Vikings: Valhalla (Staffel 2) – Viel Blut, viele Tränen und eine:r reist nach Valhalla

Serienposter mit Schriftzug. Zwei Männer und eine Frau mit Schwertern und Äxten bewaffnet stehen in einer winterlichen Landschaft.
3 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (2 Staffeln, 16 Episoden à 45 Min.)

=> «Vikings Valhalla» Staffel 1

Üblicherweise verbinden wir Wikinger mit nördlichen Gefilden, allenfalls mit ihren Reisen nach Westen, wo sie Island besiedelten und Amerika entdeckten. Auf eine andere Route führt uns die zweite Staffel von «Vikings: Valhalla», nach Osten und in den Süden.

Harald will den Thron

Nach der Schlacht um Kattegat haben sich Freydis (Frida Gustavsson) und Harald (Leo Suter) zurückgezogen und leben versteckt im Wald. Harald träumt aber immer noch davon, König von Norwegen zu werden. Deshalb will er zurück nach Kattegat.

Dort ist Haralds Bruder Olaf (Jóhannes Haukur Jóhannesson) als Verlierer der Schlacht eingekerkert. Doch anstatt den Vikinger hinzurichten, macht ihn der siegreiche Forkbeard zur rechten Hand und Beschützer seines Enkels, den er als neuen König von Norwegen proklamiert. Forkbeard nimmt allerdings Olafs Sohn als Geisel, um sicherzustellen, dass Olaf nicht auf dumme Gedanken kommt.

Zwei bärtige Männer und Frau bewaffnet mit Pfeil und Bogen wandern durch eine hügelige Landschaft.
Nur zu Beginn sind Freydis (Frida Gustavsson), Harald (Leo Suter) und Leif (Sam Corlett) gemeinsam unterwegs. Bald trennen sich ihre Wege. © Netflix

Da Harald für den neuen König eine Bedrohung darstellt und Olaf ja sowieso noch eine Rechnung mit ihm offen hat, lässt er nach seinem Bruder suchen. Nur knapp entkommen Harald und Freydis den Häschern von Olaf. Das verdanken sie Leif Erikson (Sam Corlett), der sie noch rechtzeitig warnen kann.

Die Suche nach den alten Göttern und neuen Reichtümern

Die drei fliehen, trennen sich allerdings. Freydis reist nach Jomsborg, wo die Wikinger, die dem alten Glauben treu geblieben sind, Schutz finden vor der Verfolgung durch ihre christianisierten Stammesgenossen. Doch der Herrscher von Jomsborg ist keineswegs nur ein Gutmensch. Er beutet die Schutzsuchenden hemmungslos aus, was Freydis nicht hinnehmen will und selber in Gefahr gerät.

Leif begleitet Harald zuerst nach Novgorod, wo Harald die Unterstützung seines Onkels sucht, um mit einer Armee seinen Anspruch auf den Thron durchzusetzen. Da er ihm nicht helfen kann oder will, reisen Harald und Leif mit einer illustren Schar auf einem Schiff weiter nach Konstantinopel. Eine Reise voller Gefahren und unliebsamer Überraschungen.

Drei junge Frauen blicken wütend auf einen gefesselten Mann. Eine Frau hält ein blutiges Messer in der Hand.
Mit auf dem Schiff nach Konstantinopel: Versklavte Frauen, die sich an ihrem Peiniger rächen werden. © Netflix

Der letzte Schauplatz ist London. Dort wartet Königin Emma (Laura Berlin) auf die Rückkehr ihres Mannes vom Schlachtfeld. Ihre Situation ist in Abwesenheit des Königs nicht ungefährlich, man trachtet ihr nach dem Leben. Earl Godwin (David Oakes) verhindert einen Giftanschlag auf die Königin. Doch sie hegt Zweifel an Godwins Loyalität, nicht ganz unberechtigt, wie sich zeigen wird.

Die Fehden werden persönlicher

Mit Freydis und ihrer Reise nach Jomsborg wird immer noch das Thema der Spaltung der Wikinger in Christi:nnen und Anhänger:innen des alten Glaubens weiterverfolgt. Allerdings sind die Fehden und Kämpfe auf einer viel persönlicheren Ebene angelangt.

Mehrere Frauen auf einem Platz. Eine schwangere Frau hält ihre Hände unter dem gewölbten Bauch.
Freydis verschweigt Harald, dass sie ein Kind bekommt von ihm. Der Sohn wird in Jomsburg geboren und ihr weggenommen. © Netflix

Freydis kämpft nicht nur gegen die Unterjochung der Flüchtlinge in Jomsburg. Sie kämpft vor allem für ihren neugeborenen Sohn, wenn sie gegen den brutalen Herrscher von Jomsburg antritt. Leif wird verfolgt vom Geist seiner verlorenen Liebe und findet eine neue. Und nicht zuletzt schmiedet Godwin seine hinterhältigen Pläne, um das Unrecht, das seiner Familie angetan wurde, zu tilgen.

Da ist also alles drin: Liebe, Kampf und Intrige. Es fliesst viel Blut und viele Tränen. Am Ende wird eine der bisherigen Hauptfiguren seitlich mit einem Speer aufgespiesst und nach Valhalla geschickt. Spannung genug also, um die Reise der Wikinger interessiert weiter zu verfolgen.

Wie viele Sterne gibst du «Vikings: Valhalla» (Staffel 2)?
0 Stimmen

Besetzung: Sam Corlett | Leo Suter | Frida Gustavsson | Jóhannes Haukur Jóhannesson | David Oakes | Laura Berlin | Bradley Freegard
Serie entwickelt von: Jeb Stuart
Genre: Historie | Abenteuer
USA, 2023

1899 (Staffel 1) – So mysteriös wie «Dark», aber (noch) nicht so packend

Serienpost mit Schriftzug. In der Mitte eine fallende Frau. Auf den Seiten Meer und zwei Schiffe.

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 55 Min.)

«1899» kann einem fast etwas leidtun. Die Serie tritt in so grosse Fussstapfen, diese Erwartungen kann sie fast unmöglich erfüllen. Falls es jemand noch nicht weiss: «1899» ist Nachfolgeprojekt der beiden Macher:innen von «Dark».

Mysterien auf hoher See

Mit «Dark» haben Baran bo Odar und Jantje Friese Massstäbe gesetzt und das nicht nur für den deutschsprachigen Raum. Der deutsche Mystery-Thriller in drei Staffeln war eine der faszinierendsten Streamingserien, die es bis dahin zu sehen gab.

Jetzt also der nächste Streich des Serienproduzent:innen-Paares. «1899» spielt auf hoher See. Der Passagierdampfer «Kerberos» ist unterwegs nach Amerika. An Bord über 1400 Passagier:innen. Eine paar Reisende aus der ersten Klasse lernen wir näher kennen, auch eine Gruppe von Drittklasspassagier:innen, die unter Deck weggesperrt sind.

Ein Mann mit dem Rücken zur Kamera steht vor einer Ansammlung von Menschen.
Bei den Passagier:innen kommt keine Freude auf, dass ihre Reise nach Amerika durch die Suche nach einem verschwundenen Schiff verzögert wird. © Netflix
Das Geisterschiff

Die Reise ändert ihren Verlauf, als die «Kerberos» mysteriöse Signal empfängt. Sie stammen vermutlich vom Schwesterschiff «Prometheus», das vor vier Monaten spurlos verschwunden ist. Kapitän Eyk Larsen (Andreas Pietschmann) befiehlt sehr zum Missfallen der Passagier:innen, Kurs auf die «Prometheus» zu nehmen.

Nur Maura Franklin (Emily Beecham) stört sich nicht an dem Abstecher. Ihr Bruder war auf der «Prometheus». Deshalb erklärt sie sich bereit, mit auf das Schiff zu gehen, als es gesichtet wird.

