aus der ersten Staffel, geht auf Zeitreise. Er reist zurück in die 60er-Jahre nach Ostberlin, wo er als seine Grossmutter eine Liebesaffäre erlebt.

Ich finde

Als 2019 die erste Staffel von «Russian Doll» erschien, bin ich nach zwei, drei Episoden ausgestiegen. Nicht, weil ich’s schlecht fand. Einfach nicht besonders packend und besseres zur Auswahl stand.

Jetzt habe ich die erste Staffel nachgeholt, die zweite angehängt und es hat mich mehr reingezogen. Nadia als Figur, resp. Lyonne als Schauspielerin ist eine Naturgewalt. Pop-Philosophin, Raucherin, Egomanin, schnippisch und witzig, dann wieder besonnen und nachdenklich, hochenergetisch in jeder Szene. Sie trägt die Serie.

Ich, Ich, Ich

Dennoch – und das ist zugegeben etwas widersprüchlich – werde ich nicht warm mit dieser selbstzentrierten New Yorker Szene, in der sich Nadias Leben abspielt und sie als «most selfish person», wie sie Alan mehrmals nennt, die Hauptrolle einnimmt.

Wieso soll es mich kümmern, dass da jemand täglich vom Sensenmann gegrüsst wird oder eine schwierige Kindheit hatte? Es fühlt sich so an, wie wenn alle immer Ich, Ich, Ich schreien und wir als Zuschauer:innen endlosen Therapiesitzungen beiwohnen.

Natürlich gibt es auch diese Schlussszenen in den beiden Serien, in denen die Lösungen für die Probleme über diese Egos hinausgehen. Aber für mich wirken sie aufgesetzt und nicht wirklich nachhaltig.

Ein Extrastern für den Soundtrack

Nadia ist in der zweiten Staffel so ichbezogen wie in der ersten, obwohl sie eigentlich nur durch die Überwindung ihres Egoismus aus der Todesschleife herausfand.

Deshalb wollte ich nur drei Sterne geben. Aber weil die Serie den Schluss untermalt mit Pink Floyds «Shine On You Crazy Diamond», gibt’s einen Extrastern (also eigentlich für den ganzen Soundtrack, und weil mir eine Stimme im Hinterkopf dauernd zuflüstert: «Du hast es einfach nicht begriffen!» 😉).

Wie viele Sterne gibst du «Russian Doll» Staffel 2?

Besetzung: Nathasha Lyonne | Charlie Barnett | Greta Lee | Elizabeth Ashley | Chloë Sevigny | Brendan Sexton III | Annie Murphy
Created by: Leslye Headland | Nathasha Lyonne | Amy Poehler
Genre: Komödie | Drama
USA, 2022

The Gilded Age (Staffel 1) – Die Neureichen gegen den alten Adel von New York

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 9 Episoden à 45 Min.)

Marian Brook (Louisa Jacobson – die jüngste Tochter von Meryl Streep, die wie ihre beiden Schwestern Mamie und Grace Gummer denselben Beruf wie ihre Mutter ergriffen hat) muss nach dem Tod ihres Vaters feststellen, dass sie völlig mittellos da steht.

Zum Glück gibt’s da ihre reiche Tante Agnes (Christine Baranski – «The Good Fight»), die mit ihrer Schwester Ada (Cynthia Nixon – «Sex and the City») an edelster Adresse in New York lebt.

Die Neureichen fallen ein

Marian reist nach New York, ist dabei aber auf die Hilfe von Peggy Scott (Denée Benton) angewiesen. Da Peggy eine «coloured person» ist, muss Marian auf die Reise in der ersten Klasse verzichten.

Gleich gegenüber von Tante Agnes‘ Haus haben die neureichen Russels zum grossen Missfallen der standesbewussten Agnes einen pompösen Neubau errichtet.

Frischer Wind in alten Gemäuern

Bertha Russell (Carrie Coon) ist wild entschlossen, in die High Society der New Yorker 1880er-Jahre aufzusteigen. Doch der alte Adel der van Rijns und Astors und wie sie alle heissen, zeigen ihr die kalte Schulter. Die Russels bahnen sich allerdings mit ihrem immensen Reichtum langsam einen Weg nach oben.

Marian hat mit dem Dünkel ihrer Tanten nichts am Hut. Sie bewegt sich frisch und munter in der New Yorker Upperclass und scheut auch den Kontakt zu den Ausgestossenen nicht. Dass dabei auch eine Liebschaft eine Rolle spielt, erstaunt kaum.

