You Don’t Know Me (Mini-Serie) – Dieses Gerichtsdrama enttäuscht die Erwartungen

Läuft bei: Netflix (Mini-Serie, 4 Episoden à 60 Min.)

Hero (Samuel Adewunmi) steht wegen Mordes vor Gericht. Er soll den Drogenhändler Jamil (Roger Jean Nsengiyumva) erschossen haben.

Erdrückende Beweislast

In ihrem Schlussplädoyer fasst die Staatsanwältin die erdrückende Beweislast zusammen: Schiesspulver an Heros Händen, die Mordwaffe in seiner Wohnung, Bilder einer Überwachungskamera zeigen Heros Auto auf dem Weg zum Tatort, seine Handydaten belegen, dass er am Tatort war.

Dann steht Hero auf. Er hat bisher kein Wort vor Gericht gesagt. Jetzt will er das Schlussplädoyer der Verteidigung selber halten und die Geschworenen von seiner Unschuld überzeugen. Er will seine Geschichte, die wahre Geschichte erzählen.

Alles beginnt mit seiner neuen Freundin

Die beginnt damit, wie er seine Freundin Kyra (Sophie Wilde) kennenlernt. Bald zieht sie bei ihm ein. Eines Tages klopft ein grimmiger Typ an die Tür und redet mit Kyra. Am nächsten Tag ist sie verschwunden.

Ein Mann mit braunem Mantel und roter Krawatte sitzt im Bus. Hinter ihm eine Frau, die ein Buch liest.
Hero trifft Kyra zum ersten Mal im Bus auf der Fahrt zur Arbeit. © Netflix

Hero sucht sie wochenlang vergeblich, bis er einen Hinweis erhält. Er findet Kyra, die als Prostituierte für eine Gang arbeitet – arbeiten muss, um ihren Bruder zu schützen.

In Gangrivalitäten verwickelt

Hero beschafft sich bei Jamil eine Waffe und befreit Kyra. Doch die Gang kommt sie suchen. Eine andere Gang in seinem Gebiet stört die Geschäfte von Jamil.

Er setzt Hero unter Druck, dass er Kyra an die Gang ausliefert. Die Situation eskaliert, bis Jamil mit einer Kugel im Kopf in einer Gasse endet.

Einschätzung

Gerichtsdramen können äusserst spannend und unterhaltsam sein. «You Don’t Know Me» ist weder das eine noch das andere. Zu langsam wird die Geschichte erzählt, zu repetitiv ist Heros Plädoyer vor Gericht, und viel zu unbefriedigend ist der Schluss.

Schöne Liebesgeschichte, aber langfädig erzählt

Natürlich ist es eine schöne Liebesgeschichte, die Hero vor den Geschworenen ausbreitet. Er trifft Kyra im Bus, blitzt ein paar Mal ab, lädt sie zu Spaghetti Carbonara ein, deren Zubereitung er x-mal übt, bis sie ihm perfekt gelingen.

Man hat es schnell begriffen, dass er sie liebt und sie ihn schliesslich auch. Schneller, als es Hero vor Gericht erzählt.

Fesselnde Milieubeschreibung? Eher nicht

«I loved her» ist eine der Aussagen, die er dauernd wiederholt. «I sold cars. I loved my job» eine andere. Und natürlich ist er ein «family man» – Mutter und Schwester über alles. Das alles soll belegen, wie normal er war, bevor das Schicksal grausam zuschlug und ihn in die Abgründe des Bandenmilieus verschlug.

Die Schilderungen dieses Milieus seien in der Buchvorlage von Imran Mahmood «fesselnd und lebendig» schreibt der Guardian. Das kann man der Serie nicht attestieren.

Der Schluss ärgert richtig

Das Problem mag die Ich-Erzählung sein. Alles wird nur aus der Sicht von Hero geschildert. Da erhält ein Charakter wie Jamil keine Tiefe, keinen Hintergrund. Wir erleben ihn immer nur von aussen.

Ein Mann in weisser Kleidung redet aufgeregt auf einen anderen Mann in einem beigen Mantel ein.
Wer hat Jamil (links) getötet? Hero sagt, er war es nicht. © Netflix

Richtig ärgerlich ist der Schluss. Wie lautet das Urteil der Geschworenen? Die Serie präsentiert beide Verdikte: schuldig wie auch nicht schuldig. Es lässt sich nicht entschlüsseln, welches Urteil gilt.

Die Überraschungen reimt man sich schnell zusammen

Das soll wohl die Zuschauenden in die Rolle der Geschworenen versetzen und sie ihr Urteil fällen lassen. Nur: Wir kennen ja die Wahrheit. Die wird zwar auch noch ein bisschen verdreht erzählt.

Schon in der Mitte der Serie kann man sich aber ausdenken, worauf Hero vor Gericht hinaus will, sprich: wen er als Täter:in beschuldigen wird. Anfangs der letzten Episode deutet eine Szene klar daraufhin, dass das aber gar nicht stimmt. Als enthüllt wird, wer Jamil wirklich getötet hat, ist man bestenfalls bestätigt, aber kaum überrascht.

Viel vorgenommen, zu wenig geliefert

Man merkt, was «You Don’t Know Me» sich alles vorgenommen hat. Ein Gerichtsdrama, das einem die tragischen Geschichten seiner Figuren ans Herz legen will, und am Schluss mit mehreren Plottwists überraschen soll. Aber alles ist zu durchsichtig konstruiert und zu geschwätzig erzählt, um zu funktionieren.

Wie viele Sterne gibst du «You Don't Know Me»?

Besetzung: Samuel Adewunmi | Sophie Wilde | Bukky Bakray | Roger Jean Nsengiyumva | Badria Timimi | Michael Gould
Genre: Krimi | Drama
GB, 2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.