Der Junge mit der Pyramide

Doch die «Prometheus» ist menschenleer. Keine Spur von den Passagier:innen. Der Kapitän und seine Begleiter:in finden dann aber doch noch jemanden: einen Buben, der in einen Schrank eingesperrt war und kein Wort spricht.

Ein Junge mit schwarzen Haaren. Er hält den Zeigefinger vor den Mund.
Er wüsste wohl, was mit der «Prometheus» passiert ist. Aber er macht den Mund nicht auf. © Netflix

Damit beginnt jetzt also das Rätselraten: Was geschah auf der «Prometheus»? Wer ist der Junge? Was hat es mit der Pyramide auf sich, die er bei sich trägt? Und was will der Mann, der offenbar auch auf der «Prometheus» war und sich an Bord der «Kerberos» schlich?

Alle fliehen vor der Vergangenheit

Es dauert seine Zeit, bis es auf diese Fragen die ersten und wie nicht anders zu erwarten irritierende Lösungshinweise gibt. Vorab erfahren wir noch mehr über die Passagiere. Denen ist eines gemeinsam: Sie flüchten vor ihrer Vergangenheit.

Das alles dauert etwas lange. Die Geschichte verliert sich in den vielen Mysterien, die nach und nach enthüllt werden. Am Ende der ersten Staffel ergibt einiges davon Sinn.

Eine Frau und ein Mann blicken sich an.
Maura Franklin (Emily Beecham) und Kapitän Larsen (Andreas Pietschmann) werden mit Ereignissen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. © Netflix
Ein (zu) langer Weg zum grossen Geheimnis

Aber zu viele Storys, die über die Passagier:innen erzählt werden, sind dann doch nicht so zwingend für das ganz grosse Mysterium, das in den letzten Szenen enthüllt wird. Ohne jetzt «Dark» nochmal geschaut zu haben: Dort habe ich das nicht so in Erinnerung.

Die Rätsel, die «1899» den Zuschauer:innen aufgibt, halten einen aber dennoch bei der Stange. Dass alles sowieso ganz anders kommt, als man es sich im Verlauf der Episoden zusammenreimt, überrascht am Schluss kaum. Sonst wäre es keine bo Odar-Friese-Serie. Das Verwirrspiel von Schein und Sein beherrschen die beiden perfekt.

Wie viele Sterne gibst du «1899» Staffel 1?
1 Stimme

Besetzung: Emily Beecham | Andreas Pietschmann | Aneurin Barnard | Miguel Bernardeau | José Pimentão | Yann Gael | Maciej Musial | Lucas Lynggaard Tønnesen
Serie entwickelt von: Baran bo Odar | Jantje Friese
Genre: Mystery | Drama | Historie
D, 2022

The Crown (Staffel 5) – Der voyeuristische Blick auf den royalen Scheidungsstreit

Serienposter mit Schriftzug. Im Vordergrund unscharf das Gesicht einer Frau und eines Mannes. Im Hintergrund scharf eine Frau mit grauen Haaren und einem Diadem.
Schriftzug in Gold: Serien-Tipp Nr. 100
4 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (5 Staffeln, 60 Episoden à 45 Min.)

Hat «The Crown» ihren Glanz verloren? Die britische Presse geht teilweise hart ins Gericht mit der fünften Staffel. Es sei Zeit, die Serie endgültig abzusetzen, fordert der Guardian. Die BBC beschreibt sie als durchaus spannende, aber schlecht erzählte Seifenoper.

Die erfundenen Szenen sind die stärksten

Als Grundtenor ist rauszuhören: Es sei schon alles gesagt über die Windsors, deshalb verliere sich die Serie in langweiligen Nebengeschichten oder unnötigen Wiederholungen.

Eine Frau im grünen Kleid und mit Hut umgeben von festlich gekleideten Männern.
Elizabeth (Imelda Staunton) bei ihrer Rede zum 40-jährigen Thronjubiläum, in der sie das Jahr 1992 als «annus horribilis» für ihre Familie bezeichnet. Es wird noch schlimmer kommen. © Netflix

Ich komme nicht zu diesem Schluss. Der voyeuristische Blick hinter die Fassade des Königshauses, der die Serie ausmacht, funktioniert weiter bestens. Auch oder gerade weil vieles davon reine Fiktion ist, die um historische Ereignisse und Personen drapiert ist. Diese erfundenen Szenen, ob mit Haupt- oder Nebenfiguren, sind oft die stärksten Momente in «The Crown».

Der Traum endet in der Tragödie

Ein Erzählstrang hat mich aber zuerst auch irritiert. «The Crown» widmet eine ganze Episode Mohamed Al-Fayed. Ein bisschen viel Aufmerksamkeit für eine Figur, die nur als Vater von Dianas späterem Geliebten Dodi erwähnenswert scheint.

Eine lächelnde junge Frau sitzt neben einem älteren Mann.
Eine schicksalhafte Begegnung: Beim Pferderennen treffen sich Mohamed Al-Fayed (Salim Daw) und Diana (Elizabeth Debicki) zum ersten Mal. © Netflix

Es liegt aber auf der Hand, was die Serie beabsichtigt. Mohamed Al-Fayed ist seit seiner Jugend ein Bewunderer der britischen Monarchie. Als er es vom Strassenverkäufer zum reichen Mann geschafft hat, versucht Al-Fayed, sich Zugang zum britischen Adel und zum Königshaus zu erkaufen.

Reichlich Drama am Königshaus

Sein grosser Traum wird in Erfüllung gehen. Dank einem Treffen, das er arrangiert, werden Diana und sein Sohn Dodi in der nächsten Staffel ein Paar. Doch Mohameds Traum wird am 31. August 1997 in einer Tragödie enden. Diese Vorgeschichte zum Desaster, das kommen wird, passt zu den royalen Dramen, die «The Crown» erzählt.

Auch in der aktuellen Staffel gibt es reichlich Dramen. Prinz Philip befreundet sich mit einer jüngeren Frau. Die Beziehungen der Königskinder brechen auseinander, allen voran die Ehe von Charles und Diana. Die Trennung und spätere Scheidung des Thronfolgerpaars geschieht nicht still und vornehm, wie sich das die Königin wünschen würde, sondern laut und hässlich.

Eine Frau sitzt vor einem grossen Gemälde auf einem Sofa. Ihr gegenüber eine Frau und ein Mann auf Sesseln.
Diana und Charles (Dominic West) bei der Audienz mit der Königin, in der Elizabeth resigniert der Scheidung zustimmt. © Netflix
Charles und Diana fast versöhnt am Küchentisch

Die Klatschpresse druckt intime Telefonate zwischen Charles und Camilla Parker-Bowles ab. Diana gibt Martin Bashir ihr berühmtes BBC-Interview, in dem sie mit Charles und den Windsors abrechnet.

Der «War of the Waleses» gipfelt in «The Crown» aber nicht im Scheidungsstreit, sondern in Charles‘ Besuch bei Diana im Kensington Palace nach der Scheidung. Die beiden sitzen am Küchentisch und beklagen ihre gescheiterte Beziehung. Was versöhnlich und berührend beginnt, endet trotzdem im Zwist. Eine der stärksten Szenen von «The Crown».

Die Rehaugen als PR-Waffe

Fast etwas überraschend ist, wie ausbalanciert «The Crown» die Sympathien verteilt. Es ist nicht einfach böse Windsors gegen arme Diana – oder umgekehrt. Bei allem Mitgefühl für Diana wird klar, dass sie ihren berühmten Augenaufschlag sehr berechnend einsetzt. Und Charles und Camilla wird so etwas wie Verständnis und Empathie für ihre Situation zuteil.

