Ku’damm 77 (Staffel 4) – Disco, Drogen und das Ende eines Höhenflugs

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Mehrere stilisierte Figuren vor einem leuchtend pinken Hintergrund mit orangefarbenen Linien. Die Figuren tragen modische Kleidung verschiedener Epochen. Unten steht der Titel «Ku’damm 77». Das Bild vermittelt ein lebendiges, retroinspirierte Gefühl.
3 von 5 Sternen

ZDF (4 Staffeln, 24 Episoden à 50 Min.)

Die ersten drei Staffeln der ZDF-Serie «Ku’damm» waren stark. Sie erzählten eine Familiengeschichte, die fest in den Ereignissen der deutschen Nachkriegszeit verwurzelt war. Persönliche Konflikte von Mutter Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) und ihren Töchtern Monika (Sonja Gerhardt), Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle) verschmolzen mühelos mit den prägenden gesellschaftlichen Ereignissen der jeweiligen Ära.

Was bisher geschah

«Ku’damm 56» spielt elf Jahre nach Kriegsende. Die erste Staffel zeigt eine Gesellschaft, die sich wirtschaftlich vom Krieg erholt hat, aber die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit verweigert.

Drei Jahre später beginnt in «Ku’damm 59» die konservative Nachkriegsordnung zu bröckeln. Der Rock ’n‘ Roll zieht ein und die Jugend rebelliert gegen die elterlichen Konventionen. Vor allem junge Frauen versuchen, aus den starren Rollenbildern auszubrechen.

Drei Frauen sitzen auf einem Sofa und betrachten gemeinsam ein offenes Fotoalbum. Die Szene wirkt gemütlich und intim, mit warmem Licht und klassischem Dekor im Hintergrund, darunter Pflanzen und ein gemusterter Vorhang. Alle scheinen zufrieden und vertieft in die Bilder.
Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) schwelgt mit ihren Töchtern Monika (Sonja Gerhardt, l.) und Helga (Maria Ehrich, r.) in Erinnerungen. © ZDF/Conny Klein

Vier Jahre später herrscht der Kalte Krieg, West-Berlin ist durch die Mauer abgeriegelt. «Ku’damm 63» beschreibt eine Gesellschaft vor dem Umbruch, den die 68-Bewegung bringen wird: Liberalisierung der Sexualmoral und etwa auch die offene Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.

Zu viel Seifenoper, zu wenig Zeitgeist

Annette Hess, die die Ku’damm-Reihe neben anderen Historiendramen wie «Weissensee» und «Ein deutsches Haus» entwickelte, verankerte geschickt Geschichten von Liebe, Glück und Tragödien der Schöllacks im jeweiligen Zeitgeist. Ku’damm war stets Seifenoper und Historiendrama zugleich.

Aber in «Ku’damm 77» schäumt die Seife ein bisschen zu sehr und lässt den Zeitgeist unter der Schaumdecke verschwinden. Nicht, dass die 70er-Jahre gar nicht zur Geltung kommen. Sie zeigen sich gleich zu Beginn augenfällig in den orangen Schlaghosen, die Monika und ihre Tochter Dorli (Carlotta Bähre) zum Tanztraining tragen.

Eine Frau in einem orangefarbenen Trainingsanzug steht vor einem Spiegel. Ihr nachdenklicher Blick und die lockere Haarfrisur dominieren die Szene. Im Vordergrund tanzen unscharf ein Mann und eine weitere Person. Der Raum ist dezent beleuchtet, was eine dramatische Stimmung erzeugt.
Die 70er-Jahre waren vor allem eines: Orange, so weit das Auge blicken konnte. © ZDF/Conny Klein

Auch die Disco-Welle – 1977 kam der Film «Saturday Night Fever» in die Kinos – wogt durch die Tanzschule Galant. Der Bahnhof Zoo wird mehrmals als Ort des Grauens erwähnt, wenn auch nie gezeigt. Dort traf sich damals die Berliner Drogenszene, die 1978 durch das Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» grosse Aufmerksamkeit erhielt.

Die RAF als Hintergrundgeräusch

Ebenso holt die Vergangenheit die Schöllacks noch einmal ein. Eine jüdische Stiftung fordert die Rückgabe des Hauses am Ku’damm. Caterina besteht zwar darauf, dass der Kauf damals völlig rechtens war. Aber den Töchtern wird schnell klar, dass sich das nicht halten lässt. Denn der Kaufpreis, den Caterina und ihr Mann damals den jüdischen Besitzern zahlten, betrug eine Reichsmark.

