The Undeclared War (Staffel 1) – Cyberthriller mit zu viel Zeitgeist-Beigemüse

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Saara Parvin (Hannah Khalique-Brown) hat ihren ersten Arbeitstag als Praktikantin in den «Government Communications Headquarters» (GCHQ). Die britische Regierungsbehörde ist für die Cybersicherheit des Landes zuständig.

Die Praktikantin stellt die Nerds in den Schatten

Saara hat ein gutes Timing. Es wird gleich spannend, weil eine russische Cyberattacke Teile des britischen Internets lahmlegt. Die blitzgescheite IT-Studentin beweist, was sie drauf hat. Sie findet in der russischen Malware den Code für eine zweite Angriffsstufe.

In den GCHQ klopft man sich gegenseitig auf die Schultern: well done, let’s go for a pint! Dabei war das erst der Anfang des russischen Angriffs.

Saara (Hannah Khalique-Brown) macht sich nicht nur Freunde unter den GCHQ-Codern, als sie einen zweiten Angriffscode entdeckt. © Sky/NBCUniversal
Nur die Vorstufe zum richtigen Krieg

Was die Russen im Schilde führen, erfahren wir durch Vadim (German Segal). Er war auf derselben Uni wie Saara, wurde aber nach Russland zurückbeordert. Er landet beim Geheimdienst (FSB) als Coder in der Abteilung, die den Angriff auf Grossbritannien orchestriert.

Vadim ist entsetzt, als er die Ziele des Angriffs erfährt. Der FSB nimmt einen heissen Krieg mit den Briten in Kauf. Deshalb versteckt Vadim in der Malware eine Botschaft für ein Treffen.

Die Gefahr nicht erkannt

Saara entschlüsselt die Botschaft und trifft Vadim, der sie vor einer dritten Angriffswelle warnt. Allerdings kann er keine genauen Angaben machen, wie und wo die Russen zuschlagen werden. Für Saaras Vorgesetzten Danny (Simon Pegg) ist die Warnung zu vage. Saara muss auf eigene Faust weitersuchen.

Einschätzung

In den letzten beiden Episoden wird «The Undeclared War» richtig spannend. Die Russen sabotieren die britischen Parlamentswahlen, auf der Strasse protestieren Hunderttausende, die Regierung steht unter Druck und beschliesst massive Vergeltungsschläge gegen Russland.

Was will die Serie bloss?

Um so weit zu kommen, braucht es aber Durchhaltewillen. Die Serie hat zu viele Mängel und erweckt durchgehend den Anschein, dass sie nicht so genau weiss, was sie eigentlich will.

Natürlich: Der Cyberwar ist ein zentrales Thema. Das ist sogar witzig inszeniert. Wenn Saara sich an die Tastatur setzt und auf dem Bildschirm die Codezeilen vorbeiflimmern, wechselt die Szenerie. In einer Art Virtual Reality wandert Saara bewaffnet mit einem Werkzeuggürtel durch Gebäude und versucht Schlösser zu knacken und Hinweise zu finden.

Unterwegs in der Malware: Statt langweilige Codezeilen durchforstet Saara Gebäude. © Sky/NBCUniversal
Zeitgeist ohne Ende

Aber dann ist da auch Rassismus. Saara ist Muslima, ihr Bruder entsetzt, als er erfährt, dass sie für den repressiven Staatsapparat arbeitet, unter dem ihre Gemeinschaft zu leiden hat. Familiär kommen unbewältigte Probleme mit ihrem Vater dazu.

Rechtsnationale Hooligans tauchen auch auf, aufgewiegelt durch Medien, die Fake News verbreiten. Die Schlägertruppe überfällt ein linkes Aktivistencamp, in dem Saaras Freund verkehrt. Die Polizei schaut dabei zu und grinst hämisch.

Klar, altbacken geht heute nicht mehr

Und was mit non-heteronormativ gibt es auch: Saara verliebt sich am neuen Arbeitsort. Sie geht nicht mit einem Kollegen fremd, sondern mit der NSA-Verbindungsfrau.

Es leuchtet mir völlig ein, dass der Autor Peter Kosminsky versucht, eine altbackene Inszenierung zu vermeiden, in der sich das Geschehen auf der Chefetage mit alten weissen Männern abspielen würde. Aber auch das funktioniert nur, wenn der Plot fokussiert und die alternativen Hauptfiguren überzeugend und konsistent sind.

Die Chefetage – hier eine Krisensitzung des Kabinetts – spielt nur die zweite Geige in der Story. © Sky/NBCUniversal
Zu viel gewollt und deshalb überladen

Das ist hier nicht der Fall. Die Geschichte mäandert vom Politthriller zum Familiendrama, von der Liebesgeschichte (übrigens mit Vadim alles auch in russischer Version erhältlich) bis zur Gesellschafts- und Medienkritik.

Logischerweise wirken die Hauptfiguren deshalb überladen und unbeständig. Man fragt sich dauernd, worauf es bei ihren Figuren jetzt eigentlich ankommt.

Hätte spannend sein können, wenn …

Schwierig wird es auch, wenn man Schauspieler wie Simon Pegg und allen voran Mark Rylance in die zweite Reihe stellen will. Sobald Rylance im Bild ist, verblasst alles rundum. Da hat Saara als Figur und Hannah Khalique-Brown als Schauspielerin keine Chance.

Wenn «The Undeclared War» tatsächlich nur die titelgebende Geschichte erzählen würde, wäre die Serie womöglich spannend. So irritiert sie mit durcheinander gewürfelten Erzählsträngen, die der Serie weder Tiefe noch Vielfalt verleihen.

Mark Rylance dominiert jede Szene, in der er vorkommt. Nicht nur, wenn die Kamera auf ihn fokussiert. © Sky/NBCUniversal
Einen Extra-Stern für Mark Rylance

Deshalb gibt es nur 2 Sterne, plus einen Stern für Mark Rylance, der auch in seiner winzigen Nebenrolle wieder mal glänzt. (Wahrscheinlich spielte er nur mit, weil er mit Kosminsky befreundet ist. Die beiden haben bei «Wolf Hall» zusammengearbeitet. Diese Serie, basierend auf dem Buch der kürzlich verstorbenen Hilary Mantel, war sehr gut).

Wie viele Sterne gibst du «The Undeclared War» Staffel 1?

Besetzung: Hannah Khalique-Brown | Simon Pegg | Maisie Richardson-Sellers | Edward Holcroft | Adrian Lester | Mark Rylance | German Segal | Alex Jennings | Tinatin Dalakishvili
Serie entwickelt von: Peter Kosminsky
Genre: Thriller | Science-Fiction | Drama
GB, 2022

The Lazarus Project (Staffel 1) – Und täglich grüsst der Weltuntergang

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 8 Episoden à 45 Min.)