Eine blonde Frau mit halb gesenktem Kopf und dem Blick nach oben.
Dianas treuherziger Blick beim Enthüllungsinterview mit der BBC. © Netflix

Die Queen und ihr Prinzgemahl machen inmitten der Skandale nicht die beste Figur. Ihr verstaubter viktorianischer Monarchiebegriff ist wenig hilfreich in der Krise, in der sich das Königshaus befindet. Es könnte sie dasselbe Schicksal ereilen wie die königliche Jacht Britannia. Ein Relikt aus glorreichen Tagen, das in die Jahre gekommen ist – und am Ende ausser Dienst gesetzt wird.

Die Queen wird nicht stillgelegt

Natürlich wird die Queen nicht stillgelegt wie ihre geliebte Jacht. Auch wenn Charles mehrmals die Idee propagiert, dass er frühzeitig übernehmen und die Monarchie erneuern könnte. 30 Jahre später sind wir an diesem Punkt angelangt. Mal schauen, was Charles III. verändern wird.

In «The Crown» werden wir nie so weit kommen. Die sechste Staffel wird die letzte sein. Und wir wissen schon, welcher Schicksalsschlag die Windsors ereilen wird. Was sich wohl nach dem Tod von Diana alles im Buckingham Palace ereignet hat? Wir dürfen gespannt sein, was sich «The Crown» dazu einfallen lässt.

Wie viele Sterne gibst du «The Crown» Staffel 5?
8 Stimmen

Besetzung: Imelda Staunton | Jonathan Pryce | Dominic West | Elizabeth Debicki | Claudia Harrison | Lesley Manville | Jonny Lee Miller | Olivia Williams | Claire Foy | Natascha McElhone
Serie entwickelt von: Peter Morgan
Genre: Historie | Drama
GB, 2022

Babylon Berlin (Staffel 4) – Morgenröte des Faschismus

Serienposter mit Schriftzug. Ein Mann und eine Frau je mit halber Gesichtshälfte erkennbar. Im Hintergrund eine Tanzhalle. In der Mitte ein roter Streigen mit SA-Leuten.
Fünf goldene Sternen

Läuft bei: Sky Show (4 Staffeln, 40 Episoden à 45 Min.) / ARD ab 2023

Es ist verstörend, wie wir Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) in der Silvesternacht 1930 wieder begegnen. Rath trägt eine SA-Uniform. Zusammen mit ein paar Dutzend Gesinnungsgenossen marodiert er durch die Strassen Berlins. Sie verprügeln jüdische Passanten und zertrümmern die Schaufenster jüdischer Geschäfte.

Der Faschismus unterwandert das System

Auch Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ist entsetzt, als sie Rath in Uniform sieht. Sie wird erst viel später erfahren, was es mit Raths Mitgliedschaft in der SA auf sich hat. Bis dahin will sie nichts mehr von ihm wissen.

Die vierte Staffel «Babylon Berlin» rückt den aufkommenden Nationalsozialismus ins Rampenlicht. Die Nazis sind politisch zwar immer noch eine Randerscheinung. Es gibt auch einen parteiinternen Putschversuch gegen Hitler, den die Serie thematisiert. Aber der Faschismus gewinnt an Boden und unterwandert langsam das System.

Drei Männer in braunen Uniformen. Einer sitzt am Tisch und raucht.
SA-Mann Walther Stennes (Hanno Koffler, Mitte) plant einen Coup gegen die Münchner Parteizentrale der NSDAP. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Das jüdische Berlin als Kontrast

In Kontrast dazu steht die Geschichte um Abraham Goldstein (Mark Ivanir). Mit ihm tauchen wir ein in das jüdische Leben in Berlin in dieser Zeit. Eine Welt, die «ein substanzieller Bestandteil der Stadt war und das Leben prägte und befruchtete», wie Regisseur Tom Tykwer betont.

Abe Gold, wie er sich jetzt nennt, ist allerdings nicht zum Vergnügen aus den USA nach Berlin gereist. Ein Schmuckstück ist aufgetaucht, das seiner Familie gestohlen wurde. Der Diamant ist im Besitz einer wohlbekannten Figur: Alfred Nyssen (Lars Eidinger).

Zwei Männer in Mänteln und mit Hüten stehen vor einem Backsteineingang.
Jakob Grün (Moisej Bazijan, rechts) hat den «Blauen Rothschild» wiederentdeckt, ein Diamant, der der Familie von Abraham Goldstein (Mark Ivanir) gehörte. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Nyssens Anfälle – ein Genuss

Er kennt den Hintergrund nicht, wie der Diamant in den Safe seiner Familie kam. Das kümmert Goldstein wenig. Er erpresst Nyssen, entführt seine Frau und seine Mutter, um den Stein wiederzubekommen.

Nyssen bekommt darauf einen seiner theatralischen Anfälle, färbt sich die Haare weissblond und spielt sich seine Verzweiflung an der Orgel vom Leib. Lars Eidinger zuzuschauen, wie er den exaltierten Firmenerben spielt, ist ein Genuss.

Aber zurück auf die Strassen von Berlin. Dort liefern sich die Ringvereine einen blutigen Bandenkrieg. Gereon Rath will den mit einer sehr ungewöhnlichen Idee beenden. Charlottes Schwester Toni (Irene Böhm) wird von korrupten Polizisten gejagt. Dahinter versteckt sich ein grösserer Skandal, dem Charlotte langsam auf die Spur kommt.

Eine junge rothaarige Frau in einem schäbigen Mantel und in Handschellen wird von einem Polizisten abgeführt. Im Hintergrund eine Landkarte.
Weil sie zu viel weiss, trachten Toni Ritter (Irene Böhm) ein paar korrupte Polizisten nach dem Leben. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Beeindruckendes Zeitgemälde

Das ist bei weitem nicht alles, was zu sehen ist. Es wird spioniert. Im Boxring kämpft Johann «Rukeli» Trollmann, fiktiv der Halbbruder von Charlotte, tatsächlich eine historische Figur. Und im Moka Efti wird bei einem Marathon getanzt bis zum Umfallen.

«Babylon Berlin» überzeugt auch in der vierten Staffel als beeindruckendes Zeitgemälde. Starke Figuren inmitten von Dramen, Verbrechen und ein paar wenigen Momenten des Glücks und der Freude in einer Zeit des radikalen Umbruchs. Diese Serie darf gerne noch lange weitergehen, wenn sie diese Qualitäten beibehält.

Max Raabe schrieb den Song zur vierten Staffel «Ein Tag wie Gold». Video unbedingt ansehen! Bietet einen fantastischen Blick auf die Stimmung der Serie.

Volker Bruch und die «Querdenker»

Bleibt noch die Frage: Wie stark schadet Hauptdarsteller Volker Bruch der Serie? Seine Eskapaden in die Untiefen der «Querdenker»-Szene gaben viel zu reden.

Die Regisseure zeigten sich in einem «Spiegel»-Interview zwar leicht über Bruch genervt. Mehr aber noch über die vielen Journalistenfragen dazu. Weil diese Diskussion davon ablenke, sagt Tykwer, dass die vierte Staffel «die politisch druckvollste [ist] und ein klares antifaschistisches Statement». Und dazu leistet Bruch als Gereon Rath seinen Beitrag.

Ein Mann mit Hut, Anzug und hellbraunem Mantel im Nebel.
Möglich, dass Volker Bruchs Sinne etwas vernebelt sind. Seinem Auftritt als Gereon Rath tut das keinen Abbruch. © Frédéric Batier/ARD/SKY
Immun gegen Empörungsaktivismus

Tatsächlich war auch kaum was zu sehen von Shitstorm oder Boykottaufrufen gegen die Serie. Erfreulich, dass herausragende Unterhaltungskunst immun sein kann gegen Empörungsaktivismus.

