The Sandman (Staffel 1) – Umwerfende Reise ins Traumreich

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 10 Episoden à 45 Min.)

Der okkulte Magier Roderick Burgess (Charles Dance) will mit einem Ritual den Tod einfangen, um von ihm – besser von ihr, wie wir später sehen – seinen Sohn freizupressen, der im Krieg gefallen ist.

100 Jahre gefangen

Stattdessen geht ihm aber des Todes Bruder Morpheus (Tom Sturridge), Dream genannt, in die Falle. Über 100 Jahre bleibt der Sandmann, König der Träume und Albträume, Herrscher über das Traumland im Keller der Burgess’s gefangen.

Weil er seinen Aufgaben nicht nachkommen kann, breitet sich in der Welt die Schlafkrankheit aus. Millionen schlafen ein und wachen nicht mehr auf.

Der Sandbeutel, die Maske und der Rubin

Als Dream endlich freikommt, muss er sich zuerst drei mächtige Werkzeuge für seine Arbeit wiederbeschaffen, die Burgess ihm abnahm. Sein Beutel mit Sand ist mittlerweile im Besitz der Dämonenjägerin Johanna Constantine (Jenna Coleman).

Seine Maske ist in der Hölle gelandet. Dream muss einen Wettstreit gegen Lucifer Morningstar (Gwendoline Christie) gewinnen, um sie zurückzugewinnen. Fast am schwierigsten, aber auch am wichtigsten, ist es für Dream, seinen Rubin zurückzubekommen, der Träume wahr macht.

Ein Vortex bedroht das Traumreich

Der ist in die Hände von John Dee (David Thewlis) gefallen, Sohn von Roderick Burgess und seiner Geliebten Ethel Cripps (Joely Richardson). Dee will den Rubin benutzen, um die Welt von ihren Lügen zu befreien. Ein «Test» in einem Diner endet in einem Blutbad, was ihn jedoch kaum kümmert. Letztlich verliert John den Rubin aber an Dream.

Für Dream sind die Probleme damit nicht beendet. Ein neues ist aufgetaucht. Ein Vortex in der Gestalt einer jungen Frau (Vanesu Samunyai) bedroht seine Macht und sein Königreich.

Dream
Roderick Burgess
Das zerfallene Traumreich
Librarian
Dream und der Rabe
Merv Pumpkinhead
Kain und Abel
Johanna Constantine
Johanna Constantine
Lucifer Morningstar
John Dee
John Dee
Death und Dream
Gilbert
The Corinthian
Dream und Rose Walker
Dream und Rose Walker
Desire
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Einschätzung

Fantastisch, was Netflix hier bietet mit der Umsetzung der Comicreihe von Neil Gaiman. Fantastisch sind die Geschichten, die wir mit Dream erleben. Fantastisch ist aber auch der Cast und die Inszenierung.

Üppiges Design

Das Setdesign der Landschaften und Orte ist oft so üppig, dass es auf dem kleinen Bildschirm gar nicht richtig zur Geltung kommt. Manchmal hält zwar die CGI nicht ganz mit, aber das kann man schnell verzeihen.

Tom Sturridge als Dream, der hier erstmals eine grosse Hauptrolle übernommen hat, scheint fast die einfachste Rolle zu spielen. Schliesslich muss er in seinem Gothic-Look kaum einmal die Miene verziehen und kaum Emotion in seinen Dialogen zeigen.

Doch er und seine Figur wandeln sich durchaus über die Episoden hinweg, mit kleinen und kleinsten Regungen der Stimme und des Gesichtsausdrucks.

Bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt

Ebenfalls fast als verschwenderisch kann man die Besetzung der weiteren Rollen bezeichnen. Stephen Fry (erst kürzlich zu sehen in «The Dropout») gibt den englischen Gentleman, der in Wahrheit – ah, nein, keine Spoiler. Jenna Coleman (Clara aus «Doctor Who» und Queen Victoria in «Victoria») ist die toughe Dämonenjägerin Johanna Constantin.

Boyd Holbrook («Narcos») sorgt als Albtraum, der aus dem Traumreich flüchtet und der wirklichen Welt zum Massenmörder wird, regelmässig für leises Schaudern mit seinem Grinsen. Zum Glück trägt er meist eine Sonnenbrille und man sieht seine, sagen wir, ungewöhnlichen Augen nicht.

David Thewlis überragt alle

Für die unterhaltsamere Note sorgen Patton Oswalt (kürzlich in «Gaslit») als die Stimme des schnippischen Raben Matthew. Oder Mark Hamill (ja, genau der) als Stimme von Merv Pumpkinhead, der genau so aussieht, wie er heisst.

Aber einer läuft allen den Rang ab, wieder mal: David Thewlis (ebenfalls hervorragend in «Landscapers») als John Dee. Er besticht durch eine Zurückhaltung, die gleichzeitig äusserst intensiv ist. Die Episode, in der er anteilnahmslos im Diner sitzt, während sich rundherum das Drama zuspitzt und im Blutbad endet, gehört zu den besten der Serie.

Oder vielleicht ist die Episode noch besser, als Dream seine Schwester Death (Kirby Howell-Baptiste) bei der Arbeit begleitet? Dream findet dank ihr wieder einen Sinn in seinem Tun. Sie zeigt ihm, wie sie mit Empathie und einem Lächeln den Menschen den Weg in den Tod erleichtert. Denn nicht die Macht als Tod sei wichtig, sagt sie, sondern der Dienst an den Menschen.

Umwerfendes Sehvergnügen

Es gäbe noch einiges mehr zu schwärmen über «The Sandman», wie Stories, Inszenierung und Cast ein umwerfendes Sehvergnügen bereiten. Aber am besten schaut man sich’s selber an. Es lohnt sich!

Eine Anmerkung zum Schluss: Die Comicvorlage kannte ich vorher nicht (bin jetzt am ersten Band 😉). Deshalb mag meine Begeisterung den Kenner:innen von Gaimans Werk banal vorkommen. Ich kann auch keine vergleichenden Betrachtungen zu Comic und Serie anstellen. Aber das finde ich in den meisten Fällen sowieso eher fruchtlos.

Wie viele Sterne gibst du «The Sandman» Staffel 1?

