The Hack (Mini-Serie) – Der Skandal, der Grossbritanniens Boulevard erschütterte

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Serienposter «The Hack» (arte): zwei ernste Männer in Schwarz-Weiss, umrahmt von Zeitungsausschnitten mit Schlagzeilen zu Telefonhacking. Unten zwei Figuren von hinten, dazu Autos in Vogelperspektive.
4 von 5 Sternen

arte (1 Staffel, 7 Episoden à 50 Min.)

Die britischen Boulevardmedien geniessen seit jeher einen zweifelhaften Ruf: Sie gelten als besonders aggressiv in Recherche und Berichterstattung. Kein Wunder also, dass einer der grössten Medienskandale genau hier seinen Ursprung hatte.

Journalist:innen von «News of the World», einst Teil von Rupert Murdochs Medienimperium, hörten über Jahre hinweg illegal Voicemails von Prominenten ab und bestachen indirekt Polizist:innen. Die Doku-Fiction «The Hack» rollt diese Geschichte aus den 2000er-Jahren – spannend, unterhaltsam, aber mit einem Hang zu übertriebenem Pathos.

Die Familie der Königin im Visier

David Tennant spielt Nick Davies, Journalist beim «Guardian», der die Affäre über Jahre recherchierte und aufdeckte. Es beginnt damit, dass 2005 bekannt wurde, dass ein Journalist von «News of the World» in Zusammenarbeit mit einem Privatdetektiv die Voicemails von Angehörigen und Mitarbeitenden der königlichen Familie abgehört hatte. Die beiden wurden verhaftet und verurteilt. Die Zeitung entschuldigte sich, behauptete jedoch, es handle sich um einen bedauerlichen Einzelfall.

Ein Mann mittleren Alters mit grauem Haar sitzt in einem abgedunkelten, bücherbeladenen Büro. Er hält eine Brille in der Hand und blickt direkt in die Kamera. Er trägt ein hellblaues Hemd und eine schwarze Armbanduhr.
Hartnäckig, aber oft auch frustriert, weil seine Recherchen im Sand verlaufen: David Tennant als «Guardian»-Reporter Nick Davies. © ITV/arte

Vier Jahre später erhält Davies von einem Informanten den Hinweis, dass das Abhören von Voicemails bei «News of the World» systematisch betrieben wurde und Hunderte, wenn nicht Tausende Opfer dieser illegalen Praktiken wurden.

Günter Wallraff undercover bei «Bild»

Ein paar Jahrzehnte zurück liegt der legendäre Bericht des investigativen Journalisten und Schriftstellers Günter Wallraff. 1977 erschien sein Buch «Der Aufmacher – Der Mann, der bei Bild Hans Esser war», in dem er erzählt, was er in seinen drei Monaten als Reporter beim deutschen Boulevardblatt des Springer-Verlags erlebt hatte, darunter auch illegale Recherchemethoden.

Mir ist aus dem Buch der Begriff «Witwenschüttler» geblieben. Das sind Journalist:innen, die nach einem Verbrechen oder tödlichen Unfall bei Hinterbliebenen klingeln und sie zu Auskünften drängen und ein Foto der Verstorbenen zu ergattern versuchen (damals gab es halt noch keine Social Media).

Zudem die Geschichte über den schwer erkrankten Volksschauspieler Henry Vahl. In der Bild-Redaktion hing die Zeichnung eines offenen Sargs mit einem Foto Vahls an der Wand. Je nach den letzten Informationen über den Gesundheitszustand wurde der Deckel des Sarges angehoben oder gesenkt.

Noch drei Jahre früher erschien Heinrich Bölls Roman «Die verlorene Ehre der Katharina Blum», der sich ebenfalls mit der Sensationsgier des Boulevards beschäftigte.

Im Vorwort erklärte Böll: «Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.»

Auf die Enthüllungen des «Guardian» folgt Schweigen

Davies veröffentlicht mehrere Artikel, gestützt vom damaligen Chefredakteur Alan Rusbridger (gespielt von Toby Jones). Darin legt er auch offen, dass die Polizei bereits bei der ersten Untersuchung Beweise für zahlreiche weitere Opfer gefunden hatte, diese aber ignorierte.

Trotz der Enthüllungen bleibt die Resonanz zunächst aus. Die übrigen Zeitungen der «Fleet Street» schweigen. Erst als der «Guardian» berichtet, dass «News of the World» das Telefon einer entführten und später ermordeten jungen Frau gehackt hatte, bricht eine landesweite Welle der Empörung los.

