Slow Horses (Staffel 1) – Der Spion, der aus der Abstellkammer kam

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

MI5-Agent River Cartwright (Jack Lowden) versagt monumental bei einem Anti-Terroreinsatz. Es war zwar nur eine Übung, aber er wird trotzdem strafversetzt. Cartwright landet im «Slough House», eine Abstellkammer für ausgemusterte Agent:innen.

Sein neuer Chef ist Jackson Lamb (Gary Oldman). Er gibt seinem Team regelmässig zu verstehen, was für Nieten sie sind und zu Recht in den heruntergekommenen Büros des Slough House sitzen statt im mondänen Hauptquartier am Regent’s Park.

Die verdeckte Operation läuft schief

Obwohl Lamb es ihm deutlich untersagt, entwickelt Cartwright Ambitionen, echte Agentenarbeit zu leisten. Dabei verwickelt er das Team des Slough House – die so genannten Slow Horses – in einen Entführungsfall. Vier Nationalisten haben einen jungen Engländer pakistanischer Abstammung entführt und drohen, ihn hinzurichten.

Was als rechter Terrorakt erscheint, ist in Tat und Wahrheit ein verdeckte Operation der MI5-Chefin Diana Taverner (Kristin Scott Thomas). Die Operation läuft aber völlig aus dem Ruder und die Slow Horses kommen zu einem unverhofften Feldeinsatz.

Ich finde

«Slow Horses» ist ein ganz solider Thriller im britischen Geheimdienstmilieu. Nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint, und niemandem kann man trauen.

Mit Gary Oldman, Kristin Scott Thomas und Jonathan Pryce in einer Nebenrolle ist die Serie prominent besetzt. Die drei und auch der weitere Cast leisten gute Arbeit.

Jackson Lamb vs George Smiley

Dennoch fehlt der Serie schon noch etwas, um an die Spionagereihe heranzukommen, mit der man sie unweigerlich vergleicht: John Le Carrés Romane mit George Smiley (Fun Fact: Oldman spielte Smiley in der 2011er-Verfilmung von «Tinker Tailor Soldier Spy»).

Da ist zum einen die Hauptfigur Jackson Lamb. Der kratzbürstige Chef, der den Titel als demotivierendster Vorgesetzter mit Bravour verdient und schon zur Kaffeepause das Whiskyglas füllt, ist zu Beginn noch einigermassen witzig. Das verflüchtigt sich aber schneller als seine Blähungen nach dem Mittagessen.

Die Slow Horses kommen wieder

Zum andern lässt der Plot doch etwas an Raffinesse und Subtilität vermissen im Vergleich zu den Geschichten, die sich in Smileys Circus abspielten.

«Slow Horses» basiert auf den Romanen von Mick Herron, von denen bereits acht erschienen sind. Die zweite Staffel der Serie wird auch schon am Ende der ersten geteast. Man darf also wahrscheinlich mit noch mehr rechnen. Das ist durchaus ok, denn Zeitverschwendung ist die Serie sicher nicht.

Wie viele Sterne gibst du «Slow Horses» Staffel 1?

Besetzung: Gary Oldman | Kristin Scott Thomas | Jonathan Pryce | Jack Lowden
Genre: Thriller
GB, 2022

Severance (Staffel 1) – Kafka und Scientology lassen grüssen

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 9 Episoden à 45 Min.)

Mark (Adam Scott, u.a. «Parks and Recreation» und «The Good Place») arbeitet bei Lumon Industries in einer Abteilung, die sich «Macrodata Refinement» nennt. Zwei Besonderheiten: Weder Mark noch seine Kolleg:innen haben eine Ahnung, was sie eigentlich genau arbeiten.

Aber vor allem: Alle, die in diesem unterirdischen Stockwerk der Firma arbeiten, haben sich einer Trennungsprozedur («severance procedure») unterzogen. Ein Mikrochip im Hirn verhindert, dass sie sich bei der Arbeit an ihr Privatleben erinnern – und umgekehrt. Obwohl diese Prozedur in seinem Umfeld durchaus umstritten ist, stimmt für Mark sein Leben so.