Ich finde

Was muss man mehr sagen, als dass «The Gilded Age» aus der Feder von Julian Fellows stammt, der «Downton Abbey» erfunden hat.

Schon die erste Einstellung zeichnet dasselbe Bild und Lebensgefühl, wie wir es von den Granthams kennen, nur die Kulisse hat geändert. Die emsigen Bediensteten und die flanierende Oberschicht bevölkern jetzt die Strassen im Nobelviertel von New York statt den Landsitz in Yorkshire.

Und wie schon bei den Granthams sind die Zeiten im Umbruch. Emporkömmlinge machen den Alteingesessenen die Vorherrschaft streitig (hier ein kurzer Vergleich der historischen und fiktionalen Figuren).

Eine unbekannte Geschichte der USA

Doch wo wir mit dem englischen Adel eher vertraut sind, ist der New Yorker Geldadel eine wenig bekannte Spezies. Wie Enno Reins bei SRF Kultur zu Recht konstatiert, ist das ausgehende 19. Jahrhundert in der Filmgeschichte mehrheitlich den Cowboys gewidmet und kaum der Oberklasse der Städte. Gar völlig unbekannt ist die Geschichte der afroamerikanischen Mittelschicht, in der Serie durch Peggy und ihre Familie verkörpert.

Daraus webt Fellowes ein Netz von Geschichten von überheblichen Snobs, skrupellosen Neureichen, ausgestossenen Witwen und der jungen Generation, die oft eine andere Idee vom Leben hat.

Macht Lust auf eine zweite Staffel

Dazu gehören immer auch die Bediensteten, die im Untergeschoss der noblen Häuser zwischendurch ihre eigenen Intrigen aushecken, aber vor allem das Leben im Obergeschoss kontrastieren.

Wer also förmliche Konversationen, wallende Kostüme, unterkühlte Streitereien und formelles Liebeswerben mag, kommt voll auf seine Kosten. Ich gestehe, dass ich mich auf die zweite Staffel von «The Gilded Age» ungemein freue.

Wie viele Sterne gibst du «The Gilded Age» Staffel 1?

Besetzung: Christine Baranski | Cynthia Nixon | Louisa Jacobson | Carrie Coon | Morgan Spector | Denée Benton | Audra McDonald
Showrunner: Julian Fellowes
Genre: Drama | Historie | Romanze
USA, 2022

Slow Horses (Staffel 1) – Der Spion, der aus der Abstellkammer kam

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

MI5-Agent River Cartwright (Jack Lowden) versagt monumental bei einem Anti-Terroreinsatz. Es war zwar nur eine Übung, aber er wird trotzdem strafversetzt. Cartwright landet im «Slough House», eine Abstellkammer für ausgemusterte Agent:innen.

Sein neuer Chef ist Jackson Lamb (Gary Oldman). Er gibt seinem Team regelmässig zu verstehen, was für Nieten sie sind und zu Recht in den heruntergekommenen Büros des Slough House sitzen statt im mondänen Hauptquartier am Regent’s Park.

Die verdeckte Operation läuft schief

Obwohl Lamb es ihm deutlich untersagt, entwickelt Cartwright Ambitionen, echte Agentenarbeit zu leisten. Dabei verwickelt er das Team des Slough House – die so genannten Slow Horses – in einen Entführungsfall. Vier Nationalisten haben einen jungen Engländer pakistanischer Abstammung entführt und drohen, ihn hinzurichten.

Was als rechter Terrorakt erscheint, ist in Tat und Wahrheit ein verdeckte Operation der MI5-Chefin Diana Taverner (Kristin Scott Thomas). Die Operation läuft aber völlig aus dem Ruder und die Slow Horses kommen zu einem unverhofften Feldeinsatz.

Ich finde

«Slow Horses» ist ein ganz solider Thriller im britischen Geheimdienstmilieu. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint, und niemandem kann man trauen.

Mit Gary Oldman, Kristin Scott Thomas und Jonathan Pryce in einer Nebenrolle ist die Serie prominent besetzt. Die drei und auch der weitere Cast leisten gute Arbeit.

Jackson Lamb vs George Smiley

Dennoch fehlt der Serie schon noch etwas, um an die Spionagereihe heranzukommen, mit der man sie unweigerlich vergleicht: John Le Carrés Romane mit George Smiley (Fun Fact: Oldman spielte Smiley in der 2011er-Verfilmung von «Tinker Tailor Soldier Spy»).

