

ZDF (Mini-Serie, 6 Episoden à 45 Min.)
Dr. Ruja Ignatova zählt zu den grössten Finanzbetrügerinnen der Geschichte. Fast zehn Jahre nach ihrem Verschwinden steht sie noch immer auf der «Most Wanted»-Liste von FBI und Europol. «Take the Money and Run» erzählt ihre Geschichte – und genau darin liegt das Problem.

Die True-Crime-Story über die angebliche Kryptowährung OneCoin fast ausschliesslich aus der Perspektive der Täterin zu erzählen, ist bei einem Verbrechen dieses Ausmasses der falsche Ansatz. Die Deliktsumme liegt bei über vier Milliarden Dollar, Millionen von Anleger:innen auf der ganzen Welt wurden betrogen.
Die Geschichte der verschwundenen Cryptoqueen
Ruja Ignatova kam 1990 als Zehnjährige mit ihrer Familie aus Rumänien nach Deutschland. Sie war eine gute Schülerin, übersprang Klassen und machte Abitur. Sie studierte Rechtswissenschaften und promovierte 2005.
2010 trat sie als Geschäftsfrau in Erscheinung. Gemeinsam mit ihrem Vater kaufte sie ein Gusswerk, das sie zwei Jahre später wieder verkaufte. Vorher hatte sie das Werk allerdings ausgeschlachtet und Geld abgezweigt. 2016 wurde sie wegen Betrugs zu 14 Monaten auf Bewährung verurteilt.
Die Kryptowährung ohne Blockchain
Zu diesem Zeitpunkt lief ihr nächstes Projekt bereits. 2013 gründete sie mit einem Partner die Kryptowährung OneCoin. Für den Vertrieb zogen die beiden ein Schneeballsystem auf. Sie betrieben weltweit Werbung und Ruja Ignatova begeisterte Tausende bei ihren Auftritten, unter anderem 2016 in der Wembley Arena.

Über die nächsten vier Jahre verkaufte OneCoin Pakete für über 4 Milliarden Dollar. Das Problem dabei: Für die Kryptowährung existierte nie eine Blockchain. OneCoin war nie eine echte Kryptowährung.
Anfang Oktober 2017 erging der erste Haftbefehl gegen Ruja Ignatova. Am 25. Oktober tauchte sie unter, zuletzt wurde sie auf einem Flug von Sofia nach Athen gesehen.
Lebt sie in Luxus oder wurde sie ermordet?
Einige ihrer Geschäftspartner wurden gefasst und verurteilt. Sebastian Greenwood, Mitbegründer von OneCoin, erhielt 2023 eine 20-jährige Haftstrafe. Ihr Bruder Konstantin kooperierte mit den Behörden und ist seit 2024 wieder auf freiem Fuss. Nach anderen, wie ihrem Sicherheitsberater Frank Schneider, wird weiterhin gefahndet.
Von Ruja Ignatova fehlt jede Spur. Spekulationen über ihren Verbleib reichen von einem Luxusleben in Dubai bis zu einem anonymen Dasein in Frankfurt oder gar ihrer Ermordung durch die rumänische Mafia.
Die Versuchung, den Aufstieg vom rumänischen Einwandererkind zur charismatischen «Cryptoqueen» zu zeigen, ist nachvollziehbar. Doch als Drehbuchautorin sollte man ihrem Charisma und der glamourösen Welt, in der sie lebte, nicht selbst erliegen.
Erfundener Hintergrund statt Fakten
Denn Ruja Ignatova ist – oder war – letztlich nur eine selbstsüchtige, skrupellose Betrügerin. Die Serie deutet dies an, zeigt sie aber meist von einer menschlichen Seite. Die Produzenten wollten ein Psychogramm zeichnen, doch es wirkt oft wie eine Rechtfertigung.

Es mag ja sein, dass ihre Mutter dem mittellosen Einwandererkind eingebläut hat: «Nimm dir, was du kriegen kannst». Dass sie eine fürsorgliche Schwester war, eine leidenschaftliche Liebhaberin, eine hilfsbereite Freundin und eine Mutter, die litt, als sie ihr Kind verlassen musste. Aber davon ist wenig belegt, das meiste ist reine Fiktion.
Zu oft schwelgt die Serie auch in Bildern des Luxuslebens, das Ruja Ignatova führte. Prächtige Häuser, protzige Autos, Privatjets, ausschweifende Partys, auf denen der Champagner in Strömen fliesst.
Eine faszinierende Geschichte falsch erzählt
Die Opfer kommen kaum zu Wort. Erzählt wird einzig die rührselige Geschichte einer Tochter, die für ihre schwer verunfallte Mutter sorgt und mit OneCoin ein neues Badezimmer finanzieren will. Ebenfalls nur am Rande tauchen Ermittler:innen der Strafverfolgungsbehörden auf, die zudem nicht sonderlich kompetent wirken.

Das ZDF hat die Chance verpasst, eine faszinierende und gleichzeitig verstörende Geschichte zu erzählen. Denn die Cryptoqueen war unbestritten eine schillernde Frau, die die Sehnsucht von vielen nach dem grossen Geld zu nutzen wusste, um sich selber rücksichtslos zu bereichern.
Wer diese Geschichte hören will, sollte sich den BBC-Podcast «The Missing Cryptoqueen» herunterladen, der schon vor sieben Jahren herauszufinden versuchte, wer Dr. Ruja Ignatova war und was aus ihr geworden ist. In diesen Wochen werden neue Folgen publiziert. Ich bin darauf gespannt.
Besetzung: Nilam Farooq | László Branko Breiding | Charlie Petersson | Ferdinand Lehmann | Tina Balthazar | Jana Kozewa | Andreas Anke | Mads Korsgaard | Jana Julia Roth
Genre: True-Crime | Biografie | Drama
D, 2026












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