Bis eines Tages ein Mann auftaucht, der sich als ehemaliger Arbeitskollege zu erkennen gibt. Pitey liess die Prozedur rückgängig machen und will mit Marks Hilfe öffentlich zu machen, was Lumon mit seinen «severed» Angestellten treibt. Mark sträubt sich, rutscht aber immer mehr in die Sache hinein, bis diese streng getrennten Welten miteinander kollidieren.

Ich finde

«Severance» passt nicht so einfach in eine Schublade. Es ist ein dystopisches Drama über Ausbeutung am Arbeitsplatz, allerdings durchsetzt mit komödiantischen Elementen. Es ist ein Thriller, denn es geht um Revolte gegen diese Arbeitswelt, allerdings in einem ungewohnt gemächlichen Tempo. Und es ist ein Science Fiction, allerdings mit Technologie, die teilweise aus den frühen 90er-Jahren zu stammen scheint.

Apple, Kafka, Scientology und die Bibel

Mit der Zeit erschliesst sich auch, wovon sich Autor Dan Erickson und Regisseur Ben Stiller inhaltlich inspirieren liessen.

Das Hauptgebäude von Lumon Industries hat Anklänge an den Apple Park in Cupertino. Die sinnentleerte Tätigkeit der Angestellten erinnert an Kafka. Und dann gibt es diesen Firmengründer, der verehrt wird wie Ron L. Hubbard und Bücher geschrieben hat, die wie die Bibel konsultiert werden.

Der Cliffhanger sei verziehen

Dieser Mix fasziniert und packt über die ganzen neun Episoden der ersten Staffel. Zu verdanken auch einem hervorragenden Cast, zu dem Patricia Arquette und in Nebenrollen John Turturro und Christopher Walken gehören.

Ich nehme es der Serie für einmal nicht übel, dass sie mit einem Cliffhanger endet, sondern freue mich ungemein auf die zweite Staffel, die Ben Stiller bereits bestätigt hat.

Fun Fact: Ben Stiller hat einen Cameo-Auftritt, allerdings nur als Stimme des Firmengründers von Lumon Industries.

Wie viele Sterne gibst du «Severance» – Staffel 1?

Besetzung: Adam Scott | Zach Cherry | Britt Lower | Patricia Arquette | John Turturro | Christopher Walken
Showrunner: Dan Erickson
Regisseur: Ben Stiller (6 Episoden)
Genre: Drama | Thriller
USA, 2022

Suspicion (Staffel 1) – Ein britisch-amerikanisches Verwirrspiel

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 8 Episoden à 45 Min.)

In einem Hotel in New York wird der Sohn einer prominenten PR-Frau (Uma Thurman) entführt. Fünf Britinnen und Briten, die zufälligerweise (?) alle zu diesem Zeitpunkt in New York waren, werden von der Polizei als Entführer:innen verdächtigt. Doch alle fünf beteuern ihre Unschuld und die Polizei findet keine eindeutigen Beweise.

Dennoch gibt es genug Ungereimtheiten, sodass die Polizei ihre Ermittlungen auf die fünf konzentriert. Die wiederum schliessen sich zusammen, um herauszufinden, wer ihnen diese Entführung anhängen will. Doch nicht alle scheinen wirklich so unschuldig zu sein, wie sie sich geben.

Ich finde

Die Ausgangslage ist sehr vielversprechend. Eine israelische Serie als Vorbild («False Flag») – wie bei «Homeland». Showrunner Rob Williams war Autor von Episoden für «Killing Eve» und «The Man in the High Castle». Regisseur Chris Long hat als Produzent und Regisseur bei «The Americans» mitgearbeitet. Und der Cast ist mit Uma Thurman, Noah Emmerich (u.a. «The Americans»), Kunal Nayyar (Raj aus «The Big Bang Theory») oder auch Elizabeth Henstridge (Jemma aus «Agents of S.H.I.E.L.D.») sehr ansprechend besetzt.