Da ist zum einen die Hauptfigur Jackson Lamb. Der kratzbürstige Chef, der den Titel als demotivierendster Vorgesetzter mit Bravour verdient und schon zur Kaffeepause das Whiskyglas füllt, ist zu Beginn noch einigermassen witzig. Das verflüchtigt sich aber schneller als seine Blähungen nach dem Mittagessen.

Die Slow Horses kommen wieder

Zum andern lässt der Plot doch etwas an Raffinesse und Subtilität vermissen im Vergleich zu den Geschichten, die sich in Smileys Circus abspielten.

«Slow Horses» basiert auf den Romanen von Mick Herron, von denen bereits acht erschienen sind. Die zweite Staffel der Serie wird auch schon am Ende der ersten geteast. Man darf also wahrscheinlich mit noch mehr rechnen. Das ist durchaus ok, denn Zeitverschwendung ist die Serie sicher nicht.

Wie viele Sterne gibst du «Slow Horses» Staffel 1?

Besetzung: Gary Oldman | Kristin Scott Thomas | Jonathan Pryce | Jack Lowden
Genre: Thriller
GB, 2022

Our Great National Parks (Staffel 1) – Wie Obama jetzt sein Geld verdient

Ohne Bewertung

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 5 Episoden à 50 Minuten)

Aus Neugier habe ich mir eine Episode dieser Tierdoku angeschaut, um zu sehen, wie der ehemalige US-Präsident Barack Obama jetzt sein Geld verdient.

Es beginnt an einem Strand auf Hawaii. Obama erzählt, wie er hier dank seiner Grossmutter seine Verbundenheit mit der Natur entdeckte. Dann folgt die Reise in die verschiedensten Nationalparks dieser Welt mit schönen Tier- und Landschaftsaufnahmen. Dazu die sanfte Stimme Obamas aus dem Off, die mit leichtem Pathos erklärt, wie aussergewöhnlich die Fauna und Flora auf dieser Welt ist.

Ich hab irgendwo gelesen, dass die Doku unter den Top 3 bei Netflix für Kinder steht. Finde ich passend. Kinder haben sicher viel Freude an putzigen Äffchen oder beeindruckenden Nilpferden und stören sich weniger am einschläfernden Off-Kommentar.

Wenn ich an den Urvater der deutschen Tierdoku zurückdenke, an den oft lehrmeisterlichen Bernhard Grzimek, macht es Obama auch nicht schlechter.

Wie viele Sterne gibst du «Our Great National Parks» Staffel 1?

Erzähler: Barack Obama
Genre: Doku
USA, 2022

Dirty Lines (Staffel 1) – Als Sex-Hotlines das neue heisse Ding waren

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Amsterdam Mitte der 80er-Jahre. Marly ist eine Psychologiestudentin. Als zukünftige Therapeutin gehört auch Sexualität zu ihrem Studiengebiet.

Etwas profaner ist der Zugang der Brüder Frank und Ramon zum Thema. Sie wollen Geld verdienen mit Sex und zwar mit den neuen Möglichkeiten von Bezahlnummern. Sie lassen Frauen auf Band stöhnen und hoffen auf Männer, die anrufen und dafür 50 Cents pro Minute bezahlen.

Marly versucht sich erfolglos als erotische Sprecherin. Sie bekommt trotzdem einen Job, weil sich ihr akademisches Sex-Know How als wertvoll für die Firma erweist.

Es beginnt eine rasante Erfolgsgeschichte, die mit viel Party, Sex und Drogen durch die zweite Hälfte der 80er andauert.

Ich finde

«Dirty Lines» zelebriert den 80er-Groove. Mann trug dünne Oberlippenbehaarung, Frau trug Schulterpolster. House-Musik war erst gerade im Kommen und Ecstasy so neu, dass es für eine Weile nicht mal verboten war. Und überall war Aufbruch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, sportlich (die Niederlande gewann die Fussball-EM 1988).

Bestückt wird dieses Setting mit Hauptfiguren, die einem durchaus ans Herz wachsen. Allen voran Marly, die aus dem Elternhaus fliegt, und vorerst Geldsorgen hat, bevor sie langsam die Vorzüge ihrer neuen Freiheiten entdeckt.