Besetzung: Tom Sturridge | Boyd Holbrook | Patton Oswalt | Vivienne Acheampong | David Thewlis | Jenna Coleman | Joely Richardson | Gwendoline Christie | Vanesu Samunyai | Stephen Fry | Charles Dance
Serie entwickelt von: Neil Gaiman | David S. Goyer | Allan Heinberg
Genre: Fantasy
USA, 2022

Star Trek: Strange New Worlds (Staffel 1) – They boldly go, again

Läuft bei: Paramount+ (1 Staffel, 10 Episoden à 45 Min.)

Nach den Ereignissen auf dem Planeten Boreth («Star Trek: Discovery» 2. Staffel) nimmt Captain Christopher Pike (Anson Mount) eine Auszeit. Er versucht damit klarzukommen, dass er seine Zukunft, seinen eigenen Tod gesehen hat.

Spock muss die Verlobung abkürzen

Doch Starfleet gewährt ihm nur eine kurze Pause. Pike muss eine Rettungsmission übernehmen. Seine erste Offizierin Una Chin-Riley (Rebecca Romijn) ist bei einer «First Contact»-Mission verschwunden.

Auch andere Crewmitglieder müssen ihren Urlaub abbrechen. Science-Officer Spock (Ethan Peck) erhält den Marschbefehl mitten in der Verlobungszeremonie mit seiner Freundin T’Pring (Gia Sandhu).

Aufbruch in gefährliche Abenteuer

Die Unterhaltsarbeiten an der USS Enterprise sind noch nicht ganz abgeschlossen, als die Crew mit dem Raumschiff aufbricht, um Una zu retten. Mit an Bord sind vertraute Namen, wenn auch neue Gesichter: etwa Cadet Nyota Uhura (Celia Rose Gooding) oder Nurse Christine Chapel (Jess Bush).

Diese Mission ist der Auftakt zu einer fünfjährigen Expedition der Enterprise in den tiefen des Weltraums. Weitere Abenteuer folgen, bei denen Pike und seine Crew einem zerstörerischen Kometen, Plasma-Wesen, den brutalen Gorn, den kriegerischen Romulanern und vielen anderen Gefahren begegnen.

Die Brücke der Enterprise
Anson Mount: Captain Christopher Pike
Rebecca Romijn: Una Chin-Riley, Number One
Ethan Peck: Spock, Science Officer Spock Gia Sandhu: T'Pring
Celia Rose Gooding: Cadet Nyota Uhura
Christina Chong: La'an Noonien-Singh
Melissa Navia: Erica Ortegas, Lt. Erica Ortegas
Jess Bush: Nurse Christine Chapel
Babs Olusanmokun: Dr. M'Benga
Pike and Burnham in Star Trek: Discovery
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Einschätzung

«Star Trek: Strange New Worlds» überrascht. Nicht durch neue Erzählungen, Charaktere oder Technologien. Nein, die Serie überrascht, weil sie in die traditionelle Serienwelt zurückkehrt, wie es die Originalserie pflegte.

Zurück zu traditionellen Episodengeschichten

Im Gegensatz zu den neueren Star Trek Serien wie «Picard» und «Discovery», die wie heute üblich einen Erzählbogen über eine gesamte Staffel spannen, erzählt «Strange New Worlds» Episode für Episode eine neue Geschichte.

Das schliesst nicht aus, dass sich einzelne Plots über die ganze Staffel spannen. Spocks Beziehung zu seiner Verlobten T’Pring etwa, die den Halbvulkanier, Halbmenschen vor die Frage stellt, was oder wer er ist.

Uhura zweifelt noch an Starfleet

Cadet Nyota Uhura (Celia Rose Gooding) hat gerade eben erst ihre Ausbildung abgeschlossen und absolviert ihren ersten Einsatz auf der Enterprise. Sie ist sie eigentlich gar nicht so sicher, ob die Starfleet wirklich ihre Welt ist.

Und natürlich Pikes Dilemma, dass er Ort und Zeit seines Todes erfahren hat. Er ringt mit der Frage, ob diese Zukunft wirklich unausweichlich ist.

Wie früher einmal pro Woche in ferne Galaxien – macht Spass

Das alles macht Spass: Mal wieder eine Serie, die man nicht bingen muss, sondern einmal pro Woche schauen kann. Man muss auch kein Trekkie sein, um die Serie zu geniessen. Einsteiger:innen in die Welt der Enterprise finden sich schnell zurecht.

Dennoch ein bisschen Einordnung, wo wir uns im Star Trek-Universum befinden mit diesem neuen Ableger.

NBC war mit Pike unzufrieden, deshalb kam Kirk

Die Figur von Captain Christopher Pike ist keineswegs neu. Pike war in der ersten Pilotfolge von Star Trek Kommandant der Enterprise, gespielt von Jeffrey Hunter. NBC war mit der Folge aber nicht zufrieden und gab einen neuen Piloten in Auftrag, diesmal mit Captain James T. Kirk und William Shatner als Darsteller. Der Rest ist Geschichte.

In den Reboot-Filmen (Star Trek und Star Trek Into Darkness), die auf einer anderen Zeitachse spielen, taucht Pike als Kommandant der Enterprise auf, der den jungen James T. Kirk zu einer Karriere in der Starfleet ermutigt.

In neuerer Zeit tauchte Pike gemeinsam mit Spock und Una Chin-Riley in der zweiten Staffel an Bord der Discovery auf (gespielt von denselben Schauspieler:innen wie jetzt in «Strange New Worlds»). Pike übernahm das Kommando der Discovery, weil die Enterprise zerstört worden war.

Pike bleiben sechs Jahre

«Strange New Worlds» setzt zeitlich gleich nach der zweiten Staffel von «Discovery» ein im Jahr 2259. Captain Kirk wird die Enterprise 2265 übernehmen ( Star Trek Zeitleisten).

Pike bleiben somit sechs Jahre Kommando auf der Enterprise. Wie viele Staffeln daraus entstehen werden, ist noch offen. Eine zweite Staffel ist aber für nächstes Jahr bereits angekündigt.

Wie viele Sterne gibst du «Star Trek: Strange New Worlds» Staffel 1?

Besetzung: Anson Mount | Ethan Peck | Rebecca Romijn | Melissa Navia | Jess Bush | Christina Chong | Celia Rose Gooding | Babs Olusanmokun | Gia Sandhu
Serie entwickelt von: Akiva Goldsman | Alex Kurtzman | Jenny Lumet
Genre: Science-Fiction | Abenteuer
USA, 2022

Resident Evil (Staffel 1) – Nur toll, wenn das Blut spritzt

Resident Evil Poster

1 von 5 Sternen

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 8 Episoden à 45 Min.)