Die schlechte Nachricht: In den letzten Jahrzehnten ist die Welt mehrmals untergegangen, die Menschheit wurde ausgelöscht. Meist durch Atomkriege wie 1962 als Folge der Kuba-Krise, 1971 durch den Konflikt zwischen Indien und Pakistan oder auch durch eine weltweite Pandemie wie 2020.

«Lazarus» lässt die Welt wiederauferstehen

Die gute Nachricht: Es gibt eine geheime Organisation, die diese Weltuntergänge verhindert. «The Lazarus Project» dreht die Zeit zurück und beeinflusst den Lauf der Dinge so, dass die Welt nicht zerstört wird.

Zwei Frauen im Vordergrund. Dahinter weitere Menschen. Sie schauen zu einer Anzeige empor, die nicht im Bild zu sehen ist.
In der Zentrale der Zeitwirtschaft: Wes (Caroline Quentin), die Herrin über die Zeitsprünge und Agentin Archie (Anjli Mohindra). © Sky

Von diesen Zeitsprüngen zurück auf jeweils den 1. Juli des Jahres merkt die normale Bevölkerung nichts. Nur die Lazarus-Agent:innen nehmen das wahr, weil sie ein Serum injiziert bekommen haben. Dann gibt es noch extrem seltene Fälle von natürlicher Wahrnehmung der Zeitsprünge.

George wird «Lazarus»-Agent

George Addo (Paapa Essiedu) gehört zu den wenigen Menschen, die diese Fähigkeit besitzt. Er wacht am 1. Juli 2022 auf und erlebt exakt denselben Tag nochmal. George zweifelt an seinem Verstand, bis er von Archie (Anjli Mohindra) kontaktiert wird.

Die Lazarus-Agentin erklärt ihm, dass «Lazarus» mal wieder die Zeit zurückdrehen musste und rekrutiert George für das Projekt. George findet den neuen Job spannend. Doch dann trifft ihn ein Schicksalsschlag.

Ein Paar schlendert lächelnd vor einem Parkplatz vorbei.
Für George (Paapa Essiedu) gab es eine kurze Zeit, als er unbeschwert mit seiner Freundin Sarah (Charly Clive) zusammen lebte. © Sky
Die Freundin retten durch den Weltuntergang

Seine Freundin Sarah (Charly Clive) kommt ums Leben. Mit einem Zeitsprung könnte «Lazarus» das ungeschehen machen. Aber damit die Maschinerie in Gang gesetzt wird, muss George zuerst den Weltuntergang herbeiführen.

Einschätzung

Was? Wer? Wie? Warum? Am Anfang ist es gerade ein bisschen viel, was einem «The Lazarus Project» zumutet.

Die Frau am Zeitsprung-Drücker

Irgendwo steht eine Maschine, die die Erde rückwärts um die Sonne rotieren lässt und damit die Zeit zurückdreht. Soll irgendwie mit Quantenmechanik funktionieren, heisst es.

Den Befehl für den Zeitsprung gibt eine einzelne Person: Wes (Caroline Quentin), die Chefin des «Lazarus Projects». Höhere Mächte werden zwar angedeutet, aber der ganze Prozess scheint nicht besonders demokratisch organisiert.

Mann mit krausem Haar hält eine Waffe schussbereit.
Die «Lazarus»-Agenten wie hier Shiv (Rudi Dharmalingam) sind unzimperlich, wenn es darum geht, den Weltuntergang zu verhindern. © Sky
Keine Serie für Wahrscheinlichkeitskrämer:innen

Vor allem, wenn man sich noch vorstellt, dass der Zeitsprung wahrscheinlich das ganze Universum betrifft. Was sagen die Aliens dazu? Und wieso entwickelt George von einem Tag auf den anderen die Fähigkeit, die Zeitsprünge wahrzunehmen? War da was mit Eiweissmutation?

Wer all diese Fragen nicht beiseiteschieben kann und sich nicht einfach auf die Prämissen der Serie einlässt, der:die sollte die Finger davon lassen.

Die Tragik der Zeitsprünge

Wenn man sich darauf einlässt, gibt’s dafür eine ansprechend spannende und unterhaltsame Geschichte mit viel Action, die der ganzen Zeitsprung-Thematik auch noch einen emotionalen Twist abringt.

Da gibt es etwa eine Agentin, die ein Kind bekommen hat. Es droht aber ein Zeitsprung, der vor ihre Schwangerschaft führen würde. Das Kind würde nie gezeugt. Sie fleht Wes vergeblich an, den Befehl nicht zu geben. Es kommt dann noch schlimmer mit dem zweiten Kind.

Ein Paar sitzt auf einem Bett. Die schwangere Frau hält eine Hand auf ihren Bauch.
Janet (Vinette Robinson) und Rebrov (Tom Burke) wenden sich nach einer Zeitsprung-Tragödie vom «Lazarus-Project» ab. © Sky
Kein Happy End, sondern ein Cliffhanger

Auch Georges Mission, seine Freundin von den Toten auferstehen zu lassen, nimmt eine unerwartete Wendung. Glücklicherweise dient diese etwas allzu rührselige Geschichte nur als Katalysator für Action und Intrigen.

Störend allerdings: Die Serie schliesst zwar einen Teil des Plots ab, endet aber mitten in einem neuen, scheinbar ausweglosen Weltuntergangsszenario. Immerhin ist die zweite Staffel bestätigt. Wir werden in etwa einem Jahr erfahren, ob die Menschheit weiterexistieren wird.

Wie viele Sterne gibst du «The Lazarus Project» Staffel 1?

Besetzung: Paapa Essiedu | Anjli Mohindra | Rudi Dharmalingam | Caroline Quentin | Tom Burke | Vinette Robinson | Charly Clive
Serie entwickelt von: Joe Barton
Genre: Science-Fiction | Action | Drama
GB, 2022

Tschugger (Staffel 2) – Die spektakuläre Rettung des Wallis durch den furchtlosen Polizisten Bax

Läuft bei: Sky (2 Staffeln, 10 Episoden à 30 Min.; ab 18.12.2022 bei Play Suisse)

=> Staffel 1: Tschugger (Staffel 1)

In letzter Sekunde rettet Bax (David Constantin) den armen Polizeipraktikanten Smetterling (Cedric Schild), dem ein Killer den Stecker für die Beatmungsmaschine gezogen hat. Bax und Kollege Pirmin (Dragan Vujic) verfolgen den Killer zu einer Statue hoch oben auf einem Berg.