«Sex Education» trifft auf «Masters of Sex»

Frank war bisher erfolglos mit seinen Geschäftsideen, unter anderem setzte er auf das Video-2000-System 😀. Jetzt verdient er richtig Geld, das er aber gleich wieder zum Fenster rauswirft. Sein Bruder Ramon ist verheiratet, zweifacher Vater – und versteckt schwul.

«Dirty Lines» fühlt sich etwas an wie «Sex Education» gemischt mit «Masters of Sex» (leider momentan bei keinem Streaminganbieter) und mit einem Schuss Amsterdamer Lokalkolorit, der wohl wenigen vertraut und ziemlich originell ist. Alles in allem: Eine Geschichte, die überaus gefällig ist und amüsante Unterhaltung bietet.

Wie viele Sterne gibst du «Dirty Lines» Staffel 1?

Besetzung: Joy Delima | Minne Koole | Chris Peters | Janna van Raalte
Showrunner: Pieter Bart Korthuis
Genre: Komödie
NL, 2022

The Dropout (Mini-Series) – Mit Lug und Trug zur Milliardärin im Silicon Valley

Läuft bei: Disney+ (Mini-Series, 8 Episoden à 45 Min.)

Wer die wahre Geschichte von Elizabeth Holmes und ihrer Firma Theranos nicht kennt und sich die Spannung erhalten will, sollte jetzt nicht weiterlesen, sondern einfach die Serie schauen.

Elizabeth (Amanda Seyfried) weiss, was sie will. Kurz bevor sie in Stanford ihr Studium beginnt, verkündet sie: «Ich will Milliardärin werden.» Und das wird sie.

Nach zwei Jahren bricht sie ihr Studium ab und gründet die Firma Theranos. Ihre revolutionäre Idee: ein Gerät zu entwickeln, das mit nur einem Tropfen Blut Dutzende Diagnosen erstellt. Das Gerät soll zudem so klein sein, dass man es bei sich zuhause aufstellen kann.

Es folgt ein kometenhafter Aufstieg. Nach einigen Jahren ist Theranos mit neun Milliarden Dollar bewertet, Elizabeth als die jüngste Selfmade-Milliardärin auf den Titelblättern von Forbes und Fortune und bestens vernetzt unter Amerikas Reichen und Mächtigen.

Es gibt allerdings ein Problem. Das Gerät funktioniert nicht. Mit Tricks, Betrug und Drohungen verheimlicht Elizabeth über Jahre, dass ihre Firma auf einer Lüge basiert. Nur langsam gelingt es einem Reporter des Wall Street Journals, diesen Betrug zu enthüllen.

Ich finde

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall von Elizabeth Holmes ist unglaublich faszinierend und abstossend zugleich. Das bringt «The Dropout» auch gut rüber.

Zu Beginn könnte man Sympathien entwickeln für diese junge Frau. Sie ist intelligent, ehrgeizig und fokussiert. Sie will die Welt besser machen und damit auch Geld verdienen, was soll daran schlecht sein? Sie lässt sich nicht beirren, durch Hürden, die man ihr – speziell als Frau in einer Tech-Welt – in den Weg stellt. Sie könnte dieses Vorbild sein für junge Frauen, für das man sie jahrelang hielt.

Wenn da nicht dieses Problem wäre, dass sich ihre Idee, die sie vollmundig überall verkauft, nicht realisieren lässt. Das Gerät funktioniert nicht. Jetzt wandelt sich Elizabeth.

Pullover, Baritonstimme und ein gruseliges Lächeln

Amanda Seyfried spielt das hervorragend. Mit dem typischen Holmes-Outfit – schwarzer Rollkragenpullover in Anlehnung an Steve Jobs – übt sie vor dem Spiegel mantramässig einen Motivationssatz mit einer tieferen Stimme (dass die echte Elizabeth ihre Stimme auf Bariton trainierte, bestreitet ihre Familie).

Dazu dieses Lächeln mit dem leicht vorgeschobenen Unterkiefer – schon fast gruselig. Das ist der Moment, in dem Elizabeth zur skrupellosen Geschäftsfrau wird, die ihren Erfolg, das Geld und ihr Ansehen mit allen Mitteln verteidigt.

Wenn man «The Dropout» etwas ankreiden kann, dann am ehesten, dass hier die Frage im Vordergrund steht: Wer ist Elizabeth Holmes? Das ist legitim, aber interessanter ist die Frage: Wie konnte es Elizabeth Holmes so weit bringen?

Wie erklärt sich der Erfolg?