2036 ist die Welt mal wieder in der Hand von Monstern, so genannten «Zeroes». Die Zeroes wurden mit dem T-Virus infiziert, töten und fressen alles, was sich bewegt.

Jade wird gejagt

Jade (Ella Balinska) studiert in London das Verhalten der relativ tumben Monster. Eines Tages geht das schief und sie wird von Zeroes gejagt. Ein paar Plünderer retten sie, finden aber heraus, dass auf Jade ein Kopfgeld ausgesetzt ist.

Jade kann bei der Übergabe entkommen und versucht sich nach Calais durchzuschlagen.

Geldgier bringt das Unheil

Vor 14 Jahren war die Welt für Jade noch in Ordnung. Sie zog mit ihrer Schwester Billie (Adeline Rudolph) und ihrem Vater Albert Wesker (Lance Reddick) nach New Racoon City. Hier hat die Firma Umbrella ihren Hauptsitz.

Albert entwickelt für die Firma ein Medikament, das eine gefährliche Komponente beinhaltet: das T-Virus. Obwohl er davor warnt, will die gierige Chefin der Firma möglichst schnell auf den Markt mit dem Wundermittel.

Jade und Billie kommen den Machenschaften von Umbrella auf die Spur. Billie wird mit dem Virus infiziert.

Einschätzung

«Resident Evil» hat eine lange Geschichte. Es ist eines der erfolgreichsten Horror-Computergames, das erstmals 1993 erschien. von 2002 bis 2016 wurden auch sechs Filme mit Milla Jovovich in der Hauptrolle produziert. Netflix wagt sich jetzt daran, die Franchise als Serie zu verwerten – und scheitert kolossal.

Full disclosure: Ich habe nur drei Episoden vollständig gesehen, beim Rest ein bisschen reingezappt, aber es blieb unerträglich. Ich habe keinen Kinofilm gesehen und nur in den Anfängen mal ein bisschen das Computergame gespielt.

Zäh, vorhersehbar, stereotyp

Aber ich bin einer guten Virus-Horrorserie durchaus nicht abgeneigt. Von Guillermo del Toros‘ «The Strain» habe ich doch zwei von vier Staffeln angeschaut, bevor ich’s nicht mehr so spannend fand.

Aber bei «Resident Evil» stimmt von Anfang an gar nichts. Die Geschichte entwickelt sich äussert zäh, vorhersehbar und ist gespickt mit stereotypen Figuren.

Wohin flieht Jade?

Im Jahr 2036 wird Jade über mehrere Episoden von Umbrella gejagt und dauernd von Zeroes und anderen Monstern bedroht. Immer entkommt sie fast als einzige den diversen Gemetzeln. Wohin das führen soll, bleibt lange schleierhaft.

In der Vergangenheit, also im Jahr 2022, entfaltet sich langsam das Unheil, sehr langsam. Was halt nicht so spannend ist, weil man ja weiss, was herauskommt. Einzelne Plotelemente, wie die Enthüllungen über Albert Weskel und seine Vergangenheit, sollen einen bei der Stange halten, sind aber ebenfalls nicht so prickelnd.

Bei den Fans gefloppt

Dass diese beiden Zeitebenen teilweise im Minutentakt gewechselt werden, teilweise mit Mini-Cliffhangern, nervt ebenfalls unsäglich.

Falls «Resident Evil» vor allem auf die Fangemeinde der Franchise zielte, hat das auch nicht ganz geklappt. Die Resonanz ist gemischt bis vernichtend.

Gut nur, wenn das Blut spritzt

Das einzig Gelungene an der Serie sind die Monster. Wenn die zubeissen und das Blut spritzt, dann ist das in guter Horrortradition gemacht.

Wie viele Sterne gibst du «Resident Evil» Staffel 1?

Besetzung: Ella Balinska | Tamara Smart | Siena Agudong | Adeline Rudolph | Paola Nuñez | Lance Reddick |
Serie entwickelt von: Andrew Dabb
Genre: Horror | Action
USA, 2022

The Endgame (Staffel 1) – Clever bis zur Unglaubwürdigkeit

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 10 Episoden à 50 Min.)

Den US-Behörden ist ein grosser Fang gelungen. Elena Federova (Morena Baccarin), internationale Waffenhändlerin und führender Kopf einer kriminellen Organisation, wurde gefasst und wird von den Chef:innen des FBI, Justizministeriums und Homeland Security an einem versteckten Ort verhört.

Gegenschlag von langer Hand vorbereitet

Sie schlagen ihr einen Deal vor, um aus der hoffnungslosen Situation herauszukommen. Doch alles ist ein bisschen anders, als sich das die Behörden vorgestellt haben.

Gleich nach Federovas Festnahme werden in New York mehrere Banken überfallen, offensichtlich von langer Hand geplant und orchestriert durch Federova. Das ruft die FBI-Agentin Val Turner (Ryan Michelle Bathe) auf den Plan.

Rache für den Bombenanschlag

Sie kennt Federova von einer früheren Begegnung in Gambia, als sie beinahe von ihr erschossen wurde. Federova gibt Turner Rätsel zur Lösung auf, die auf die Spur von Spitzenbeamt:innen und Politiker:innen, die alle Dreck am Stecken haben.

Mit der Zeit wird klar, was dahinter steckt. Federova will Rache für den Bombenanschlag auf ihre Hochzeit, bei der nur sie und ihr Mann überlebten. Und die Verantwortlichen für diesen Anschlag, auf die sie jetzt Turner ansetzt, sitzen alle in hohen Positionen in der Verwaltung und Regierung.

Immer einen Schritt zu spät

Turner löst mit Hilfe ihres Kollegen Anthony Flowers (Jordan Johnson-Hinds) ein Rätsel nach dem andern. Sie merkt dabei, dass auch ihr Mann Owen (Kamal Angelo Bolden), der im Gefängnis sitzt, mit Federova zu tun hat und Federova ihr immer einen Schritt voraus ist.

«The big picture», was das «Endgame» Federovas ist, erschliesst sich Turner erst ganz am Schluss.