Der geheimnisvolle Schlüssel

Dort treffen sich eigentümlich verkleidete Figuren zu einem Ritual. Der Killer wird gekillt, weil er etwas nicht geliefert hat: einen Schlüssel.

Den Schlüssel sucht auch Gerda (Clelia Fux), die Ex von Bax, auch Polizistin, hat aber offensichtlich die Seiten gewechselt. In ihrem Auftrag entführen zwei Skilehrer Valmira (Annalena Miano). Deren Freund Juni (Arséne Junior Page) hat nämlich den ominösen Schlüssel gefunden und soll ihn jetzt abliefern.

Kultisten bedrohen das Wallis. © Sky/SRF
Das Wallis droht unterzugehen

Auch die Bundespolizistin Anette Brotz (Anna Rossinelli) ist immer noch im Wallis. Sie sucht Bax, der inzwischen untertauchen musste, weil Gerda ihn bei seinem Chef anschwärzte.

Als Bax, Pirmin und Anette endlich herausfinden, was es mit diesem Schlüssel auf sich hat, müssen sie in einer wagemutigen Aktion verhindern, dass das ganze Wallis zerstört wird.

Apero vom Bundesrat

Dumm nur, dass die Rettungsaktion zur nationalen Geheimsache erklärt wird. Niemand wird je von der Heldentat erfahren. Immerhin spendiert der Bundesrat einen Apero als kleinen Trost.

Einschätzung

Die zweite Staffel knüpfe nahtlos an die erste an, habe ich schon ein paar Mal gelesen. Ja, hoffentlich! Das nervte mich ja bei der ersten Staffel so masslos, mitten in der Geschichte aufzuhören und irgendwas von einer «zweiten Staffel» zu schwafeln.

Nach dem grossen Ärger die erfreuliche Nachricht

Dabei geht es ja nur darum, dass SRF nicht so viel Geld hat für Eigenproduktionen und deshalb die Ausstrahlung der zehn Episoden auf zwei Jahre strecken musste. Besser wäre es gewesen, alles aufs Mal zu zeigen und dafür halt ein Jahr Pause einzulegen.

Aber lassen wir das. Kommen wir zum Erfreulichen. Ich war eher mässig begeistert vom Humor und der Handlung der ersten Staffel. Da zuckten bei mir die Mundwinkel nur ab und zu. Teil zwei gefiel mir jetzt viel besser.

Bax ist untergetaucht und holt Smetterling völlig unauffällig verkleidet aus dem Spital. © Sky/SRF
Der Knirps und das Koks

Tatsächlich musste ich ein paar Mal wirklich lachen. Etwa, wenn der kleine Rabauke in einer Villa Koks aufm Tisch findet und danach mit weissem Schnauz herumstolziert. Tatsächlich hat er aber nur einen Berliner gefunden und gegessen.

Auch die Action legt noch zu. Gerda fuchtelt nicht nur mit ihrer Pistole rum, sondern landet einen gezielten Kopfschuss. Und das Finale mit Bax, der am Seil hängt und per Helikopter auf die Staumauer geflogen wird, ist ziemlich zum Schreien.

Der Besuch im Hotelzimmer von Bundespolizistin Brotz beginnt vielversprechend für Bax, nimmt aber einen anderen Verlauf, als er erwartet. © Sky/SRF
Gerne mehr «Tschugger» – aber alles am Stück!

Ich bin nicht nur versöhnt mit den Walliser «Tschugger». Ich hätte gerne eine weitere Staffel. Aber bitte, bitte alles am Stück! Ich warte dafür gerne auch zwei Jahre.

Apropos warten: Ja, ist halt so, dass «Tschugger» zuerst bei Sky läuft und erst im Dezember bei SRF und auf Play Suisse. Auch das eine Geldfrage und eine Frage der Prioritäten in der Verwertungskette.

Es hätte übrigens auf Play Suisse, falls ihr’s noch nicht kennt, durchaus einige Serien und Filme, mit der man sich –gratis! – die Wartezeit vertreiben kann.

Wie viele Sterne gibst du «Tschugger» Staffel 2?

Besetzung: Dragan Vujic | David Constantin | Anna Rossinelli | Arsène Junior Page | Annalena Miano | Cedric Schild | Gabriel Oldham | Olivier Imboden
Serie entwickelt von: David Constantin | Mats Frey
Genre: Komödie | Krimi | Action
CH, 2022

Dr. Death (Staffel 1) – Ein gefährlicher Pfuscher konnte jahrelang unbehelligt operieren

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min.)

Christopher Duntsch (Joshua Jackson) hat eine vielversprechende Karriere als Arzt vor sich. Er beeindruckt durch sein Wissen und vor allem durch seinen Ehrgeiz. Allerdings hat er auch ein Drogenproblem und leidet unter massiver Selbstverherrlichung.

Der Artz, der Patient:innen zu Krüppeln macht

Nach dem Studium gründet er ein Start-up, das Stammzellentherapien für Wirbelsäulenprobleme erforscht. Doch finanzielle Probleme zwingen ihn dazu, in den Operationssaal zurückzukehren.

Nach einer missglückten Operation im Dallas Medical Center werden die beiden Ärzte Robert Henderson (Alec Baldwin) und Randall Kirby (Christian Slater) auf Duntsch aufmerksam. Sie finden heraus, dass Duntsch mehrere seiner Patient:innen verkrüppelt hat, zwei sind sogar an den Folgen des Eingriffs gestorben.

Mehr Klempner und Metzger im OP als Chirurg: Dr. Duntsch (Joshua Jackson), der über 30 Patient:innen zu Krüppeln operierte. © Peacock
Duntsch muss hinter Gitter

Henderson und Kirby wollen dem offensichtlich unfähigen, ja sogar gefährlichen Chirurgen die Zulassung entziehen. Doch das ist nicht so einfach. Zudem könnte Duntsch einfach in einem anderen Bundesstaat weiterarbeiten, auch wenn er die Lizenz in Texas verlieren würde.

Es gibt deshalb nur eine Lösung. Duntsch muss vor Gericht und hinter Gitter, damit er nie mehr einen Operationssaal betreten kann. Die junge Staatsanwältin Michelle Shughart (AnnaSophia Robb) nimmt sich des Falls an.

Obwohl Duntsch unzweifelhaft grauenvolle Fehler begangen hat, erweist es sich als schwierig, ihn strafrechtlich zu belangen.