Wie konnte eine ganze Armada der Polit- und Wirtschaftsprominenz auf sie hereinfallen: Bill Clinton, Joe Biden, George Shultz, Henry Kissinger, Rupert Murdoch, Larry Ellison und noch einige andere. Einfach nur alte weisse Männer, bei denen der Verstand aussetzt, wenn sie eine junge blonde Frau sehen?

Das greift wohl etwas zu kurz. Denn – das zeigt die Serie – Elizabeth spielte nicht nur hinterhältig mit der Angst der eingesessenen Wirtschaftsbosse, den Anschluss an die Start-up-Ära zu verpassen. Sie investierte auch viel, man kann wohl sagen, kriminelle Energie, um ihre Geschäftspartner über den Tisch zu ziehen und Gegner zum Schweigen zu bringen. Und dabei, das kommt in der Serie fast etwas zu kurz, gefährdete sie mit ihrer Firma über Jahre die Gesundheit von Patient:innen mit falschen Diagnosen.

«You hurt people»

Die Serie endet 2018, als Theranos dicht machen muss. Elizabeth packt im Büro ein paar Sachen zusammen, als sie von ihrer ehemaligen Anwältin mit unangenehmen Fragen konfrontiert wird. Sie läuft davon. «You hurt people, you must know that, right?» ruft ihr die Anwältin nach. Man darf’s bezweifeln.

Im selben Jahr wurden Elizabeth Holmes und ihr Freund und Geschäftspartner Ramesh «Sunny» Balwani angeklagt wegen Betrugs an Patientinnen und Investoren. Die Deliktsumme beläuft sich auf über 700 Millionen Dollar.

Im Januar 2022 wurde sie schuldig gesprochen wegen Betrugs an Investoren. Vom Vorwurf des Betrugs an Patient:innen wurde sie freigesprochen. Das Strafmass, maximal 20 Jahre, soll im September verkündet werden. Bis jetzt sass Elizabeth Holmes noch keinen Tag im Gefängnis.

Wer sich noch mehr vertiefen will:
  • «Bad Blood: Secrets and Lies in a Silicon Valley Startup» (2018). Das Sachbuch von John Carreyrou, der darin seine Recherche beim Wall Street Journal schildert.
  • «The Inventor: Out for Blood in Silicon Valley» (2019) Dokumentarfilm von Alex Gibney (Trailer). Gibney hat auch den hervorragenden Dok «Enron: The Smartest Guys in the Room» gedreht. Darin geht es ebenfalls um einen massiven Wirtschaftsbetrug. Fun Fact: Elizabeths Vater arbeitete bei Enron und wurde bei der Firmenpleite arbeitslos.
  • Podcast «The Dropout» (2019) von ABC News. Der ursprünglich sechsteilige Podcast diente in grossen Teilen als Vorlage für die Mini-Series.
    Der Podcast wurde 2021 weitergeführt mit dem Prozess gegen Elizabeth Holmes.
  • Podcast «Bad Blood: The Final Chapter» (2021). John Carreyrou über den Prozess gegen Holmes und Hintergründe zu Theranos aus seinen Recherchen.
  • Zum Schluss – die richtige Elizabeth vs Seyfrieds Elizabeth

Wie viele Sterne gibst du «The Dropout»?

Besetzung: Amanda Seyfried | Naveen Andrews | Anne Archer | William H. Macy | Stephen Fry | Sam Waterston
Showrunner: Elizabeth Meriwether
Genre: Drama | Biografie
USA, 2022

Anatomy of a Scandal (Mini-Series) – Very british, fairly boring

Läuft bei: Netflix (Mini-Series, 6 Episoden à 45 Min.)

James Whitehouse (Rupert Friend, Peter Quinn aus «Homeland») ist ein Tory-Politiker mit glänzenden Karriereaussichten. Ein typischer Vertreter der britischen Upperclass, der an der Uni die Beziehungen knüpfte, die ihm den Weg zur Macht ebneten. Unter anderen gehört der amtierende Premierminister zu seinen besten Freunden aus Oxford-Zeiten.

James‘ Karriere droht ein Rückschlag, als eine Affäre mit einer jungen Frau aus seinem Büro publik wird. Natürlich muss er das zuhause seiner Frau (Sienna Miller, «The Girl» als Tippi Hedren) beichten. Sophie, ebenfalls Oxford-Absolventin und seit dieser Zeit mit James zusammen, ist am Boden zerstört. Sie entschliesst sich aber, dem reumütigen Ehemann zur Seite zu stehen.