Einschätzung

Es macht durchaus Spass, zuzuschauen, wie unglaublich clever Elena Federova ihre Rache geplant hat. Dutzende von Entscheidungen ihrer Gegner:innen hat sie antizipiert, so dass am Ende exakt alles so herauskommt, wie sie es geplant hat.

Spannend auch, wie Val Turner diese Rätsel oft in letzter Sekunde löst, obwohl ihr Umfeld ihr immer wieder Steine in den Weg legt. Vor allem ist da ihr ziemlich unfähiger, aber extrem ehrgeiziger Boss Doak (Noah Bean). Er will Turner eigentlich aus dem FBI rausbugsieren, weil ihr Mann ein krimineller Ex-Agent ist.

Übertrieben und etwas repetitiv

Und doch resultiert am Schluss nicht das ganz grosse Vergnügen, wie man es von Heist-Movies wie etwa «Ocean’s Eleven» oder «Inception» kennt. Dass Federova über Tage hinaus alle Aktionen und Gegenmassnahmen präzise voraussehen und planen konnte, strapaziert die Wahrscheinlichkeit doch etwas übermässig.

Nach dem zweiten oder dritten Rätsel wirkt die Handlung auch etwas repetitiv. Was in zwei Stunden Film vielleicht gut funktioniert hätte, wird hier stark überdehnt.

Keine zweite Staffel

Zudem spielt Morena Baccarin die Federova mit einer Selbstgefälligkeit, die mit der Zeit etwas nervt. Von ihrem selbstsicheren Lächeln im Verhörraum hat man ebenfalls nach dem dritten Mal genug.

Von daher ist es auch nicht so tragisch, dass «The Endgame» mit einem Cliffhanger endet, die Serie aber von NBC abgesetzt wurde. Nochmal zehn Episoden nach demselben Muster hätte ich mir eher nicht mehr angeschaut.

Wie viele Sterne gibst du «The Endgame»?

Besetzung: Morena Baccarin | Ryan Michelle Bathe | Costa Ronin | Jordan Johnson-Hinds | Mark D. Espinoza | Noah Bean | Kamal Angelo Bolden
Serie entwickelt von: Jake Coburn | Nicholas Wootton
Genre: Krimi | Thriller
USA, 2022

Ms. Marvel (Staffel 1) – Superheldin dank kulturellem Erbe

Läuft bei: Disney+ (1 Staffel, 6 Episoden à 40 Min.)

Kamala Khan (Iman Vellani) ist ein grosser Fan von Captain Marvel. Eines Abends schleicht sie sich aus dem Elternhaus, um mit ihrem Schulfreund Bruno (Matt Lintz) die erste «AvengerCon» zu besuchen.

Superkräfte durch Grossmutters Armreif

Zu ihrem selbstgemachten Superheldendress trägt sie einen Armreif, den ihr ihre Grossmutter aus Pakistan geschickt hat. Und dieser Armreif verleiht ihr Superkräfte.

Die ersten ungelenken Versuche, diese Superkräfte einzusetzen, gelingen nur halbwegs. Kamala muss zuerst noch ein bisschen üben. Bruno hilft ihr dabei.

Aus einer anderen Dimension

Gleichzeitig versucht sie herauszufinden, was es mit dem Armreif auf sich hat. Ursprünglich gehörte er ihrer Urgrossmutter Aisha (Mehwish Hayat), die, wie sich herausstellt, aus einer anderen Dimension stammte.

Kamala wird kontaktiert von anderen «Clandestines», wie sich diese Dimensionsreisenden nennen. Ihr Armreif soll ihnen das Tor in ihre Heimat öffnen. Als Kamala zögert, weil das Unterfangen sehr gefährlich sein könnte, werden die Clandestines aggressiv.

Die böse Regierungsorganisation

Auch die Regierung ist hinter Kamala her. Das Department of Damage Control, angeführt von der skrupellosen Agentin Deever (Alysia Reiner), will sie unschädlich machen.

Einschätzung

Was für eine angenehme Überraschung: Nach den eher ärgerlichen Ausflügen von Marvel in die ägyptische («Moon Knight») und asiatische («Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings») Mythologie, gelingt der Superheldenfranchise ein überzeugender Sprung in die muslimische Welt.

Coming-of-Age-Geschichte

Eigentlich ist «Ms. Marvel» weniger eine Superheldenserie. Vielmehr ist es eine Coming-of-Age-Geschichte einer jungen amerikanisch-pakistanischen Frau in ihrem muslimischen Umfeld, die zwar auch ihre Superkräfte, aber vor allem ihr kulturelles Erbe entdeckt.

Kamala kämpft vorerst mit typischen Teenagerproblemen: Schule, Jungs, Elternhaus. Die Eltern sind zwar durchaus modern, pflegen aber ihre Traditionen.

Verzicht auf politische Stereotypen

Dieses Leben schildert «Ms. Marvel» leichtfüssig, respektvoll, auch mal mit einem Augenzwinkern, wenn etwa Kamalas Bruder alle ein bisschen nervt mit seinen dauernden Gebeten.

Kamalas Leben ist einfach normal und nicht dauernd überschattet von einem aufgeladenen politischen Kontext. Wobei durchaus auch mal Rassismus aufscheint. Aber der Imam in der Moschee etwa weist die Agenten von Damage Control sehr selbstbewusst in die Schranken.

Superkräfte als Metapher

Besonders ansprechend erzählt ist Kamalas Reise in ihre Familiengeschichte. Eine ganze Episode zeigt, wie Kamalas Urgrossmutter mit ihrem Mann und ihrer Tochter während der «Partition», der Trennung von Indien und Pakistan, fliehen musste.

Der Armreif, der Kamala ihre Superkräfte verleiht, wird so zur Metapher. «The strength in who you are comes from where you’re from and where you’ve been», sagt Sana Amanat, Produzentin der Serie.

Zielgruppe erreicht, aber Wirkung darüber hinaus

Ich hege eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Disney und anderen Konzernen, wenn sie sich divers geben. Ich unterstelle, wohl nicht ganz unbegründet, dass es oft mehr darum geht, aus finanziellen Gründen Zielgruppen zu erschliessen, als um Aufklärung.

Das mag auch bei «Ms. Marvel» irgendwo auf der Chefetage mitschwingen. Aber die Macher:innen, viele wie Sana Amanat mit einem muslimischen Hintergrund, haben es geschafft, eine Serie über eine muslimische Superheldin zu kreieren, die offensichtlich die Zielgruppe begeistert, aber darüber hinaus Wirkung entfaltet. Sehr gelungen und sehr erfreulich.

