Monsieur Spade (Mini-Serie) – Clive Owen auf den Spuren von Humphrey Bogart

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Serienposter mit Schriftzug. Ein tritt aus seinen Umrissen heraus, die ihn mit Hut zeigen. In den Umrissen ist eine Landschaft zu erkennen.
4 von 5 Sternen

Läuft bei: Canal+ (Mini-Serie, 6 Episoden à 50 Min.)

Am Schluss habe ich zwar nicht verstanden, worum es letztlich ging in dieser Serie. Eigentümlicherweise habe ich sie dennoch gerne geschaut. Das ist eine seltene Mischung von Gefühlen, wie ich sie noch kaum bei einer Serie erlebt habe.

Üblicherweise verzeihe ich einer Serie nicht, wenn die Story – hier vor allem der Kriminalfall – nicht sauber erzählt und aufgelöst wird. «Monsieur Spade» schon. Das liegt an der Atmosphäre, die die Serie erzeugt.

Schwarzweissbilder im Kopf

Es beginnt mit dem Soundtrack von Carlos Rafael Rivera, der mit seinen Trompetenklängen unweigerlich Schwarzweissbilder im Kopf hervorruft von Schlapphüten, Trenchcoats und von verregneten Strassen einer Grossstadt in der Nacht.

Ein Mann mit Hut und Mantel steht an einen schwarzen Oldtimer angelehnt.
Bald trägt Sam Spade (Clive Owen) keinen Hut und keinen Mantel mehr, da das Klima in Frankreich sehr angenehm ist. © AMC

Etwas erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass wir uns nicht in San Francisco befinden, sondern im Süden von Frankreich im Jahr 1955. Aber der Mann, dem wir begegnen, trägt zumindest zu Beginn noch seinen Schlapphut und den Trenchcoat.

Sam Spade (Clive Owen), Privatdetektiv aus San Francisco, soll Teresa (Cara Bossom), die Tochter einer verstorbenen Bekannten, zu ihrem Vater bringen. Diese Mission verläuft allerdings erfolglos. Dafür lernt Sam Gabrielle (Chiara Mastroianni) kennen, eine reiche Witwe.

Ein Städtchen am wortwörtlichen Abgrund

Es folgt ein Zeitsprung ins Jahr 1963. Sam besucht Gabrielles Grab, die vor zwei Jahren gestorben ist. Die beiden waren offenbar verheiratet. Ihre schöne, aber traurige Geschichte erzählt die Serie über den Lauf der Episoden in Rückblenden. Sie verleiht Sam einen sympathisch wehmütigen Touch.

Eine lächelnde Frau im Porträt. Sie schaut einen Mann an, der unscharf im Vordergrund knapp zu sehen ist.
Gabrielles (Chiara Mastrioanni) Geschichte, die sich nicht nur auf ihre Beziehung mit Sam beschränkt, wird in Rückblenden erzählt. © AMC

Ein weiteres Element, das zur reizvollen Atmosphäre von «Monsieur Spade» beiträgt, ist das Städtchen Bozouls. Es ist an den Rand einer atemberaubenden Schlucht gebaut und durchzogen von engen, verwinkelten Gassen.

Interessanter aber, was sich hinter den Mauern der Häuser abspielt, die die Gassen säumen. Das beherrschende Thema: der Krieg und seine Nachwirkungen. Ein bisschen spielt der Zweite Weltkrieg auch noch eine Rolle, schliesslich endete er auch erst vor 18 Jahren.

Die Schmach des Algerienkriegs

Aber viel unmittelbarer zeigen sich die Folgen des Algerienkrieges, in dem Algerien von 1954 bis 1962 um seine Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte. In Bozouls leben ehemalige Soldaten, die unter einem Kriegstrauma leiden. Andere haben die Schmach nicht überwunden, dass Frankreich seine Kolonie verlor, und trachten nach einem Coup.

Vor diesem Hintergrund spielt der eigentliche Kriminalfall, in den Sam Spade etwas widerwillig verwickelt wird. Es beginnt mit dem grausamen Mord an sechs Nonnen in einem Kloster und endet mit einem geheimnisvollen jungen Zahlengenie, um den sich die verschiedensten Geheimdienste prügeln,

Eine junge Frau steht neben einem Mann.
Teresa (Cara Bossom) bleibt wie Sam in Bozouls. Sie wächst allerdings in einem Kloster auf, weil sich weder Vater noch Grossmutter für sie interessieren. © AMC

Dieser Plot treibt zwar die Handlung voran und sorgt durchaus für Spannung, aber ist letztlich so verworren, dass es eigentlich egal ist, wer für die Morde verantwortlich war und was mit diesem Jungen passiert.

Die Lösung abstrus aus dem Hut gezaubert

Exemplarisch der Showdown in der letzten Episode. Da taucht aus dem Nichts eine mutmassliche CIA-Agentin auf. Sie stellt alle anderen Protagonist:innen (ausser Sam) in den Senkel, was diese so einfach hinnehmen, und schnappt sich den Hauptgewinn – ebenfalls ohne grossen Widerstand.

Wie anfänglich gesagt: Was am Schluss passiert und weshalb, habe ich nicht ganz kapiert. Ist aber eben auch egal. Viel spannendere Fragen werden nur andeutungsweise aufgelöst: Wer ist wirklich der Vater von Teresa? Und keimt da eine neue Liebe zwischen Sam und einer weiteren Witwe?

Eine Frau in einem Kellerclub vor einem Mikrofon.
Marguerite (Louise Bourgoin) findet in ihrem Club Ablenkung von ihrer schwierigen Beziehung zu ihrem kriegstraumatisierten Mann. © AMC
Der neue Sam Spade ist reifer und ruhiger

Clive Owen schlägt sich sehr gut in der Rolle des ikonischen Privatdetektivs. Er muss aber auch nicht befürchten, dass er dauernd mit Humphrey Bogart verglichen wird, der Sam Spade im Film-noir-Klassiker «The Maltese Falcon» (1941) ein Denkmal gesetzt hat.

Denn Owens Sam ist eine reifere und ausgeglichenere Version. Die weist zwar einige Ähnlichkeiten auf mit dem Vorgänger wie etwa seine schnippische Schlagfertigkeit oder einen gewissen Zynismus. Aber Monsieur Spade legt mehr Wert auf Ruhe und Zufriedenheit. Und er kommt einiges empathischer rüber, als man das mit Bogart im Hinterkopf erwarten würde.

«Monsieur Spade» wurde als Mini-Serie angekündigt. Mich würde es aber nicht erstaunen, wenn der Sender AMC sich nach der sehr guten Resonanz auf die Serie eine zweite Staffel überlegen würde. Clive Owen, so ist zu vernehmen, wäre sofort dabei. Meine Bitte wäre dann nur, dass sich Sam eines Falls annimmt, der besser nachvollziehbar ist.

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Besetzung: Clive Owen | Cara Bossom | Denis Ménochet | Louise Bourgoin | Chiara Mastroianni | Stanley Weber | Matthew Beard | Jonathan Zaccaï | Rebecca Root | Clotilde Mollet | Oscar Lesage
Serie entwickelt von: Tom Fontana | Scott Frank
Genre: Krimi | Thriller | Historie
USA, 2024

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