

Netflix (1 Staffel, 9 Episoden à 50 Min.)
Bist du ein Fan von «Slow Horses»? Dann ist «Dept. Q» genau das Richtige für dich! Man könnte meinen, Netflix habe die Apple TV-Serie kopiert, den abgehalfterten Spion Jackson Lamb und seine Versagertruppe in Polizisten verwandelt und nach Edinburgh versetzt.
Tatsächlich basiert «Dept. Q» auf der Krimireihe des dänischen Erfolgsautors Jussi Adler-Olsen. Er hat bereits zehn Romane über das Sonderderzernat Q (orig. Afdeling Q) und dessen Leiter Carl Mørck geschrieben. Es gibt also Stoff für viele Staffeln – und das ist gut so.
Denn wie «Slow Horses» packt einen «Dept. Q» nicht nur mit einem spannenden Plot. Vor allem die Charaktere ziehen einen in die Geschichte und lassen einen nicht mehr los.
Die Hauptfigur – ein Scheisskerl
Das gilt selbst für Carl Morck (Matthew Goode), der sich in Schottland natürlich nicht mit «ø» schreibt. Morck ist der Inbegriff eines Scheisskerls, den keiner mag. Das zeigt sich, als er nach monatelanger Abwesenheit wieder in der Polizeistation auftaucht.

Alle starren ihn an, keine:r hebt auch nur einen Finger zur Begrüssung. Dabei hat er ein traumatisches Erlebnis hinter sich. Er wurde bei einem Einsatz schwer verletzt, ein Polizist starb dabei. Morcks Partner James Hardy (Jamie Sives) wurde ebenfalls von einer Kugel getroffen und ist seitdem gelähmt.
Für jeden anderen hätten die Kolleg:innen sicher applaudiert bei seiner Rückkehr. Aber nicht für Morck. Ihm ist das egal. Er mag sie ja auch nicht und hält so ziemlich alle für unfähige Idiot:innen. Nicht ganz zu Unrecht, wie sich zeigt.
Das Trio, das die Schüsse auf Morck und die beiden anderen Polizisten untersucht, hat Monate nach der Tat immer noch keinen Schimmer, wer der Schütze war. Morck dagegen wirft einen Blick auf die Pinnwand mit den Fotos vom Tatort und entdeckt sofort Details, die die drei Ermittler:innen übersehen haben.

Die Chefin verbannt Morck in den Keller
Damit ist Morck etabliert als hervorragender Polizist mit beschissenem Charakter. Diese Einschätzung teilt seine Chefin Moira Jacobson (Kate Dickie). Sie ist deshalb hin- und hergerissen, was sie mit Morck tun soll. Da kommt eine Anweisung des Polizeichefs als Geschenk des Himmels.
Jacobson soll eine neue Einheit auf die Beine stellen, die sich um publicityträchtige Cold Cases kümmert, deren Aufklärung das ramponierte Image der Polizei aufpolieren soll. Das Beste daran: Die neue Einheit erhält ein üppiges Budget.
Jacobson ernennt Morck zum Leiter des Dept. Q. Sein neuer Arbeitsplatz ist im Keller neben einer ehemaligen Duschanlage und kaputten Pissoirs. Mitarbeiter bekommt er keine und er sieht auch keinen Penny des Budgets. Das Geld nutzt Jacobson, um die Ausstattung ihrer Abteilung rundum zu erneuern.

Ein Syrer und eine traumatisierte Polizistin stossen zum Team
Was soll’s. Morck ist ohnehin zu abgelöscht, um zu arbeiten. Das ändert sich erst, als er von Jacobson doch noch einen Dienstwagen, einen uralten Ford, und einen Assistenten erhält. Akram Salim (Alexej Manvelov) ist aus Syrien nach Schottland geflüchtet. Er hat offensichtlich Erfahrung mit Polizeiarbeit. Was er aber genau in Syrien gemacht hat, will er nicht sagen.
Das Duo wird zum Trio, als sich DC Rose Dickson (Leah Byrne) dem Dept. Q anschliesst. Sie wurde zu Bürodienst verdonnert, nachdem sie bei einer Verfolgungsjagd ein Rentnerpaar angefahren und deswegen einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.
Die Drei nehmen die Ermittlungen in ihrem ersten Fall auf: das Verschwinden der Staatsanwältin Merritt Lingard (Chloe Pirrie) vor vier Jahren. Lingard wurde schon zuvor eingeführt. Erst jetzt aber wird klar, wie ihre Geschichte mit der von Morck und seinem Team zusammenhängt.

Spannender Fall, aber noch spannendere Figuren
Manchmal wirkt der Kriminalfall nur wie ein Vorwand, um sich den Menschen zu widmen, die darin verwickelt sind. Zuvorderst Morck, der sich nicht nur am Arbeitsplatz völlig daneben benimmt.
Zu Hause erweist er sich als unfähiger Vater, der sich mit seinem Stiefsohn Jasper (Aaron McVeigh) dauernd zofft. Den zweiten Mitbewohner, Untermieter Martin (Sanjeev Kohli), kanzelt er auch regelmässig ab, wenn der ihm helfen will.
Morck gibt auch der Psychologin Rachel Irving (Kelly Macdonald) zu verstehen, dass er die angeordneten Sitzungen mit ihr für reine Zeitverschwendung hält. Nur langsam und selten blitzt der Mensch auf, der sich hinter der Scheisskerl-Attitüde von Morck verbirgt.

Die verschwundene Merritt Lingard scheint Morck in Sachen Attitüde nicht ganz unähnlich gewesen zu sein: sehr ehrgeizig und absolut nicht teamfähig. Auch sie benimmt sich zu Hause unmöglich. Bei ihr trifft es die Betreuerin ihres behinderten Bruders. Dahinter verbirgt sich eine tragische Familiengeschichte.
Netflix im Goldrausch?
Dieser Mix aus Krimi und Charakterstudien gelingt «Dept. Q» hervorragend. Man langweilt sich keine Sekunde. Wenn der Kriminalfall mal nur zäh vorankommt, wendet sich die Geschichte einer der Figuren zu und bringt eine neue Schattierung zum Vorschein.

Scott Frank («The Queen’s Gambit», «Monsieur Spade»), der die Serie gemeinsam mit Chandi Lakhani entwickelt hat, dürfte mit Adler-Olsens Morck-Reihe auf eine Goldader gestossen sein. Die zweite Staffel ist zwar noch nicht bestätigt. Aber die Serie ist seit Erscheinen ganz oben in der Netflix Hitparade.
Man darf schwer davon ausgehen, dass Morck wiederkommen wird. Wahrscheinlich nicht nur für eine weitere Staffel. Stoff genug gibt es ja in der Vorlage.
Besetzung: Matthew Goode | Chloe Pirrie | Alexej Manvelov | Leah Byrne | Jamie Sives | Kate Dickie | Kelly Macdonald | Steven Miller | Alison Peebles | Aaron McVeigh | Sanjeev Kohli | Mark Bonnar |Tom Bulpett
Serie entwickelt von: Scott Frank | Chandi Lakhani
Genre: Krimi | Drama | Thriller
GB, 2025












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