Einschätzung

Es gibt genau etwas, was diese Serie trägt: Die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines Chirurgen, der 33 Patient:innen im Operationssaal verkrüppelt hat, zwei davon sogar tödlich verletzte. Unter den Opfern von Duntsch ist auch sein bester Freund, der den OP als Tetraplegiker verliess.

Horrorszenen im OP

Da beisst man vor dem Fernseher auf den Nägeln rum, wenn Duntsch im OP nur schon das Skalpell in die Hand nimmt. Wenn er danach verbissen auf die Wirbelsäule einhämmert, obwohl ihn der Kollege darauf aufmerksam macht, dass er falsch angesetzt hat, mag man gar nicht mehr zuschauen.

«Dr. Death» ist glücklicherweise ziemlich zurückhaltend mit solchen Horrorszenen im OP. Doch nachdem die Serie uns die Figur dieses Pfuschers in Weiss vorgestellt hat, reicht es schon, wenn Duntsch grinsend und scherzend die Patientin vor der OP begrüsst, dass sich einem die Nackenhaare sträuben.

Die Patient:innen überzeugt Dr. Duntsch durch seine gewinnende und selbstüberzeugte Art. © Peacock
Soziopath erster Güte

Denn inzwischen wissen wir, dass dieser Duntsch an krankhafter Selbstüberschätzung leidet. Er kann Fehler nicht eingestehen kann und ist offensichtlich unfähig, Empathie zu empfinden. Ein Soziopath erster Güte, wie Kirby einmal feststellt.

Der Grusel- und Grauenfaktor für das Publikum ist also hoch. Man bleibt gebannt vor dem Bildschirm sitzen. Und doch erreicht «Dr. Death» nicht die Intensität von beispielsweise «The Dropout».

Wie konnte er jahrelang unbehelligt arbeiten?

Da fliesst zwar viel weniger Blut und die Opfer verlieren nur Geld, nicht das Leben. Dennoch ist die Geschichte von Elizabeth Holmes und ihrem betrügerischen Imperium packender, weil sie vielschichtiger und subtiler erzählt ist.

Vielleicht braucht es deshalb die beiden grossen Namen von Alec Baldwin und Christian Slater, die fast ein bisschen unter ihrem Wert verkauft werden in dieser Serie. Dafür bietet Joshua Jackson (bekannt u.a. als Peter Bishop aus «Fringe») eine facettenreiche Darstellung des gestörten Dr. Duntsch.

Das Versagen der Spitäler und des Systems

Vor allem aber rätselt man am Schluss, wie es überhaupt möglich war, dass so ein unfähiger Chirurg jahrelang unbehelligt arbeiten konnte. Ein bisschen wird das zwar angedeutet, aber nicht wirklich ausgeleuchtet.

Wollen Duntsch endgültig das Handwerk legen: die Staatsanwältin (AnnaSophia Robb) und zwei Arztkollegen (Christian Slater und Alec Baldwin). © Peacock

Die Spitäler hatten kein Interesse daran, die verpfuschten Operationen an die grosse Glocke zu hängen, weil ihr Ruf leiden würde und damit ihre Einnahmen. Und eine Gesetzesreform in Texas schränkte die Möglichkeiten der Patient:innen stark ein, gegen Ärzt:innen oder Spitäler zu klagen.

Kaputtes System

Das wäre offenbar eine andere Geschichte, die über den Fall des «Dr. Death» hinausgehen würde und deshalb korrekterweise hier nur am Rande vorkommt.

Aber dass erst ein ziemlich kaputtes Rechts- und Gesundheitssystem Christopher Duntsch den Weg ebnete, scheint ebenso klar, wie dieser Artikel im «TexasMonthly» aufzeigt.

Wie viele Sterne gibst du «Dr. Death» Staffel 1?

Besetzung: Joshua Jackson | Christian Slater | Alec Baldwin | Dominic Burgess | Grace Gummer | Molly Griggs | AnnaSophia Robb | Laila Robins | Kelsey Grammer
Serie entwickelt von: Patrick Macmanus
Genre: True-Crime | Drama
USA, 2021

The Ipcress File (Mini-Serie) – Herrlich unterkühlter Spionage-Thriller

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 6 Episoden à 55 Min.)

Der ehemalige Armeekorporal Harry Palmer (Joe Cole) sitzt im Gefängnis. Er betrieb in Berlin kurz nach dem Mauerbau einen lukrativen Schwarzhandel, bis er aufflog.

Zurück nach Berlin

Aber Harry hat Glück. Der britische Atomwissenschaftler Dawson ist verschwunden, mutmasslich entführt von einem Ganoven, mit dem Harry damals in Berlin enge Geschäftsbeziehungen pflegte.

Deshalb holt Major Dalby (Tom Hollander), der eine kleine Geheimdiensteinheit leitet, Harry aus dem Gefängnis und schickt ihn zusammen mit der Agentin Jean Courtney (Lucy Boynton) nach Berlin.

Harry Palmer (Joe Cole), Spion wider Willen, aber mit grosser Begabung fürs Geschäft. © ITV

Die Mission schlägt fehl. Harry hat aber ein gutes Gespür fürs Spionagebusiness bewiesen. Dalby will ihn weiterhin bei der Suche nach Dawson einsetzen.

Die bösen Russen sind tatsächlich Amis

Die nächste Spur führt nach Beirut. Harry und Jean finden Dawson. Als sie ihn schon fast haben, tauchen andere Agenten auf und verhindern die Befreiung. Auf den ersten Blick scheint es, die Russen hätten hier dazwischengefunkt.

Doch Dalby findet heraus, dass die andere, eigentlich befreundete Grossmacht dahintersteckt. Deshalb schickt er Harry und Jean in den Pazifik, wo die Amis eine Atombombe testen. Diese Mission in Freundesgebiet wird für Harry lebensgefährlich.

Einschätzung

60er-Jahre, Kalter Krieg, Grossbritannien und Spionage – da denkt man sofort an George Smiley, «The Spy Who Came In from the Cold» und John le Carré. Diesem Vergleich halten Harry Palmer und «The Ipcress File» nicht ganz stand, aber sie kommen den Werken des Grossmeisters der Spionageromane nahe.

Desillusioniert und zynisch

«The Ipcress File» ist Teil einer vierteiligen Romanreihe des Autors Len Deighton, die Anfang der 60er-Jahre entstand. Der Film- und Medienhistoriker Alan Burton hält Deightons Werk für ähnlich einflussreich auf das Genre des Spionageromans wie das von Le Carré. Wie bei Le Carré seien Deightons Figuren und Geschichten desillusioniert und zynisch.