Wie viele Sterne gibst du «Ms. Marvel» Staffel 1?

Besetzung: Iman Vellani | Matt Lintz | Yameen Fletcher | Zenobia Shroff | Rish Shah | Mohan Kapur | Mehwish Hayat
Serie entwickelt von: Bisha K. Ali
Genre: Superhelden | Abenteuer
USA, 2022

Howards End (Mini-Serie) – Leicht vermodertes Historiendrama

Läuft bei: Sky (Mini-Serie, 4 Episoden à 60 Min.)

Drei Familien begegnen sich in der nachviktorianischen Ära, kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Da sind die Schlegels. Margaret (Hayley Atwell) ist die älteste von drei Geschwistern. Sie hat ihre Schwester Helen (Philippa Coulthard) und ihren Bruder Tibby (Alex Lather) nach dem offenbar frühen Tod der Eltern gross gezogen.

Reich und sozial oder nur reich

Die drei leben gut von ihrem Erbe. Obwohl sie reich sind, scheinen sie gesellschaftspolitisch progressiv und haben so etwas wie ein soziales Gewissen.

Ganz im Gegensatz zu den Wilcoxes. Henry (Matthew Macfadyen) ist strammer Kapitalist. Er verdient sein Geld mit Handelsgütern aus britischen Kolonien und findet die Unterteilung der Welt in Arme und Reiche richtig und logisch. Mrs. Wilcox (Julia Ormond) hält sich aus solchen Diskussionen raus. Dafür gibt sie im Haus den Ton an.

Die Armen in der Runde

Und dann gibts noch die Basts. Leonard (Joseph Quinn) arbeitet als Büroangestellter und verdient knapp genug für den Lebensunterhalt für sich und seine Frau Jacky (Rosalind Eleazar). Er lernt die Schlegels kennen und Jacky hat eine überraschende Verbindung zu den Wilcoxes.

Margaret und Ruth Wilcox befreunden sich, als Ruth ein paar Tage alleine in London verbringt. Kurz darauf stirbt sie und hinterlässt ihrer Familie eine Notiz, dass sie Margaret Howards End, den Familiensitz, vermachen möchte.

Und immer wieder Howards End

Henry und seine Kinder beschliessen, den Wunsch der Mutter zu ignorieren.

Über die Jahre begegnen sich die Schlegels, Wilcoxes und Basts wieder. Dramatische und romantische Ereignisse spielen sich ab und immer wieder taucht Howards End auf.

Einschätzung

Ab und zu passiert mir das. Da taucht eine ältere Serie in einer Empfehlungsliste auf und ich schaue sie mir tatsächlich an.

Hier, weil ich Hayley Atwell und Matthew Macfadyen mag. Sie ist grossartig als «Agent Carter» (Disney+) und er super in «Ripper Street» und als ziemliche Dumpfbacke in «Succession» (Sky). Auch Tracey Ullman und Julia Ormond sind klingende Namen.

Howards Bloody End

James Ivory hat zudem einige Bücher von E.M. Forster verfilmt, darunter auch 1992 «Howards End» mit Starbesetzung. Ein Film, den ich nicht gesehen habe, dafür aber «A Room With a View und der gefiel mir.

Kommt hinzu: Unvergessen ist für mich die Szene aus «Educating Rita», als Julie Walters entnervt Michael Caine sagt, dass sie dieses Buch «Howards Bloody End» einfach Sch… findet😄.

Ok für Anglophile

Zu guter Letzt bin ich auch ein Sucker von britischen Historiendramen. Also wollte ich wissen, worum es hier geht.

Jetzt weiss ich’s und sag’s mal so: Noch anglophilere Menschen als ich würden der Serie vielleicht vier Sterne geben. Wer damit nichts am Hut hat, sicher nur zwei Sterne. Ich gebe drei als Kompromiss.

Es mieft und modert

Denn das Flair des frühen 20. Jahrhunderts kommt zwar gut rüber, aber die Story bemüht schwerfällig gesellschaftspolitische Debatten über Reichtum, Armut, Verpflichtung, Ehre und Frauenrechte. Setzt man das heute eins zu eins um, riecht die Geschichte ziemlich vermodert. «Downton Abbey» hat’s besser gemacht.

Auch der Cast kann diesen altbackenen Groove nicht wettmachen. Bei der dramatischen Schlussszene, zu der ich nur verraten will, dass Henry in Tränen ausbricht, löste das bei mir den gegenteiligen Effekt aus. Ich musste laut lachen.

Hey, hier kommt Eddie

Was dafür extrem witzig war: Schaut euch den armen, verdrucksten Lenny Bast genauer an. Und? Er war erst kürzlich zu sehen: als der wilde, rockende Eddie Munson in «Stranger Things»!

Wie viele Sterne gibst du «Howards End»?

Besetzung: Hayley Atwell | Matthew Macfadyen | Philippa Coulthard | Tracey Ullman | Joseph Quinn | Alex Lather | Julia Ormond
Genre: Historie | Drama
UK, 2017

Tokyo Vice (Staffel 1) – Aus dem Innenleben der Yakuza

Läuft bei: Sky (1 Staffel, 8 Episoden à 60 Min.)

Jake Adelstein (Ansel Elgort) ist Amerikaner und lebt in Tokio. Er hat sich ein fast unmögliches Ziel gesetzt. Er will als Reporter zur grössten Tageszeitung «Meichu Shimbun».

Tokio by night

Tatsächlich schafft er die Aufnahmeprüfung und wird als Polizeireporter angestellt. Sein Job führt ihn in Tokios Nachtleben und die Welt der Yakuza, der organisierten Verbrecherbanden Japans.

In einem Nachtclub lernt er Samantha (Rachel Keller) kennen. Die Amerikanerin arbeitet dort als Hostess. Sie träumt davon, einen eigenen Club zu eröffnen und einige ihre Kolleginnen wie Polina (Ella Rumpf) mitzunehmen.

Krieg der Klans

Auch Sato (Shô Kasamatsu) ist Stammgast im Club und hat ein Auge auf Samantha geworfen. Er gehört der Yakuza an. Zuerst quasi noch Lehrling steigt er die Karriereleiter hoch und gewinnt das Vertrauen seines Klan-Bosses.

