Deutsches Haus (Mini-Serie) – Als die Deutschen die Nazizeit vergessen wollten

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Serienposter mit Schriftzug. Porträts von fünf Hauptdarsteller:innen, drei Frauen, zwei Männer. Weit im Hintergrund der Eingang zum KZ Auschwitz, eine schwarze Rauchfahne steigt dahinter auf.
4 von 5 Sternen

Läuft bei: Disney+ (Mini-Serie, 5 Episoden à 60 Min.)

Annette Hess weiss, wie man deutsche Geschichte erzählt. Mit «Weissensee» und der «Ku’damm»-Reihe hat sie zwei herausragende Serien über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben.

«Ku’damm» fokussiert sich auf das Leben der jungen Generation, vor allem der jungen Frauen, nach dem Krieg in der Zeit des Wirtschaftswunders. Vergangenheitsbewältigung findet nur am Rande statt. «Weissensee» dagegen spielt in der DDR und beschäftigt sich intensiv mit dem Überwachungs- und Unterdrückungsstaat.

Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte

Hess‘ Serien erheben aber keinen dokumentarischen Anspruch, sondern wollen Geschichte unterhaltend, wenn auch authentisch erzählen. Dass sie sich mit dieser Haltung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte wagt, scheint doch fast verwegen.

Im Gerichtssaal stehen mehrere Männer hinter Holzpulten, auf den Nummern stehen. Im Hintergrund eine schematische Karte des KZ Auschwitz.
22 Männer stehen 1963 vor Gericht und müssen sich für ihre Taten im KZ Auschwitz verantworten. © Disney+

Doch es gelingt ihr erneut, die Geschichte über die Aufarbeitung des Holocaust mit fiktiven Elementen zu einem Drama mehr à la Weissensee denn Ku’damm zu formen, das meistens überzeugt. Der Zeitpunkt der Erzählung etwa ist geschickt gewählt.

«Deutsches Haus» spielt nicht zur Zeit, als die Verbrechen geschahen, sondern 20 Jahre später. 1963 begann in Frankfurt der erste Auschwitz-Prozess in Deutschland, bei dem sich 22 Angeklagte vor Gericht für ihre Taten im Konzentrationslager zu verantworten hatten.

Keine Lust auf Vergangenheitsbewältigung

Der Krieg war schon lange vorbei, das Wirtschaftswunder im vollen Gang. Den Deutschen ging es gut und niemand wollte an die Vergangenheit erinnert werden. Schon gar nicht an die grauenhaften Verbrechen in den Konzentrationslagern, von denen eh niemand etwas gewusst haben wollte.

Eva Bruhns (Katharina Stark) mag sich kaum an die Kriegszeit erinnern. Sie war damals ein kleines Mädchen. Jetzt steht sie kurz vor ihrer Verlobung mit dem wohlhabenden Jürgen Schoormann (Thomas Prenn). Eine gute Partie für die Tochter von Wirtsleuten.

Eine Familie am Tisch in guter Kleidung. Offensichtlich ein besonderes Essen.
Man geniesst den Sonntagsbraten, den man sich leisten kann, aber auch hart dafür arbeitet. Über den Krieg wird nicht gesprochen. © Disney
Die Ahnungslosigkeit der Kriegskinder

Eva arbeitet als Übersetzerin für Polnisch, meistens für Kunden aus der Wirtschaft. Deshalb ist sie ziemlich überfordert, als sie kurzfristig von ihrem Chef zum Gericht geschickt wird, wo ein Staatsanwalt einen Zeugen befragt. Der Zeuge berichtet von Kunden, die in eine Herberge gebracht wurden, wo man sie ins Licht führte, wie Eva zuerst übersetzt.

Geschickt, wie hier Evas Ahnungslosigkeit, und wohl die einer ganzen Generation, gezeigt wird. Denn es geht um KZ-Gefangene, die in Blocks inhaftiert waren, bevor sie ins Gas geschickt wurden. Trotz dieses Missgriffs wird Eva als Übersetzerin für den Auschwitz-Prozess engagiert.