Jean (Lucy Boynton) will sich nicht in Ketten legen lassen, auch wenn sie als Schmuck daherkommen. © ITV

Das bringt die Serie «The Ipcress File» auch gut rüber. Keine der Hauptfiguren will hier für «Queen and Country» kämpfen. Harry hat gekämpft, in Korea, ist seither traumatisiert und erhielt weder Anerkennung noch Unterstützung. Deshalb nutzte er seine weitere Dienstzeit fürs eigene Wohlergehen und verlegte sich auf den Schwarzmarkthandel.

Britisches Understatement

Jean flieht vor einem Leben als Ehefrau, dessen tolle Eigenschaft es sei, wie ihr Verlobter betont, dass sie nicht mehr arbeiten müsse. Und Dalby wäre zufrieden, wenn der Rüstungswahnsinn nicht zu einem Atomkrieg führen würde.

In Dialogen, die mit britischem Understatement geführt werden, lassen die Figuren ihrem Zynismus freien Lauf. Als Dalby Harry erklärt, dass er ihn als Sündenbock hinstellen müsse, falls die Mission nicht gelinge, meint Harry nur: «Natürlich, Sir. Ich hätte nichts anderes erwartet.»

Ein Traum von Setdesign

Und dann ist da noch das Design der Serie, in dem man schwelgen kann. MGs und Jaguare aus der Periode, auch ein 2CV hat einen Auftritt. Klassische Kostüme von schwarz bis lindgrün, Regenmäntel und Bowler-Hüte. Space-Age-Lampen und Vespas.

Auch schön: In Berlin sprechen die Deutschen wirklich deutsch. Einzig ärgerlich sind ein paar Plakate und Schilder: «Turkishe Spezialiteten», «Kaffee mit milch» oder «Für Personel» trifft’s nicht ganz.

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Am Ende fehlt es etwas an Finesse

Gegen Ende verliert die Serie etwas an Unterhaltungswert. Einerseits gibt es mehr Action, was aber weniger zu den Figuren passt. Andererseits wird der Plot mit diversen Twists gedreht, ohne dass wie bei George Smiley die Psychologie von Verräter:innen und Betrogenen wenigstens ein bisschen ausgeleuchtet wird.

Da die Serie vor allem in England gut ankam, ist es gut möglich, dass ITV eine zweite folgen lässt. Joe Cole liess schon verlauten, dass er gerne dabei wäre. Immerhin wurde 1965 auch bei der Verfilmung des Stoffs mit Michael Caine ein Sequel nachgeschoben. «Billion Dollar Brain» floppte dann allerdings an den Kinokassen.

Wie viele Sterne gibst du «The Ipcress File»?

Besetzung: Joe Cole | Lucy Boynton | Tom Hollander | Ashley Thomas | Paul Higgins | David Dencik | Anastasia Hille | Tom Vaughan-Lawlor | Matthew Steer
Genre: Thriller | Historie
UK, 2022

Westworld (Staffel 4) – Eine tolle Serie hat ihren Zenit überschritten

Läuft bei: Sky (4 Staffeln, 36 Episoden à 55 Min.)

Was bisher geschah
Weil es viel zu kompliziert ist, die Handlung der vorhergehenden Staffeln zusammenzufassen, empfehle ich dafür ein YouTube-Video (Engl. mit engl. UT):
WESTWORLD Season 1-3 Recap (22 Min.) oder nur die 3. Staffel (8 Min.)

Sieben Jahre sind vergangen seit der Zerstörung von «Rehoboam», dem System, das in Staffel 3 die Menschheit manipulierte. Charlotte Hale (Tessa Thompson) verfolgt gemeinsam mit William (Ed Harris) ihr Ziel, die Kontrolle über die Menschen zu erlangen.

Dolores ist jetzt Christina

Charlotte (die ja eigentlich Dolores Abernathy ist) ersetzt Menschen durch Hosts. Ihre Gegenspieler:in sind Maeve (Thandiwe Newton) und Caleb (Aaron Paul), die ihre Pläne zu durchkreuzen versuchen.

Teddy (James Marsden) war die grosse Liebe von Dolores. Er öffnet Christina (Evan Rachel Wood) die Augen. © HBO

In New York lebt Christina (Evan Rachel Woods), die aussieht wie Dolores, aber offensichtlich nicht die uns bekannte Dolores ist. Sie arbeitet für eine Unterhaltungsfirma und erfindet Charaktere für Computergames.

Die Apokalypse naht

Allerdings scheint ihre Arbeit eng verknüpft mit der Realität. Ein Mann wirft ihr vor, dass sie sein Schicksal bestimme. Tatsächlich weist er Ähnlichkeiten auf mit einer von Christinas fiktiven Figuren. Und wie diese Figur nimmt er sich das Leben.

Auch Bernard (Jeffrey Wright) begegnen wir wieder. Er hat Jahre in der virtuellen Welt, dem «Sublime» verbracht und Simulationen durchgespielt. Bernard weiss nämlich, dass die reale Welt dem Untergang geweiht ist. Nur eine einzige Reihe von Ereignissen könnte das verhindern. Die will er jetzt in Gang setzen.

Einschätzung

Es ist ziemlich aussichtslos, die Story der vierten Staffel von «Westworld» nachzuerzählen. Die Zeitebenen werden – wie üblich in dieser Serie – wild durcheinandergewirbelt. Und alles ist viel komplizierter, als es scheint.

Rätsel um Rätsel

Im zweiten Teil dreht die Geschichte in eine andere Richtung, als man zu Beginn erwarten würde. Die Hosts haben die Welt erobert und den Spiess umgedreht. Charlotte lässt die Menschen wortwörtlich nach ihrem Willen tanzen.

Das ist einerseits faszinierend. Andererseits beschleicht einen der Verdacht, dass die vielen Rätsel, die unendlichen Verwirrspiele, die uns die Serie auftischt, nur noch reiner Selbstzweck sind.

Charlotte (Tessa Thompson) hat sich die Menschen untertan gemacht. © HBO
Ein bisschen wie «Inception» – man kann es lieben oder hassen

Wäre nicht ganz überraschend, schliesslich steckt ein Nolan hinter der Serie. Jonathan, der Bruder von Christopher Nolan. Dessen Film «Inception» teilt die Welt ja auch in zwei Lager: Die grossen Fans und die Hater, die dem Film vorwerfen, das sei reine selbstverliebte Gehirnwindungsverdrehung. Oder neudeutsch: ein Mindfuck.