Wie viele Sterne gibst du «Babylon Berlin» Staffel 4?
31 Stimmen

Besetzung: Volker Bruch | Liv Lisa Fries | Lars Eidinger | Hannah Herzsprung | Fritzi Haberlandt | Benno Fürmann | Meret Becker | Ronald Zehrfeld | Mark Ivanir
Serie entwickelt von: Henk Handloegten | Tom Tykwer | Achim von Borries
Genre: Drama | Krimi | Historie
D, 2022

Pistol (Mini-Serie) – Als die Wut zu Musik wurde

Serienposter. Vier junge Männer, gezeichnet. Zwei tragen eine Sonnebrille. Einer macht das Victoryzeichen mit seiner Hand. Schriftzüge der Serie.

Läuft bei: Disney+ (Mini-Serie, 6 Episoden à 50 Min.)

England Mitte der 1970er-Jahre: stockkonservativ und verkalkt. So präsentiert Regisseur Danny Boyle das Land in Originalaufnahmen gleich zu Beginn. Und so erleben es die vier, respektive fünf Jungs, die als «Sex Pistols» die Anarchie im United Kingdom ausrufen werden.

«I hate Pink Floyd»? Sicher nicht

Der Teenager aus der Schweiz, der um die Zeit die Insel zum ersten Mal besuchte, erlebte London allerdings mehr als die grosse Erleuchtung. Da gab es Rockopern im Theater, riesige Läden, die nur Platten verkauften, und junge Leute, die alle viel cooler angezogen waren als er und seine Altergenoss:innen zu Hause.

Über die Jahre lernte ich das Land zwar besser kennen und kann die Frustration der Punks nachvollziehen. Aber mit ihrer Musik konnte ich nie viel anfangen. Was ist schon von einem Sänger zu halten, der ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift «I Hate Pink Floyd» (was zwar angeblich gar nicht stimmt)?

Weisses T-Shirt mit Aufschrift "I HATE PINK FLOYD" und den Köpfen der vier Bandmitglieder von Pink Floyd.
Das «I Hate Pink Floyd»-T-Shirt von Johnny Rotten erhielt sogar einen Platz in der Ausstellung «Pink Floyd: Their Mortal Remains». Ich hab’s immerhin fotografiert 😜. CC BY-NC-SA 4.0 Patrick Bürgler
An der Seele des Punks vorbei erzählt?

Vielleicht sind das aber die besseren Voraussetzungen, um «Pistol» zu schauen, als wenn man ein Punk- oder «Sex Pistol»-Fan ist. Mir fehlt das Detailwissen über die Band und die Bewegung.

In einigen kritischen Besprechungen wird «Pistol» das vorgehalten. Die Serie gehe nicht in die Tiefe, erzähle nicht die wahre Geschichte, treffe nicht die Seele der Pistols und des Punks.

Als Kronzeuge dieser Anklage tritt John Lydon (aka Johnny Rotten) auf. Er klagte vor Gericht gegen die «Pistol»-Produktion, weil er mit der Darstellung seiner Person unzufrieden war. Er verlor.

Rohe Kraft und Wut

Lydons Missmut hat viel damit zu tun, dass die Serie auf den Memoiren von Steve Jones basieren. «Lonely Boy: Tales from a Sex Pistol» erzählt die Geschichte vor allem aus der Perspektive des Gründers und Gitarristen der Band. Da dreht sich eben nicht alles um den charismatischen, aber auch egomanischen Frontmann. Johnny Rotten taucht erst in der zweiten Episode auf.

Aus meiner Sicht ein starker Auftritt (im ominösen «Pink Floyd»-T-Shirt). Rotten (Anson Boon) macht nach anfänglichem Zögern deutlich, welch rohe Kraft und Wut er auf die Bühne bringt. Steve Jones (Toby Wallace), der gerne selber Sänger der Band gewesen wäre, muss die Segel streichen.

Vier junge Männer mit zwei Koffern für Musikinstrumente und einem Verstärker.
Die «Sex Pistols» vor einem ihrer ersten Auftritte – als Vorband. © FX / Disney+
Spuckduell mit dem Publikum

Die Auftritte der «Sex Pistols», die danach zu sehen sind, strotzen vor Wildheit und Verstärkern, die zu explodieren drohen. Ob sich die Band ein widerliches Spuckduell mit dem Publikum liefert, in einem Gefängnis die Insassen von den Stühlen reisst oder auf einer Nordengland-Tour die gut frisierten Teenies aus dem Ballsaal rausdröhnt – diese Momente sind stark.

Neben den Pistols bereichern noch weitere eindrucksvolle Charaktere die Serie, die die den rebellischen Zeitgeist verkörpern und vorantreiben. Malcolm McLaren (Thomas Brodie-Sangster), der Manager der Pistols, der (meist) geschickt das Image der Band steuert.

Glorios: Jordan, Queen of Punk

Etwas zu wenig zur Geltung kommt Vivienne Westwood (Talula Riley). Sie war McLarens Partnerin, aber vor allem die Designerin, die dem Punk ein Aussehen gab.

Glorios auch der Auftritt von Jordan (Maisie Williams), die Queen of Punk. Sie fährt zur Arbeit in Westwoods Boutique. Sie trägt einen Rock und einen durchsichtigen Mantel, darunter nichts. Entsetzte und lustvolle Blicke begleiten sie.

Eine Frau mit hochgestylten weissen Haaren und stark schwarz geschminkter Augenpartie.
Jordan (Maisie Williams) wird zur Stil-Ikone des Punks. © FX / Disney+

Im Zug bietet ihr der Schaffner einen Platz in der weniger vollen ersten Klasse an – inklusive gratis Tee und Toast. Das nimmt Jordan dankend an: «Provocateuring does make one quite hungry.»

Chrissie Hynde, die wohl einzige wahre Musikerin in der Runde

Dann ist da noch Chrissie Hynde (Sydney Chandler). Dass sich die Wege der späteren «Pretenders»-Frontfrau tatsächlich mit den Pistols gekreuzt haben, wusste ich nicht. Beweist aber nur wieder meine mangelnden Kenntnisse der Musikgeschichte.

Ihre Beziehung mit Steve Jones erhält viel Raum. Das übertüncht fast etwas zu sehr den grossen Frust, mit dem Hynde zu kämpfen hat. Obwohl sie im Umfeld von McLaren wohl die beste Musikerin ist, bekommt sie von ihm keine Chance.

Zwei Frauen. Eine dunkelhaarig mit grünem Pullover. Die andere blond in einem roten Kleid.
Chrissie Hynde (Sydney Chandler) lernt die «Sex Pistols» über ihren Job bei Vivienne Westwood (Talulah Riley) kennen. © FX / Disney+
Kraftvoll, laut und intensiv

Ihr vermisst Sid Vicious? Er taucht ebenso auf, wie Nancy. Weil die tragische Geschichte dieses Paars aber schon anderweitig oft erzählt wurde (bspw. in «Sid and Nancy», 1986) fokussiert die Serie weniger, aber nicht weniger berührend darauf.

«Pistol» lässt – nochmal: aus der Sicht des Musikinteressierten, aber nicht -Kenners – die Geburtsstunde des Punks und der «Sex Pistols» in einem kraftvollen, lauten und intensiven Zeitgemälde aufleben.

Wie das Fans und Kenner:innen sehen? Lasst es mich wissen.

Wie viele Sterne gibst du «Pistol»?

Besetzung: Toby Wallace | Anson Boon | Sydney Chandler | Jacob Slater | Talulah Riley | Maisie Williams | Thomas Brodie-Sangster | Louis Partridge
Serie entwickelt von: Craig Pearce
Genre: Biografie | Historie | Musik
GB/USA, 2022

Die Kaiserin (Staffel 1) – Sisi darf nicht sterben!?