Allerdings bleibt es nicht beim Seitensprung: Die ehemalige Geliebte wirft James Vergewaltigung vor und es kommt zum Prozess. Die Anklage vertritt Kate Woodcraft (Michelle Dockery, «Downton Abbey», bei Amazon/«Godless», bei Netflix), eine erfolgsgewohnte Anwältin, die bekannt ist für ihr seriöses, aber unbarmherziges Vorgehen.

Ich finde

«Anatomy of a Scandal» könnte ein gelungenes Gerichtsdrama sein, das sich in die Psyche seiner Hauptfiguren vertieft. Ist es aber nicht. Stattdessen operiert die Serie mit ziemlich flachen Charakterzeichnungen.

James gibt sich als moderner Mann, der seine Privilegiertheit reflektiert. Die Rückblenden in seine Studienzeit lassen daran aber Zweifel aufkommen.

Konstruiert und abstrus

Sophie kommt aus derselben privilegierten Ecke. Als Frau heisst das für sie, dass ihr Weg an der Seite des erfolgreichen Mannes ist. Ein Konzept, das sie kaum hinterfragt, bis sie dann einigermassen unvermittelt ihre Solidarität für Frauen entdeckt.

Kate hegt ein Geheimnis, das sehr konstruiert ist und letztlich zu einem abstrusen Plottwist führt.

Zu «british»?

Vielleicht bin ich trotz aller Anglophilie zu wenig «british», als dass ich genügend mitfiebern könnte, ob privilegierte Mistkerle ihre gerechte Strafe bekommen. Oder es liegt daran, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die zwischen Klischee und Unglaubwürdigkeit schwankt, mit Figuren, die einem ziemlich egal bleiben.

Wie viele Sterne gibst du «Anatomy of a Scandal»?

Besetzung: Sienna Miller | Rupert Friend | Michelle Dockery | Joshua McGuire | Naomi Scott
Showrunner: Melissa James Gibson | David E. Kelly
Genre: Drama
GB, 2022

Drôle / Standing Up (Staffel 1) – Witzig zu sein, ist auch nicht immer lustig

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Aïssatou und Nezir träumen von der grossen Karriere als Stand-up-Comedians. Vorerst treten sie aber noch in einem kleinen Club auf. Bling, der Besitzer des Clubs, war mal eine grosse Nummer. Er hat aber seit Jahren keinen neuen Witz geschrieben. Apolline sollte eigentlich ihr Studium abschliessen, entdeckt aber ihre Liebe zur Stand-up-Comedy und macht die ersten Gehversuche auf der Bühne.

Während Aïssatous Karriere durchstartet und Nezir sich einigermassen durchwurstelt, stürzt Bling bei einem Comebackversuch komplett ab.

Daneben schleppen alle vier ihre Beziehungskisten mit. Sei’s mit dem Ehemann, der mit Intimitäten aus seinem Eheleben als Stand-up-Gag auf YouTube konfrontiert wird. Oder mit dem arbeitsunfähigen Vater, den es zu versorgen gilt. Oder mit der überkandidelten Mutter, die unter einer Karriere sicher nicht Stand-up-Comedy versteht.

Ich finde

Paris, Comedy, Liebe und Beziehungsknatsch – das passt. Es passt nicht zuletzt deshalb, weil Aïssatou, Nezir und Bling keine Weissen sind. Und weil Apolline als Weisse in der Runde aus einem schon fast klischiert überprivilegierten Pariser Haushalt kommt. Das gibt Stoff für einige bittersüsse Gags.

Allzu sozialkritisch wirds dann doch nicht. Denn, so sagt einmal ihr Agent zu Aïssatou, die Leute wollen lachen und im Publikum sitzen ja auch Weisse. Daran hält sich die Serie: Charaktere, mit denen man mitfühlt, unterhaltsame Comedy und alles mit einem Touch Paris, der Reisesehnsucht hervorruft.

Showrunner der Serie ist Fanny Herrero, die schon für «Dix pour cent / Call My Agent» verantwortlich zeichnete, sehr empfehlenswert und ebenfalls auf Netflix zu finden.

Wie viele Sterne gibst du «Drôle / Standing Up» Staffel 1?

Besetzung: Mariama Gueye | Younès Boucif | Elsa Guedj | Jean Siuen
Showrunner: Fanny Herrero
Genre: Komödie
F, 2022

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