Ein älterer Mann mit Brille und weissem Hemd sitzt an einem Schreibtisch mit Akten und einem Telefon. Im Hintergrund hängen gerahmte Bilder an der Wand.
Toby Jones als Alan Rusbridger, der von 1995 bis 2015 Chefredaktor des «Guardian» war. Rusbridger brachte die Zeitung früh online und etablierte sie als globale Stimme im Medienbereich. © ITV/arte
Was ein Cold Case mit dem Skandal zu tun hat

Ein zweiter Handlungsstrang in «The Hack» wirkt zunächst irritierend: Er dreht sich um den ungelösten Mord an Privatdetektiv Daniel Morgan im Jahr 1987. Über 20 Jahre nach der Tat nimmt DCS Dave Cook (Robert Carlyle) die Ermittlungen wieder auf. Dabei zeigt sich, dass einer der Tatverdächtigen mutmasslich auch in den Abhörskandal verwickelt ist. Auch Cook gerät ins Visier von Angriffen auf seine Privatsphäre – orchestriert von der «News of the World».

Die Inszenierung von «The Hack» wirkt eigenwillig, da Tennant als Davies regelmässig in die Kamera kommentiert. Zudem wird der unabhängige Journalismus mitunter etwas zu pathetisch gefeiert und die Verknüpfung der zwei Handlungen ist ziemlich holprig. Aber das macht die Serie wett, indem sie die abscheuliche Skrupellosigkeit aufzeigt, mit der der Journalismus bei «News of the World» mit Wissen oder gar auf Anweisung der Chefetage, durchseucht war.

Ein älterer Mann im dunklen Nadelstreifenanzug mit gemusterter Krawatte betritt ein Büro. Er hält ein Notizbuch in der Hand. Im Hintergrund sind eine Holztür und Sicherheitshinweise zu sehen.
Die andere Geschichte: Robert Carlyle als Dave Cook, der den ungeklärten Mord an einem Privatdetektiv Jahrzehnte nach der Tat klären soll. © ITV/arte

SPOILER-WARNUNG: Wer das Ende nicht erfahren möchte, sollte hier aufhören zu lesen.

Murdoch und die «rote Hexe» kommen davon

Gleichzeitig ist es eine frustrierende Geschichte. Denn wie so oft kamen die mächtigsten Verantwortlichen sehr glimpflich davon. Allen voran Rupert Murdoch und sein Sohn James, zu deren Medienimperium «News of the World» gehörte.

Sie mussten zwar vor einer Untersuchungskommission erscheinen und sich unangenehmen Fragen stellen, bei denen sie keine gute Figur abgaben. Aber langfristig hatte der Skandal keine Auswirkungen auf ihre Geschäfte. Einzig der geplante Kauf des TV-Senders BSkyB platzte.

Auch Rebekah Brooks, Chefredakteurin der «News of the World» in den frühen 2000er-Jahren und später bei «The Sun», blieb verschont. Die «rote Hexe der Fleet Street», wie sie Boulevardkolleg:innen nannten, wurde vor Gericht freigesprochen und kehrte ins Murdoch-Imperium zurück – als CEO des britischen Zweigs.

Zwei Männer in Anzügen sitzen an einem Tisch mit den Namensschildern «James Murdoch» und «Rupert Murdoch». Im Hintergrund sitzen weitere Personen. Die Szene wirkt wie eine offizielle Anhörung.
Die Murdochs wollen von den Vorgängen bei «News of the World» nichts gewusst haben (Jordan Renzo und Steve Pemberton). © ITV/arte
Das unrühmliche Ende eines Traditionsblattes

Immerhin eine Karriere fand ein abruptes Ende. Andy Coulson, Chefredaktor bei «News of the World» von 2003 bis 2007 und später Pressesprecher von Premierminister David Cameron, musste aus diesem Amt zurücktreten und wurde später zu 18 Monaten Haft verurteilt. Auch einige Reporter und ihre Helfer wurden verurteilt.

«News of the World», ein Traditionstitel mit einer 168-jährigen Geschichte, wurde 2011 von den Murdochs eingestellt. Rund 200 Journalist:innen verloren ihre Jobs. Viele davon waren nicht an den illegalen Praktiken beteiligt. Sie reihen sich ein in die lange Liste der Opfer, die der Skandal bei «News of the World» gefordert hat.

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Besetzung: David Tennant | Robert Carlyle | Toby Jones | Rose Leslie | Eve Myles | Kevin Doyle | Mark Stobbart | Daniel Ryan | Steve Pemberton | Rosalie Craig | Adrian Lester
Serie entwickelt von: Jack Thorne
Genre: True-Crime | Drama
GB, 2025

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