Anglo-amerikanischer Kulturgraben

Die ersten Episoden bieten dann auch gute Unterhaltung mit überraschenden Plot-Twists. Der kulturelle Graben zwischen der korrekten britischen Ermittlerin und dem amerikanischen FBI-Agenten mit Haudegen-Methoden sorgt für einige Schmunzler. Und das dunkle Geheimnis von Katherine Newman (Thurman) taugt gut als Spannungsträger über die Episoden hinweg.

Doch je mehr die wahren Absichten und Hintergründe der Figuren entschlüsselt werden, desto unübersichtlicher wird die Geschichte und auch uninteressanter, weil einiges ziemlich banal und auch konstruiert wirkt.

Nebulöses Ende

Die finale Episode klärt zwar vieles auf, bleibt aber doch so nebulös, dass es schwer nach einer zweiten Staffel aussieht. Allerdings ist die noch nirgends angekündigt. Vielleicht war der Publikumserfolg zu gering.

Wie viele Sterne gibst du «Suspicion»?

Besetzung: Uma Thurman | Kunal Nayyar | Georgina Campbell | Elizabeth Henstridge | Angel Coulby | Elyes Gabel | Noah Emmerich | Tom Rhys Harries
Showrunner: Rob Williams
Genre: Krimi
USA, 2022

Ted Lasso (Staffel 1-2) – Der übergriffige Optimist

Läuft bei: Apple TV+ (2 Staffeln, 22 Episoden à 30 Min.)

Football-Trainer Ted Lasso übernimmt einen englischen Fussballklub als Coach, obwohl er keine Ahnung von Fussball (also soccer) hat. Mit seinem schon beinahe übergriffigen Optimismus schlägt er sich aber nicht schlecht durch.

Ich finde

Erstaunlicherweise funktioniert dieses sehr konstruierte Konzept hervorragend. Sehr hilfreich dabei ist der britische Blick auf den amerikanischen Naivling, allerdings ohne den der Lächerlichkeit preiszugeben.

Aus diesem «Clash der Kulturen» entwickeln sich amüsante, herzerwärmende, absurde Geschichten mit manchmal auch leicht boshaftem Touch.

Die Serie lebt dabei nicht zuletzt von den vielen hervorragenden Figuren, die sich da im Umfeld des AFC Richmond tummeln. Ist aber definitiv nichts für Fussballfans, denn darum gehts – abgesehen von der Fankultur – wirklich nur am Rand.

Besetzung: Jason Sudeikis | Hannah Waddingham | Jeremy Swift | Phil Dunster | Brett Goldstein | Brendan Hunt | Nick Mohammed | Juno Temple
Created by: Brendan Hunt | Joe Kelly | Bill Lawrence
Genre: Komödie
USA, 2021

Physical (Staffel 1)

Läuft bei: Apple TV+ (1 Staffel, 10 Episoden à 30 Min.)

San Diego in den 1980er-Jahren. Sheila Rubin (Rose Byrne) leidet unter massiven Essstörungen, ist mit einem aufgeblasenem, links-intellektuellen Loser verheiratet und entdeckt in Aerobic ihr Empowerment.

Ich finde

Die Serie ist gespickt mit (höchst) unsympathischen Charakteren. Auch Sheila wächst einem nicht ans Herz.

Der Eighties-Groove in Kalifornien mit Flower-Power-Nachwehen, Aerobics und VHS-Rekorder als the next big thing sorgen für gute Unterhaltung.

Besetzung: Rose Byrne, Rory Scovel, Dierdre Friel, Paul Sparks, Della Saba
Created by: Anne Weisman
Genre: Drama | Komödie
USA, 2021