Auf jeden Fall ist es ziemlich anstrengend, dauernd darauf zu achten, ob wir gerade wieder die Zeitachse gewechselt haben. Rauszufinden, ob da ein Host oder ein Mensch vor einem steht. Und überhaupt: In welcher (virtuellen) Realität sind wir eigentlich?

Ehrvoller Abgang mit einer fünften Staffel – hoffentlich

Trotzdem bewahrt die Geschichte einiges an Reiz. Auch wenn man gerade den Faden verloren hat, welche Version von Maeve wiedermal von den Toten auferstanden ist.

Die ganz grosse Begeisterung, die vor Jahren die ersten beiden Staffeln von «Westworld» auslösten, stellt sich nicht mehr ein. Die Serie hat ihren Zenit überschritten. Jetzt noch ein ehrenvoller Abschluss mit einer fünften Staffel und dann ist gut.

Wie viele Sterne gibst du «Westworld» Staffel 4?

Besetzung: Evan Rachel Woods| Thandiwe Newton | Ed Harris | Jeffrey Wright | Tessa Thompson | James Marsden | Luke Hemsworth | Aaron Paul | Angela Sarafyan | Aurora Perrineau | Nozipho Mclean
Serie entwickelt von: Lisa Joy | Jonathan Nolan
Genre: Science-Fiction | Thriller | Mystery
USA, 2022

The Endgame (Staffel 1) – Clever bis zur Unglaubwürdigkeit

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

Den US-Behörden ist ein grosser Fang gelungen. Elena Federova (Morena Baccarin), internationale Waffenhändlerin und führender Kopf einer kriminellen Organisation, wurde gefasst und wird von den Chef:innen des FBI, Justizministeriums und Homeland Security an einem versteckten Ort verhört.

Gegenschlag von langer Hand vorbereitet

Sie schlagen ihr einen Deal vor, um aus der hoffnungslosen Situation herauszukommen. Doch alles ist ein bisschen anders, als sich das die Behörden vorgestellt haben.

Gleich nach Federovas Festnahme werden in New York mehrere Banken überfallen, offensichtlich von langer Hand geplant und orchestriert durch Federova. Das ruft die FBI-Agentin Val Turner (Ryan Michelle Bathe) auf den Plan.

Rache für den Bombenanschlag

Sie kennt Federova von einer früheren Begegnung in Gambia, als sie beinahe von ihr erschossen wurde. Federova gibt Turner Rätsel zur Lösung auf, die auf die Spur von Spitzenbeamt:innen und Politiker:innen, die alle Dreck am Stecken haben.

Mit der Zeit wird klar, was dahinter steckt. Federova will Rache für den Bombenanschlag auf ihre Hochzeit, bei der nur sie und ihr Mann überlebten. Und die Verantwortlichen für diesen Anschlag, auf die sie jetzt Turner ansetzt, sitzen alle in hohen Positionen in der Verwaltung und Regierung.

Immer einen Schritt zu spät

Turner löst mit Hilfe ihres Kollegen Anthony Flowers (Jordan Johnson-Hinds) ein Rätsel nach dem andern. Sie merkt dabei, dass auch ihr Mann Owen (Kamal Angelo Bolden), der im Gefängnis sitzt, mit Federova zu tun hat und Federova ihr immer einen Schritt voraus ist.

«The big picture», was das «Endgame» Federovas ist, erschliesst sich Turner erst ganz am Schluss.

Einschätzung

Es macht durchaus Spass, zuzuschauen, wie unglaublich clever Elena Federova ihre Rache geplant hat. Dutzende von Entscheidungen ihrer Gegner:innen hat sie antizipiert, so dass am Ende exakt alles so herauskommt, wie sie es geplant hat.

Spannend auch, wie Val Turner diese Rätsel oft in letzter Sekunde löst, obwohl ihr Umfeld ihr immer wieder Steine in den Weg legt. Vor allem ist da ihr ziemlich unfähiger, aber extrem ehrgeiziger Boss Doak (Noah Bean). Er will Turner eigentlich aus dem FBI rausbugsieren, weil ihr Mann ein krimineller Ex-Agent ist.

Übertrieben und etwas repetitiv

Und doch resultiert am Schluss nicht das ganz grosse Vergnügen, wie man es von Heist-Movies wie etwa «Ocean’s Eleven» oder «Inception» kennt. Dass Federova über Tage hinaus alle Aktionen und Gegenmassnahmen präzise voraussehen und planen konnte, strapaziert die Wahrscheinlichkeit doch etwas übermässig.

Nach dem zweiten oder dritten Rätsel wirkt die Handlung auch etwas repetitiv. Was in zwei Stunden Film vielleicht gut funktioniert hätte, wird hier stark überdehnt.

Keine zweite Staffel

Zudem spielt Morena Baccarin die Federova mit einer Selbstgefälligkeit, die mit der Zeit etwas nervt. Von ihrem selbstsicheren Lächeln im Verhörraum hat man ebenfalls nach dem dritten Mal genug.

Von daher ist es auch nicht so tragisch, dass «The Endgame» mit einem Cliffhanger endet, die Serie aber von NBC abgesetzt wurde. Nochmal zehn Episoden nach demselben Muster hätte ich mir eher nicht mehr angeschaut.

Wie viele Sterne gibst du «The Endgame»?

Besetzung: Morena Baccarin | Ryan Michelle Bathe | Costa Ronin | Jordan Johnson-Hinds | Mark D. Espinoza | Noah Bean | Kamal Angelo Bolden
Serie entwickelt von: Jake Coburn | Nicholas Wootton
Genre: Krimi | Thriller
USA, 2022

Howards End (Mini-Serie) – Leicht vermodertes Historiendrama

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 4 Episoden à 60 Min.)

Drei Familien begegnen sich in der nachviktorianischen Ära, kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Da sind die Schlegels. Margaret (Hayley Atwell) ist die älteste von drei Geschwistern. Sie hat ihre Schwester Helen (Philippa Coulthard) und ihren Bruder Tibby (Alex Lather) nach dem offenbar frühen Tod der Eltern gross gezogen.

Reich und sozial oder nur reich

Die drei leben gut von ihrem Erbe. Obwohl sie reich sind, scheinen sie gesellschaftspolitisch progressiv und haben so etwas wie ein soziales Gewissen.

Ganz im Gegensatz zu den Wilcoxes. Henry (Matthew Macfadyen) ist strammer Kapitalist. Er verdient sein Geld mit Handelsgütern aus britischen Kolonien und findet die Unterteilung der Welt in Arme und Reiche richtig und logisch. Mrs. Wilcox (Julia Ormond) hält sich aus solchen Diskussionen raus. Dafür gibt sie im Haus den Ton an.