Die Chihari-Kai werden von einem Eindringling herausgefordert. Tozawa (Ayumi Tanida) will mit seinem Klan in Tokio Fuss fassen. Dabei geht er brutal vor und hält sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze der Yakuza.

Tokio tickt anders

Weil Jake im Umfeld der Yakuza recherchiert, wird er in die Fehde hineingezogen. Unterstützung erhält er von Hiroto Katagiri (Ken Watanabe), einem erfahrenen und im Gegensatz zu einigen Kolleg:innen nicht korrumpierten Polizisten.

Jake lernt schnell, dass Journalismus, Polizeiarbeit und das organisierte Verbrechen in Japan etwas anders funktionieren, als er sich das vorgestellt hat.

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Einschätzung

Investigative Journalisten, Polizisten, unbestechliche und korrupte, organisiertes Verbrechen – ein klassischer Serienplot, der, richtig gemacht, gute Krimiunterhaltung garantiert. «Tokyo Vice» legt noch drauf.

Das Nachtleben in Tokio mit viel Neon, japanischer Alltag Ende der 90er-Jahre mit sozialen Verhaltensregeln, die uneingeweihten Europäer:innen wie mir nicht vertraut sind. Das funktioniert und fasziniert.

Eine wahre Geschichte fiktionalisiert

Die Serie basiert auf dem Buch «Tokyo Vice» des US-amerikanischen Journalisten Jake Adelstein, das 2009 erschien. Die Geschichte hat also einen wahren Hintergrund, wobei das gleich wieder einzuschränken ist.

J.T. Rogers, der die Geschichte als Serie adaptiert hat, betont in mehreren Interviews, dass «Tokyo Vice» fiktional sei und sich einige Freiheiten erlaube mit der Vorlage. Es sei ihm aber wichtig gewesen, eine authentische Schilderung der Zeit und des Orts zu bieten.

Oder doch nur gut erfunden`?

Zum anderen sind Jake Adelsteins Memoiren nicht unumstritten. «I don’t think half of that stuff in the book happened», zitiert der Hollywood Reporter einen Produzenten, der mit Adelstein für einen Dokumentarfilm zusammenarbeitete.

Für die Serie spielt es aber keine Rolle, ob Adelstein seine Arbeit in Japan überhöht hat. Wenn’s nicht wahr ist, ist es zumindest gut erfunden und spannend.

Spannend ist nicht die Hauptfigur

Obwohl das Tempo, mit dem die Geschichten der verschiedenen Figuren entwickelt werden, eher gemächlich ist. Das passt aber auch zum Setting. Jake muss lernen, dass der schnelle Scoop nicht gefragt ist, wenn die Regeln nicht eingehalten werden.

Zudem ist Jake Adelstein zwar der Dreh- und Angelpunkt der Serie, aber bei weitem nicht der spannendste Charakter. Am interessantesten ist Sato, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Leben in der Yakuza und einem Traum von einem normalen Leben. Aber letztlich hat er keine Wahl.

Kein Schluss, aber eine zweite Staffel

Auch die Yakuza-Bosse und der Polizist Katagiri sind kantiger und facettenreicher als Jake. Und über Samantha und Jakes Chefin Eimi wird die Rolle der Frauen in der japanischen Gesellschaft thematisiert.

Was einzig das Vergnügen an dieser gut inszenierten Serie trübt, ist der Schluss, der wieder mal keiner ist. Die Geschichte ist nicht zu Ende erzählt. Das wird sie aber. HBO hat die zweite Staffel gerade in Auftrag gegeben.

Wie viele Sterne gibst du «Tokyo Vice» Staffel 1?

Besetzung: Ansel Elgort | Ken Watanabe | Rachel Keller | Shô Kasamatsu | Ella Rumpf | Rinko Kikuchi | Shun Sugata | Ayumi Tanida
Serie entwickelt von: J.T. Rogers
Genre: Krimi
USA, 2022

King of Stonks (Staffel 1) – Überdrehte Satire ohne Tiefgang

Läuft bei: Netflix (1 Staffel, 6 Episoden à 45 Min.)

Felix Armand (Thomas Schubert) hat’s ganz nach oben geschafft. Er ist vom Softwareentwickler aufgestiegen in die Chefetage des gehypten Fintech-Start-ups CableCash.

Der CEO als Bühnenzampano

Ebenfalls ganz nach oben gespült wurde Magnus Cramer (Matthias Brandt). Vormals ein blasser Wirtschaftsprüfer ist er jetzt der CEO von CableCash mit gebleachtem Gebiss. Er versteht zwar nichts vom Geschäft seiner Firma, weiss aber Angestellte, Aktionäre und Medien mit überkandidelten Bühnenshows zu begeistern.

Zwischen Felix und Magnus entwickeln sich Spannungen. Einerseits will Felix Co-CEO werden, aber Magnus speist ihn mit der Funktion des COO ab. Andererseits muss Felix all die Katastrophen abwenden, die Magnus zu verursacht droht, weil er wilde Versprechungen macht, wie toll sich CableCash entwickle.

Liebe, Betrug und die grosse Abrechnung

Felix und Magnus bringen CableCash an die Börse und reiten das Unternehmen gleichzeitig immer tiefer in den Abgrund. Sie fälschen Kundenzahlen und Bilanzen. Dass hier was nicht stimmt, vermutet die Shortsellerin Sheila Williams, die den Betrug der CableCash-Manager aufdecken und damit viel Kohle verdienen will.

Sie gibt sich bei Felix als Investorin aus und versucht, sein Vertrauen zu gewinnen. Nicht geplant war, dass sie zu Felix eine Zuneigung entwickelt, die in einer Liebesnacht mündet. Doch es kommt der Tag der Wahrheit und der grossen Abrechnung zwischen Sheila und Felix.

Einschätzung

Wem der Erzählstil von «King of Stonks» mit Off-Stimme und temporeichen Erklärstücken bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich «How to Sell Drugs Online (Fast)» gesehen. Kein Wunder, die beiden Serien wurden vom gleichen Autorenduo geschrieben.

Gnadenlos überdreht

In «King of Stonks» legen Philipp Kässbohrer und Matthias Murmann aber noch einen Zacken zu. Die Satire über Start-up-Wahn und Geldgier an der Börse ist gnadenlos überdreht.