3 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (1 Staffeln, 6 Episoden à 50 Min.)

Wer kennt sie nicht: Elisabeth Amalie Eugenie von Wittelsbach, genannt Sisi, die in jungen Jahren den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. heiratete und somit zur Kaiserin des habsburgischen Reichs wurde.

Die ungezähmte Rebellin für die Gen Z

Möglich, dass ein paar Angehörige der Gen Z bislang um die «Sissi»-Filme mit Romy Schneider herumgekommen sind. Vielleicht zielt Netflix mit der Neuadaption des Lebens der unglücklichen Kaiserin auf diese Zielgruppe. Einiges spricht dafür.

Showrunnerin Katharina Eyssen inszeniert ihre Kaiserin als «kreatives, ungezähmtes, revolutionäres Geschöpf, das in seiner Zeit keinen Platz hat.» Alles andere als eine starke, unabhängige Frauenfigur würde vermutlich beim jungen Publikum, aber wohl nicht nur dort, in einem Shitstorm untergehen.

Die Kaiserin (Devrim Lingnau) ist wild entschlossen, sich nicht den höfischen Regeln zu unterwerfen. © Netflix

Dass sich die Serie dafür ein paar Freiheiten nehmen muss, versteht sich von selbst. Die Frage ist: Stört es, wenn die Serien-Elisabeth – auf diesen Namen besteht sie – von der historischen Sisi abweicht? Nicht grundsätzlich, denn «Die Kaiserin» will ja keine Dokumentation sein.

Eher bemühend: geschichtsklitternde Sozialromantik

Dass Elisabeth lustvoll mit ihrem Franz Sex hat, während die historische Sisi dem Geschlechtsakt eher abgeneigt gewesen sein soll – was solls? Bemühend wird es allerdings, wenn dem Kaiserpaar eine starke soziale Ader angedichtet wird.

Franz war ein Leben lang überzeugter absolutistischer Herrscher und Sisi benutzte zur Schönheitspflege des Gesichts Rindfleisch, was sich die einfachen Leute nicht einmal zum Essen leisten konnten. Habsburger Monarch:innen als Wegbereiter des sozialen Umbruchs darzustellen, ist aberwitzig und überspannt den Bogen der künstlerischen Freiheit.

Franz Joseph (Philip Froissant) findet sich in der Serie in seiner Herrscherrolle schlecht zurecht. © Netflix
Sisi als Diana der Habsburger

Aber klar: Die Serie bedient hier ein anderes Bild, das sich bereits in der Popkultur verankert hat. Elisabeth als Kaiserin der Herzen. Wie Prinzessin Diana sorgt sich Elisabeth um die Armen und Kranken. Einem Mädchen, das in den giftigen Dämpfen einer Eisengiesserei arbeiten muss, schenkt Elisabeth ihre Schuhe, als sie die löchrigen Lappen sieht, die das Mädchen an den Füssen trägt.

Fun-Facts
• Philip Froissant, der Franz Joseph I. spielt, war noch auf der Schauspielschule, als er die Zusage für die Rolle des Kaisers erhielt.
• Devrim Lingnau, die Elisabeth spielt, hatte die «Sissi»-Filme vorher nie gesehen.
• Als Kulisse für Schönbrunn, den Palast der Habsburger in Wien, diente Schloss Weissenstein in Bayern.
• Der Dokumentarfilm «Sisi – Mythos einer Märchenprinzessin» von 2017 ist auch wieder im Programm des ZDF. Er wird am 6.11. um 9.45 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt. Wer nicht warten mag, hier auf YouTube.
• Das Leben von Maximilian, dem jüngeren Bruder von Franz Joseph, ist wohl weniger bekannt, aber kaum weniger tragisch als jenes von Sisi.

Vielleicht ist der ganze historisch inakkurate Ausflug in die Sozialgeschichte dem englischen Königshaus, respektive der Netflix-Serie «The Crown» geschuldet. Die Windsors sind tatsächlich auf die Akzeptanz im gemeinen Volk angewiesen. Das ist in «The Crown» immer wieder thematisiert.

Eine Revolutionärin unter den Hofdamen

Möglicherweise fühlte sich «Die Kaiserin» deshalb ebenfalls verpflichtet, diesen Faden in die Geschichte einzuspinnen. Allerdings liegen zwischen der britischen Elizabeth und der österreichischen Elisabeth etwa 100 Jahren. Im 19. Jahrhundert war den Monarchen das Volk noch ziemlich schnurz.

Natürlich dient die tatsächlich angespannte Lage im Volk in der Serie auch dazu, um etwas Spannung ins Hofleben zu bringen. Unter Elisabeths Hofdamen hat sich eine Revolutionärin eingeschlichen, die ein Attentat plant: «Für das Volk!»

Prunk und wallende Gewänder kommen in «Die Kaiserin» nicht zu kurz. © Netflix

Aber auch diesen Plot hätte es nicht gebraucht. Es passieren genug Intrigen im kaiserlichen Palast. Elisabeths Schwiegermutter ist zwar nicht bösartig, wie ihr «Sissi»-Pendant, dennoch entschlossen, aus dem aufmüpfigen Mädchen eine würdige Kaiserin zu machen. Und Maximilian plant nichts Geringeres, als seinen Bruder Franz vom Thron zu stürzen.

Haben wir auf eine neue Sisi gewartet? Jein

Bleibt noch die Frage: Braucht es überhaupt eine Neuauflage der alten Geschichte? Eigenlicht nein, denn «Die Kaiserin» ist einfach eine leicht aufgepeppte «Sissi»-Version.

Andererseits kann man sich einfach zurücklehnen, die eleganten Kostüme geniessen und die prunkvollen Kulissen bewundern, in der ein paar nicht unsympathische Menschen ihre Probleme wälzen. Es gibt viele weniger ansprechend gemachte Serien als «Die Kaiserin».

Wie viele Sterne gibst du «Die Kaiserin» Staffel 1?

Besetzung: Devrim Lingnau | Philip Froissant | Melika Foroutan | Johannes Nussbaum | Almila Bagriacik | Wiebke Puls | Elisa Schlott | Jördis Triebel
Serie entwickelt von: Katharina Eyssen
Genre: Romanze | Historie | Drama
D, 2022

A League of Their Own (Staffel 1) – Zum Glück nur wenig Baseball, dafür starke Frauengeschichten

Läuft bei: Amazon (1 Staffel, 8 Episoden à 50 Min.)

1943 droht dem Profi-Baseball in den USA das Aus. Die Männer müssen in den Krieg. Ein Süssigkeiten-Mogul gründet eine Frauenliga (im echten Leben war es der Kaugummi-König Philip K. Wrigley), obwohl er dem Vorhaben wenig Chancen einräumt.

Eine Hausfrau wird zur Profispielerin

Carson Shaw (Abbi Jacobson) ist eine der Frauen, die sich um einen Platz in der Liga bewirbt. Eine Hausfrau aus Idaho, deren Mann in Europa dient. Carson reist zu den Tests nach Chicago und trifft auf Dutzende Frauen, die ihre Leidenschaft für Baseball teilen.

Drei Frauen, sportlich gekleidet, mit Baseball-Ausrüstung. Sie schauen an der Kamera vorbei.
Staunen und Freude: Jo (Melanie Field), Carson (Abbi Jacobson) und Greta (D’Arcy Carden) entdecken, dass sie nicht die einzigen Frauen sind, die sich für Baseball begeistern. © Amazon Studios

Auch Maxine «Max» Chapman (Chanté Adams) will in die Liga. Sie ist eine hervorragende Pitcherin, aber ohne Chancen. Max ist Afroamerikanerin und wird abgelehnt.