Der Hauptangeklagte frühstückt im Hotel

Der Prozessauftakt ist stark. Da wird die Anklageschrift in voller Länge zitiert. Minutenlang werden in Juristendeutsch die schrecklichsten Verbrechen vorgelesen. Man wird im Verlauf der Serie auch einige Zeugenaussagen zu hören bekommen, was im KZ geschah.

Eine Frau am Zeugenpult im Gerichtssaal.
Rachel Cohen (Iris Berben) ist eine der Zeug:innen, die vor Gericht aussagen und so das Grauen nochmal durchleben müssen. © Disney+

Aber vor allem sehen wir, wie sich die Angeklagten keiner Schuld bewusst sind und alles abstreiten. Die meisten sitzen nicht einmal in Untersuchungshaft, sondern frühstücken wie der Hauptangeklagte Robert Mulka (Martin Horn) vor jedem Prozesstag im Hotel mit der Ehefrau.

Aber auch in Gefangenschaft geniessen sie offenbar Privilegien. Wilhelm Boger (Heiner Lauterbach) kann am Abend regelmässig mit seiner Familie essen, wo dann der Termin für die Winterferien besprochen wird. Der Prozess – nur ein vorübergehendes Ärgernis.

Nicht gefeit vor Melodramatik

Diese Atmosphäre des Nichtwahrhabenwollens bei den Angeklagten und ihren Familien, des Nichtwissens bei Eva oder auch die Haltung, dass das jetzt alles schon lange her ist und vergessen gehört, bringt «Deutsches Haus» gut rüber.

Eine junge Frau steht vor einem älteren Mann im Gerichtssaal. Im Hintergrund die Zuschauer:innen.
Eva (Katharina Stark) wird nicht nur mit den Verbrechen von Angeklagten wie Wilhelm Boger (Heiner Lauterbach) konfrontiert, sondern auch mit der Schuld der eigenen Familie. © Disney+

Die Figuren und Momente, die gar melodramatisch geraten sind, kann man der Serie nachsehen. Es gibt dafür auch markante Szenen, wie etwa am Schluss. Eva sucht einen ehemaligen KZ-Häftling auf. Sie will sich von ihm den Kopf kahlscheren lassen. Er weigert sich und sagt: «Das steht Ihnen nicht zu.» Denn so einfach kann auch Eva die Schuld nicht begleichen, die eine ganze Nation auf sich geladen hat.

Ein Blick in die Geschichte, aber keine Aufarbeitung

Es bleibt dennoch die Frage, ob eine Serie wie «Deutsches Haus» eine angemessene Form ist, mit dem Holocaust umzugehen. Den monströsen Verbrechen an Millionen von Menschen in den Konzentrationslagern kann eine Serie nicht gerecht werden, die erklärtermassen unterhaltend sein will.

«Der Wagen», sagt Annette Hess in einem Interview, «in den man da einsteigt, der einen durch das Grauen fährt, der muss attraktiv sein.» Das ist nicht das gelungenste Bild, man versteht aber, was gemeint ist.

Sie schafft es aber, den Zeitgeist der frühen 60er-Jahre einzufangen, als Deutschland noch weit davon entfernt war, sich ernsthaft mit seiner Nazivergangenheit auseinanderzusetzen. Von daher erzählt «Deutsches Haus» wie schon Hess‘ andere Serien sehr gelungen ein Stück deutscher Geschichte. Eine Aufarbeitung ist es allerdings nicht.

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Besetzung: Katharina Stark | Anke Engelke | Hans-Jochen Wagner | Ricarda Seifried | Thomas Prenn | Heiner Lauterbach | Iris Berben | Aaron Altaras | Max von der Groeben | Sabin Tambrea
Serie entwickelt von: Annette Hess
Genre: Historie | Drama
D, 2023

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