Magnus fletscht sein strahlend weisses Gebiss bei jeder Gelegenheit und trommelt sich in grenzenloser Selbstüberschätzung auf die Brust. Das wichtigste Utensil für die Angestellten von CableCash ist die Flute, da Komasaufen mit Champagner zur Firmenkultur gehört.

Felix behält die Bodenhaftung

Auch die Politik bekommt ihr fett weg. Der Digitalministerin ist egal, was die Firma wirklich bietet. Hauptsache, der Hype um CableCash stellt auch sie in ein gutes Licht. Und Sheila, die den grossen Betrug aufdecken will, tut das nicht aus ethischer Überzeugung, sondern schlicht, um Millionen zu scheffeln.

Das ist alles so schrill inszeniert, dass einem anfänglich schwindlig wird. Zum Glück ist da Felix. Er ist der einzige, der etwas Bodenhaftung bewahrt und noch zwischen Grössenwahn und Realität unterscheiden kann. Das hält ihn aber nicht davon ab, mit betrügerischen Tricks Betrug die Bilanzen der Firma aufzublähen.

Der wahre Skandal verschwindet im Absurden

Letztlich alles ziemlich unausstehliche Figuren, die da ihr Unwesen treiben. Das ist aber nicht das Problem der Serie. Bei allem Vergnügen, das einem das irre Treiben in der Welt des grossen Geldes durchaus bereitet, ist der Plot so absurd inszeniert, dass man den grossen Skandal, der eigentlich in dieser Geschichte steckt, nicht mehr ernst nimmt.

Dabei gab es ihn ja: «King of Stonks» bedient sich verschiedentlich an tatsächlichen Ereignissen aus dem Wirecard-Skandal, der in Deutschland die Finanzwelt und die Politik erschütterte.

Amüsant, aber kein Vergleich zu den Vorbildern

Jetzt soll Satire ja übertreiben und lächerlich machen und so Missstände anprangern. Manchmal sollte einem aber auch das Lachen im Hals stecken bleiben. Das passiert hier nie, weil die Kritik in der überdrehten Inszenierung völlig untergeht.

Deshalb: amüsant? Ja. Aber «King of Stonks» kommt nicht an Vorbilder wie «The Wolf of Wall Street» oder «Schtonk» heran. Vielleicht wäre die dokumentarische Herangehensweise, wie sie bei «The Dropout» zu sehen ist, die bessere Form gewesen.

Wie viele Sterne gibst du «King of Stonks» Staffel 1?

Besetzung: Thomas Schubert | Matthias Brandt | Larissa Sirah Herden | Andreas Döhler | Altine Emini
Genre: Komödie
D, 2022

The Blacklist (Staffel 9) – Reddington will Rache

Läuft bei: Netflix (9 Staffeln, 197 Episoden à 45 Min.)

The Blacklist für Einsteiger

Der intellektuelle Lebemann und Grosskriminelle Raymond Reddington arbeitet mit einer geheimen FBI-Taskforce zusammen. Er liefert dem FBI Hinweise auf andere Kriminelle, dafür ist ihm Immunität garantiert für seine Aktivitäten. Mit der FBI-Agentin Elizabeth Keen verbindet ihn eine besondere Beziehung, die über die Staffeln hinweg langsam enthüllt wird.

INHALTSANGABEN ZU STAFFEL 9 ENTHALTEN SPOILER ZU VORHERIGEN STAFFELN!

Zwei Jahre sind vergangen seit dem Ende der letzten Staffel. Die Taskforce wurde aufgelöst, Reddington (James Spader) ist von der Bildfläche verschwunden.

Die Taskforce lebt wieder auf

Reddingtons Bodyguard und Freund Dembe (Hisham Tawfiq) hat die Seiten gewechselt und ist jetzt FBI-Agent. Bei einem Undercover-Einsatz wird er verletzt, sein Partner getötet.

Harold Cooper (Harry Lennix) trommelt die Taskforce wieder zusammen, um den Hintermann zu fassen, der dafür verantwortlich ist. Dazu braucht er die Hilfe Reddingtons, den er tatsächlich wieder aufspürt.

Das grosse Geheimnis

Die Taskforce nimmt ihre Arbeit wieder auf, auch Reddington kehrt zurück in sein kriminelles Reich.

Mit der Zeit entdeckt das Team, dass sie nicht die ganze Wahrheit über den Tod von Elizabeth Keen kennen. Verschiedene Spuren führen Reddington und die Taskforce zur Person im engsten Umfeld, die tatsächlich verantwortlich ist für Liz‘ Ermordung.

Einschätzung

Die achte Staffel war eher langfädig. Sie litt auch darunter, dass Liz Keen/Megan Boone schon mit Projekten beschäftigt war für die Zeit nach ihrem Ausstieg aus «The Blacklist». Deshalb stand sie nicht für alle Episoden zur Verfügung, was einige irritierende Erzählkniffe verursachte.

Liz Keen – zum allerletzten Mal

NBC hatte sich schon vorher entschieden, die Serie auch ohne Liz weiterzuführen. Jetzt prägt sie, respektive ihre Ermordung zwar immer noch das Geschehen. Dieser episodenübergreifende Plot ist aber gut integriert als Spannungsbogen für die ganze Staffel.

Die neunte Staffel greift auf die bewährten Muster zurück. Jagd nach «Blacklistern» und daneben werden alle Hauptfiguren noch mit persönlichen Herausforderungen konfrontiert.

Allerdings gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Reddington und der Taskforce etwas kniffliger, weil sich ein Zielkonflikt manifestiert im Umgang mit der Person, die Liz‘ Tod verantwortet.

Zwei weitere Figuren verlassen die Serie

Wer Liz ermorden liess, wird tatsächlich geklärt. Ich hatte eine Zeit lang befürchtet, dass es wieder zu einem ärgerlichen Cliffhanger wie in Staffel 8 kommt.

Einen Cliffhanger gibt es trotzdem. Der deutet an, was uns in der zehnten Staffel erwarten wird. Denn die Serie ist so erfolgreich beim Publikum, dass NBC nicht aufhören will, obwohl auch diesmal zwei Figuren ihren Abschied andeuten in der letzten Episode (was mittlerweile bestätigt ist).

Zurück zur alten Qualität

«The Blacklist» hat nach der eher enttäuschenden achten Staffel wieder zurückgefunden zur alten Qualität. Es ist wieder eine solide, wenn auch nicht besonders originelle Krimiserie mit James Spader als Hauptfigur, die immer wieder mal nervt und gleichzeitig unterhaltsam ist.