Hosen verboten und schminken obligatorisch

Carson wird den «Rockford Peaches» zugeteilt. Dove Porter (Nick Offerman), ein ehemaliger Baseballstar, coacht das Team. Damit alles sittlich zu und hergeht, erhält jedes Team auch eine Anstandsdame, die für Nachtruhe sorgt und angemessene Kleidung.

Hosen sind nämlich verboten. Auch auf dem Platz müssen die «Peaches» in Röcken spielen und erhalten einen Schnellkurs in Schminken. Schliesslich sollen die Sportlerinnen nicht das herrschende Frauenbild unterminieren oder gar die männliche Vorherrschaft in Frage stellen. Das wäre schlecht fürs Geschäft des Sponsors.

Eine junge Schwarze Frau in Sportkleidung und mit einem Baseballhandschuh. Im Hintergrund alte Autos und ein Fabrikgebäude.
Max (Chanté Adams) gibt nicht auf und will im Team der ortsansässigen Schraubenfabrik mitspielen. © Amazon Studios
Eine völlig neue Welt

Max will ihren Traum, Baseball zu spielen, noch nicht aufgeben. Sie nimmt einen neuen Anlauf beim lokalen Fabrikteam, in dem Schwarze mitspielen dürfen. Diesmal wird ihr nicht Rassismus zum Verhängnis, dafür Sexismus. Es scheint, Max wird nie in einem Team spielen.

Die Spielerinnen der «Peaches» erleben nicht nur auf dem Feld eine völlig neue Welt. Für einige wie Carson wird ihr ganzes bisheriges Leben auf den Kopf gestellt.

Einschätzung

Es ist schon fast kühn, dass sich Abbi Jacobson, Hauptdarstellerin und gemeinsam mit Will Graham Autorin der Serie, an die Geschichte der «Rockford Peaches» heranwagt. Denn diese Geschichte wurde schon in einem Film von Penny Marshall im Jahr 1992 erzählt.

Ein viel geliebter Film als Vorlage

Der Film, ebenfalls «A League of Their Own» betitelt, glänzte nicht nur durch seine Starbesetzung mit Geena Davis, Madonna, Rosie O’Donnell und Tom Hanks. Er wurde von Publikum wie Kritiker:innen gleichermassen geliebt– bedingt durch die Sportart vorwiegend in den USA – als eine charmante Komödie, die leichtfüssig, aber nicht unernst ein frühes Kapitel der Frauenbewegung schildert.

Eine blonde Frau in blauem Sportoutfit macht den Spagat. In der linken Hand hält sie einen Baseballhandschuh und eine Baseball.
Referenz an den Film: Maybelle (Molly Ephraim) macht den berühmten Spagat-Ballfang von Geena Davis nach (im Training, deshalb in Hosen 🙂). © Amazon Studios

Hohe Erwartungen also, denen sich das Remake als Serie stellen muss. Aber die Neuauflage enttäuscht keineswegs. Im Gegenteil. Sie fokussiert die Geschichten der Hauptfiguren um auf gesellschaftspolitische Aspekte, die heute aktuell sind. So wirkt sie frisch und neu und nicht als verstaubter Abklatsch eines 90er-Jahre-Films.

Natürlich bleibt der Hauptpunkt die Gleichstellung der Frau in einer Welt, in der männlicher Chauvinismus die Grundkonstante ist. Die «Peaches» verstehen sich zwar nicht als Kämpferinnen für Frauenrechte. Viele hinterfragen ihre Rolle gar nicht. Aber einige entdecken Freiräume, die ihnen vorher unbekannt oder verwehrt waren.

Carson entdeckt ihre unbekannten Seiten

Allen voran Carson. Sie fährt nicht zuletzt nach Chicago, weil ihr Mann angekündigt hat, dass er demnächst aus dem Krieg nach Hause kommen werde. De facto flieht Carson vor ihrem Hausfrauendasein, auch wenn sie sich das nicht wirklich eingesteht.

Ihr neuer Alltag bei den «Peaches» bringt Eigenschaften hervor, die sie an sich nicht kannte. Als der Coach das Team im Stich lässt, übernimmt Carson zögernd den Job und hadert lange mit Selbstzweifel, obwohl sie absolut die Richtige ist für die Aufgabe.

Zwei Frauen stehen an einer Bar und schauen sich gegenseitig an.
Ein bisschen viel mehr als nur Freundinnen: Carson und Greta. © Amazon Studios

Und dann ist da noch Greta (D’Arcy Carden), mit der sie sich anfreundet. Dass diese Freundschaft in Liebe mündet, überwältigt Carson. Lesbisch zu sein, war in ihrem Lebenskonzept nicht vorgesehen.

Rassismus und eine queere Community

Um Max entwickelt sich eine weitere Ebene der Story. Da ist einerseits der alltägliche Rassismus und wie sich die afroamerikanische Gemeinschaft damit arrangieren muss, um nicht in Gefahr zu geraten.

Andererseits ist da ihre Tante Bertie, zu der ihre Mutter jeglichen Kontakt abgebrochen hat. Denn Bertie lebt schon lange als Bert mit einer Frau zusammen. Max nimmt Kontakt auf mit ihrem Onkel und lernt eine völlig unbekannte Welt kennen.

Männer wie hier Coach Porter (Nick Offerman) halten sich zwar für unersetzlich, spielen aber tatsächlich nur Nebenrollen. © Amazon Studios

Die Geschichte der Frauenbaseballliga, die tatsächlich in den 40er-Jahren entstand, ist in «A League of Their Own» nur die Kulisse für ein Sittengemälde der Kriegsjahre in den USA aus der Sicht von Minderheiten und Unterdrückten.

Baseball ist langweilig, aber diese Serie nicht

Das tut die Serie aber nicht mit dem aktivistischen Zeigefinger, sondern mit liebevoll gezeichneten Charakteren, herzerwärmenden Geschichten und humoristischen Episoden. Man muss Baseball nicht mögen, um von dieser Serie sehr angetan zu sein.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «A League of Their Own» Staffel 1?

Besetzung: Abbi Jacobson | Chanté Adams | D’Arcy Carden | Gbemisola Ikumelo | Roberta Colindrez | Kelly McCormack | Priscilla Delgado | Melanie Field | Nat Faxon | Nick Offerman | Kendall Johnson
Serie entwickelt von: Will Graham | Abbi Jacobson
Genre: Drama | Romanze | Historie
USA, 2022

The Ipcress File (Mini-Serie) – Herrlich unterkühlter Spionage-Thriller

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 6 Episoden à 55 Min.)

Der ehemalige Armeekorporal Harry Palmer (Joe Cole) sitzt im Gefängnis. Er betrieb in Berlin kurz nach dem Mauerbau einen lukrativen Schwarzhandel, bis er aufflog.

Zurück nach Berlin

Aber Harry hat Glück. Der britische Atomwissenschaftler Dawson ist verschwunden, mutmasslich entführt von einem Ganoven, mit dem Harry damals in Berlin enge Geschäftsbeziehungen pflegte.

Deshalb holt Major Dalby (Tom Hollander), der eine kleine Geheimdiensteinheit leitet, Harry aus dem Gefängnis und schickt ihn zusammen mit der Agentin Jean Courtney (Lucy Boynton) nach Berlin.

Harry Palmer (Joe Cole), Spion wider Willen, aber mit grosser Begabung fürs Geschäft. © ITV

Die Mission schlägt fehl. Harry hat aber ein gutes Gespür fürs Spionagebusiness bewiesen. Dalby will ihn weiterhin bei der Suche nach Dawson einsetzen.

Die bösen Russen sind tatsächlich Amis

Die nächste Spur führt nach Beirut. Harry und Jean finden Dawson. Als sie ihn schon fast haben, tauchen andere Agenten auf und verhindern die Befreiung. Auf den ersten Blick scheint es, die Russen hätten hier dazwischengefunkt.

