En helt vanlig familj (Mini-Serie) – Zu wenig Krimi, zu wenig Psychodrama, dafür zu lang

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Serienposter mit Schriftzug. Gerahmtes Familienfoto, Eltern mit ihrer Tochter, einer jungen Frau, in der Mitte.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 6 Episoden à 45 Min.)

Eine 15-jährige Schülerin wird in einem Lager vergewaltigt. Ihre Eltern erstatten keine Anzeige, weil ein Verfahren ihre Tochter belasten würde und sie kaum Chancen sehen, dass der Täter bestraft würde.

Vier Jahre später wird die Tochter verhaftet. Sie soll einen Mann ermordet haben. Eine späte Rache? Die Eltern wollen diesen Gedanken nicht wahrhaben. Aus schlechtem Gewissen?

Keine unspannende Ausgangslage, die diese schwedische Mini-Serie präsentiert. Doch das mit der Spannung ist das Problem von «En helt vanlig familj» (dt. «Die Lüge», engl. «A Nearly Normal Family»). Die entwickelt sich in den über vier Stunden, die die Serie dauert, weder auf einer Krimi- noch auf der psychologischen Ebene.

Eine junge Frau, umrahmt von ihren Eltern, an einem Restauranttisch. Ihre Blicke sind ernst.
Keine glückliche Familie: Ulrika (Lo Kauppi), Stella (Alexandra Karlsson Tyrefors) und Adam (Björn Bengtsson) haben schon lange eine gestörte Beziehung. © Netflix
Eine kaputte Familie

Als 90-minütiger Fernsehfilm hätte die Geschichte wahrscheinlich funktioniert. Als Mini-Serie zieht sich alles zu sehr in die Länge, ohne die angestrebte Vertiefung zu erreichen.

Das beginnt gleich nach der Exposition, in der die Vergewaltigung geschildert wird. Vier Jahre später scheint einiges in dieser Familie im Argen zu liegen. Stella (Alexandra Karlsson Tyrefors) ist für die ehrgeizige Mutter Ulrika (Lo Kauppi) eine einzige Enttäuschung. Sie will nicht an die Uni, sondern Geld verdienen und dann auf Weltreise gehen.

Zwei Frauen spazieren nebeneinander in einem Park und unterhalten sich.
Stellas beste Freundin Amina (Melisa Ferhatovic) wäre die Tochter, die sich Ulrika gewünscht hätte. © Netflix

Ihr Vater Adam (Björn Bengtsson), ein Priester, umsorgt seine Tochter und will für sie da sein. Aber, so sagt Stella später einmal, er hat keine Ahnung, wer seine Tochter ist. Ums Eheleben der Eltern ist es auch nicht gut bestellt. Ulrika geht fremd. Adam merkt das zwar, aber scheut die Auseinandersetzung.

Papa lügt und Mama beseitigt Beweise

Ob da wohl die Vergewaltigungsgeschichte eine Rolle spielt, dass diese Familie auseinanderfällt? Man vermutet das schnell, aber die Serie will die Antwort erst am Schluss geben, obwohl sie ziemlich offensichtlich auf der Hand liegt.

Dann passiert der Mord und Stella wird verhaftet. Adam und Ulrika stellen sich sofort schützend vor ihre Tochter. Er belügt die Polizei, um Stella ein Alibi zu verschaffen. Ulrika lässt die blutverschmierten Kleider der Tochter und ihr Handy verschwinden. Allerdings erzählen sich die Eltern gegenseitig nicht, was sie getan haben.

Ein lächelndes junges Paar in einer Abendstimmung, im Hintergrund unscharf Häuser einer Stadt.
Hat Stella ihren Freund Chris (Christian Fandango Sundgren) umgebracht? Und was hat ihr Jugendtrauma damit zu tun? © Netflix

Das Mordopfer ist Stellas Freund. In langwierigen Rückblenden wird gezeigt, wie sich die Beziehung entwickelt. Bald wird auch klar, dass dieser Chris (Christian Fandango Sundgren) eine dunkle Seite hat, denn seine Ex warnt Stella davor.

Traumabewältigung, die einen kaltlässt

Spätestens jetzt kann man sich zusammenreimen, was passiert ist, auch wenn die Story noch einen Plottwist draufsetzt. Der Krimi ist also kaum der Kern der Geschichte, weil nicht mehr spannend. Das merkt man auch daran, dass die polizeilichen Ermittlungen kaum eine Rolle spielen.

Umso mehr müsste einen also die psychologische Ebene in die Geschichte ziehen. Aber auch das passiert nicht. Stellas Gespräche mit einer Therapeutin im Gefängnis nehmen den sehr vorhersehbaren Verlauf, von Stellas spätpubertärer Ablehnung der Gespräche bis zur Thematisierung der Vergewaltigung.

Zwei Frauen und ein Mann an einem langen Pult.
Der Prozess gegen Stella endet nicht mit einer Überraschung. © Netflix
Das moralische Dilemma zum Schluss

Die Serie schafft es nicht, dass man emotional mitgenommen wird, wenn sich Stella endlich ihrem Trauma stellt. Ebenso kalt lässt einen, wie die Eltern mit ihrer kaputten Beziehung umzugehen versuchen.

Wenn man am Schluss die ganze Wahrheit kennt, will «En helt vanlig familj» die Zuschauenden wohl vor ein moralisches Dilemma stellen. Aber auch das nimmt man eher unberührt zur Kenntnis, weil es die Serie nie geschafft hat, einem die Figuren wirklich nahezubringen.

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Besetzung: Alexandra Karlsson Tyrefors | Björn Bengtsson | Lo Kauppi | Melisa Ferhatovic | Christian Fandango Sundgren | Håkan Bengtsson
Genre: Krimi | Drama | Thriller
SWE, 2023

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