Man darf man der zehnten Staffel durchaus optimistisch entgegensehen.

Wie viele Sterne gibst du «The Blacklist» Staffel 9?

Besetzung: James Spader | Diego Klattenhoff | Harry Lennix | Hisham Tawfiq | Amir Arison | Laura Sohn | Deirdre Lovejoy | Fisher Stevens
Serie entwickelt von: Jon Bokenkamp
Genre: Krimi | Thriller
USA, 2021

Obi-Wan Kenobi (Mini-Serie) – Flucht und Kampf in Endlosschlaufe

Läuft bei: Disney+ (Mini-Serie, 6 Episoden à 45 Min.)

Zehn Jahre sind vergangen, seit Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) vermeintlich seinen Jedi-Schüler Anakin Skywalker (Hayden Christensen) getötet hat. Obi-Wan nennt sich jetzt Ben, arbeitet in einer Fleischfabrik auf Tatooine und wacht aus der Ferne über Luke Skywalker, der bei Onkel und Tante aufwächst.

Inquisitoren locken ihn aus dem Versteck

Inquisitoren des Imperiums jagen die letzten Jedis. Inquisitorin Reva (Moses Ingram) will unbedingt Obi-Wan finden, den viele schon für tot halten. Sie will sich so die Gunst von Darth Vader sichern.

Reva beauftragt einen Kopfgeldjäger, Prinzessin Leia Organa (Vivien Lyra Blair) zu entführen. Die Zehnjährige lebt bei ihren Pflegeeltern auf Alderaan. Leia soll als Köder dienen, um Obi-Wan aus seinem Versteck zu locken.

Der unvermeidliche Kampf gegen Darth Vader

Das gelingt. Obi-Wan befreit Leia und flüchtet mit ihr vor den Inquisitor:innen. Erst jetzt erfährt er, dass Anakin nicht tot ist, sondern als Darth Vader nach ihm Ausschau hält.

Auf der Flucht gelingt es Obi-Wan und Leia ein paar Mal nur in letzter Sekunde, den Häschern zu entfliehen. Hilfe erhalten sie dabei von einem Netzwerk namens «The Path». Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sich Obi-Wan und Darth Vader gegenüberstehen werden.

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Einschätzung

Ich mag Star Wars. Ich habe alle neun Filme der drei Trilogien gesehen, teilweise mehrfach. Auch «Rogue One», «Solo» und die Serie «The Mandalorian». Und doch qualifiziere ich mich wohl nicht als Fan dieses Universums.

Für eingefleischte Fans unterhaltsam

Denn dann müsste ich mich jetzt mit grossem Enthusiasmus darüber auslassen, wer da jetzt wann und auf welchem Planeten in «Obi-Wan Kenobi» auftaucht, was er oder sie allenfalls zuvor oder danach noch für eine Rolle spielen wird oder könnte. Und dass Bens Kamel auf Tatooine ein Eopie ist.

Mit diesem Fan-Blick, der vor allem darauf abzielt, sich und anderen zu beweisen, dass man Personen, Orte und Handlungen im Star-Wars-Universum einordnen kann, bietet die Serie vielleicht gute Unterhaltung. Dem Rest – eher weniger, leider.

Die junge Leia zeigt ihr Potenzial

Ich war durchaus gespannt darauf, was Obi-Wan in all den Jahren zwischen Episode III und IV widerfahren ist. Zehn Jahre unterzutauchen, die Verbindung zur «Force» zu verlieren und hilflos dem Aufstieg des Imperiums zuschauen zu müssen – alles nicht ganz einfach für den ehemals grossen Jedi-Master.

Dann die Herausforderung, wieder aktiv zu werden, zu kämpfen, die Macht wiederzufinden. Das ist anfänglich interessant, vor allem dank Leia. Sie ist zwar noch Kind, aber schon klug, raffiniert, einfühlsam, besonnen und mutig. Ganz klar, dass sie eines Tages die Rebellion anführen wird, und dass Obi-Wan sie retten muss.

Überlebt er das Duell mit Vader? (Rhetorische Frage)

Auch die erste Flucht ist noch ziemlich spannend, als Obi-Wan mit Leia vor Reva flieht. Danach wiederholt sich das aber als einfallsloses Muster, inklusive Laserschwertduelle. Besonders die Kämpfe – ja, Mehrzahl – gegen Darth Vader lassen jede Spannung vermissen. Wir wissen, dass beide überleben werden.

Neben Leia ist die Inquisitorin Reva als Gegenspielerin von Obi-Wan einigermassen interessant, weil sie eine eigene Agenda verfolgt, die sich erst langsam erschliesst. Der Rest der Figuren ist eintönig bis lieblos gezeichnet, dafür überraschend namhaft besetzt.

Geschichten erzählen, statt Fankultur zu bedienen

Das grosse Problem dieser Serie fasst ein Artikel von digitaltrends («How Generation X ruined Star Wars») treffend zusammen: Die heutigen Star-Wars-Geschichten werden gemacht von «possessive devotees who are often more interested in fan service than storytelling.»

Diesen «Besessenen» reicht es eben, hier ein Handlungshäppchen hinzuwerfen, da eine Anspielung und dort ein Gag. Das ergibt keine Erzählung. Die Figuren bleiben blass und konturlos. Die Handlung besteht aus aneinandergereihten Szenen, die sich mehrfach wiederholen. Kein Spannungsbogen, keine Entwicklung.

Wissen wir mehr über Obi-Wan? Nein

Der Erkenntnisgewinn über das Leben von Obi-Wan zwischen den Filmen III und IV ist minimal. Er macht ein paar Jahre Pause, duelliert sich ein paar Mal mit Darth Vader und verschwindet für den Rest der Zeit in den Hügeln von Tatooine (das Fan-Häppchen: in Begleitung eines alten Bekannten). Das reicht nicht als gute Geschichte.

Wie viele Sterne gibst du «Obi-Wan Kenobi»?

Besetzung: Ewan McGregor | Moses Ingram | Vivien Lyra Blair | Hayden Christensen | Sung Kang | Rupert Friend | James Earl Jones | Indira Varma | Kumail Nanjiani | Jimmy Smits
Genre: Science-Fiction | Abenteuer
USA, 2022

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