Doch Dalby findet heraus, dass die andere, eigentlich befreundete Grossmacht dahintersteckt. Deshalb schickt er Harry und Jean in den Pazifik, wo die Amis eine Atombombe testen. Diese Mission in Freundesgebiet wird für Harry lebensgefährlich.

Einschätzung

60er-Jahre, Kalter Krieg, Grossbritannien und Spionage – da denkt man sofort an George Smiley, «The Spy Who Came In from the Cold» und John le Carré. Diesem Vergleich halten Harry Palmer und «The Ipcress File» nicht ganz stand, aber sie kommen den Werken des Grossmeisters der Spionageromane nahe.

Desillusioniert und zynisch

«The Ipcress File» ist Teil einer vierteiligen Romanreihe des Autors Len Deighton, die Anfang der 60er-Jahre entstand. Der Film- und Medienhistoriker Alan Burton hält Deightons Werk für ähnlich einflussreich auf das Genre des Spionageromans wie das von Le Carré. Wie bei Le Carré seien Deightons Figuren und Geschichten desillusioniert und zynisch.

Jean (Lucy Boynton) will sich nicht in Ketten legen lassen, auch wenn sie als Schmuck daherkommen. © ITV

Das bringt die Serie «The Ipcress File» auch gut rüber. Keine der Hauptfiguren will hier für «Queen and Country» kämpfen. Harry hat gekämpft, in Korea, ist seither traumatisiert und erhielt weder Anerkennung noch Unterstützung. Deshalb nutzte er seine weitere Dienstzeit fürs eigene Wohlergehen und verlegte sich auf den Schwarzmarkthandel.

Britisches Understatement

Jean flieht vor einem Leben als Ehefrau, dessen tolle Eigenschaft es sei, wie ihr Verlobter betont, dass sie nicht mehr arbeiten müsse. Und Dalby wäre zufrieden, wenn der Rüstungswahnsinn nicht zu einem Atomkrieg führen würde.

In Dialogen, die mit britischem Understatement geführt werden, lassen die Figuren ihrem Zynismus freien Lauf. Als Dalby Harry erklärt, dass er ihn als Sündenbock hinstellen müsse, falls die Mission nicht gelinge, meint Harry nur: «Natürlich, Sir. Ich hätte nichts anderes erwartet.»

Ein Traum von Setdesign

Und dann ist da noch das Design der Serie, in dem man schwelgen kann. MGs und Jaguare aus der Periode, auch ein 2CV hat einen Auftritt. Klassische Kostüme von schwarz bis lindgrün, Regenmäntel und Bowler-Hüte. Space-Age-Lampen und Vespas.

Auch schön: In Berlin sprechen die Deutschen wirklich deutsch. Einzig ärgerlich sind ein paar Plakate und Schilder: «Turkishe Spezialiteten», «Kaffee mit milch» oder «Für Personel» trifft’s nicht ganz.

still01
still13
still03
still04
still07
still05
still11
still14
still15
previous arrow
next arrow
 
Am Ende fehlt es etwas an Finesse

Gegen Ende verliert die Serie etwas an Unterhaltungswert. Einerseits gibt es mehr Action, was aber weniger zu den Figuren passt. Andererseits wird der Plot mit diversen Twists gedreht, ohne dass wie bei George Smiley die Psychologie von Verräter:innen und Betrogenen wenigstens ein bisschen ausgeleuchtet wird.

Da die Serie vor allem in England gut ankam, ist es gut möglich, dass ITV eine zweite folgen lässt. Joe Cole liess schon verlauten, dass er gerne dabei wäre. Immerhin wurde 1965 auch bei der Verfilmung des Stoffs mit Michael Caine ein Sequel nachgeschoben. «Billion Dollar Brain» floppte dann allerdings an den Kinokassen.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «The Ipcress File»?

Besetzung: Joe Cole | Lucy Boynton | Tom Hollander | Ashley Thomas | Paul Higgins | David Dencik | Anastasia Hille | Tom Vaughan-Lawlor | Matthew Steer
Genre: Thriller | Historie
UK, 2022

Howards End (Mini-Serie) – Leicht vermodertes Historiendrama

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 4 Episoden à 60 Min.)

Drei Familien begegnen sich in der nachviktorianischen Ära, kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Da sind die Schlegels. Margaret (Hayley Atwell) ist die älteste von drei Geschwistern. Sie hat ihre Schwester Helen (Philippa Coulthard) und ihren Bruder Tibby (Alex Lather) nach dem offenbar frühen Tod der Eltern gross gezogen.

Reich und sozial oder nur reich

Die drei leben gut von ihrem Erbe. Obwohl sie reich sind, scheinen sie gesellschaftspolitisch progressiv und haben so etwas wie ein soziales Gewissen.

Ganz im Gegensatz zu den Wilcoxes. Henry (Matthew Macfadyen) ist strammer Kapitalist. Er verdient sein Geld mit Handelsgütern aus britischen Kolonien und findet die Unterteilung der Welt in Arme und Reiche richtig und logisch. Mrs. Wilcox (Julia Ormond) hält sich aus solchen Diskussionen raus. Dafür gibt sie im Haus den Ton an.

Die Armen in der Runde

Und dann gibts noch die Basts. Leonard (Joseph Quinn) arbeitet als Büroangestellter und verdient knapp genug für den Lebensunterhalt für sich und seine Frau Jacky (Rosalind Eleazar). Er lernt die Schlegels kennen und Jacky hat eine überraschende Verbindung zu den Wilcoxes.

Margaret und Ruth Wilcox befreunden sich, als Ruth ein paar Tage alleine in London verbringt. Kurz darauf stirbt sie und hinterlässt ihrer Familie eine Notiz, dass sie Margaret Howards End, den Familiensitz, vermachen möchte.

Und immer wieder Howards End

Henry und seine Kinder beschliessen, den Wunsch der Mutter zu ignorieren.

Über die Jahre begegnen sich die Schlegels, Wilcoxes und Basts wieder. Dramatische und romantische Ereignisse spielen sich ab und immer wieder taucht Howards End auf.

Einschätzung

Ab und zu passiert mir das. Da taucht eine ältere Serie in einer Empfehlungsliste auf und ich schaue sie mir tatsächlich an.

Hier, weil ich Hayley Atwell und Matthew Macfadyen mag. Sie ist grossartig als «Agent Carter» (Disney+) und er super in «Ripper Street» und als ziemliche Dumpfbacke in «Succession» (Sky). Auch Tracey Ullman und Julia Ormond sind klingende Namen.

Howards Bloody End

James Ivory hat zudem einige Bücher von E.M. Forster verfilmt, darunter auch 1992 «Howards End» mit Starbesetzung. Ein Film, den ich nicht gesehen habe, dafür aber «A Room With a View und der gefiel mir.

Kommt hinzu: Unvergessen ist für mich die Szene aus «Educating Rita», als Julie Walters entnervt Michael Caine sagt, dass sie dieses Buch «Howards Bloody End» einfach Sch… findet😄.

Ok für Anglophile

Zu guter Letzt bin ich auch ein Sucker von britischen Historiendramen. Also wollte ich wissen, worum es hier geht.

Jetzt weiss ich’s und sag’s mal so: Noch anglophilere Menschen als ich würden der Serie vielleicht vier Sterne geben. Wer damit nichts am Hut hat, sicher nur zwei Sterne. Ich gebe drei als Kompromiss.

Es mieft und modert

Denn das Flair des frühen 20. Jahrhunderts kommt zwar gut rüber, aber die Story bemüht schwerfällig gesellschaftspolitische Debatten über Reichtum, Armut, Verpflichtung, Ehre und Frauenrechte. Setzt man das heute eins zu eins um, riecht die Geschichte ziemlich vermodert. «Downton Abbey» hat’s besser gemacht.