All das, plus die Verwicklung von Helgas Ehemann mit der Stasi in Ostberlin, ist mehr als bisher gewohnt nur Dekor. Eines der prägendsten Ereignisse jener Zeit, die Mordanschläge der Roten Armee Fraktion (RAF), bleibt ein Hintergrundgeräusch im Radio.

Eine uniformierte Frau hält eine andere Frau, die bewusstlos ist, an den Wangen. Die Umgebung wirkt düster, der Hintergrund ist eine vergilbte Wand. Links unten ist ein Teil eines Spülbeckens sichtbar, auf dem Papierfetzen liegen.
Die neue Generation der Schöllacks: Friederike (Marie Louise Albertine Becker) findet bei einem ihrer ersten Polizeieinsätze Dorli (Carlotta Bähre) mit einer Drogenüberdosis in einer Toilette. © ZDF/Conny Klein
Die Töchter werden wie die Mutter

Im Vordergrund stehen vor allem die Alltagsdramen der Schöllack-Töchter und deren Töchter, die neu die Bühne betreten. Dorli, die unter Anleitung ihrer Mutter Monika auf die deutsche Tanzmeisterschaft trainiert.

Dabei beweist Monika, dass sie nichts aus ihrer schwierigen Beziehung zur Mutter gelernt hat. Sie benimmt sich genauso bevormundend wie Caterina und hört nie zu.

Dasselbe bei Helga, die ihrer Tochter Friederike (Marie Louise Albertine Becker) um keinen Preis erlauben will, eine Ausbildung als Polizistin zu machen. Die Töchter werden zu ihrer Mutter, was sie immer vermeiden wollten und jetzt nicht wahrhaben wollen.

Eine Frau in einer orangefarbenen Jacke und ein Mann in einem grauen Mantel stehen auf einer Strasse in einer städtischen Umgebung. Beide tragen Brillen. Im Hintergrund sind Gebäude und weitere Personen zu sehen.
Ist er’s wirklich? Nein, Monikas Mann Joachim ist nicht von den Toten auferstanden. Aber sein Bruder Robert (Sabin Tambrea) gleicht ihm wie ein Zwilling, was ein bisschen schräg ist. © ZDF/Conny Klein
Super-8-Groove ist nett, aber reicht nicht

Man kann nicht behaupten, dass der dramaturgische Kniff, den Annette Hess anwendet, Schuld daran ist, dass «Ku’damm 77» schwächer ist als seine Vorgänger. Sie lässt Linda Müller (Massiamy Diaby) eine Doku über die Schöllacks drehen. Das sollte für mehr «Humor, Emotionalität und Nahbarkeit» sorgen.

Das funktioniert insofern, als die Schöllack-Frauen mehr über sich erzählen und Ereignisse kommentieren. Doch der Doku-Stil lässt die historische Einbettung verschwimmen. Da hilft es auch nicht, dass die Bilder im archaischen 4:3-Format daherkommen und an Super-8-Aufnahmen erinnern.

Eine Person steht neben einer alten Filmkamera auf einem Stativ in einem gemütlich beleuchteten Raum. Im Hintergrund sind ein Regal mit Gläsern und Flaschen sowie eine Wandleuchte sichtbar. Die Person trägt ein helles Hemd und schaut konzentriert.
Linda Müller (Massiamy Diaby) setzt die Schöllacks vor die Kamera für eine Doku über die Familie. Sie verfolgt allerdings eigene Interessen damit. © ZDF/Conny Klein
Die frühen Jahre lohnen sich mehr

Zudem setzt «Ku’damm 77» auf einige misslungene Story-Plots. Dazu gehört die Auferstehung eines Totgeglaubten, der sich allerdings als Bruder entpuppt. Oder Helgas neue Beziehung mit einem Zahnarzt, von der man vom ersten Moment an weiss, dass sie nicht mit einer romantischen Kreuzfahrt in der Karibik enden wird.

Schaut man nur auf «Ku’damm 77», bietet die Serie immer noch gute Unterhaltung. Innerhalb der Reihe fällt sie leider ab. Wer die vorherigen Staffeln nicht kennt, sollte sich zuerst denen zuwenden. Ob man danach auch eine weniger gelungene Episode aus dem Leben der Schöllacks anschauen will, kann man anschliessend entscheiden.

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Besetzung: Sonja Gerhardt | Claudia Michelsen | Maria Ehrich | Emilia Schüle | Carlotta Bähre | Marie Louise Albertine Becker | Massiamy Diaby | Sabin Tambrea | August Wittgenstein | Florian Stetter | Aziz Dyab
Serie entwickelt von: Annette Hess
Genre: Historie | Drama
D, 2025

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