Die Armen in der Runde

Und dann gibts noch die Basts. Leonard (Joseph Quinn) arbeitet als Büroangestellter und verdient knapp genug für den Lebensunterhalt für sich und seine Frau Jacky (Rosalind Eleazar). Er lernt die Schlegels kennen und Jacky hat eine überraschende Verbindung zu den Wilcoxes.

Margaret und Ruth Wilcox befreunden sich, als Ruth ein paar Tage alleine in London verbringt. Kurz darauf stirbt sie und hinterlässt ihrer Familie eine Notiz, dass sie Margaret Howards End, den Familiensitz, vermachen möchte.

Und immer wieder Howards End

Henry und seine Kinder beschliessen, den Wunsch der Mutter zu ignorieren.

Über die Jahre begegnen sich die Schlegels, Wilcoxes und Basts wieder. Dramatische und romantische Ereignisse spielen sich ab und immer wieder taucht Howards End auf.

Einschätzung

Ab und zu passiert mir das. Da taucht eine ältere Serie in einer Empfehlungsliste auf und ich schaue sie mir tatsächlich an.

Hier, weil ich Hayley Atwell und Matthew Macfadyen mag. Sie ist grossartig als «Agent Carter» (Disney+) und er super in «Ripper Street» und als ziemliche Dumpfbacke in «Succession» (Sky). Auch Tracey Ullman und Julia Ormond sind klingende Namen.

Howards Bloody End

James Ivory hat zudem einige Bücher von E.M. Forster verfilmt, darunter auch 1992 «Howards End» mit Starbesetzung. Ein Film, den ich nicht gesehen habe, dafür aber «A Room With a View und der gefiel mir.

Kommt hinzu: Unvergessen ist für mich die Szene aus «Educating Rita», als Julie Walters entnervt Michael Caine sagt, dass sie dieses Buch «Howards Bloody End» einfach Sch… findet😄.

Ok für Anglophile

Zu guter Letzt bin ich auch ein Sucker von britischen Historiendramen. Also wollte ich wissen, worum es hier geht.

Jetzt weiss ich’s und sag’s mal so: Noch anglophilere Menschen als ich würden der Serie vielleicht vier Sterne geben. Wer damit nichts am Hut hat, sicher nur zwei Sterne. Ich gebe drei als Kompromiss.

Es mieft und modert

Denn das Flair des frühen 20. Jahrhunderts kommt zwar gut rüber, aber die Story bemüht schwerfällig gesellschaftspolitische Debatten über Reichtum, Armut, Verpflichtung, Ehre und Frauenrechte. Setzt man das heute eins zu eins um, riecht die Geschichte ziemlich vermodert. «Downton Abbey» hat’s besser gemacht.

Auch der Cast kann diesen altbackenen Groove nicht wettmachen. Bei der dramatischen Schlussszene, zu der ich nur verraten will, dass Henry in Tränen ausbricht, löste das bei mir den gegenteiligen Effekt aus. Ich musste laut lachen.

Hey, hier kommt Eddie

Was dafür extrem witzig war: Schaut euch den armen, verdrucksten Lenny Bast genauer an. Und? Er war erst kürzlich zu sehen: als der wilde, rockende Eddie Munson in «Stranger Things»!

Wie viele Sterne gibst du «Howards End»?

Besetzung: Hayley Atwell | Matthew Macfadyen | Philippa Coulthard | Tracey Ullman | Joseph Quinn | Alex Lather | Julia Ormond
Genre: Historie | Drama
UK, 2017

Tokyo Vice (Staffel 1) – Aus dem Innenleben der Yakuza

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 8 Episoden à 60 Min.)

Jake Adelstein (Ansel Elgort) ist Amerikaner und lebt in Tokio. Er hat sich ein fast unmögliches Ziel gesetzt. Er will als Reporter zur grössten Tageszeitung «Meichu Shimbun».

Tokio by night

Tatsächlich schafft er die Aufnahmeprüfung und wird als Polizeireporter angestellt. Sein Job führt ihn in Tokios Nachtleben und die Welt der Yakuza, der organisierten Verbrecherbanden Japans.

In einem Nachtclub lernt er Samantha (Rachel Keller) kennen. Die Amerikanerin arbeitet dort als Hostess. Sie träumt davon, einen eigenen Club zu eröffnen und einige ihre Kolleginnen wie Polina (Ella Rumpf) mitzunehmen.

Krieg der Klans

Auch Sato (Shô Kasamatsu) ist Stammgast im Club und hat ein Auge auf Samantha geworfen. Er gehört der Yakuza an. Zuerst quasi noch Lehrling steigt er die Karriereleiter hoch und gewinnt das Vertrauen seines Klan-Bosses.

Die Chihari-Kai werden von einem Eindringling herausgefordert. Tozawa (Ayumi Tanida) will mit seinem Klan in Tokio Fuss fassen. Dabei geht er brutal vor und hält sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze der Yakuza.

Tokio tickt anders

Weil Jake im Umfeld der Yakuza recherchiert, wird er in die Fehde hineingezogen. Unterstützung erhält er von Hiroto Katagiri (Ken Watanabe), einem erfahrenen und im Gegensatz zu einigen Kolleg:innen nicht korrumpierten Polizisten.

Jake lernt schnell, dass Journalismus, Polizeiarbeit und das organisierte Verbrechen in Japan etwas anders funktionieren, als er sich das vorgestellt hat.

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Einschätzung

Investigative Journalisten, Polizisten, unbestechliche und korrupte, organisiertes Verbrechen – ein klassischer Serienplot, der, richtig gemacht, gute Krimiunterhaltung garantiert. «Tokyo Vice» legt noch drauf.

Das Nachtleben in Tokio mit viel Neon, japanischer Alltag Ende der 90er-Jahre mit sozialen Verhaltensregeln, die uneingeweihten Europäer:innen wie mir nicht vertraut sind. Das funktioniert und fasziniert.

Eine wahre Geschichte fiktionalisiert

Die Serie basiert auf dem Buch «Tokyo Vice» des US-amerikanischen Journalisten Jake Adelstein, das 2009 erschien. Die Geschichte hat also einen wahren Hintergrund, wobei das gleich wieder einzuschränken ist.

J.T. Rogers, der die Geschichte als Serie adaptiert hat, betont in mehreren Interviews, dass «Tokyo Vice» fiktional sei und sich einige Freiheiten erlaube mit der Vorlage. Es sei ihm aber wichtig gewesen, eine authentische Schilderung der Zeit und des Orts zu bieten.