Auch der Cast kann diesen altbackenen Groove nicht wettmachen. Bei der dramatischen Schlussszene, zu der ich nur verraten will, dass Henry in Tränen ausbricht, löste das bei mir den gegenteiligen Effekt aus. Ich musste laut lachen.

Hey, hier kommt Eddie

Was dafür extrem witzig war: Schaut euch den armen, verdrucksten Lenny Bast genauer an. Und? Er war erst kürzlich zu sehen: als der wilde, rockende Eddie Munson in «Stranger Things»!

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Howards End»?

Besetzung: Hayley Atwell | Matthew Macfadyen | Philippa Coulthard | Tracey Ullman | Joseph Quinn | Alex Lather | Julia Ormond
Genre: Historie | Drama
UK, 2017

Gaslit (Mini-Serie) – Die Frau, die Nixon stürzen wollte

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 8 Episoden à 50 Min.)

Am 27. Januar 1972 präsentiert der ehemalige FBI-Agent G. Gordon Liddy (Shea Whigham) dem «Committee for the Re-Election of the President» (CRP) die Operation «Gemstone». Er unterbreitet eine Reihe von Vorschlägen, wie der Wahlkampf der gegnerischen Demokraten sabotiert werden könnte: Entführungen, Sex-Skandale mit Prostituierten, Abhöraktionen.

Den Anwesenden, darunter Justizminister John Mitchell (Sean Penn) und Präsidentenberater John Dean (Dan Stevens), sind diese Pläne dann doch etwas zu radikal, vor allem auch zu teuer. Mitchell bewilligt später, dannzumal als CRP-Chef, lediglich die Abhöraktionen.

Die Geschichte der Nebenfiguren

Der Rest ist Geschichte. Der zweite Einbruch im Juni 1972 ins Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Hotel fliegt auf. Das FBI beginnt zu ermitteln.

«Gaslit» erzählt die Aufdeckung des Watergate-Skandals aus der Perspektive von Figuren, die historisch eher am Rand erwähnt werden. Nicht Nixon steht im Zentrum, sondern allen voran das Ehepaar Mitchell.

«The mouth of the south»

Martha Mitchell (Julia Roberts) ist alles andere als die still lächelnde Gattin an der Seite ihres Mannes. Sie weiss, was politisch läuft, weil sie ihren Mann belauscht. Sie ist beliebter Gast in Talkshows, weil sie mit ihrer Meinung nicht zurückhält, und bestens vernetzt mit Journalist:innen. So hat sie sich ihren Spitznamen verdient: «The mouth of the south».

Als der Watergate-Skandal auffliegt, will Martha mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit, um Nixon zu Fall zu bringen. Das führt zu massiven Problemen mit ihrem Mann. John greift zu haarsträubenden Massnahmen, um zu verhindern, dass seine Frau die Presse kontaktiert.

Die weiteren Erzählstränge widmen sich John Dean, Gordon Liddy, aber auch dem Wachmann Frank Willis, der den Einbruch entdeckt hat.

gaslit03
gaslit10
gaslit08
gaslit09
gaslit11
gaslit05
gaslit01
gaslit07
gaslit02
previous arrow
next arrow
 

Einschätzung

«Gaslit» liefert üppiges Drama, fesselnde bis aberwitzige Figuren. Der Erzählton wechselt nahtlos von Tragik ins Komische bis hin zum Absurden. Zum Glück gibt’s noch Figuren, die beinahe so etwas wie Normalität leben in dieser wahnwitzigen Geschichte.

Auf dem Weg zum Abgrund

Das Hauptmotiv sind die Szenen einer Ehe inmitten eines Politskandals. Was Martha und John Mitchell überhaupt zusammenbrachte, erschliesst sich zwar nie ganz. Vielleicht war es ihre Unbändigkeit, die John faszinierte, und sein Machtwille, der ihr imponierte.

Wir begegnen den beiden, als Marthas öffentliche Auftritte für John zum Problem werden. Alles, was weiter passiert, führt Schritt für Schritt zum Zusammenbruch der Ehe. Was am Ende übrig bleibt, ist vielleicht nicht blanker Hass, aber eine tiefe Abneigung.

Please nail him

Nachdem John zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, meinte er lakonisch: «It could have been worse. They could have sentenced me to spend the rest of my life with Martha Mitchell.» Martha wollte nach der Trennung von John den beiden Watergate-Enthüllern Woodward und Bernstein Unterlagen ihres Mannes zur Verfügung stellen und bat die beiden: «Please nail him. I hope you get that bastard.»

Auch wenn Martha massiv misshandelt wird von ihrem Mann und er ihren Ruf zerstört – sie ist nicht nur das Opfer. Sicher hatte sie recht mit ihren Anschuldigungen gegen Nixon. Ihr Motiv, das öffentlich zu machen, basiert zumindest in der Serie nicht nur auf dem Wunsch nach Gerechtigkeit.

Martha würde heute bei Fox News auftreten

Da ist ebenso ihr Wille, den Ruf und ihr gesellschaftliches Ansehen zu bewahren. Und es ist ihre Lust, im Scheinwerferlicht zu stehen. «Gaslit»-Macher Robbie Pickering beschreibt Martha Mitchell als «conservative cheerleader», wie man sie heute von Fox News kenne.

Julia Roberts und Sean Penn spielen ihre Figuren eindringlich. Es verursacht schon fast physische Schmerzen, zusehen zu müssen, wie sich dieses Paar gegenseitig zerfleischt.

John und Mo Dean – das Kontrast-Paar

Da braucht es schon den Kontrast mit John und Mo Dean, damit man durchhält. Er ist zwar ebenfalls tief verstrickt in den Skandal. Gemeinsam mit seiner Frau findet er aber einen anderen Umgang damit.

Das macht ihn nicht weniger schuldig, auch nicht zwingend sympathisch. Zumindest schaffen es die beiden aber, ihre Leben nicht zu zerstören.

Gordon Liddy – durchgeknallt und landesweit erfolgreich

Ein ganz anderes Kapitel schlägt die Serie mit der Figur von Gordon Liddy (Shea Whigham) auf. Er ist der völlig durchgeknallte Organisator des Watergate-Einbruchs, der sich als wehrhafter Kämpfer gegen alles Böse in dieser Welt sieht, worunter nicht nur Kommunisten oder Demokraten fallen, sondern auch Juden.

Liddy wird als Hitler-verehrender Faschist und gewalttätiger Psychopath geschildert, der auch die Ermordung eines nicht genehmen Journalisten plante. Man mag es kaum glauben, aber offenbar ist das alles belegt.

Noch unglaublicher ist nur, dass Liddy nach seiner Freilassung eine erfolgreiche Karriere verfolgte, unter anderem mit einer eigenen Radiosendung, die landesweit ausgestrahlt wurde.

Watergate ist Geschichte, oder?

«Gaslit» zeigt den Watergate-Skandal zum 50-Jahre-Jubiläum der Ereignisse aus einer ganz anderen Perspektive, als man sie bisher gekannt hat. Dabei jagen einem die verschiedenen Geschichten ab und zu einen Schauer über den Rücken.

Wohlig ist dieser Schauer nicht, auch wenn Watergate Geschichte ist. Wir haben erst gerade erlebt, wozu ein US-amerikanischer Präsident und seine willigen Gefolgsleute auch heute fähig sind. Eine Martha Mitchell war weit und breit nicht zu sehen.

Die Umfrage ist beendet

Wie viele Sterne gibst du «Gaslit»?

Besetzung: Julia Roberts | Sean Penn | Dan Stevens | Betty Gilpin | Shea Whigham | Darby Camp | Chris Bauer
Serie entwickelt von: Robbie Pickering
Genre: Historie | Biografie
USA, 2022

1 2