Oder doch nur gut erfunden`?

Zum anderen sind Jake Adelsteins Memoiren nicht unumstritten. «I don’t think half of that stuff in the book happened», zitiert der Hollywood Reporter einen Produzenten, der mit Adelstein für einen Dokumentarfilm zusammenarbeitete.

Für die Serie spielt es aber keine Rolle, ob Adelstein seine Arbeit in Japan überhöht hat. Wenn’s nicht wahr ist, ist es zumindest gut erfunden und spannend.

Spannend ist nicht die Hauptfigur

Obwohl das Tempo, mit dem die Geschichten der verschiedenen Figuren entwickelt werden, eher gemächlich ist. Das passt aber auch zum Setting. Jake muss lernen, dass der schnelle Scoop nicht gefragt ist, wenn die Regeln nicht eingehalten werden.

Zudem ist Jake Adelstein zwar der Dreh- und Angelpunkt der Serie, aber bei weitem nicht der spannendste Charakter. Am interessantesten ist Sato, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Leben in der Yakuza und einem Traum von einem normalen Leben. Aber letztlich hat er keine Wahl.

Kein Schluss, aber eine zweite Staffel

Auch die Yakuza-Bosse und der Polizist Katagiri sind kantiger und facettenreicher als Jake. Und über Samantha und Jakes Chefin Eimi wird die Rolle der Frauen in der japanischen Gesellschaft thematisiert.

Was einzig das Vergnügen an dieser gut inszenierten Serie trübt, ist der Schluss, der wieder mal keiner ist. Die Geschichte ist nicht zu Ende erzählt. Das wird sie aber. HBO hat die zweite Staffel gerade in Auftrag gegeben.

Wie viele Sterne gibst du «Tokyo Vice» Staffel 1?

Besetzung: Ansel Elgort | Ken Watanabe | Rachel Keller | Shô Kasamatsu | Ella Rumpf | Rinko Kikuchi | Shun Sugata | Ayumi Tanida
Serie entwickelt von: J.T. Rogers
Genre: Krimi
USA, 2022

The Time Traveler’s Wife (Staffel 1) – Als ob Liebe nicht schon kompliziert genug wäre

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Ein sechsjähriges Mädchen spielt auf einer Lichtung. Da taucht aus dem Nichts ein nackter Mann auf. Er bittet das Mädchen um eine Decke und erklärt, er sei ein Freund.

Verliebt in einen Zeitreisenden

Es ist die erste Begegnung von Clare (Rose Leslie) mit Henry (Theo James). Dutzende werden folgen in den nächsten zwölf Jahren. Während Clare normal älter wird, wechselt Henry dauernd sein Alter.

Denn Henry ist ein Zeitreisender. Er kommt aus der Zukunft und besucht Clare, die später seine Frau sein wird. Allerdings kann Henry seine Zeitreisen nicht steuern. Er landet an zufälligen Zeitpunkten in seinem Leben, immer nackt und immer hungrig.

Hochzeitsstress

Als Clare 20 ist, trifft sie Henry zum ersten Mal auf der «normalen» Zeitachse. Dieser Henry hat allerdings keine Ahnung, wer Clare ist, und sie ist enttäuscht, wie unreif der jüngere Henry ist.

Trotzdem entwickelt sich ihre Beziehung weiter, bis schliesslich der Tag der Hochzeit naht. Der Stress erhöht die Kadenz von Henrys Zeitsprüngen, so dass er beinahe den Gang zum Altar verpasst – eigentlich tut er das, aber er hilft sich selber aus der Patsche …

Einschätzung

Es ist ziemlich hoffnungslos, die Liebesgeschichte zwischen Clare und Henry nachzuerzählen. Denn die beiden begegnen sich in den verschiedensten Alters- und Zeitkonstellationen. Wie immer bei Zeitreisegeschichten darf man nicht jedes Detail hinterfragen.

Unterhaltend, einfühlsam und witzig

Aber das stört auch nicht besonders. Die Grundkonstellation ist klar: Über ihre ganze Kindheit und Jugend hinweg, lernt Clare den Mann kennen, der unausweichlich ihre grosse Liebe sein wird in der Zukunft. Doch selbst unter diesen Voraussetzungen gibt es einige Schwierigkeiten in der Beziehung, wenn die Zukunft zur Gegenwart wird.

Diese Romanze unter besonders schwierigen Bedingungen ist tatsächlich unterhaltend, einfühlsam erzählt und teilweise mit witzigen Episoden garniert.

Beim ersten Besuch bei Clares Eltern verschwindet Henry mal wieder kurz auf Zeitreise. Die Familie wartet mit dem Essen. Clare erklärt Henrys Verspätung damit, dass sie gestritten hätten. Auf seiner Zeitreise wird Henry verprügelt und taucht dann zum Entsetzen aller mit blauen Flecken am Esstisch auf.

Rätselhafte Plots, weil das Ende fehlt

Die Serie hätte vielleicht drei oder sogar vier Sterne verdient. Nette Romanze, kompliziert durch einen schrägen Twist und zwei Hauptdarsteller, die ihren Rollen gerecht werden. Rose Leslie etwas mehr als Theo James.

Aber dann ist da dieses riesiges Manko, dass die Serie die Geschichte nicht zu Ende erzählt. Deshalb bleiben einige Plots völlig rätselhaft, etwa weshalb zwei amputierte Füsse mitten auf der Strasse standen.

Mit grösster Wahrscheinlichkeit plante Steven Moffat eine zweite Staffel. Nur wird es die nie geben, weil HBO die Serie abgesetzt hat. Mit nur 250’000 Zuschauenden pro Episode waren die Zahlen wohl zu schlecht.

Besser den Film schauen oder das Buch lesen

Es stellt sich sowieso die Frage, weshalb Moffat und HBO den Stoff aufgenommen haben. Das Buch von Audrey Niffenegger wurde bereits 2009 mit Rachel McAdams und Eric Bana verfilmt. Der Film kam beim Publikum zwar nicht schlecht an, erhielt aber nur mässige Kritiken. Im Gegensatz zur Serie erzählt der Film dafür die ganze Geschichte.

Wer also wissen will, wie die ganze Romanze zwischen Clare und Henry verläuft, leiht sich besser den Film oder liest das Buch.

Wie viele Sterne gibst du «The Time Traveler's Wife» Staffel 1?

Besetzung: Rose Leslie | Theo James | Desmin Borges | Natasha Lopez | Kate Siegel | Everleigh McDonell
Serie entwickelt von: Steven Moffat
Genre: Romanze | Science-Fiction
USA/GB, 2022

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